Die Mine nimmt es wieder

Venezuela Weil Öl-Profite fehlen, wird Gold geschürft – oft mit bloßer Hand. Den Reibach machen dabei mafiöse Gangs
Die Mine nimmt es wieder
Nur eine Weile hier malochen und dann reich wieder gehen: Das ist der Traum

Foto: Meridith Kohut/NYT/Redux/Laif; Karte: der Freitag

Einst war Puerto Ordaz ein Traum der Moderne: breite Boulevards, viele Fabriken, eine Hafenstadt aus Stadt und Aluminium am zweitgrößten Fluss Südamerikas, dem Orinoco, Zentrum der venezolanischen Industrie und Tor zu einem Gürtel aus reichen Ölfeldern, der dem Staat über Jahrzehnte hinweg Freigiebigkeit erlaubte. Doch mit dem Einbruch von Venezuelas Wirtschaft wurde die Stadt von ihrer Vergangenheit eingeholt. Sie verwandelte sich in wenig mehr als einen Vorposten der Goldminen, die nur wenige Stunden Fahrt entfernt am Rande des Amazonas liegen.

Dort, in sumpfigen, von Banden kontrollierten Gruben, schuften die Männer, wie sie es schon vor Jahrhunderten getan hätten. Die Klumpen des gelben Metalls, die sie mit ihrer Knochenarbeit zu Tage befördern, sind der neue Treibstoff der Stadt; Gold ist so allgegenwärtig geworden, dass der Tauschhandel mit ihm allenthalben Geld als Währung ersetzt.

Gold bezahlt zunehmend auch die Rechnungen der Regierung im fernen Caracas. Angesichts sinkender Öleinnahmen und einschneidender US-Sanktionen verlässt sich Venezuelas Präsident Nicolás Maduro auf die Reichtümer der Minen, um den Staat am Laufen zu halten, während sich das Patt zwischen der Regierung und dem Oppositionsführer Juan Guaidó seit Monaten hinzieht; für diese Woche waren Gespräche zwischen beiden Seiten unter Vermittlung Norwegens anberaumt.

2,5 Gramm pro Semester

„Mehr als die Hälfte unserer Kunden will mit Gold bezahlen“, sagt ein Immobilienmakler in Puerto Ordaz und berichtete von einer nervenaufreibenden Fahrt durch die Stadt, bei der die Käufer den Wert einer Wohnung in Gold bei sich trugen: „Der Kunde sagte, ‚Sie können bei uns im Wagen mitfahren.‘ Ich antwortete: ‚Nein danke, wir fahren lieber hinter Ihnen her.‘ Bei der Lage heute kann man nie sicher sein, wer weiß, dass man Gold dabeihat“, meint der Makler, der nicht will, dass sein Name in einer Zeitung steht. Sogar an den Universitäten ist der Goldrausch angekommen, berichtet der Rektor der Universidad Católica Andrés Bello, Arturo Peraza: „Im November sagte eine Studentin zu mir: ‚Ein Abschluss hier ist nicht teuer. Das sind ja nur 2,5 Gramm Gold pro Semester!‘ “ „Es war das erste Mal, dass mir jemand den Wert einer Universitätsausbildung in Gold nannte. Das wäre früher undenkbar gewesen.“

In den Shoppingzentren der Stadt sitzen Goldhändler vor Ladenreihen, in denen früher Elektroartikel und Kleider verkauft wurden. Sie warten auf Minenarbeiter, die Goldkrümel gegen Bargeld eintauschen wollen. Unterdessen stehen Männer mit wachsamen Augen und kaum versteckten Waffen an den Haupteingängen. Sie sind die diskretesten Anzeichen für eine Epidemie der Gewalt, die ihren Ursprung in den Minen hat, aber bereits über diese hinauswuchert. Das Goldfieber hat bewaffneten Gangs Auftrieb gegeben und Guerilleros der Ejército de Liberación Nacional (ENL) aus Kolumbien hergelockt, es hat die Korruption in der Armee und die Unsicherheit in Puerto Ordaz befördert. Krankheiten machen sich in den Minen breit und kommen mit dem Gold und den Minenarbeitern nach Puerto Ordaz. Hier, wo die Malaria als besiegt halt, gibt es sie nun wieder.

