Die Privatisierung des Geldes

Macht Privatbanken schöpfen Kredite aus dem Nichts. Wie es dazu kam, was das mit der Krise zu tun hat und wie es anders gehen würde – das Beispiel Großbritannien
Die Privatisierung des Geldes
Wo kommt das Geld eigentlich her?

Bild: Kazuhiro Nogi/AFP/Getty

Es ist allgemein bekannt, dass die Polizei es nicht gern sieht, wenn man sich zuhause eigene Zehn-Euro-Scheine druckt. Eine kleine Gruppe von Unternehmen ist allerdings autorisiert, mehr Geld zu schöpfen und auszugeben, als Geldfälscher jemals drucken können. Im Branchenjargon heißen diese Unternehmen „monetäre Finanzinstitute“, werden von der kleinen Frau auf der Straße aber meistens einfach als „Banken“ bezeichnet.

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Lesen sie mehr zum Thema in Ausgabe 21/16 mit Wirtschaftsteil

Bei dem Geld, das diese Institute praktisch aus dem Nichts schöpfen, handelt es sich nicht um das Papiergeld, das das Logo der deutschen Bundesbank oder der Bank of England trägt. Die Rede ist vielmehr von dem elektronischen Geld, dass Sie am Bankautomaten angezeigt kriegen, wenn sie Ihren Kontostand abfragen. Dieses elektronische Geld macht in Großbritannien gegenwärtig über 97 Prozent des insgesamt im Wirtschaftskreislauf befindlichen Geldes aus. Nur drei Prozent existieren noch in der altmodischen Form von Bargeld, das man anfassen und unter der Matratze verstecken kann.

Geld aus dem Nichts

Schwer zu glauben, nicht wahr? Martin Wolf, einer der Experten, der in der unabhängigen Kommission zur Untersuchung des Bankwesens 2010/2011 in Großbritannien saß, formulierte es in der Financial Times ganz offen: „Das Wesen des gegenwärtigen Geldsystems“ bestehe darin, „dass Privatbanken mit ihren häufig unklugen Kreditvergaben Geld aus dem Nichts schöpfen“.

Und so funktioniert es: Wenn Sie die Bank um Geld bitten, um sich in London ein Wohnklo zu kaufen, stammt der Betrag, der auf Ihrem Konto erscheint, nicht aus den Ersparnissen irgendeiner Großmutter. Tatsächlich tippt bei der Bank jemand diesen Betrag einfach in die Benutzeroberfläche irgendeines Rechners ein und schöpft so brandneues Geld, das Sie nun ausgeben können. Da andere Banken genau das gleiche machen, wächst die in Umlauf befindliche Geldmenge immer weiter an. Jeder neue Kredit schafft neues Geld. Das treibt die Hauspreise wieder ein klein wenig in die Höhe und zwingt den nächsten Käufer, sich noch mehr von der Bank zu leihen. Eine detailliertere und vollständige mit Nachweisen versehene Erklärung dieses Prozesses findet sich in dem Buch Where Does Money Come From?, das die britische Denkfabrik New Economics Foundation herausgegeben hat.

Durch diesen Prozess der Geldschöpfung sind die Banken in der Lage, die Geldmenge jährlich um 11,5 Prozent aufzupumpen, damit die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben und eine ganze Generation vom Markt für Wohneigentum zu verdrängen.

Die Kehrseite: Schulden

Natürlich besteht die Kehrseite der elektronischen Medaille darin, dass mit jedem neuen Kredit neue Schulden entstehen. Hier liegt die Quelle für die exorbitante Verschuldung unserer Privathaushalte – nicht Geld, das von Rentnern in weiser Voraussicht auf die hohe Kante gelegt wurde, sondern Geld, das von Banken aus dem Nichts geschaffen wurde, und an jeden Beliebigen verliehen wird. Irgendwann wird die Schuldenlast zu groß und wir sehen eine erneute Welle von Zahlungseinstellungen, wie sie schon die aktuelle Finanzkrise mit ausgelöst hat.

