Die Lunge der Welt brennt

Amazonas Der Regenwald mag uns abgelegen erscheinen, aber er ist die Grundlage des Lebens auf unserem Planeten – und gefährdet wie nie zuvor
Die Lunge der Welt brennt
Waldbrände wüten in Tocantins, Brasilien

Foto: Xinhua/Imago Images

Der Amazonas ist das Zentrum der Welt. Jetzt, da das Klima zu kollabieren droht, gibt es keinen wichtigeren Ort. Wenn wir das nicht in unsere Köpfe kriegen, haben wir nicht den Hauch einer Chance, die Herausforderungen der Klimakrise zu bestehen.

Seit 500 Jahren liegt dieser Ort in Trümmern. Zunächst durch die europäische „Erorberung“, die eine besonders destruktive Kultur mit sich brachte, die den Tod von Hunderttausenden indigener Menschen verursachte und dutzende Völker aussterben ließ. In jüngster Zeit dadurch, dass riesige Waldgebiete gerodet werden – inklusive allen Lebens darin.

Eliane Brum ist eine brasilianische Journalistin, Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin. Sie lebt im Amazonasgebiet

2019 erleben wir den Beginn eines neuen, katastrophalen Kapitels. Die Fläche gerodeter Wälder ist in diesem Jahr überdurchschnittlich stark angestiegen. Im Juli entsprach die Entwaldungsrate pro Tag einer Fläche von der Größe Manhattans, alle zwei Wochen in etwa der des Ruhrgebiets. Brände vernichten die Wälder des Amazonas in Rekordgeschwindigkeit, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Brandrodungspraxis zur Landgewinnung zurückzuführen ist. Aber warum passiert das alles gerade jetzt? Wegen Bolsonaro.

Diese totalitäre Politik, der Bolsonarismus, hat in Brasilien fast die gesamte Macht an sich gerissen. Das Hauptaugenmerk von Präsident Jair Bolsonaro liegt dabei darauf, schnell und methodisch den Amazonaswald in Schutt und Asche zu legen. Allein zu diesem Zweck hat Brasilien zum ersten Mal seit der Wiedereinführung der Demokratie im Grunde genommen einen Anti-Umweltminister.

Noch nie wurden einem Umweltminister mehr Rechte eingeräumt als Ricardo Salles. Er selbst ist Handlanger der Agrarindustrie. Jener Industrie, die für die meisten Todesfälle auf den Feldern und in den Wäldern verantwortlich ist. Sie ist die zerstörerischste Kraft Brasiliens. Nun ist es zwar so, dass die Lobby der Großgrundbesitzer schon immer Teil der brasilianischen Regierung war – ob nun offiziell oder nicht. Aber unter Bolsonaro wurde ein neues Niveau erreicht: Die Großgrundbesitzer sind nicht nur in der Regierung, sie sind die Regierung.

Indigene protestieren gegen Bolsonaro – und für den Erhalt ihres Lebensraums

Foto: Sergio Lima/AFP/Getty Images

Eins der Hauptanliegen des Bolsonarismus ist es, öffentliches Land, das allen dient – weil es die Erhaltung natürlicher Biome und des Lebens der Ureinwohner garantiert und nebenbei das Klima reguliert – in Privatbesitz zu verwandeln, von dem nur wenige profitieren. Diese Landstriche, von denen die meisten im Amazonaswald liegen, umfassen Gebiete, auf denen indigene Völker das verfassungsmäßige Recht haben, zu leben. Regionen, die von Ribeirinhos – Menschen, die seit über einem Jahrhundert ihren Lebensunterhalt mit Fischen, Gummigewinnung und dem Sammeln von Paranüssen und anderen Walderzeugnissen verdienen – bewohnt werden, sowie die kollektiv genutzten Bereiche der Quilombolas, den Nachkommen von Rebellensklaven, die ihr Recht auf die von ihren Vorfahren besetzten Gebiete erstritten.

Bolsonarismus braucht Bolsonaro nicht

Streitereien sind in der Regierung allgegenwärtig, auch weil es Teil der Strategie der Bolsonaro-Administration ist, die eigene Opposition zu simulieren, um keine Position einer anderen Partei zu überlassen. Dennoch besteht ein breiter Konsens über die Lockerung der Schutzgebiete der indigenen Völker. Wenn es darum geht, den größten tropischen Wald der Welt in einen Ort für Viehzucht, Soja und Erzabbau zu verwandeln, verstummt das gespielte Kriegsgebrüll. Wer davon abweicht, wird aus der Regierung entfernt.

Der Bolsonarismus geht weit über den Mann hinaus, dessen Namen er trägt. Irgendwann könnte es sogar ohne Bolsonaro selbst auskommen. Der Bolsonarismus beeinflusst die gesamte Amazonasregion. Er bringt Demokratiefeinde ans Tageslicht, die sich jahrelang – wenn nicht jahrzehntelang – in den dunklen Löchern anderer lateinamerikanischen Länder versteckten – und in denen das Schicksal des größten Tropenwaldes der Welt ebenfalls entschieden wird. Der Bolsonarismus – und das kann man gar nicht oft genug sagen – ist eben nicht nur eine Bedrohung für Brasilien, sondern für den ganzen Planeten. Denn er zerstört jenen Wald, der für den Kampf gegen die Klimakrise entscheidend ist.

