Die Republik der Frauen

8. März In Island sind durch die Wirtschaftskrise zahlreiche Frauen in die Vorstandsetagen von Unternehmen gelangt. Aber machen sie wirklich alles besser? Eine Bestandsaufnahme

Islands Frauen studieren derzeit die Nachrichten aus der Finanzwelt und machen sich Gedanken über eine Strategie, wie sie den Schlamassel in Ordnung bringen können, den ihre Männer angerichtet haben. Die Weltwirtschaftskrise hat in Island mit seinen 300.000 Einwohnern beinahe zum Staatskollaps geführt. Für die Generation von Frauen um die Vierzig birgt das Chaos jedoch auch eine Chance. Ihnen eröffnen sich nun Positionen, die von jenen Männern geräumt werden mussten, die für die Krise verantwortlich sind. Sie können nun eine führende Rolle beim Aufbau einer ausgewogeneren Wirtschaft übernehmen – eine, in die ihrer Ansicht nach weibliche Werte einfließen sollten.

Vor einem Scherbenhaufen

Island war in den vergangenen zehn Jahren ein Experimentierfeld für eine neue Wirtschaftsordnung. Die einst für Dorsch und heiße Quellen bekannte Insel hatte sich zu einem atlantischen Tiger entwickelt. Die Isländer erwarben unter anderem riesige Anteile an britischen Modehausketten, die Banken begaben sich auf Eroberungsfeldzüge, fanden Geschmack an Reformen zur Befreiung der Märkte und taten sich auf dem Gebiet spekulativer Anlageberatung gütlich. Nun wird ihnen die Rechnung präsentiert: Ihre Schulden sind nun sechsmal so hoch wie die Einkünfte, die das Land im Jahr 2008 erzielte, die Finanzinstitute sind in Staatshand übergegangen.

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Doch sie übernehmen einen Scherbenhaufen. Die isländische Währung Krona ist zusammengebrochen, Zinssätze und Inflation in die Höhe geschnellt, Unternehmen und Privathaushalte, die Kredite in ausländischen Währungen aufgenommen haben, werden von Schulden erdrückt, die Arbeitslosenquote hat Rekordhöhen erreicht. Die Krise führte zum Sturz der Regierung, die Residenz des Premierministers wird nun von Jóhanna Sigurdardóttir bewohnt, einer eleganten Sechsundsechzigjährigen, die die erste Staatschefin der Welt ist, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt. Auch in der Wirtschaft tritt ein ganzen Kader weiterer extrem gut ausgebildeter Geschäftsfrauen an vorderste Stelle.

Björk-Fonds für Nachhaltigkeit

Zu den Prominentesten unter diesen gehören Halla Tómasdóttir und Kristin Peturdóttir. Die Gründerinnen der Firma Audur Capital haben gemeinsam mit der Sängerin Björk einen Investmentfonds ins Leben gerufen, der die verwüstete Wirtschaft durch Investitionen in grüne Technologien wieder zum Aufblühen bringen soll. Tómasdóttir erklärt: „Unser Björk-Fonds wird sich auf nachhaltiges Wachstum konzentrieren. Island war das erste Land der Welt, in dem die Krise massiv zu spüren waren, wir könnten aber auch als erstes Land wieder hinausfinden." Dabei kommt den Frauen eine entscheidende Rolle zu.

„Wir beziehen uns auf fünf weibliche Kernwerte. Der erste ist das Risikobewusstsein: Wir investieren nicht in Dinge, die wir nicht verstehen. An zweiter Stelle steht Profit mit Prinzipien – wir definieren das weit gefasst, es geht also nicht nur um wirtschaftlichen Profit, sondern auch um sozialen und ökologischen Nutzen. Drittens: Emotionales Kapital – wir prüfen auch mit der angemessenen emotionalen Sorgfalt, in was wir investieren. Wir nehmen die Firma unter die Lupe, schauen uns die Leute an und achten darauf, ob die Unternehmenskultur auf Verantwortlichkeit beruht. Viertens reden wir offen und direkt. Unserer Ansicht nach sollte die Sprache der Finanzen verständlich sein und nicht zu einer entfremdenden Bankenkultur beitragen. Fünftens folgt Unabhängigkeit: Wir würden es begrüßen, wenn Frauen zunehmend finanziell unabhängig würden. Denn somit erlangt man auch die größte Freiheit, zu sein, wer man will, kann aber auch unvoreingenommen Ratschläge erteilen.“

Energieschub in der Lebensmitte

Schon vor der Kreditkrise lag Island in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter ganz vorne. Der Anteil der berufstätigen Frauen liegt bei über achtzig Prozent, bei den Männern sind es gerade mal zehn Prozent mehr. Der Staat stellt großzügige Unterstützung für Eltern und Kinderbetreuung bereit, auch die Männer können Vaterschaftsurlaub nehmen.

