Die Niedrigste von allen

Indien Mayawati Kumari war einst die Heroine der Armen. Heute ist ihr Image verschlissen. Im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh kämpft sie um die Wiederwahl

Als sie den Hubschrauber hören, geraten die Frauen, die zuvor ungerührt eine Stunde lang diversen Reden gelauscht haben, in Bewegung. Als er über ihnen schwebt, stehen sie auf ihren Stühlen. Als er landet, inmitten einer Schmutzwoge, die an ihren billigen Nylonsaris zerrt, recken sie die Arme. „Behenji zindabad! Lang lebe unsere geliebte und geachtete Schwester.“ Ein teures Allradfahrzeug fährt auf den Helikopter zu, dem eine klein gewachsene, nicht sonderlich elegante Frau entsteigt. Mit dem Auto fährt sie die 50 Meter bis zu den Jubelnden, steigt an einer Bühne aus und nimmt auf einem arrangierten Sofa Platz.

Die 56-jährige Mayawati Kumari bewirbt sich erneut um eine fünfjährige Amtszeit als Chefministerin des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh, der mit seinen 190 Millionen Menschen das fünftgrößte Land der Erde sein könnte, wäre er unabhängig. Die Mitte Februar begonnenen Wahlen, die sich über einen Zeitraum von einem Monat strecken, sind längst nicht nur ein regionales Ereignis.

Abgesehen von den Regionen des Staats, die an die Hauptstadt Delhi grenzen, ist in Uttar Pradesh vom „neuen strahlenden Indien“ nichts zu sehen. Vielmehr herrscht größere Armut als im subsaharischen Afrika, woran auch ein Kastensystem schuld ist. Dieses hierarchische Regime behauptet sich hartnäckig – so bestürzend dieser Anachronismus auch sein mag. Obwohl es in der Politik nicht selten korrupt und männlich brutal zugeht, zählen die Stimmen der Frauen in den billigen Saris. Deshalb ist Mayawati hierher, in die Kleinstadt Gonda im Norden Uttar Pradeshs, gekommen, um mit ihnen zu reden.

Kodex der Ehrerbietung

Geboren wird Mayawati 1956 in einem 650 Kilometer weit entfernten Dorf am anderen Ende des Bundesstaates. Sie ist – um ein einheimisches Wort zu bemühen, das für indische Regionalität und Authentizität steht – durch und durch desi. Ihr Vater arbeitet als Regierungsbeamter, gilt als Dalit und damit als Angehöriger der niedrigsten aller Kasten. Die als „Unberührbare“ bezeichneten Dalits bleiben zeit ihres Lebens benachteiligt. Das macht sich in den Städten weniger bemerkbar als auf dem Land, wo Dalits Fronarbeit für höhere Kasten leisten und getrennt von ihnen leben. Oft sind ihnen die Brunnen, die Schule oder der Friedhof ihres Dorfes verboten. Mayawati kennt das von Kindheit an.

Als sie acht wird, zieht die Familie in die Kolonie Jugghi Jupri in der Nähe von Delhi. Es gibt dort weder sanitäre Einrichtungen noch Strom. Heute drängen sich in Jugghi Jupri mehr als 100.000 Menschen in wackligen, sechsstöckigen Mietshäusern und lassen das Abwasser durch enge Gassen fließen, in denen Händler Obst verkaufen und Kühe zwischen Plastiktüten wühlen. Der 55-jährige Ganga Warsi lebt noch immer am Rande jenes kleinen Grundstücks, auf dem Mayawati ihre Jugend verbracht hat und nun ein windschiefes Haus steht. Er erinnert sich an die Schwester von sechs Brüdern, die ernst und zänkisch gewesen sei. „Ich habe sie nie spielen sehen. Neben der Schule, den Büffeln und der Hausarbeit blieb nicht viel Zeit.“

Mayawatis Familie gehört zu den chamar, den Gerbern und Lederarbeitern und damit zu den „Unsaubersten“ von allen „Unberührbaren“. Ganga Warsi weiß noch, wie Mayawati einmal von einer Wasserstelle vertrieben wurde, weil sie eine chamar war. Einen Riesenstreit habe das gegeben. „So etwas passierte oft, obwohl die Leute versuchten, ihr aus dem Weg zu gehen.“

Als Mayawati 21 ist, hat sie ein Erweckungserlebnis. In den späten sechziger Jahren politisieren sich die Dalits wie nie zuvor. In Jugghi Jupri treffen sie sich regelmäßig zu Meetings, um den Dalit-Führer Bhimrao Ambedkar zu ehren und aus seinen Werken zu lesen. Der Jurist hat große Teile der indischen Verfassung entworfen. Bei einem solchen Treffen lässt Mayawati eine Tirade gegen einen älteren Mann los, der einer oberen Kaste und der herrschenden Kongresspartei angehört. Sie bricht mit dem Kodex der Ehrerbietung und wirft ihm vor, seine Partei habe nichts für Menschen wie sie getan – sie stattdessen nur bevormundet.