Wie aber soll man sich gegen diese gerissenen, destruktiven Mächte zur Wehr setzen? Um uns zu wehren, müssen wir selbst wie der Wald werden – und uns wehren wie er, der weiß, dass er kaputt ist. Der sowohl das, was er ist, als auch das, was er nicht mehr ist, in sich trägt. Wir müssen diesem politischen Gefühl eine Form geben, um wiederum unserem Handeln einen Sinn zu geben. Das bedeutet, dass wir einige tektonische Platten in unserem Denken verschieben müssen. Wir müssen uns dekolonisieren.

Die Tatsache, dass der Amazonas nach wie vor als etwas Entlegenes, etwas am äußeren Rand der Zivilisiation gilt, zeigt, wie dämlich die weiße westliche Kultur ist. Es ist eine Idiotie, die die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Welt und die Brasiliens prägt und bestimmt. Zu glauben, der Amazonas sei weit weg, am Rand der Welt – wenn gleichzeitig die einzige Chance, die Klimakrise in den Griff zu bekommen, darin besteht, den Wald am Leben zu erhalten – spiegelt eine Ahnungslosigkeit globalen Ausmaßes wider. Der Wald ist das Herzstück all dessen, was wir haben. Er ist die wahre Heimat der Menschheit. Der Umstand, dass sich viele von uns ihm fern fühlen, zeigt nur, wie verklärt, derangiert und verzerrt unsere Sicht ist. Kolonisiert eben.

Illegale Abholzung ist in Brasilien der Normalfall

Foto: Mario Tama/Getty Images

In den großen Städten Brasiliens und im Rest der Welt sind wir von jenen Todesfällen weit entfernt, für die unsere kleinsten alltäglichen Handlungen Komplizen sind. Wir haben das Privileg, nicht ständig hinterfragen zu müssen, woher die Kleidung stammt, die wir tragen, oder woher die Lebensmittel kommen, die wir essen. Wenn man aber hier im Amazonasgebiet Rindfleisch isst, weiß man ganz genau, dass für dieses Fleisch gerodet wurde. Wenn man Holz kauft, weiß man, dass es in Brasilien (fast) kein legales mehr gibt. Wenn man Möbel kauft, weiß man, dass das Material, das für die Herstellung genutzt wurde, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus indigenen Schutzgebieten oder Nutzreservaten stammt. Im Amazonasgebiet, im Zentrum der Welt, ist die Verbindung zwischen dem Tod des Waldes und dem Tod der Menschen, die in ihm wohnen und von ihm leben, sehr eng. Und sie ist nicht zu übersehen.

Der Amazonas ist das Zentrum der Welt

Wir sind es, die demütig fragen müssen, ob und wie wir die Waldvölker in ihrem Kampf unterstützen können. Sie sind es, die trotz der Zerstörung des Waldes in ihm leben müssen. Sie sind es, die Erfahrung darin haben, sich dieser Zerstörung zu widersetzen. Wenn wir eine Chance auf eine Widerstandsbewegung haben wollen, müssen wir begreifen, dass wir in diesem Kampf nicht die Hauptprotagonisten sind.

Wir müssen uns einen anderen Umgang mit unserem Planeten angewöhnen. Einen Umgang, der nicht mehr von Gewalt geprägt ist, wie er es bei der Kolonisierung des Amazonas und der dort lebenden Menschen war. Nicht mal dieses Kapitel der Geschichte ist vorbei, ganz im Gegenteil, die Kolonisierung schreitet nach wie vor voran – mit immer höherer Geschwindigkeit. Es wird Zeit, dass wir beginnen, im Einklang mit der Natur zu leben. Egal, wie weit weg uns alles häufig zu sein scheint – es ist es am langen Ende nicht. Alles, was wir tun, fällt auf uns zurück. Und wenn nicht auf uns, dann auf unsere Kinder und Kindeskinder.

Bolsonaro ist nicht nur eine Bedrohung für den Amazonas. Er ist eine Bedrohung für den ganzen Planeten – gerade weil er eine Bedrohung für den Amazonas ist. Angesichts des ungebrochenen Zerstörungswillens des Bolsonarismus müssen wir alle – egal welcher Nationalität – es den rebellierenden Sklaven gleichtun, die einst gegen ihre Unterdrücker aufbegehrten. Wir müssen Banden bilden, wie es die entflohenen Sklaven Brasiliens einst taten. Und da wir selbst nicht wissen, wie wir das überhaupt machen sollen, müssen wir demütig genug sein, um von denen zu lernen, die es bereits tun.

Das Beste am Bolsonaro-Brasilien und dem ganzen Amazonasgebiet sind die Peripherien, die nun ins Zentrum rücken wollen. Unsere beste Chance im Kampf um die Zukunft des ganzen Planeten besteht darin, uns mit eben diesem wirklichen Zentrum der Welt zu solidarisieren.

16:23 23.08.2019
Geschrieben von

Eliane Brum | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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