Die schwarze Königin

Helena Bonham Carter Helena Bonham Carter trennte sich erst mit 30 von ihren Eltern. Dann begann sie mit Regisseur Tim Burton ein neues Leben – und eine neue Karriere

Helena Bonham Carter hat Lust auf ein Getränk. Sie bestellt einen doppelten Espresso. Ein Glas Mineralwasser. Und einen Apfel-Smoothie. Sie sieht mich besorgt an, als ich um einen Kaffee bitte. „Ist das alles?“ fragt sie sanft. Multiples Trinken, erklärt sie, sei die wichtigste Komponente einer ausgewogenen Ernährung. Sie gibt zu, dass ihre Theorie nicht ausschließlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.

Wir sitzen in einem Café gleich in der Nähe von Bonham Carters Haus im Londoner Norden. Sie sagt, sie wolle mir etwas zeigen und holt eine Pappfigur hervor. Es ist eine kleine Frau mit einem riesigen Wasserkopf. „Ich habe mich selbst mitgebracht. Das bin ich ... in Alice.“ Alice im Wunderland ist der sechste Film, den sie mit ihrem Partner, dem Regisseur Tim Burton, gedreht hat, und es ist vermutlich ihr prachtvollster Film – fest steht, dass es ihr teuerster ist; die Kosten werden auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt. Alice im Wunderland ist ein klassischer Burton-Stoff – eine Märchenwelt, in der keiner jemals wirklich erwachsen wird und in der jeglicher Unschuld immer ein schauriger Gestank anhaftet. Bonham Carter spielt die Böse – eine Mischung aus der Roten Königin und der Herzkönigin. Sie hält ihr Papp-Ich in die Höhe und fixiert es: „Sie hat Tourette. Ununterbrochen sagt sie: ‚Schlagt ihnen den Kopf ab!‘“



Bonham Carter hat den fertigen Film noch nicht gesehen. Keiner hat das. Er ist ein streng gehütetes Geheimnis. Andererseits bekommt man aus ihr auch sonst nicht viel heraus, wenn man sie auf einen ihrer anderen Filme anspricht. Sie erträgt es nicht, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Bei Johnny Depp, der in Alice den verrückten Hutmacher spielt, sieht das nicht anders aus. „Das beruhigt mich ein wenig. Ich meine, wenn nicht einmal Johnny Depp sich selbst sehen will ...“ Ich sage ihr, sie sehe in Alice nicht gerade vorteilhaft aus. „Ich kann mich nie darauf verlassen, dass Tim mich hübsch aussehen lässt.“

Gespenstisch blasser Teint

Bonham Carters Karriere lässt sich präzise in zwei Epochen aufteilen – die Ära Burton und die Ära davor. Mit der 19-jährigen Schauspielerin, die durch den Film Zimmer mit Aussicht bekannt wurde und fortan als Aushängeschild für englische Rosen und die Korsettindustrie galt, hat sie heute wenig gemein. Das vergangene Jahrzehnt gehörte Burton – sie spielte immer skurrilere Figuren in immer skurrileren Filmen, angefangen bei Big Fish bis hin zu Charly und die Schokoladenfabrik. Die weißen Petticoats sind seit langem passé und wurden durch schwarze Spitze, schwarze Hüte und schwarze Kleider ersetzt. Ihr volles, präraffaelitisches Haar wurde zu einem Vogelnest, ihr blasser Teint gespenstisch weiß.

„Älterwerden hilft enorm“, sagt sie. „Ich bin heute ohne Frage eine bessere Schauspielerin und werde weniger auf Rollen festgelegt. Früher war ich einfach das Korsett-Püppchen.“ Sie hält inne, schlürft an ihrem Smoothie, nimmt einen Bissen von ihrem Toast. „Nun, vielleicht nicht gerade das Püppchen, aber Sie wissen schon was ich meine. Das Sex-Symbol im Korsett.“

In ihren ersten Filmen wirkte sie wie eine überaus elegante, britische Schwester von Nastassja Kinski. Paradoxerweise kommen ihre Vorfahren aus aller Herren Länder – England, Spanien, Frankreich, Österreich, Tschechien und Russland. Ihre Mutter fragte sich damals perplex, weshalb alle Welt auf die Idee verfallen sei, sie käme aus einer vornehmen britischen Familie. Die Antwort war so simpel wie falsch: Bonham Carters Urgroßvater war der liberale Premierminister Herbert Asquith. Doch Asquith war kein vornehmer Herr, sondern der Sohn eines Stoffhändlers, der sich hocharbeitete. Die Bonham Carters wiederum waren traditionell Anhänger der Liberalen Partei. Sie besaßen einst ein Landhaus, aber das verloren sie schon vor Jahrzehnten.