Probleme im abgeschiedenen Osten des Landes bringen normalerweise weniger Schlagzeilen als die Krisen an der Grenze zu Kolumbien im Westen, der Hauptroute derer, die aus Venezuela zu emigieren versuchen. Viele Einheimische fürchten, dass die Gesetzlosigkeit, die sich in den Minen zusammenbraut, eine unterschätzte Gefahr ist. „Hier im Staat Bolívar haben wir die Voraussetzungen dafür, Chaos zu finanzieren, weil wir Gold haben“, sagt Universitätsrektor Peraza. „In Caracas weiß man nicht, was hier vor sich geht. Sie konzentrieren sich so sehr auf Öl, weil es seit 100 Jahren das wirtschaftliche Herz des Landes ist. Das Öl ist versiegt. Sie erkennen diese veränderte Realität nicht.“

Gold ist viel einfacher zu transportieren und in der Gewinnung weniger komplex, wenn man Arbeiter hat, die verzweifelt genug sind, die gefährliche, schmutzige Arbeit per Hand zu erledigen. Unter all den Männern, die nach Gold graben – Frauen arbeiten hier nur als Köchinnen oder in Bordellen –, sind auch solche, die früher gute Arbeitsplätze hatten, bis Venezuelas Hyperinflation ihre Gehälter auf ein Niveau sinken ließ, von dem man nur noch ein paar Brote oder einen Sack Reis kaufen kann. Manche kehren nie aus den Minen zurück. Wie sie dort zu Tode kamen, ist nirgendwo festgehalten, ihre Leichen werden nie offiziell beerdigt. Unter den Vermissten ist etwa der Fotograf Wilmer González, der selbst in den Minen arbeitete und sie in seinen Bildern festhielt.

Viele in der Region, die nicht direkt nach Gold graben, sind dennoch von der Goldwirtschaft abhängig. Jeden Tag bewegt sich ein Strom von Pkws in Richtung Minen. Sie transportieren Diesel-Kanister und werden häufig von Leuten gefahren, die eigentlich Angestellte sind oder waren. „Ich habe ja keine Wahl, wenn wir etwas essen wollen – ich habe seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen“, erzählt Lucia, eine Grundschullehrerin, die zusammen mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern den Weg von zusammen 18 Stunden hin und zurück auf sich nimmt, der Malaria und der Gewalt zum Trotz. Die Familie verdient sich damit ein bisschen Geld, mit dem sie das Dach über ihrem Kopf und schlichteste Mahlzeiten bezahlen kann. Aus Angst um ihren Job wollte auch Lucia nicht mit ihrem tatsächlichen Namen genannt werden.

Früher war Lucia eine Anhängerin des von 1999 bis zu seinem Tod 2013 regierenden Hugo Chávez. Doch das Vertrauen in die chavistische Regierung hat sie verloren, seit die Wirtschaft kollabiert ist und ihre Familie, der es früher gut ging, in Mitleidenschaft gezogen wurde. Durch die Wirtschaftskrise verlor ihr Mann seine Arbeit in einer Fabrik und aus ihrer Stelle als Lehrerin wurde eine unbezahlte und somit im Grunde genommen freiwillige Tätigkeit. „Das hat uns dazu gebracht, Sachen zu machen, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können: Käse zu verkaufen oder mit harter Währung zu handeln. Als es für uns überhaupt keinen anderen Weg mehr gab, an Geld zu kommen, haben wir damit begonnen, Diesel zu vertreiben“, sagt Lucia.

Ein Ort ohne Gesetz

Das Gold unter den Wäldern im Osten besitzt schon seit Jahrhunderten Anziehungskraft. Der Brite Sir Walter Raleigh segelte Ende des 16. Jahrhunderts den Orinoco hinauf, vorbei an der Stelle, wo heute Puerto Ordaz liegt. Er war auf der Suche nach dem mythischen El Dorado, der Stadt aus Gold, die nie gefunden wurde, aber dann irgendeiner gewöhnlichen Stadt entlang des Weges nach Brasilien ihren Namen gab.

