Die Mauern zu früh niedergerissen

Irak Mit einer Welle von ­Attentaten stellen ­sunnitische Milizen die ­Abzugspläne der USA in Frage

Vorerst ist es immer wieder das gleiche Ritual. Niemand übernimmt die Verantwortung für die entsetzlichen Bomben, die in nur drei Tagen zunächst das irakische Außen- und bald darauf das Finanzministerium in Bagdad pulverisiert und dabei über hundert Menschen getötet haben. Alles deutet auf radikale sunnitisch-arabische Kräfte hin, schließlich wird das Außenministerium von Hoshyar Zebari, einem prominenten kurdischen Politiker geleitet, während sich das Finanzministerium in den Händen des schiitischen Hardliners Bayan Baqir Sulagh befindet. Der gehört einer Partei an, die sich Oberster Islamischer Rat (OIRI) nennt, und hat es in seiner vormaligen Position als Innenminister fertiggebracht, den Zorn der Sunniten zu entfachen.

Sulagh musste vor gut zwei Jahren zurücktreten, als ruchbar wurde, dass Todesschwadronen, die direkt oder indirekt von seinem Ministerium gedeckt wurden, Hunderte Sunniten gefangen gehalten und gefoltert hatten. Diese Brutalität ist es, die den Irak verunstaltet und bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt.

Vom Hader zwischen Sunniten und Schiiten abgesehen, könnten die Attentate jedoch auch eine Warnung der sunnitischen Araber an die Kurden sein. Auch wenn das im Ausland kaum wahrgenommen wird – Spannungen und bewaffnete Zusammenstöße zwischen Kurden und Arabern sind die größte Bedrohung, die ein einheitlicher irakischer Staat derzeit gewärtigen muss. Bislang konzentriert sich der Konflikt auf die umkämpfte Stadt Kirkuk und die Region nordwestlich von Mosul, die von den Kurden beansprucht wird. Insofern könnte der Terror von Bagdad auf sunnitische Milizen zurückgehen, die den Kurden bedeuten wollen: Eure Position in der Hauptstadt ist angreifbar, die Araber werden euch gerade an diesem Ort nichts schenken.

Gebrochene Versprechen

Aber auch diese Deutung der Ereignisse muss nicht die ganze Wahrheit erfassen, spricht doch einiges dafür, dass die von Schiiten dominierte Regierung unter Premier Nouri al-Maliki gleichfalls ins Visier der Attentäter geraten sein könnte. Die Auflösung der als Erweckungsbewegung bekannten sunnitisch-arabischen Milizen, die 2007 erfolgreich gegen al-Qaida-Basen im Irak vorgingen, hat viele Sunniten aufgebracht. Als Minderheit sind sie – nicht zu Unrecht – der Ansicht, mehr Respekt und Dankbarkeit verdient zu haben. Es brauchte immerhin Mut, al-Qaida ernsthaft herausfordern und vertreiben zu wollen. Dies hätten die schiitischen Führer anerkennen sollen, stattdessen jedoch haben al-Maliki und seine Entourage eher phlegmatisch damit begonnen, gegebene Versprechen einzulösen und einstige Milizionäre in die nationale Armee und Polizei zu holen.

Zu viel Zweckoptimismus

Der Premier gefällt sich darin, den starken Mann des Irak zu geben, der es nicht nur vollbracht hat, die amerikanischen Besatzer von der Notwendigkeit eines Rückzugs zu überzeugen, sondern allen Irakern mehr Sicherheit gebracht zu haben. Eine überzogene Selbstdarstellung. Immerhin kam der weitaus größte Widerstand gegen die US-Militärs aus den Reihen radikaler Sunniten sowie der Armee von al-Malikis schiitischem Glaubensbruder Muqtada al-Sadr.

Die wirkliche Stärke eines nationalen Führers liegt in seinem politischen Programm, nicht in militärischer Stärke. Maliki wird daher einiges tun müssen, um die Sunniten von Neuem davon zu überzeugen, dass er Verständnis für ihre Ansprüche hat und sunnitischen Politikern gegenüber mehr Entgegenkommen zeigt.

Die jüngsten verheerenden Bombenanschläge seien ein Zeichen dafür, dass der Abzug der amerikanischen Truppen aus den irakischen Städten Ende Juni verfrüht stattgefunden habe, sagen jetzt die Skeptiker – doch diese Analyse geht fehl. Die entscheidenden Gründe für den Rückgang der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten seit 2007 waren politischer Natur – die Amerikaner hatten daran keinen entscheidenden Anteil. Der Fehler, den die Regierung al-Maliki in puncto Sicherheit zu verantworten hat, besteht nicht darin, die Amerikaner zum Abzug gedrängt, sondern viel zu früh die Schutzmauern niedergerissen zu haben, die Bagdad seit dem US-Einmarsch im April 2003 in Sicherheitszonen unterteilten. Al-Maliki wollte den Bewohnern das Gefühl vermitteln, alles werde wieder so, wie es einmal war. Nun sieht es danach aus, als habe sich der Regierungschef – von Zweckoptimismus getrieben – verkalkuliert.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Jonathan Steele, The Guardian | The Guardian

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