Die neue Welle der Fan-Filme

Leidenschaften Die cineastischen Hommagen von Fans an ihre Lieblingsfilme zeugen von wahrer Leidenschaft und wachsender Professionalität

Viele halten sie immer noch für Müll, den Leute mit zu viel Zeit und zu wenig Sozialkompetenz ins Netz stellen. Auch wenn dies in vielen Fällen zutreffen mag, so werden einige der Amateur-Fan-Filme, die heute auf You Tube oder andere Online-Plattformen gestellt werden, eines Tages von Filmliebhabern als die prägenden Arbeiten einer neuen Generation hochinnovativer Filmemacher angesehen werden.

Die Idee des Fan-Filmes – einer nichtkommerziellen Amateur-Arbeit, die von kommerziellen Filmen, Fernsehshows oder Comics inspiriert sein kann – ist nicht neu. Noch bevor sich in den 1970ern bei den Science-Fiction-Conventions ein größeres Publikum für selbstgemachte Hommagen an Science Fiction oder Fantasy-Filme fand, fassten jugendliche Film-Freaks wie Hugh Hefner und Batman-Fan Andy Warhol mit kurzen und verwackelten Ehrerweisungen an ihre Lieblingsstreifen in der Filmszene Fuß.

Leidenschaftliche Do-It-Yourself-Kultur

Durch die allgemeine Verfügbarkeit hochwertiger Aufnahmetechnik, die Möglichkeit sofortiger Verbreitung durch das Internet und die zunehmenden Beteiligung von Schauspiel- und Filmstudenten hat sich die Qualität einiger Arbeiten so stark verbessert, dass das Genre in den kommenden zehn Jahren einen ernsthaften Einfluss auf das kommerzielle Kino haben könnte. Manche von ihnen sind beißend, witzig und originell, eindrucksvoll produziert und können schauspielerisch überzeugen. Diese Filme nehmen sich und ihr Publikum sehr ernst und werden dafür belohnt. Einige, wie die hochambitionierte Herr-der-Ringe-Vorgeschichte "The Hunt for Gollum", wurden durch eine ganze Reihe von Teasern und Trailern angekündigt, bevor der Film – im Falle Gollums auf dem Sci-Fi London Film Festival – der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Viele, wie der großartige, abendfüllende "Return of the Ghostbusters", werden auf der ganzen Welt in Independent-Kinos bei von Fans organisierten Events zu sehen sein. Eine überaus komische Parodie auf Filmtrailer aus Hollywood, die nach Oscars gieren – Academy Award Winning Movie Trailer – wurde bereits am ersten Wochenende auf You Tube eine halbe Million Mal angeklickt.

Natürlich sind Fan-Filme in erster Linie dazu da, Besessenen eine Möglichkeit zu geben, am Leben ihrer Idole teilzuhaben. Der Fan-Film – die Camcorder-Version von "Star Wars" mit Löwenfiguren wie die Intellektuellen-HD-Version von "Der siebte Samurai Teil II" gleichermaßen – erwächst aus denselben Bedürfnissen wie das Sammeln von Autogrammen oder der Veranstaltung des örtlichen Marilyn-Monroe-Ähnlichkeits-Wettbewerbs. Die besten Fan-Filme befriedigen bei Aficionados jene Bedürfnisse, die Hollywood-Filme oft schuldig bleiben müssen und der zunehmende Einsatz von Virals legt nahe, dass die Industrie begriffen hat, wie wertvoll es ist, eine Beziehung mit dem Publikum aufzubauen, die über die zwei Stunden Laufzeit des eigentlichen Filmes hinausgeht.

"Die Beziehung zwischen dem Amateur-Filmemacher und seinem Publikum ist definitiv eine sehr offene", sagt Nick Kocher, die eine Hälfte von Britanick, dem Team, das hinter Academy Winning Award Movie Trailer steht. "Das ist einer der Gründe, warum sich Internet-Videos manchmal größerer Beliebtheit erfreuen als Kinofilme. Niemand sieht dir über die Schulter und sagt dir, dass du dies oder jenes nicht machen kannst oder dass es sich nicht verkaufen lässt. Wenn es nicht mehr ums Geld geht, können die echten und ambitionierten Sachen entstehen. Ich möchte die Hollywood-Filme nicht mies machen, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Machern und Fans ist bei den Fan-Filmen immens."