Doch wie konnte es geschehen, dass etwas so Wichtiges wie Geld einfach privatisiert wurde? Wie konnte die Befugnis, Geld zu schöpfen, in die Hände eben jener Banken fallen, die eine Krise verursacht haben, die für Millionen einfacher Leute verheerende Konsequenzen hatte?

Unglaublich, aber wahr: Das Gesetz, das es für illegal erklärt, dass Sie zuhause Ihr eigenes Geld drucken, wurde nie aktualisiert und angepasst, damit es auch für von den Banken geschöpftes, elektronisches Geld gilt. Seitdem wir angefangen haben, elektronisches Geld zu benutzen, hat Bargeld immer mehr an Bedeutung verloren und das Recht zur fröhlichen Geldvermehrung ging an die Banken über. Ohne dass es irgendjemand gemerkt hätte, wurde diese Macht heimlich, still und leise privatisiert.

Während kriminelle Banden pro Jahr Blüten im Wert von 2, 5 Milliarden Pfund Sterling drucken, schöpfen alle britischen Banken zusammen über 100 Milliarden pro Jahr, ohne ein einziges Gesetz zu brechen. Zur Belohnung erhalten sie die Zinsen, die gegenwärtig auf beinahe jedes existierende Pfund erhoben werden. Der Preis für den Rest von uns besteht in lebenslanger Verschuldung.

Eine einfache Lösung

Das führt uns zu einer sehr einfachen Lösung der Finanzkrise. Viele werden überrascht sein zu hören, dass die Antwort auf unsere gegenwärtige Währungskrise von einem ehemaligen konservativen Tory-Premier kommt. Im Jahre 1844 erkannte Sir Robert Peel, dass Metallmünzen, die zu dieser Zeit die einzige legale Form von Geld waren, zunehmend durch neue, von den Banken ausgegebene Papiernoten ersetzt wurden. Das Papiergeld war leichter, bequemer und daher auch bald schon wesentlich beliebter. Peels Bank Charter Act von 1844 verbot den Banken, Papiergeld zu drucken und unterstellte die Geldschöpfung wieder der Kontrolle durch die Bank von England. Wir sollten mit der Befugnis, elektronisches Geld zu schöpfen, exakt das Gleiche tun. Meine Organisation Positive Money, hat sogar ein Gesetz entworfen, das nötig wäre, um dies umzusetzen.

Indem wir uns diese Macht wieder aneignen, können wir gewährleisten, dass neues Geld nicht dafür verwendet wird, die Immobilienpreise aufzublasen und riskante Spekulationen zu finanzieren. Stattdessen kann das neu geschöpfte Geld über ganz gewöhnliche Konsumenten an den Wurzeln in den Wirtschaftskreislauf eingeführt werden. Dann landet es in Läden, Geschäften und bei Unternehmen, die es wiederum für Investitionen, Wachstum und neue Arbeitsplätze nutzen können. Die Banken lediglich dazu zu bringen, wieder Geld zu verleihen, wird nichts nützen, wenn die Privathaushalte bereits unter einem Berg von Schulden ächzen. Was wir brauchen ist mehr Geld, nicht mehr Schulden. Das ist aber unmöglich, solange die Geldschöpfung nur darüber stattfindet, dass sich Menschen bei den Banken verschulden.

Natürlich müssen wir die Befugnis zur Geldschöpfung vor Politkern auf Stimmenfang schützen. Aber die Recht zur Geldschöpfung ist viel zu gefährlich, um es in den Händen der Banken zu belassen, die die Krise verursacht haben. Darin, ihnen diese Macht wieder zu nehmen, liegt unsere größte Hoffnung, sowohl die gegenwärtige Krise zu beenden, als auch die nächste zu verhindern.

Ben Dyson ist Mitgründer der Positive-Money-Bewegung mit Sitz in London. Vorher hatte er sein Ökonomie-Studium wegen dessen Realitätsferne abgebrochen und für ein Start-up im Finanzsektor gearbeitet

Übersetzung: Holger Hutt

12:26 23.05.2016
Geschrieben von

Ben Dyson | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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