"Die Leute denken, ich sei eine Simpsons-Figur"

Legenden im Dialog Die Physiker Brian Cox und Stephen Hawking sprechen über den Schöpfer, Fernsehsucht und soziale Gerechtigkeit

Der Physiker und Kosmologe Professor Stephen Hawking, 68, hat in Oxford Physik studiert, in Cambridge geforscht und dort 30 Jahre den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik innegehabt. Zu seinen Werken zählen Eine kurze Geschichte der Zeit (1988), Das Universum in der Nussschale (2001) und Der große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums, das Anfang September erschienen ist. Der Physiker und Fernsehmoderator Professor Brian Cox, 42, studierte an der Universität Manchester, wo er heute eine Forschungsprofessur unterhält. Cox war Teil der Pop-Band D:Ream, die 1997 mit der Wahlkampfhymne Things Can Only Get Better für die Labour-Partei bekannt wurde. Er ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe am CERN, die sich mit dem Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider befasst. Im März moderierte er auf BBC2 die Wissenschaftssendung Wonders Of The Solar System. Das Buch zur Sendung wird nächsten Monat erscheinen.

Was sollte jeder aus Ihrem Wissensgebiet kennen?

Stephen Hawking: Die Wissenschaft kann das Universum erklären, ohne dass es eines Schöpfers bedarf.

Brian Cox: Das ist ein herrlicher provokanter Satz. Eine wunderschöne Antwort. Interessant, denn sie haben meiner Meinung nach erst kürzlich das Wort Gott auf eine ähnliche Art benutzt wie Einstein. Ich denke da an Phrasen wie „den Plan Gottes kennen“, die sie in Eine kurze Geschichte der Zeit verwenden. Ich bin der Ansicht, dass Einstein das Wort „Gott“ als Abkürzung verwendete, um die Erhabenheit und Schönheit der Gesetze der Physik zu vermitteln und nicht etwa um zu signalisieren, dass er sich einer bestimmten religiösen Lehre verbunden fühlt. Ist es so, dass sie den Begriff zuvor in diesem Sinne verwendet haben und dass sie nun versuchen, alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, die durch diese Verwendung des Wortes „Gott“ entstanden sind? Oder lese ich zu viel in ihre Antwort hinein?

SH: In Eine kurze Geschichte der Zeit habe ich das Wort „Gott“ wie Einstein als eine Abkürzung für die Gesetze der Physik benutzt. Da die meisten Menschen unter Gott jedoch etwas anderes verstehen, habe ich entschieden, diesen Begriff nicht mehr zu verwenden. Die Gesetze der Physik können das Universum erklären, ohne dass ein Gott nötig wäre.

BC: Meine Antwort lautet, ich glaube, dass jeder ein paar grundlegende Fakten über das Universum wissen sollte. Es besteht seit 13,7 Milliarden Jahren; unsere Sonne und unser Sonnensystem sind vor etwas weniger als fünf Milliarden Jahren entstanden; es gibt 200 Milliarden Sterne in unserer Heimat-Galaxis, der Milchstraße, und 100 Milliarden Galaxien in dem für uns wahrnehmbaren Universum. Das sind wunderbare Entdeckungen und es ist ziemlich erstaunlich, dass wir diese Dinge von unserem Aussichtspunkt auf unserer winzigen Erde herausfinden konnten.

Wo und wann können Sie am besten nachdenken?

SH: Überall, wo ich Zeit zum Denken habe. Morgens bin ich zu nichts zu gebrauchen. Erst nach vier Uhr nachmittags komme ich in die Gänge.

BC: Ich will einfach nicht aufstehen, meine Frau hält das für Gewese. Ich denke nicht zu einer bestimmten Tages- oder Nachtzeit oder an einem bestimmten Ort. Wenn ich Zeit habe und nicht gerade eine Masse von Dingen erledigen muss, dann grübelt mein Hirn konstant und behutsam über Probleme nach und oft tauchen beinahe zufällig plötzlich eine Antwort oder eine Idee in meinem Kopf auf. Zeit zum Denken ist ein echter Luxus und von entscheidender Bedeutung, wenn wir wollen, dass Menschen kreativ arbeiten.

Was lenkt Sie ab?

SH: Wenn ich Fragen gestellt bekomme. Ich kann alles andere ignorieren, wenn ich mich konzentriere.

BC: In meinem Fall der Fernseher. Hätte ich mehr Willenskraft, dann würde ich meinen Konsum einschränken. Als ich in Hamburg an meiner Doktorarbeit saß, empfing ich nur deutsche Sender und sah kaum fern. Vermutlich war das die produktivste Zeit meines Lebens.