Der 20-jährige Fimstudenten Jeff Loveness aus Kalifornien, dessen "Wes Anderson Spider Man"-Video seit seiner Veröffentlichung auf You Tube im Februar bereits an die 750.000 mal geklickt wurde, stimmt zu: "Manchmal werden die Zuschauer durch die Kombination aus mangelndem Budget und der Qualität des Films so gerührt, dass sie sich dem Film sehr verbunden fühlen. Sie wissen, dass ein ganz normaler Typ ihn gemacht hat. Der technische Fortschritt macht es möglich, dass ganz gewöhnliche Leute Filme machen, die wirken, als seien sie im Studio produziert worden, aber der persönliche Faktor, der sie ihrem Publikum näher bringt, bleibt, weil sie nicht so kalt und berechnend wirken wie die Produkte der Filmindustrie."

Ambiotionierte Subkultur im Netz

Nach Ansicht von Stuart Cosgrove, der beim britischen Fernsehsender Channel 4 für die verschiedenen nationalen und regionalen Programme zuständig ist und sich sehr für User digitaler Medien engagiert, sind Filme wie der von Loveness das logische Ergebnis der Verbindung zweier zeitgenössischer Trends: „Diese Filme greifen oft den Trend auf, offizielle und etablierte Medien-Images zu parodieren. Wir haben das im vergangenen Wahlkampf gesehen, wo jedes Poster parodiert und mit Photoshop verändert wurde, aus dem einfachen Grund, dass die Mittel dazu zur Verfügung standen. Das entwickelt sich im Netz zu einer echten Subkultur. Gepaart mit dem Do-it-yourself-Ethos des Punk ergibt sich hieraus eine neue Wirklichkeit, in der die Verbreitung [von Bildern, Botschaften, etc. d.Ü.] durchlässiger und aufdringlicher ist. Jetzt gibt es viele Sender und viele Empfänger, nicht nur wenige Sender und viele Empfänger. Die Kultur des Just do it floriert."

Zwar gibt es immer noch die typischen Fan-Filme, die kaum mehr als sklavisch-treue Kopien von Science-Fiction-Klassikern wie Star Wars und Star Trek sind, doch inzwischen entstehen weitaus mehr Filme, die sich mit der Film- und Medienkultur ganz allgemein auseinandersetzen und cinematographische Stile, filmische Klischees, die Vermarktung von Filmen und die Konventionen des Fanseins kommentieren. Der Fan-Film hat einen langen Weg zurückgelegt, seit die ersten beiden dicken, bärtigen Typen mit Lichtschwertern aus dem Restpostenladen in einem Wald herumfuchtelten. Heute zählen die brillant beobachtenden Low-Budget-Arbeiten eines Brandon Hardesty, der auf schrullige Art Filme mit Prominenten neuinszeniert (Woody Allen und Arnold Schwarzenegger drehen zusammen noch einmal Das Schweigen der Lämmer, Christopher Walken und Jack Nicholson Willy Wonka the Chocolate Factory) und die Hochglanz-Satiren des Comedy-Teams Elephant Larry zu den neuen Klassikern.

Die große Frage ist, was als nächstes kommen wird. Unter den aktuellen Fan-Film-Regisseuren sind einige, die schon bald zur nächsten Generation der Hollywood-Größen oder zu den Lieblingen des Independent-Kinos gehören könnten. Loveness und die Jungs von Britanick sind prototypisch für diese vielversprechenden neuen Stars der Szene: Filmstudenten Anfang 20, die von der Sprache und der Methodik des Kinos durchdrungen sind, fortlaufend ihre Kunst verfeinern und denen die Aufmerksamkeit, die ihre Arbeiten ihnen bescheren, die nötigen Kontakte in die Filmindustrie verschafft. Sie sind überzeugt, dass ihnen die You Tube-Lernkurve nicht nur geholfen hat, ihren Ansatz zu verbessern und einen persönlichen Stil zu entwickeln, sondern auch einige Überzeugungen verfestigt hat, die ihren Ausflug ins kommerzielle Filmgeschäft beeinflussen werden. "Die neuen Filmemacher wissen, dass sie im Film keine Sekunde verschwenden dürfen", meint Loveness. "Man lernt, wie wichtig es ist, eine faszinierende Frage zu stellen oder einen großartigen Titel zu finden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das Online-Publikum ist anders als das leicht zu fesselnde Publikum der Kinosäle – man muss die Leute dazu zu bringen, weiter zuzuschauen, aber eben nicht durch billige, primitive Witze. Bei meiner Wes-Anderson-Parodie war ich etwas in Sorge: Es gab darin so viele subtile Anspielungen und Witze, dass ich nicht wusste, ob jeder sie verstehen würde. Aber der Film hat so viele Menschen angesprochen, die ihn voll und ganz verstanden haben. Das war für mich ein Beweis dafür, dass man nicht in groben Zügen denken muss, um ein ordentliches Publikum zu finden. Das Publikum findet dich von selbst."

