Die Ruinen im Blick

Obamania Die Erwartungen im Nahen Osten waren groß, als Obama am 4. November 2008 die Präsidentenwahl gewann, doch der Gaza-Krieg hat für einen jähen Stimmungsumschwung gesorgt

Als ich hier in Amman Barack Obamas Amtsantritt im Fernsehen verfolgte und sah, wie er über Worte des Amtseides stolperte, um dann eloquent davon zu sprechen, dass die Amerikaner nun ihre „bessere Geschichte“ wählen würden, war mir – wie vielen anderen auch –, danach zumute, zu feiern. So, wie wir es im November getan hatten. Nach der US-Präsidentenwahl war auch in der sonst so zurückhaltenden jordanischen Hauptstadt ein Stimmungsumschwung zu spüren gewesen.

Heute ist davon nicht viel geblieben. Das am häufigsten in einem Zuge mit dem Namen Obama genannte Wort ist nicht mehr „Irak“, sondern „Gaza“. Und „Hoffnung“ ist wohl die letzte Vokabel, die man hier mit dem inzwischen vereidigten US-Präsidenten in Verbindung bringt. Auch wenn niemand übersieht, dass die Nominierung von Ex-Senator George Mitchell geeignet ist, die in Lethargie und Stagnation versunkenen Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern zu reanimieren. Aber die Folgen des Gaza-Krieges haben die Pro-Obama-Stimmung gekippt. Während ein US-Fernsehkanal wie CNN 48 Stunden lang ununterbrochen von den Ereignissen in Washington berichtete und die große Geschichte des politischen Wandels in Amerika erzählte, richteten die arabischen Nachrichtenanstalten und die Menschen im Nahen Osten ihr Hauptaugenmerk weiter auf Gaza – auf die mehr als 1.300 Toten und Zehntausende von Obdachlosen.

Wie ein schlechter Scherz

Viele hier hat enttäuscht, dass Barack Obama in seiner Inaugurationsrede so gut wie nichts darüber gesagt hat, dass gerade 1.300 Palästinenser von einem der engsten Verbündeten Amerikas getötet wurden. Ungefähr die Hälfte der momentanen jordanischen Bevölkerung ist palästinensischer Abstammung und Gaza weniger als 160 Kilometer von Amman entfernt. Aber als der Belagerungszustand im ohnehin schon abgeriegelten Gazastreifen sich zunehmend verschärfte, als es immer weniger jordanischen Palästinensern möglich wurde, Kontakt zu ihren Familien auf der anderen Seite Israels aufzunehmen, kam einem hier diese räumliche Nähe bald so vor, wie ein schlechter Scherz oder Streich des Gehirns.

Obama rief die Amerikaner dazu auf, den diesjährigen Martin-Luther-King-Gedenktag mit freiwilligem Einsatz für ihre Nachbarschaften und Gemeinden zu begehen. Hier haben die Jordanier, Palästinenser und andere die vergangenen drei Wochen hindurch Nahrungsmittel und Medikamente gekauft und Dutzende von Spendensammlungen zugunsten internationaler Hilfsorganisationen organisiert, die in Gaza arbeiten. Die Jordan Heshemite Charity Organisation zeigte sich überwältigt angesichts der Mengen an Nahrungsmittelkonserven und Medikamenten, die einfache Jordanier den UNRWA-Hilfskonvois spendeten

Al Dschasira, der einzige TV-Kanal, der während der Militäroffensive in Gaza präsent war, zeigte einen durchgängigen Strom drastischer Bilder von toten und verletzten Zivilisten aus Gaza. Die amerikanischen Sender hingegen schienen zu denken, sie hätten der Stimmung in der Region Genüge getan, indem sie mit Vorliebe die antiisraelischen Proteste der Muslimbruderschaften zeigten – reichlich bestückt mit den stereotypen Bildern von brennenden Flaggen und gewaltsamen Drohungen, die wir alle kennen. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Angriffe auf Gaza auch den letzten abscheulichen antisemitischen Islamisten-Sprecher hinter dem Ofen hervor lockten. Aber es gab eben auch viele ganz normale Jordanier, Syrer und Libanesen, die an gänzlich anders gearteten Aktionen teilnahmen. Blutspenden für die Verwundeten von Gaza zum Beispiel. Doch die hielt man wohl für weniger darstellenswert.

Ein verweigerter Traum

Mit dem vorläufigen Waffenstillstand wird Gaza, wie so viele andere Tragödien, wieder zu einem kaum beachteten Schauplatz einer humanitären Krise werden, die nur noch selten einer Nachricht wert ist. In diesem Teil der Welt wird es in den kommenden Wochen wenig Hoffnung, geschweige denn Wandel geben. Damit soll nicht gesagt sein, dass Obama hier eine unbeliebte Person wäre. Nach ihm gefragt, werden die meisten Menschen noch immer die Rede erwähnen, die der neue US-Präsident vergangenen Sommer vor dem Umayyad-Palast in Amman hielt, die Ruinen im Blick. Und die Tatsache, dass er zumindest die Bereitschaft signalisiert hat, mit wirklich jedem Staatsführer zu reden, um die internationalen Verbindungen wieder aufzunehmen, die die Bush-Regierung zerstört hat. Doch seit drei Wochen muss man schon selbst den Namen Obama in den Mund nehmen, wenn man will, dass die Leute über ihn reden. Die große Geschichte von Wandel Amerikas, den Obama brachte, ist nicht die Story, die hier die im Vordergrund steht. Der Beginn seiner Präsidentschaft markiert zugleich den Beginn eines Traumes, der sich erfüllt hat. Doch die Erfüllung des Traumes von einem gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina wird immer noch verweigert.

Übersetzung: Zilla Hofman

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17:10 23.01.2009
Geschrieben von

Heather McRobie, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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