Die Müllfischer von Piräus

Griechenland Die Crews der Trawler haben ihren Abfall immer ins Meer geworfen. Jetzt sammeln sie ihn ein

Der Fischmarkt in Keratsini erwacht nachts zum Leben. Unter Flutlicht schrubben die Besatzungen in Gummistiefeln die Decks der im Hafen liegenden Boote, reparieren die von Kränen herabbaumelnden Netze und legen ihren letzten Fang – Garnelen, Tintenfische und Seehechte – auf Eis. Seit geraumer Zeit gehen ihnen immer öfter ganz andere Dinge ins Netz, die andernfalls vielleicht nie aus dem Meer gezogen würden. „Wir reden von Abfall – von jeder Menge Müll“, sagt Dimitris Dalianis. „Wir finden ihn fast überall.“

Der 47-Jährige hat sich selbst nie als Umweltschützer gesehen. Als Trawlerkapitän ist der Fisch sein Geschäft. Doch nach 30 Jahren auf hoher See – „ein hartes und einsames Leben“ – hat sich der Mann, der eigentlich als der jüngste Fischkutter-Kapitän von Piräus gilt, Ansehen erworben, weil er mit seinem Boot Urania nicht nur Fisch, sondern auch Unrat aus dem Meer holt. Was besonders dann zutrifft, wenn sich seine Netze ganz tief hinabsenken. „Flaschen, Dosen, Plastik, das ist ganz normal“, erzählt er. „Wir haben da draußen Delfine und Schildkröten gesehen, und ich weiß, was die Tiere schlucken. Das Meer kann grausam sein, es kann einen Mann hart machen, doch es fühlt sich gut an, wenn man weiß, dass wir etwas gegen diese Verschmutzung unternehmen.“

Dalianis räumt ein, dass er vor noch nicht allzu langer Zeit dasselbe tat wie alle seine Kollegen, nämlich den Müll einfach zurück ins Meer zu schmeißen. Mittlerweile wurden er und seine fünf Mann starke ägyptische Crew zu bewussten Müllsammlern. Sie verstauen den Abfall in einem Behälter, der zwischen Stapeln sauber gepackter Taue auf dem Deck der Urania steht. Wenn die Fischer nach einem dreitägigen Trip rund um die Kykladen-Inseln Kithnos, Serifos und Andros wieder im Hafen von Piräus ankommen, quillt der Müllcontainer über. Obenauf liegen diesmal eine mit Muscheln und Unkraut überzogene schwarze Kunststoffkiste, Plastikflaschen, Überreste von mehreren Lagen Plastikfolie, Teppiche und Dosen. „Sehen Sie sich das an, alles treibt schon so lange im Meer, dass es ein eigenes Ökosystem geschaffen hat“, ruft Lefteris Arabakis. „Das alles wird zur Analyse ins Labor gebracht und wenn möglich entweder recycelt oder upgecycelt.“

Der 24-jährige Arabakis ist in vierter Generation Fischer. Wie sein Vater, Vangelis, sein Großvater, Lefteri, und sein Urgroßvater zuvor, der aus Smyrna, dem heutigen Izmir, in einem Fischerboot floh, als die türkische Armee 1922 die griechischen und armenischen Viertel der Stadt plünderte. Arabakis wuchs mit dem Geruch des Meeres auf. Es war seine Idee, die Fischer dafür zu gewinnen, die Ägäis vom Müll zu befreien. Sie entstand aus dem Wunsch heraus, der Fischerei seines Landes neues Leben einzuhauchen, da die Branche einen raschen Niedergang erlebt.

Das Projekt begann vor einem Jahr mit zehn Booten, inzwischen gibt es den Plan, bis 2020 rund 100 Fischkutter einzusetzen. „Während unseres zweieinhalb Monate dauernden Pilotprogramms haben wir vergangenes Jahr gut 5.000 Kilo an Abfällen aus dem Meer geholt, die zu gut vier Fünfteln aus Plastik bestanden“; erzählt Arabakis. „Wir hoffen, in zwei Jahren mit 100 Booten zehn Tonnen pro Monat bergen zu können.“

In einem Bericht der Ellen MacArthur Foundation und des Weltwirtschaftsforums, der davon ausgeht, dass sich bis 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer befindet, wird das Ausmaß der Aufgabe offenbar. Die Ozeane, so prognostiziert der Report, würden bis dahin mindestens 937 Millionen Tonnen Plastik enthalten, verglichen mit 895 Millionen Tonnen Fisch. Dies sei darauf zurückzuführen, dass sich der Plastikverbrauch in den vergangenen 50 Jahren verzwanzigfacht habe. In jeder Minute werde das Äquivalent eines Müllwagens voller Kunststoff in die Ozeane geworfen. „Für Griechenland ist von allen Gewässern der Argolisch-Saronische Golf in der Nähe von Athen am schlimmsten betroffen“, sagt Dimitris Dalianis. „Dort findet man alles – ich habe schon Waschmaschinen gesehen, Modellflugzeuge, Spielzeugpuppen, alle Arten von Flaschen. Es ist wirklich so, an manchen Tagen, da finden wir mehr Plastik als Fisch.“