In den vergangenen Jahrzehnten, als die leicht erwirtschafteten Profite aus dem Ölgeschäft Venezuela reich machten, schienen die Goldminen eher von historischem Interesse. Die Stadt El Callao, ein Zentrum in der Region und populäres Touristenziel, war vor allem für ihren Karneval bekannt. Besucher schlenderten durch die ruhigen, von Kolonialbauten geprägten Straßen, entlang von Geschäften, in denen handgefertigter Goldschmuck verkauft wurde; ein Unternehmen gab es hier, das eine Konzession für eine große, moderne Goldmine besaß. Heute würde niemand mehr aus Spaß El Callao besuchen.

Die Stadt, Haltepunkt auf dem Weg gen Minen, ist zu einem gesetzlosen und gefährlichen Ort geworden. Minenarbeiter bevölkern die Straßen, an deren Rändern Goldhändler sitzen. Ab und an teilt sich die Menge für eine luxuriöse SUV-Limousine mit schwarz getönen Fensterscheiben und bewaffneter Eskorte. Mehr gibt es hier von der Macht hinter dem Geld nicht zu sehen.

Viele Minenarbeiter wollen eigentlich nur kurz hierbleiben und dann mit einem kleinen Vermögen wieder gehen. Aber die meisten verdienen nur einen Hungerlohn und geben den vor Ort aus, für Essen und Trinken oder in Bordellen. Ein Sprichwort aus der Gegend besagt: „Was die Mine gibt, nimmt die Mine wieder.“

Diejenigen hingegen, die die meisten Profite absahnen, bleiben weitgehend unsichtbar. Vielleicht am besten verschleiert – verbunden durch eine verschlungene Kette von Mittelsmännern –, handelt es sich dabei mitunter um die Regierung. Sie hat die Minen im Osten als Möglichkeit entdeckt, um die schnell an Wert verlierenden venezolanischen Banknoten in Gold zu verwandeln.

Der Goldhandel finanziert Maduros Regierung, seit die Öl-Dollars nicht mehr sprudeln. Venezuela besitzt die größten Ölreserven der Welt, doch aus der früheren Gelddruckmaschine PDVSA, dem staatlichen Erdölunternehmen, ist wegen grassierender Korruption und nicht zuletzt der Sanktionen eine Firma geworden, die kaum mehr ihre Rechnungen bezahlen kann. „Ich nehme nur PDVSA-Jobs an, wenn sie mich im Voraus bezahlen“, sagt ein Angestellter einer Öl-Dienstleistungsfirma in Puerto Ordaz, „sonst kriege ich gar nichts.“

Die Ölproduktion ist zurückgegangen, der Bedarf an Geld für den Staat besteht fort – also rollen jeden Monat Lastwagen auf dem Weg zu den Minen durch Puerto Ordaz, auf deren Ladeflächen sich Kisten voller Banknoten stapeln. Zwar nutzen die Menschen in Venezuela größtenteils die Möglichkeit der digitalen Zahlung, in den Minen aber, wo es weder Handynetz noch eine beständige Stromversorgung gibt, ist Bargeld immer noch das vorherrschende Zahlungsmittel. Es wird in Gold eingetauscht, das dann ins Ausland verschifft wird. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters gelangt das Gold unter anderem in die Türkei, von wo Venezuelas Regierung so harte Währungen beziehen kann.

Deshalb ist die Region hier im Osten des Landes so wichtig und wertvoll, deshalb ist die Lage so angespannt. Sogar mancher Verbündete von Oppositionsführer Guaidó wurde nervös, weil dieser mit der Idee einer von den USA gesteuerten Intervention flirtete. Hier im Osten würde dies die sehr zerbrechliche Machtbalance zwischen örtlichen Gangs, Guerrillas und den korrupten Teilen der staatlichen Sicherheitskräfte zerstören. „Im Augenblick herrscht hier eine Pax Mafiosa, sagt Hochschulrektor Peraza, eine Art Frieden unter Mafiosi. „Sobald aber jemand diesen Pakt bricht, wird es zu vollends chaotischen Zuständen kommen. Bei einer Invasion würde das passieren.“

Emma Graham-Harrison schreibt für Guardian und Observer; sie wurde in Großbritannien 2018 zur Auslandsreporterin des Jahres gekürt

Clavel Range ist venezolanische Journalistin

Übersetzung: Carola Torti
06:00 07.08.2019
Geschrieben von

Emma Graham-Harrison, Clavel Range | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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