Die Mauer fällt

Syrien Präsident Baschar al-Assad wird von der US-Regierung nicht länger wie ein Paria behandelt
| Ausgabe 42/2014 5
Die Mauer fällt
Der Ort Dakhaniyeh im Südosten von Damaskus

Foto: STR / AFP / Getty Images

Damaskus ist eine Stadt der zwei Hälften. Obwohl im relativ unversehrten Zentrum häufiger als vor einem Jahr Raketen der Rebellen einschlagen, gehen die Menschen in diesen Vierteln beinahe einem normalen Alltag nach. Die Vororte hingegen – sie waren unablässig Ziel von Artillerie- und Luftangriffen auf Stellungen des Anti-Assad-Lagers – liegen größtenteils in Trümmern. Oft zerreißt das Heulen syrischer MiG-Jets, die ihre Bomben abwerfen, die verlorene Stille der Trümmerberge.

Man muss nicht allzu genau hinschauen, um zu bemerken, dass Zeichen der Normalität wie Pärchen, die im Schatten auf Parkbänken sitzen, oder Müllautos, die weiter jeden Morgen die Abfallkübel leeren, mehr Firnis als Fakt sind. Keine Familie in Damaskus, die nicht vom Krieg betroffen wäre. Im Zentrum hat sich die Bevölkerungszahl seit 2011 verdoppelt. Menschen, deren Zuhause in der Banlieue versunken ist, suchen Refugien bei Verwandten. Junge Männer in Zivil sind kaum mehr zu sehen. Sind sie nicht gerade das einzige Kind einer Familie, werden sie nach der Wehrpflicht von 30 Monaten immer wieder eingezogen. Oder aber sie verlassen das Land, um dem Krieg zu entkommen. Das syrische Pfund hat in den zurückliegenden 18 Monaten die Hälfte seines Wertes eingebüßt, was die Preise für Lebensmittel wie für Strom, Koch- und Heizgas in die Höhe schießen ließ.

Wenigstens kann die Armee im Großraum Damaskus Erfolge verbuchen und hat gerade die Kontrolle über das Industrierevier Adra zurückgewonnen, wo nun Tausende Flüchtlinge untergekommen sind. Aus dem Ort Joubar – weniger als vier Kilometer vom Stadtkern entfernt – konnten die Aufständischen allerdings nicht vertrieben werden. Doch fürchtet man in Damaskus keinen Vorstoß des IS, vorläufig jedenfalls nicht. Die Nachrichten aus den Rebellengebieten lassen darauf schließen, dass nur ein paar IS-Sympathisanten die Widerständler infiltriert haben. Das Versprechen von US-Präsident Barack Obama, den finanziellen Beistand für nicht-islamistische Gruppen hochzufahren, hat offenkundig für „Ent-Islamisierung“ gesorgt. Statt erzmuslimischer Namen, mit denen man sich um Hilfe aus Saudi-Arabien oder Katar bewerben konnte, tauchen nun für Rebellentrupps säkulare Begriffe wie Jaish al-Ummah auf – „Armee der Nation“.

Noch ein Jahrzehnt

Gespräche mit Händlern in der ummauerten Altstadt, wo das Geschäftsleben brachliegt, offenbaren tiefe Verzweiflung. Ladenbesitzer sitzen lieber plaudernd in leeren Ateliers, als zu Hause Depressionen zu pflegen. Sie haben sich damit abgefunden, dass dieser Krieg womöglich noch ein Jahrzehnt dauert. Viele, die anfangs dem Anti-Regime-Protest hinterherliefen, sagen heute, ihre Ziele seien längst von ausländischen Mächten gekapert worden. Jetzt gehe es nur noch darum, mit der Familie zu überleben. Nein, Obamas Luftangriffe würden für keine Wende sorgen. Überhaupt steht man den Amerikanern wegen ihrer Pleite im Irak, der Schuld am Chaos in Libyen und der Allianz mit Israel misstrauisch gegenüber.

