Die Pulverspur

Ägypten Noch heute könnte es zu einer verheerenden Konfrontation in Kairo auf dem Tahrir-Platz kommen. Die Armee steht vor einer Entscheidung von historischer Tragweite

Der ägyptische Präsident Mubarak hat gestern Abend eine Pulverspur gelegt, die heute mit einer verheerenden Konfrontation zwischen der Armee und dem ägyptischen Volk explodieren könnte, wie sie bisher vermieden werden konnte. Das Militär sieht sich nun einem enormen Dilemma gegenüber. Mubaraks kurz gemurmelter Hinweis, er werde einen Teil seiner Macht an seinen Vize übertragen, stellten niemanden zufrieden. Wird die Armee nun mit Hilfe unterdrückerischer Maßnahmen auf den Straße versuchen, eine neue Version des nasseristischen Staates zu errichten, oder werden die Demonstranten sich durchsetzen, die auf dem Tahrirplatz rufen „Wir wollen eine zivile Regierung“?

Rückbesinnung auf 1919?

Die Halsstarrigkeit des Präsidenten bringt die Armee in einem Moment in Zugzwang, da die Macht des Volkes wie der Nil, der über die Ufer tritt, die politische Landschaft Ägyptens mit einer Wucht überflutet hat, die noch vor wenigen Wochen undenkbar gewesen wäre. Wenn das Wasser sich zurückzieht, wird ein neues Ägypten erscheinen, noch weiß allerdings niemand, wie viel vom Alten übrig bleiben und wie viel des Neuen fortbestehen wird. Klar ist, dass die Armee schleunigst handeln muss um zu zeigen, dass sie Verantwortung übernimmt und dass Mubarak inzwischen irrelevant ist, wenn es nicht zu einer gewaltsamen Zuspitzung der Situation kommen soll.

Faktisch müssen die Soldaten entscheiden, ob das Land mit der Errichtung einer angeblich besseren Version des von den Freien Offizieren errichten Hybriden aus Militär – und Zivilstaat ein neues 1952 erfahren soll, oder ob man sich auf die Revolution von 1919 zurückbesinnt, um die parlamentarische Demokratie im britischen Stil zu erneuern, die nach dem damaligem Aufstand entstand. Eine Entscheidung von großer Tragweite.

Ägypten ist gespalten zwischen Führern älterer Generation, zu denen auch einige der etablierten Oppositionellen gehören und die angesichts der Geschehnisse weitenteils perplex zu sein scheinen, und einer jüngeren Generation, die von den Ereignissen an die politische Front geschleudert wurden. Viele dieser Neulinge sind möglicherweise ebenso verwirrt, wie die Älteren. Hat die ältere Generation Widerwillen gezeigt, die Macht abzutreten, sind die Jüngeren nicht darauf vorbereitet, diese auszuüben.

Doch so ist nun einmal, wenn die Impulse für einen Wandel so lange eingedämmt und gestaut wurden.

Die Armee ist in der Pflicht

Das Bemerkenswerteste an der Situation in Ägypten ist die Abwesenheit starker Führungspersönlichkeiten auf allen Seiten. Die Barone der Armee und der Regierungspartei sind älteren Semesters und kompromittiert durch ihre Komplizenschaft mit dem unterdrückerischen System, dem sie gedient haben. Auf der Seite der Opposition sind sowohl Muhammad Badi, der Kopf der Muslimbrüderschaft, als auch der säkulare Anwalt Mohamed El Baradei betagte Männer und eher Anhänger als Anführer der Revolution. Von den jungen Männern und Frauen zwischen zwanzig und vierzig kennen wir bis auf einige Figuren wie den Blogger Wael Ghomin nur wenige.

Ägypten hat eine solch junge Erneuerung nicht mehr erlebt, seit die Revolution der Freien Offiziere Majore und Hauptmänner an die Macht gebracht hat. Gamal Abdel Nasser war damals 34. Die Aufmachung der gestrigen Erklärung des Militärs als „Kommunique Nr. 1“ deutet auf ein bewusstes Zurücklauschen in diese früheren Zeiten hin. Doch ist die heutige nicht die Armee von 1952, als die beteiligten Majore und Hauptmänner die Unterstützung des Volkes für ihr eigenes politisches Projekt gewannen.

Diese Armee steht nun vor einer anderen Pflicht, einer, die sie nicht verkennen sollte. Die beiderseitige Verwirrung, die Kluft zwischen den Generationen, die Mischung aus Hochgefühl, Besorgnis und inzwischen auch Furcht, die Ägypten charakterisieren, bedeuten, dass Omar Suleiman recht hatte, als er von der Notwenigkeit eines Fahrplans sprach. Der Richtige ist allerdings nicht der regimefreundliche Pfad, auf den er gestern Abend drängte, als er die Demonstranten aufrief, die Straßen zu verlassen und zur Arbeit zurückzukehren.

Das Militär hat sich nun heute morgen tendenziell auf die Seite Mubaraks gestellt. Ob ein Richtungswechsel noch möglich ist? Es müsste Mubarak isolieren und bei der Installation einer Regierung der nationalen Einheit behilflich sein, der auch einige Militäroffiziere angehören, die aber nicht von diesen dominiert wird. Am Ende muss die Armee sich aus der Politik zurückziehen. Zuvor aber hat sie Wahl, den Wandel zu fördern oder ihn, mit möglicherweise blutigen Konsequenzen, zu blockieren.

Wie das übrige Ägypten muss die Armee mit der Vergangenheit brechen.


Übersetzung: Zilla Hofman

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12:25 11.02.2011
Geschrieben von

Editorial | The Guardian

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