Wie im Kriegsgebiet

Frankreich Eine Nation steht unter Schock, das Trauma der Anschläge von Freitagnacht sitzt tief. Populistische und rechtsextreme Gruppen könnten den Hass weiter schüren
Wie im Kriegsgebiet
Überlebende vor dem Konzertsaal Bataclan. Über 120 Menschen starben bei den Anschlägen, rund 200 wurden verletzt
Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images)

Wieder herrscht absolutes Grauen in Paris. Tote liegen in den Straßen. Freunde und Verwandte rufen verzweifelt an, Panik macht sich breit. Eine Nation steht unter seelischem Schock. Das Jahr, das mit den Anschlägen auf Charlie Hebdo begann, endet mit erneuten, noch dramatischeren Angriffen.

Als sich die Ereignisse im Laufe der Nacht überschlugen, wurde schnell offensichtlich, wie weitreichend die Konsequenzen dieser Anschläge für die französische Republik, die weiteren politischen Entwicklungen und ihren sozialen Zusammenhalt sein werden. Präsident Hollande erklärte den Ausnahmezustand, setzte Militär ein. Am Samstagvormittag sagte er, die Anschläge in Paris seien von der Terrormiliz Islamischer Staat verübt worden.

Das letzte Mal, dass in Frankreich der Ausnahmezustand erklärt wurde, war während der Aufstände in den Vorstädten 2005, als die Gewalt zwischen der Polizei und Jugendlichen eskalierte, von denen die meisten Einwandererkinder der zweiten Generation waren. Doch das Wort Ausnahmezustand verbinden die meisten in Frankreich historisch mit dem Algerienkrieg in den 60ern und dem damaligen Versuch eines Militärputschs.

Die Szenen, die sich gestern Nacht in Paris abspielten, glichen einem Kriegsgebiet und werden als solche in Erinnerung bleiben. Das Trauma wird tief sitzen und neben den vielen Fragen (wie konnte das passieren? Wo gab es Sicherheitslücken?) sind auch politische Konsequenzen zu erwarten. Wie wird der rechte Front National davon profitieren?

Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo sprach Premierminister Manuel Valls vor dem Parlament von einem Land „im Krieg“. Er fügte hinzu, dass Frankreich „nicht im Krieg mit dem Islam stehe“, und dies war ein Signal an den muslimischen Teil der Bevölkerung, der in Frankreich so groß ist wie nirgends sonst in Europa. Doch seine Worte konnten kaum die unterschwelligen Spannungen beschwichtigen, welche sich in den Vierteln ausbreiteten.

Noch ist es zu früh, um die Vorgänge genau zu beurteilen. Einem Medienbericht zufolge rief ein Attentäter „das ist für Syrien“ bevor der das Feuer eröffnete. Hollande sagte im franzöischen Fernsehen: „Wir wissen, wer diese Menschen sind.“ Die Orte waren sicherlich gut vorbereitet – alle in einer Nacht und an unterschiedlichen Orten, an denen viele Menschen zusammenkamen. Das Bataclan ist eine beliebte Konzerthalle, die freitags immer voll ist.

Der Anschlag in der Nähe des Stadions, wo Frankreich gegen Deutschland spielte und Präsident Hollande zugegen war, ist ebenso symbolträchtig. Die Ziele waren mit Sicherheit klar durchdacht. Sicherheitsexperten haben nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo immer gewarnt, dass weitere Gefahren von jihadistischen Gruppen wie dem Islamischen Staat ausgehen werden. Doch nie war dieses Ausmaß, im Herzen der Hauptstadt, je als Möglichkeit erwähnt worden.

Frankreich ist seit vielen Jahren als Militärmacht in den Kampf gegen den dschihadistischen Terrorismus involviert: Am stärksten seit Januar 2013 im Sahel, als es die Operation in Mali begann, die auch benachbarte afrikanische Staaten einschloss. Mehrere tausend französische Soldaten sind dort weiter im Einsatz, mit Luftanschlägen, die regelmäßig töten. Seit 2014 ist Frankreich Teil der Koalition gegen den IS im Irak. In diesem Jahr wurde diese Mission (wenn auch in sehr kleinem Rahmen) auf syrisches Gebiet ausgeweitet.

Frankreich ist eines der europäischen Länder, aus dem hunderte von IS-Anwärtern nach Syrien gereist sind, darunter viele, die in Frankreich geboren wurden und hier eine Schulbildung durchlaufen haben, einige sind auch Konvertiten. Online hat die Radikalisierung zugenommen – ein Phänomen, das sektenähnliche Züge trägt. Vieles davon  trifft auf problematische soziale und wirtschaftliche Umstände wie hohe Jugendarbeitslosigkeit, insbesondere in den Vororten, und rassistische Diskriminierung gegen Araber und Afrikaner.

Die französischen Muslime werden nun noch mehr fürchten, dass sie mit Fanatismus und Terror in Verbindung gebracht werden. Populistische und rechtsextreme Gruppen könnten den Hass noch mehr schüren.

Im Januar gingen die Angriffe der Terroristen gegen Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt drei Tage lang, Journalisten, Polizisten und jüdische Bürger wurden ermordet. Die größte Demonstration seit der Befreiung Frankreichs 1944 wurde unter dem Slogan „Je suis Charlie“ für den darauffolgenden Sonntag organisiert. Wesentlich ist nun für die franzöischen Politiker, dass sie Signale senden, die eben jene sozialen Verwerfungen und das landesweite Chaos verhindern, welche die Drahtzieher hinter diesen Anschlägen ohne Zweifel auslösen wollen.

Für Europa und den Westen sind die erneuten Anschläge in Paris eine brutale und traumatische Ermahnung, dass wir immer noch im Zeitalter nach 9/11 leben.

Übersetzung: Christine Käppeler

Natalie Nougayrède ist Kolumnistin und Frankreich-Korrespondentin des Guardian

11:20 14.11.2015
Geschrieben von

Natalie Nougayrède | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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