Im Zentrum gab es in den Tagen der ersten Luftschläge gegen Nordsyrien kaum noch Verkehr. Viele fürchteten wohl, die USA würden die Gunst der Stunde nutzen und diese Bastion Assads gleich mit erledigen. Was weiterhin nicht auszuschließen ist, aber die Zuversicht hochrangiger Regierungsvertreter kaum trübt. „Wir begrüßen es, wenn auch andere etwas gegen die furchtbaren Terroristen unternehmen“, meint Bouthaina Shaaban, die Medienberaterin von Präsident Assad. Sie zitiert Aktivisten der Opposition, die sagen, Assad könne nur profitieren. Ihm kämen die Angriffe auf die Feinde vom IS entgegen, außerdem beginne die Mauer der Isolation zu bröckeln, die von Amerika und seinen Verbündeten um das Baath-Regime errichtet wurde. „Sie haben uns über die Operationen informiert. Das ist eine Form der Zusammenarbeit“, glaubt Shaaban. Aus der Umgebung von Assad heißt es gar, die USA hätten über eine dritte Partei Angaben über Zeit und Ort jedes Angriffs übermittelt und zugesichert, es würden weder die syrischen Streitkräfte noch Gebäude staatlicher Einrichtungen ins Visier geraten.

Jonathan Steele ist Kolumnist und Auslandskorrespondent des Guardian

Keine Frage, das Auftauchen des IS eröffnet die Option, eine gemeinsame Front aus syrischer Armee und nichtdschihadistischer Opposition gegen den IS zu bilden. Immerhin haben Assads Streitkräfte im Sommer den Luftstützpunkt Tabqa in der Nähe von Rakka und zwei weitere Basen im Nordosten an den IS verloren. Aber sie bleiben größte Kampfeinheit in Syrien und rekrutieren die schlagkräftigsten Bodentruppen gegen die Extremisten.

Feuerpause für Aleppo

Für Obama käme das Bekenntnis zur Entente mit Damaskus einer Kehrtwende gleich, wie sie in den USA derzeit nicht zu schultern ist. Allerdings wird in Washington nun auf die Forderung verzichtet, Assad müsse unwiderruflich gehen. Auch wenn es nach wie vor heißt, er habe „Legitimität verloren“, so kann Legitimität doch zurückgewonnen werden. Eher dürfte für den syrischen Staatschef zum jetzigen Zeitpunkt das Eingeständnis undenkbar sein, unter seinen bewaffneten Gegnern seien auch welche, die man nicht länger als „Terroristen“ geißeln sollte.

Doch müssten Agreements beispielsweise mit der Freien Syrischen Armee (FSA) über einen Waffenstillstand in Aleppo nicht offiziell ausgerufen werden. Die zweitgrößte Stadt des Landes ist zwischen der Regierung und den Rebellen weiter umkämpft, was sich in nächster Zeit ändern ließe. Die stillschweigende Abstimmung, die es offenbar zwischen Washington und Damaskus über Luftangriffe auf Nordsyrien gibt, könnte ein Muster sein für pragmatische Arrangements im Großraum Aleppo. Daraus könnte sogar ein Bollwerk werden, um den Vormarsch des IS ins Landesinnere aufzuhalten und den Kampf zurück in die IS-Hochburg al-Rakka zu tragen. Es wäre zudem ein Transfer von Hilfsgütern nach Aleppo möglich, sodass Tausende von Zivilisten in der geschleiften Metropole aufatmen und Kraft zum Überleben schöpfen könnten.

Schließlich wurden 2014 in Homs und drei kleineren Städten bereits lokale Feuerpausen vereinbart. Kritiker nennen dies Kapitulation, sei es doch vor allem darum gegangen, die Belagerung durch Regierungstruppen aufzubrechen. Eine Waffenruhe, bei der es Konzessionen beider Seiten gebe, sei etwas anderes. Wie auch immer – ein politischer Konsens, wie ihn Syrien braucht, kann nicht von oben herab bei Konferenzen am Genfer See beschlossen werden. Praktikabler sind der lokale Friedensschluss und gemeinsame Fronten gegen den Dschihad. Mit der Zeit könnte das der Weg zu einer Koalitionsregierung sein, von der viele Syrer noch immer träumen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Jonathan Steele | The Guardian

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