Die Privatisierung der Wohlfahrt

Facebook Die Milliardenspende von Zuckerberg ist eine große Geste. An der ungleichen Verteilung von Macht wird die Initiative nichts ändern – im Gegenteil
Die Privatisierung der Wohlfahrt
Hat gut lachen: Mark Zuckerberg

Foto: MONEY SHARMA/AFP/Getty Image

Es ist begrüßenswert, dass zwei prominente Milliardäre der Plutokratie ein Ende bereiten wollen. Und in Anbetracht der empörend ungleichen Verteilung von Vermögen und Einkommen sollte man die Reichen wohl auch nicht davon abbringen, große Summen ihres Vermögens zu spenden.

Mark Zuckerberg und Priscilla Chan haben ihre neugeborene Tochter am ersten Dezember mit einem gemeinsamen, auf Facebook veröffentlichten Brief willkommen geheißen und neben zahlreichen anderen Versprechungen angekündigt, nach dem Vorbild der Bill and Melinda Gates Foundation im Laufe ihres Lebens 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien der Chan-Zuckerberg-Initiative zukommen zu lassen.

Der Text, mit dem das Paar den Beginn seiner Elternschaft begeht, ist voller warmer Worte und Verweisen auf die herrschende Ungleichheit und die Herausforderungen, denen Baby Max nun als Mitglied der Generation gegenüberstehen wird, die die Hauptlast unserer ökologischen und ökonomischen Fehler tragen muss.

Beim gegenwärtig Kurs der Aktie stehen der Initiative 45 Milliarden zur Verfügung – grob eine Milliarde pro Jahr. Mit diesem Geld sollen „auf Gebieten wie Gesundheit, Bildung, Forschung und Energie das menschliche Potenzial und die Gleichheit gefördert werden“. Über 350.000 Menschen – einschließlich der Social-Media-Teams von Arnold Schwarzenegger, Arianna Huffington, Katie Couric, Scooter Braun und Shakira – haben das Facebook-Posting bereits gelikt oder einen lobenden Kommentar hinterlassen. Experten sagen bereits voraus, die Geste werde weitere Superreiche dazu veranlassen, endlich ihrer idealistischen Selbstdarstellung gerecht zu werden und ihr eigenes Vermögen ebenfalls im Namen der „Besserung der kollektiven Überlebenschancen der Menschheit“ zu spenden.

Nichtsdestotrotz sollte die Ankündigung eine Debatte über Sinn und Nutzen von Philanthropie anstoßen – oder wiederbeleben: Kann sie wirklich wirkungsvoll soziale Veränderungen bewirken? Und wenn ja, kann sie dies für alle? Und noch wichtiger: Kann sie den Einfluss ausgleichen, den die Wohltäter per Definition bereits auf die Weltgesellschaft ausüben, indem sie in einem Ungleichheit strukturell erzeugenden Wirtschaftssystems gewaltige Mengen an Geld, Information und Macht anhäufen?

Wohltätigkeit kann etwas bewirken. Ihr Einfluss lässt sich häufig nur schwer quantifizieren, aber selbstverständlich kann man mit Geld Einfluss nehmen, politische Kampagnen oder die Erforschung von Krankheiten unterstützen.

Studien zufolge bestimmen altruistische Milliardäre wie Zuckerberg zunehmend, in welche Richtung in den USA geforscht wird. Sie können Forschung vorantreiben, die ansonsten vielleicht aufgrund der Schwerfälligkeit des Systems und bürokratischer Hürden nicht möglich gewesen wäre – und so Tausende, wenn nicht Millionen von Leben retten.

Aber es bedeutet eben auch, dass die Reichen sich auch weiterhin die Zukunft erkaufen, die sie gerne hätten, so selbstlos ihre Absichten auch immer sein mögen. Die internationale Philanthropie und das Bedürfnis des Westens, Armut und Krankheiten zu bekämpfen, können sich niemals ganz ihrer imperialistischen Wurzeln entledigen. Viele Kritiker weisen zurecht darauf hin, dass der weiße philanthropisch-industrielle Komplex international kulturell noch nie so dominant war. Wenn jemand 54 Milliarden Dollar spendet, wird dies niemals ohne Bedingungen geschehen, ob diese Bedingungen formuliert und ausgearbeitet werden oder nicht.

Indem Zuckerberg das weltweit größte Soziale Netzwerk und eines der weltweit einflussreichsten Unternehmen geschaffen hat und leitet; indem er unter dem Schutz eines undurchschaubaren juristischen Jargons eine unsagbare Menge an Daten sammelt und sehr uneinheitliche Netiquette-und Melde-Bestimmungen einführt, die bestimmte Formen von Beschimpfungen und Hetze und Hate-Speech zulassen; indem er 68 Prozent Männer einstellt und in einem Unternehmen mit mehr als 10.000 Angestellten weniger als 50 Schwarze (von dem unheiligen Gespenst der Gentrifizierung ganz zu schweigen) – reproduziert der Facebook-Gründer selbst die Ungleichheit, die er und seine Frau mit ihrem Versprechen ins Visier nehmen wollen.

Wie der Kritiker Teju Cole es formuliert: Der Einfluss und die Macht solcher Leute „unterstützt morgens selbst die brutalsten politischen Entscheidungen, gründet nachmittags wohltätige Organisationen und erhält abends Preise“. Solange sich daran nichts ändert, bleibt das Potenzial wohltätiger Initiativen begrenzt.

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18:16 02.12.2015
Geschrieben von

Devon Maloney | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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