Cola-Dose von 1987

Lefteris Arabakis kam die Idee, die Crews mit einer monatlichen Prämie von 200 Euro pro Boot zu belohnen, wenn sie den Müll einsammeln, nachdem er vor drei Jahren gesehen hatte, wie ein Fischer, der dabei war, seine Netze vor der Kykladeninsel Naxos zu reinigen, eine Dose zurück ins Meer warf. Was den jungen Griechen mit dem Pferdeschwanz am meisten schockierte, war das Verfallsdatum für den Inhalt der Dose: „Es zeigte das Jahr 1987 an. Also schwamm das Stück Blech seit Jahrzehnten im Meer. Als ich dagegen protestierte, dass die Dose wieder ins Wasser flog, sagte der Mann: ‚Ich werde nicht dafür bezahlt, dieses Zeug aufzubewahren‘, und da kam mir die Idee. Mir wurde einfach bewusst, dass dringend etwas geschehen musste.“ Wie für viele in seinem Alter war es auch für Arabakis eine Herausforderung, angesichts der Verheerungen, die ein Jahrzehnt der Wirtschaftskrise und der Sparprogramme angerichtet hatte, in Griechenland zu bleiben. „Viele meiner Freunde waren unter den Hunderttausenden, die im Ausland ein besseres Leben suchten. Aber ich wollte wirklich bleiben und brauchte dafür eine Aufgabe“, so Arabakis, der als erster aus seiner Familie einen Universitätsabschluss in Betriebs- und Volkswirtschaft vorlegen kann. „Uns Griechen verbindet zwar eine lange Geschichte des Lebens mit dem Meer, trotzdem gab es keine Fischereischulen, die ausbilden und helfen konnten, die hohe Arbeitslosenrate zu senken und zugleich unsere Meere zu reinigen.“

2017 gründete er mit dem Beistand mehrerer griechischer und ausländischer Spender, u. a. der Clinton Foundation, Enaleia, eine Schule, die nicht nur darauf abzielt, die Zahl der ausgebildeten Kapitäne für Schleppnetzboote und Ingenieure zu erhöhen, sondern auch einer älteren Generation auf den griechischen Inseln nachhaltige Fischereimethoden näherzubringen. Das Durchschnittsalter der schätzungsweise 35.000 Fischer liegt dem griechischem Agrarministerium zufolge derzeit bei 64 Jahren. Angesichts der seit Mitte der 1990er um ein Drittel zurückgegangenen Fischbestände werden moderne Fangtechniken immer dringender. „Es besteht ein unglaublicher Bedarf an jungen, ökologisch denkenden Leuten“, sagt Arabakis. „Wir würden gern für Fischerei-Tourismus werben, der 2015 gesetzlich erlaubt wurde. Aber wenn die Touristen an umweltfreundlichen Touren teilnehmen sollen, die es den Fischern ermöglichen, weniger zu fischen, aber mehr zu verdienen, müssen letztere zuerst einmal Englisch sprechen.“

Bislang verließen Enaleia 63 Absolventen, fast nur Männer. Panagiotis Koumondouros, der am angesehenen Athener Polytechnikum Angewandte Mathematik und Physik studiert hat, ist typisch für eine Generation von Fachleuten, die Enaleia anlocken möchte. Nach Jahren vergeblicher Arbeitssuche auf dem Höhepunkt der griechischen Finanzkrise schrieb er sich im Vorjahr an der Schule ein. „Ich habe es immer geliebt, mit dem Speer zu fischen. Und nachdem ich mich jahrelang mit Online-Poker über Wasser hielt, habe ich mir gesagt: Warum nicht?”, erzählt er zitternd in der Kälte des späten Abends, die sich über den Fischmarkt von Keratsini gelegt hat. „Ich habe so viel über das Meer gelernt, über Fische, über Meerestiefen, und wo sie zu finden sind. Jetzt habe ich vor, mir ein Boot anzuschaffen und mit anderen Freiwilligen an den Ort zu gehen, an dem sich ein gigantisches Geisternetz mit Tonnen von Unrat befindet, und es zu säubern.“

Lefteris Arabakis arbeitet bereits mit einer niederländischen Recycling-Firma zusammen, die Armbänder, Socken und Teppiche aus ausgemusterten Netzen herstellt. Doch selbst wenn er sein monatliches Ziel des Abfischens von Unrat erreiche, halte das „die weltweite Verschmutzung der Meere nur eine einzige Minute auf“. Dennoch ist sein Vater Vangelis, der als Fischhändler auf dem Markt arbeitet, froh, dass es Leute wie seinen Sohn gibt, die den rasant anwachsenden Plastikbergen im Meer etwas entgegensetzen. „Ich wusste es nicht besser und habe immer Sachen ins Meer geworfen, aber mein Sohn wurde anders erzogen“, murmelt er. „Das alles ist sehr traurig, aber ich freue mich auch darüber, dass es eine neue Generation gibt, die endlich etwas unternimmt.“

Helena Smith ist Griechenland-Korrespondentin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 05.06.2019
Geschrieben von

Helena Smith | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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