Die Listen der Klimasünder

CO2-Ranking Eine neue Webseite vergleicht den Kohlendioxid-Ausstoß von Fluggesellschaften. Klingt hilfreich, ist aber einfach: Unsinn

Preisvergleichsseiten spielen mittlerweile eine so große Rolle, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie man je ohne sie zurecht gekommen ist. Sie haben dabei mitgeholfen, den Reisebüros den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die lange Zeit als einzige in der Lage waren, die besten Angebote ausfindig zu machen. Es erscheint, als hätten wir die Reisebüro-Leute aus ihren Drehstühlen vertrieben und uns selbst an ihre Stelle gesetzt.

Das ist natürlich reichlich illusorisch. Wie sollen wir wissen, dass alle Preise sorgfältig und fair verglichen wurden? Und selbst wenn: Der Markt ist berüchtigt für seine Unbeständigkeit – der Preis eines Fluges kann sich von Minute zu Minute ändern. Dann ist zu fragen, wie viele Seiten beziehungsweise Angebote überhaupt in den Vergleich eingehen. Hat eine von ihnen dafür bezahlt? Konnten andere infolgedessen nicht berücksichtigt werden? Der nächste konsequente Schritt wäre eine Seite, die Preisvergleichsseiten vergleicht.

Aber eigentlich soll es hier um etwas anderes, nämlich um das Erscheinen einer neuen Preisvergleichsseite für Flüge gehen, die auch den Co2-Ausstoß der Flugzeuge auflistet.

Der Carbon Friendly Flight Finder ist eine gemeinsame Anstrengung von The Carbon Consultancy, Global Travel Market und Flysmart.org. Die Seite hält, was sie verspricht, wenn man sich erst einmal auf ihr zurecht gefunden hat. Wenn man eingibt, man wolle einen Hin- und Rückflug von, sagen wir mal, London Heathrow nach New York JFK buchen, kommenden Samstag hin und zwei Wochen später wieder zurück, erhält man die Ansage, das günstigste Angebot komme momentan von Opodo: ein Flug mit der Air France für 270 Pfund. (Das teuerste Angebot ist ein Flug mit Aeroflot, der von Travelocity für 2.807 Pfund angeboten wird.)

Das Ranking ist wenig mehr als eine grobe Schätzung

Zudem erfährt man, das der Air France-Flug im Karbon-Ranking mit 3 bewertet wird, verglichen mit, sagen wir mal, KLM 7 oder Virgin Atlantic 1, wobei 1 das beste und 10 das schlechteste Ergebnis ist. Die Carbon Consultancy teilt mit, dass die CO2-Rankings für jede Fluggesellschaft nicht auf den tatsächlichen Schadstoffausstößen genau dieses oder jenes Flugzeuges basiert, sondern auf Grundlage eines Verfahrens zustande kommt, das eine ganze Reihe von Faktoren berücksichtigt. Sie können sich die detaillierte Erklärung durchlesen, Sie können es sich aber gerade so gut auch sparen: In dieser Erklärung steht eigentlich nur, dass das Ranking, das jeder einzelnen Fluggesellschaft gegeben wird, wenig mehr ist als eine grobe Schätzung.

Ich begrüße diese zusätzliche Information gleich neben dem Preis, aber in Wahrheit handelt es sich um sehr geringe Unterschiede im Kerosin-Verbrauch der verschiedenen Fluggesellschaften, insbesondere, wenn man sie über einen längeren Zeitraum vergleicht. Die Variablen, die bei derselben Strecke den wahren Unterschied ausmachen, sind: Direktflug oder Reise über einen Verkehrsknotenpunkt (was mit einberechnet wird) und bei einem Kurzstreckenflug die Frage, ob es sich um ein Düsen- oder ein Turboprop-Flugzeug handelt.

Mir wäre es lieber, statt diesem sehr vagen Ranking von 1 bis 10 den tatsächlichen Ausstoß von CO2 in Gramm pro Passagier und geflogenen Kilometer angezeigt zu bekommen, und daneben dann am besten auch noch, falls es sie gibt, die Werte von Zügen, Fähren und Kutschen. Ich würde auch sehr begrüßen, wenn die Flugunternehmen in ihre CO2-Rechnungen berücksichtigen würden, dass der Ausstoß hier in sehr großer Höhe stattfindet, was einen bedeutend größeren Einfluss auf das Klima hat als unten auf der Erde. Nur so kann ein genaues Bild entstehen.

Die beste Methode zur CO2-Reduzierung ist: weniger fliegen

Auch besteht die Gefahr, die beste Methode zur CO2-Reduzierung aus den Augen zu verlieren, die ganz einfach darin besteht, weniger zu fliegen, wenn dies irgendwie möglich ist. Darüber nachzudenken ist allemal sinnvoller, als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ein Flug mit British Airways emissionstechnisch vielleicht ein wenig besser als einer mit Virgin Atlantic. Ein Flug von London nach New York wird, egal mit welcher Fluggesellschaft man fliegt, trotz kleiner Unterschiede immer auf eine Tonne CO2 hinauslaufen, die pro Passagier in die Atmosphäre geblasen wird, was ungefähr dem monatlichen Ausstoß eines durchschnittlichen Briten entspricht, der nicht durch die Luft fliegt.

Wie auch im Falle der Bezahlung eines freiwilligen CO2-Zuschlages fürchte ich, dass solche Initiativen immer nur dazu gut sein werden, Leuten zu einem guten Gewissen zu verhelfen, die den harten klimapolitischen Realitäten nicht ins Auge sehen wollen, die unseren Urlaubsgewohnheiten im Wege stehen. Können solche Seiten wirklich mehr leisten, als einem das Gefühl zu vermitteln, man habe getan, was man konnte?

Übersetzung: Holger Hutt

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11:55 29.01.2009
Geschrieben von

Leo Hickman, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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