Halla Tómasdóttir, deren Firma den gleichen Namen trägt wie ihre fünfjährige Tochter, äußert sich ähnlich: „Audur war eine der wichtigsten Wikingerfrauen. Der Name steht für Weisheit, Stärke und Glück.“ Tómasdóttir scheut sich nicht für Frauen mittleren Alters in den Vorstandsetagen zu werben: In Großbritannien wäre das ein Tabu. Dort greifen weibliche Führungskräfte eher panisch zur Anti-Ageing-Creme, als den Energieschub in der Lebensmitte zu feiern. „Ich bin gerade Vierzig geworden. Wo Männer eine Midlife-Crisis durchmachen, erleben wir einen Wandel. Mit Vierzig unterziehen viele Frauen sich einer Selbstbetrachtung und gelangen dabei zu der Einsicht, dass sie über emotionales Kapital verfügen, das nie angemessen gewürdigt wird. Ich möchte in Einklang mit dieser Seite meiner selbst leben.“

Die 42-jährige Anwältin Elín Jónsdóttir hat zwei Kinder. Bis vor vier Jahren arbeitete sie bei der isländischen Aufsichtsbehörde für den Wertpapierhandel, heute ist sie Hauptgeschäftsführerin einer Investmentfirma. Sie glaubt, der Boom und die anschließende Pleite seien nicht auf geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zurückzuführen, sondern auf unterschiedliche Wertsysteme. „Während des Booms kam das zum Tragen, was wir als typisch maskuline Werte bezeichnen würden. Aber es ist gefährlich, hier in Stereotype zu verfallen. Diese so genannten männlichen Werte sind auch bei Frauen nicht ungewöhnlich. Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind weit größer als die zwischen den Geschlechtern.“

Das bisschen Brimborium

Neben den Hoffnungen, die mit der neuen Führungsrolle der Frauen verbunden sind, gibt es auch Befürchtungen in Hinblick auf den so genannten „Glasscliff“-Effekt: Frauen, die nun Spitzenpositionen einnehmen, werden schwierige Situationen zu bewältigen haben. Einige von ihnen werden unvermeidlich scheitern, was der Sache der Gleichberechtigung einen Rückschlag erteilen könnte. Untersuchungen der Universität von Exeter haben ergeben, dass Unternehmen in Krisensituationen mit größerer Wahrscheinlichkeit Frauen anstellen, weil sie davon ausgehen, sie seien weniger aggressiv als Männer und mehr auf Ausgleich bedacht, Qualitäten die in anderen Zeiten nicht so hoch geschätzt werden. Entsprechend höher ist das Risiko für sie, zu scheitern.

Sowieso ist längst nicht jeder Isländer überzeugt, dass die Frauen den Kapitalismus revolutionieren werden. Ein Reykjaviker Taxifahrer sagt: „Es wird vorübergehend ein bisschen Brimborium geben, aber die wirkliche Macht wird in Männerhänden bleiben.“ Halla Tómasdóttir ist da anderer Meinung: „Wenn die Institute von einer einzigen Gruppe kontrolliert werden – und momentan sind das nun mal die Männer – in der auch noch alle gleich denken, werden wir kaum positive Veränderungen herbeiführen können. Zum ersten Mal in hundert Jahren haben wir die Chance, ein Unternehmen, eine Gesellschaft, ein Land und hoffentlich auch eine Welt schaffen zu können, in der mehr Nachhaltigkeit herrscht, sowohl für Männer als auch für Frauen. Wenn uns das jetzt nicht gelingt, wann dann?“

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Ruth Sutherland, The Observer | The Guardian

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