Kanshi Ram, ein charismatischer Aktivist, der sich für die Rechte der Dalits einsetzt, erfährt von diesem Eklat. Zwischen dem beinahe 20 Jahre älteren Mann und der jungen Mayawati entsteht eine enge, allerdings platonische Partnerschaft. Nachdem sie Kanshi Ram kennengelernt hat, kehrt Mayawati dem Vater den Rücken, wirft ihr Studium hin und zieht bei ihrem Mentor ein. „Es war ein Skandal“, erinnert sich Bala Ram, ein Freund der Familie.

1984 gründet Kanshi Ram die Bahujan Samaj (BSP) als Partei der Mehrheit, was sich auf all jene bezieht, die aus keiner hohen – in der BSP-Literatur als „Ausbeuter“ bezeichneten – Kaste stammen. Eine neue Schicht gebildeter Dalits verschafft sich Gehör und ist fasziniert von Mayawati, die Tausende Reden auf Tausenden von Versammlungen hält und oft mit dem Fahrrad von der einen zur nächsten fährt.

1989 erringt sie nach mehreren Anläufen einen Sitz im Unterhaus, der Lok Sabha in Delhi, wo ihre lässige Kleidung, die volkstümliche Sprache, ihr traditionell geöltes Haar und eine oft aggressive Haltung auf herablassende Empörung bei den Eliten der etablierten, oberen Kasten stoßen. Mancher beschwert sich gar, Mayawati rieche nach Schweiß.

Zentrum ihres politischen Seins bleibt jedoch Uttar Pradesh mit seinem chaotischen Wirrwarr aus Kastenwesen, Religion, Geld und roher Stärke. 1995 wird Mayawati hier zum ersten Mal Chefministerin. Das „Wunder der Demokratie“, wie es seinerzeit genannt wird, dauert nur drei Monate – gerade lang genug, um Hunderte von Beamtenposten an Dalits zu vergeben und in der Hauptstadt Lucknow einen weitläufigen Park zu Ehren berühmter Dalits in Auftrag zu geben. 1997 ist sie wieder Chefministerin, diesmal für sechs Monate. 2007 schließlich gelingt der BSP ein überwältigender Triumph in Uttar Pradesh, sodass Mayawati kurz als potenzielle Premierministerin Indiens gehandelt wird. Doch werfen ihr Kritiker inzwischen vor, sie unterscheide sich nicht mehr von anderen Mächtigen, der Kontakt zu den Massen sei verloren.

Mit Mantel und Handtasche

Mayawati bewohnt heute ein stattliches Anwesen in Lucknow, das – ebenso wie die benachbarte BSP-Zentrale – von hohen Mauern und Geschütztürmen umgeben ist. Wenig Persönliches wird über sie kolportiert. Nur, dass sie weder verheiratet noch anderweitig liiert sei und ihre Familie nur unregelmäßig sehen könne. Sie umgibt sich mit Stellvertretern, Dissens wird nicht toleriert, nicht von Bürokraten, erst recht nicht von Parteiarbeitern. Das letzte Wort hat immer sie, ein Kabinett als solches existiert nicht.

„Sie legt eine Mischung aus Megalomanie und Paranoia an den Tag“, sagt der Polit­analyst Ramachandra Guha. „Sie glaubt, alle hätten es auf sie abgesehen, aber sie sei stärker.“ Sollte sie bei der laufenden Wahl scheitern, werden ihre sichtbarste Hinterlassenschaft die Bauwerke sein, die sie errichten ließ – riesige Monumente aus verschwenderischem Marmor, mit Reliefs aus roten Sandsteinelefanten (die Tiere sind das Symbol der BSP), ein gigantisches, von gewaltigen Treppen flankiertes Mausoleum und 15 Meter hohe Statuen, die Mayawati mit Mantel und Handtasche zeigen.

Vor einem dieser Bauten – sie werden nach dem Willen der Wahlkommission gerade verkleidet, damit schwankende Wähler sich nicht beeinflussen lassen – meint ein Kunststudent, selbst Dalit, das Geld für diese Architektur wäre besser in Schulen geflossen. Ein solcher Einwand ist freilich keineswegs repräsentativ für Millionen anderer Dalits, denen diese Anlagen Zeugnis dafür sind, dass Mayawati „aus dem Nichts“ zur Heldin wurde. „Sie macht mich stolz. Ich werde ihr meine Stimme geben, und meine Kinder werden das genauso tun“, sagt eine Schusterin, die eine Tagesreise auf sich genommen hat, um ein neu eröffnetes Monument in der Stadt Noida zu bestaunen.

Mayawatis enormer Wohlstand wird ähnlich gerechtfertigt. Wenn sie auftritt, zeigt sie sich diamantenbehangen. Ein BSP-Funktionär aus Lucknow erklärt, dieser Reichtum sei Spenden zu verdanken, die Unterstützer „für die Sache“ entrichteten. Da sie keine Kinder habe, würden die Gelder nach ihrem Tod zurückerstattet.

Jason Burke ist Auslandskorrespondent des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman

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15:00 03.03.2012
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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The Guardian

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