Welche Probleme wird die Wissenschaft Ihrer Meinung nach Ende dieses Jahrhunderts gelöst haben?

SH: Die Kernfusion. Sie würde uns eine unerschöpfliche Energiequelle erschließen, ohne die Umwelt zu verschmutzen oder die Erderwärmung zu beschleunigen.

BC: Ich teile ihre Ansicht, dass die Bereitstellung sauberer Energie von höchster Wichtigkeit ist. Mich frustriert, dass wir als Physiker wissen, wie wir sie herbeiführen können, wie sie funktioniert. Die technische Lösung des Problems liegt in Reichweite. Ich verstehe nicht, weshalb wir das im Moment scheinbar nicht genug wollen. Was meinen Sie, investieren wir als Gesellschaft ausreichend in wissenschaftliche Bildung und Forschung?

SH: Ich glaube nicht, dass wir genug investieren. Sie sind der Grund dafür, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben. Viele dringend benötigte Ziele, wie die Kernfusion oder ein Heilmittel für Krebs, könnten viel früher erreicht werden, würden wir mehr investieren.

BC: Ich denke, das wichtigste praktische Problem – eher eine technische als eine wissenschaftliche Herausforderung – ist der Bau wirtschaftlich überlebensfähiger Kraftwerke für die Kernfusion. Sollten wir am Ende dieses Jahrhunderts keine Lösung für den wachsenden Energie-Hunger auf diesem Planeten gefunden haben, dann werden wir in großen Schwierigkeiten sein. Was die Physik betrifft, so besteht die größte Herausforderung darin, zu verstehen, weshalb die Schwerkraft verglichen mit den drei anderen Naturkräften eine so erstaunlich schwache Kraft ist. Und zu verstehen, weshalb das Universum in einem so hochgradig geordneten Zustand begonnen hat.

Können Sie sich an den Augenblick erinnern, in dem Sie sich entschlossen haben, Wissenschaftler zu werden?

SH: Mein Vater war ein forschender Wissenschaftler auf dem Gebiet der Tropenmedizin, deshalb bin ich immer davon ausgegangen, dass auch ich ein Wissenschaftler werden würde. Die Medizin kam mir zu vage und unpräzise vor, deshalb habe ich mich für die Physik entschieden.

BC: Ich wollte schon immer einer sein – insbesondere ein Astronom. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals etwas anderes sein wollte.

Wie lautet das am weitesten verbreite Missverständnis in Bezug auf ihre Arbeit?

SH: Die Leute denken ich sei eine Figur aus der Fernsehserie Die Simpsons.

BC: Für mich besteht das gängigste Missverständnis darin, dass die Teilchenphysik, deren Ziel es ist, die Naturkräfte und die Bausteine der Materie zu verstehen, ein Luxus sei und nur der Befriedigung der Neugier diene. Ich verstehe, weshalb die Leute das über viele Gebiete der modernen Wissenschaft denken, aber das ist eine zutiefst falsche Wahrnehmung dessen, wie Fortschritt funktioniert. Die großen „nützlichen“ Entdeckungen der Wissenschaft – die Elektrizität, das Penizillin, die Struktur der Atome, der Transistor – waren in den seltensten Fällen das Resultat von Fragen, die von den Regierungen oder Gesellschaften für „nützlich“ erachtet wurden, was auch immer das zu der jeweiligen Zeit bedeutete. Die Geschichte lehrt uns, wenn wir einfach neugierig über das Universum sind und forschen, dann ist das der weitaus beste Weg, um Entdeckungen zu machen, die schlussendlich das Leben aller verändern können.

Welchen lebenden Wissenschaftler bewundern Sie am meisten?

SH: Es gibt eine Menge toter Wissenschaftler, die ich bewundere, aber mir kommt kein lebender in den Sinn. Vermutlich liegt es daran, dass wir immer erst rückblickend sehen, wer die wichtigen Beiträge geleistet hat.

BC: Ich denke, das ist ein entscheidender Punkt. Was einer sagt wird danach beurteilt, ob seine Theorien mit der Natur in Einklang sind, ob das was er sagt, dem Experiment stand hält, und das bedeutet, dass man erst mit Verspätung als „groß“ gelobt wird. Ich würde fragen, ob sie glauben, dass jemand wie Richard Feynman zu seinen Lebzeiten Bedeutung errungen hat?

SH: Ja.