Kocher und McElhaney sind beide davon überzeugt, dass You Tube ihnen beigebracht hat, "dass man seine persönliche Integrität nicht aufgeben muss, um beim Publikum anzukommen". Und sie sind beide entschlossen, die Zügel selbst in den Händen zu behalten, egal wie viele Blockbuster sie ins Geschäft locken wollen. "Das Besondere an uns ist, dass wir Drehbücher schreiben, Regie führen, schauspielern und die Filme selbst nachbearbeiten", erklärt Kocher. "Dafür sind wir bereit zu kämpfen. Ricky Gervais hat mit The Office bewiesen, dass das möglich ist. Auch die Coen-Brüder haben das von Anfang an unter Beweis gestellt; als sie dann ein Budget bekamen, hat keiner in Frage gestellt, ob sie die Kontrolle über alles haben sollten. Wir machen uns You Tube zunutze, um zu beweisen, dass wir das auch können. Wir verdienen uns unsere Sporen."

Zehn der besten neuen Fan-Filme

Academy Award Winning Movie Trailer Nick Kocher und Brian McElhaney benötigten zehn Tage "vom ersten Entwurf bis zum letzten Schliff" um diese handwerklich saubere Parodie auf die typischen Klischees in Trailern für Hollywood-Filme zu drehen; unter den zwei Millionen, die den Film gesehen haben, sind auch Schauspieler Ashton Kutcher und der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert.


"Wes Andersons Spider-Man" Der 20-jährige Student Jeff Loveness wurde durch seine Leidenschaft für absurde Komödien im Stil von Monty Python und der Serie The Office zu diesem Trailer für den nächsten Spider-Man – hätte Anderson ihn gedreht – inspiriert.


The Hunt for Gollum Trotz des lächerlichen Budgets von 3.000 Pfund ist der Vorläufer zu "Herr der Ringe", den der britische Computer-Techniker Chris Bouchard gedreht hat, extrem professionell. Der 40-Minüter erreichte über 5 Millionen Zuschauer.


Celebrity Re-Enactment #1: Willy Wonka and the Chocolate Factory Komiker Brandon Hardesty hat eine ganze Reihe von neuen Versionen berühmter Filmszenen mit alternativen Hauptdarstellern (die alle von ihm gespielt werden) veröffentlicht. Das Celebrity Re-Enactment #1: Willy Wonka and the Chocolate Factory ist die erfolgreichste.


Mafia Die Mafia-Parodie des New Yorker Comedy-Teams Derrick reizt den Witz etwas zu sehr aus, doch die Kompetenz, die sie mit diesem Kurzfilm unter Beweis stellen, ist bemerkenswert. Ihr erster Spielfilm "Mystery Team" wurde im vergangenen Jahr beim Sundance-Festival gezeigt.


Return of the Ghosbusters Eine Hommage, die Regisseur Hank Braxtan sein „Fan-Film Meisterstück“ nennt. Die Autoren des offiziellen Ghostbusters-Videospiels mochten den Film so sehr, dass sie ihm in dem Spiel einen verdeckten Auftritt bescherten.


DVD Commentary: The Movie Auf der Webseite der New Yorker Komiker Elephant Larry gibt es eine ganze Reihe von Film-Persiflagen zu sehen. Diese postmoderne Persiflage auf die Kommentare, die auf DVDs als Extras angeboten werden, ist besonders gelungen.


Losing Lois Lane Dieser charmante Low-Budget-Kurzfilm von Blayne Weaver aus Louisiana zeigt uns Superman von einer ganz neuen Seite – ein lächerlicher Loser, der seine Tage damit verbringt seiner Freundin nachzutrauern, die ihn verlassen hat. Weavers erster Langfilm Weather Girl hatte im vergangenen Jahr beim L.A. Film Festival Premiere.


Grayson John Fiorellas Trailer für einen imaginären Film über den Comic-Helden Dick Grayson ist einer der beliebtesten Filme im Netz. Seit er veröffentlicht wurde, haben ihn 9 Millionen Zuschauer gesehen. Fiorella hat das ganze Drehbuch des nicht-vorhandenen Films auf seiner Webseite veröffentlicht.


Batman Dead End Sandy Corollas Film aus dem Jahr 2003 gilt für viele als der Fan-Film, der die neue, anspruchsvollere Ära eingeläutet hat. Regisseur Kevin Smith ("Clerkes") nannte ihn "den wahrscheinlich ehrlichsten und besten Batman-Film, der je gedreht wurde". Collora arbeitet zurzeit an seinem ersten Spielfilm.


Übersetzung: Holger Hutt/ Christine Käppeler

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16:48 17.05.2010
Geschrieben von

Jane Graham | The Guardian

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The Guardian

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