BC: Der Wissenschaftler, den ich am meisten bewundere, das wären Sie. Sie haben eine Weltklasse-Karriere als Wissenschaftler mit einer Weltklasse-Karriere als Vermittler der Wissenschaft verbunden. Das ist extrem schwierig, aber es ist von entscheidender Bedeutung, dass unsere großen Forscher auch große Lehrer sind.

Was hält Sie nachts wach?

SH: Wenn ich mich mit Fragen über das Universum beschäftige, wenn ich zu Bett gehe, dann kann ich nicht abschalten. Ich träume die ganze Nacht von Gleichungen.

BC: Können Sie sich an sie erinnern?

SH: Nein.

BC: Ich mache mir Sorgen um die mangelnde Finanzierung der Forschung in Großbritannien. Ich denke sie rührt daher, dass ein Missverständnis besteht, was den Wert der wissenschaftlichen Basis und unserer Universitäten für die Gesellschaft betrifft. Das universitäre System ist das Fundament, auf dem unsere Wirtschaft basiert – ganz zu schweigen davon, dass es eine äußerst erfolgreiche Branche ist, ein Gebiet auf dem das Vereinigte Königreich wirklich Weltklasse ist. Zwar kommen nicht alle Forschungsarbeiten und Entwicklungen, die in unsere Wirtschaft einfließen, von den Universitäten, aber die Forscher kommen alle von dort. Die Regierung wäre gut beraten, daran zu denke, wenn es nächsten Monat an die Prüfung der Ausgaben geht.

Was war der aufregendste Moment Ihrer Karriere?

SH: Als ich 1997 die Antarktis besuchte. Die chilenische Luftwaffe flog eine Physiker-Gruppe zu ihrer Basis auf King George Island, die vor der Küste der antarktischen Halbinsel liegt. Mein Rollstuhl hatte Schneeketten, aber sie haben mich in einem Schneemobil herumgefahren.

BC: Die Anfangstage meiner Karriere als ich tage- und wochenlang die Daten des Hera-Teilchenbeschleunigers in Hamburg analysiert habe – das war für mich die aufregendste Zeit. Ich habe drei oder vier Jahre lang 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an den Daten gesessen, und das ist mit nichts zu vergleichen. Als Vermittler der Wissenschaft Erfolg zu haben, ist insofern ein zweischneidiges Schwert, als dass die Zeit für die Forschung schrumpft. Deshalb bewundere ich Menschen wie Sie, die das richtige Gleichgewicht hinbekommen – eben das strebe ich auch an!

Wer ist Ihr liebster fiktionaler Wissenschaftler?

SH: Meine Mutter erzählte mir und meiner Schwester selbsterfundenen Geschichten über einen Professor Henbrain, der alle möglichen seltsamen Erfindungen machte. Ich versuche sie davon zu überzeugen, dass sie ein paar von diesen und ein paar andere Geschichten aufschreiben soll.

BC: Ich fand, dass die Figur der Ellie Arroway im Film Contact hervorragend geschrieben und von Jodie Foster wunderbar verkörpert wurde. Aber immerhin hatte sie ja auch Carl Sagan erschaffen.

Worin besteht das größte ethische Dilemma, vor dem die Wissenschaft heute steht?

SH: In der Gentechnologie. Es sollte bald möglich sein, die Intelligenz und die Lebensdauer einiger weniger Individuen dramatisch zu steigern. Sie und ihre Nachkommen könnten eine Herrenrasse werden. Die Evolution schert sich nicht um soziale Gerechtigkeit. Es war den Neandertalern gegenüber nicht fair, dass sie durch den modernen Menschen ersetzt wurden.

BC: Ich denke, eine der großen Herausforderung vor denen die Wissenschaftsgemeinde steht, ist, wie sie mit Argumenten von Menschen mit festen Überzeugungen umgehen soll, die nachweisbar falsch und potentiell schädlich sind. Ich denke da an Streitthemen wie die Impfung von Kindern oder die Notwendigkeit den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Die Wissenschaft hat auf diese Streitfragen eindeutige Antworten und sie ist der beste Wegweiser, den wir haben, um uns globalen Herausforderungen zu stellen. Das Dilemma besteht darin, wie man lautstarke Minderheiten davon überzeugen kann, dass ein rationaler und wissenschaftlicher Ansatz ihre politischen und religiösen Überzeugungen nicht bedroht – er ist einfach nur der beste Ansatz. Das Problem liegt natürlich auf der Hand, denn das klingt ziemlich arrogant und keiner hält sich selbst für irrational! Aber wir müssen auf einigen wichtigen Gebieten die richtigen Ergebnisse erzielen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 16.09.2010
Geschrieben von

The Guardian

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Ausgabe 38/2020

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