Mit etwas Abstand betrachtet mag ihre Kindheit privilegiert erscheinen, doch die Realität sah etwas anders aus. Ihre Mutter, eine Psychotherapeutin, hatte einen Nervenzusammenbruch, als Helena fünf war, und sollte sich davon drei Jahre lang nicht erholen. Als Helena 13 war, erlitt ihr Vater, ein erfolgreicher Bankier, einen Herzinfarkt, der bleibende Schäden hinterließ. Bonham Carter war ein frühreifes Kind. Kurz nach dem Herzinfarkt ihres Vaters suchte sie sich einen Agenten. „Ich wollte meine eigene Welt erschaffen, in der ich die Kontrolle haben könnte.“ Allerdings sei es schon seltsam, dass sie sich ausgerechnet für die Schauspielerei entschied, denn sie sei „ausgesprochen schüchtern“ gewesen. „Ich war einerseits wahnsinnig reif für mein Alter und andererseits wahnsinnig hintendran. Ich wurde alt geboren, aber dann entwickelte ich mich nicht weiter. Ich lebte bis ich dreißig war bei meinen Eltern. Heute weiß ich, dass ich um meines Vaters Willen geblieben bin. Ich dachte verrückterweise, ich könnte das, was meinem Vater passiert ist, wiedergutmachen, indem ich zuhause bleibe.“

Mit 16 hatte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt in einer Fernsehwerbung. Drei Jahre später war sie ein Filmstar. Aber sie fühlte sich wie eine Betrügerin. Sie spielte an der Seite von Schauspielerinnen wie Judi Dench und Maggie Smith, sie hatte keine Ausbildung und wartete darauf aufzufliegen. „Ich fühlte mich wie eine Blufferin. Heute bin ich da wesentlich gelassener, weil ich an sich glücklich bin.“

In den späten Neunzigern spielte sie in Fight Club, jenem Film, der die öffentliche Wahrnehmung ihrer Person verändern sollte. Die englische Rose war plötzlich eine psychisch gestörte Amerikanerin, die schwarze Klamotten trug, verruchte Rauchringe ausstieß und mit schlimmen Jungs wie Brad Pitt und Edward Norton gefährliche Spielchen spielte. Bei der Premiere in Venedig, die sie mit ihrer Mutter besuchte, wurde der Film vehement ausgebuht. „David Fincher war vollkommen fertig wegen dieser krassen Reaktion, aber meine Mutter konnte ihn etwas aufmuntern. Sie sagte zu ihm, er solle sich bloß keine Sorgen machen, Fight Club würde ein Kultfilm werden.“ Und das wurde er. Bonham Carter verlässt sich oft auf das Urteil ihrer Mutter. Wenn sie ein Drehbuch bekommt, gibt sie es ihr zu lesen, damit sie ihr dabei hilft, ihre Rolle auszuarbeiten.

Die Rolle in Fight Club nahm sie kurz nach der Oscar-Nominierung für The Wings of the DoveDie Flügel der Taube an. „Brad hatte die Idee, dass ich bei Fight Club dabei sein sollte. In den sechs Wochen, in denen man für den Oscar nominiert ist, bekommt man jede Rolle angeboten. In der siebten Woche bist du aufgeschmissen, wenn du ihn nicht bekommen hast. Vergiss es. Du musst nehmen, was du kriegst.“

Mit 30 verließ sie schließlich ihr Elternhaus im Londoner Stadtteil Golders Green. Sie blieb im Norden der Stadt und zog in den nur wenige Kilometer entfernten Stadtteil Hampstead. Sie war mit vielen Männern zusammen, darunter auch Kenneth Branagh, aber sie lebte nie mit einem zusammen. „Ich weiß noch, dass ich immer dachte: ‚Wäre es nicht toll, wenn der Richtige nebenan einziehen würde?‘“ Schlussendlich tat er das. Während der Arbeit an Planet der Affen, ihrem ersten Film mit Tim Burton, sprach sie kaum mit ihm. Das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist, dass er erzählte, er habe einmal in Hampstead gelebt und das sei der einzige Ort auf der Welt, an dem er sich zuhause fühle. Als der Film abgedreht war, begannen sie ein Verhältnis und Burton kaufte das Haus neben dem ihren. Genaugenommen kaufte er zwei Häuser neben ihrem. Inzwischen haben sie zwei Kinder, den sechsjährigen Billy Ray und die zweijährige Nell. Burton lebt immer noch nebenan.

Das verrückte Paar

Sobald sie mit Burton zusammen war, veränderte sich Bonham Carters Image. Sie wurden meist in schwarz fotografiert, beide blass, beide mit ungepflegtem Haar. Schnappschüsse von ihr und den Kindern machten die Runde, auf denen sie aussah, als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Nach der Geburt ihrer Kinder hatte sie keine Scheu, Bilder veröffentlichen zu lassen, die zeigten, dass ihre Brüste nicht mehr die straffesten waren. Es gehörte zum guten Ton, über ihr Aussehen herzuziehen. Aber egal wie ungekämmt oder schwabbelig sie auch war, sie sah immer bezaubernd aus. „Manchmal ist es sehr beleidigend. Aber es hat auch etwas Liebevolles. Wir sind für sie das ‚verrückte Paar‘“.

Heute sieht sie aus, als käme sie direkt aus einem Burton-Film. Sie trägt ein schwarzes Blumenkleid, einen schwarzen Rock, schwarze, geblümte knielange Strümpfe, schwere schwarze Stiefel und so viele Ketten, Medaillons und Uhren um ihren Hals, dass es erstaunlich ist, das sie ihren Kopf noch gerade halten kann. Ihr Stil wird oft als Gothic beschrieben, aber sie kann damit nicht viel anfangen. „Ich mag die Musik nicht besonders. Tim auch nicht. Aber wir verkleiden uns an Halloween, gehen aus und haben Spaß. Er mag den Tod – nein, mögen ist das falsche Wort, aber er beschäftigt sich damit in seinen Filmen.“

Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Einen Schluck Wasser. Einen Schluck von dem Smoothie. Sie erzählt, dass sie berüchtigt dafür sei, dauernd das Set zu verlassen. „Woody Allen vergiftete deshalb meine Getränke.“ Sie verbessert sich: „Er tat so, als würde er sie vergiften.“ Sie bestellt noch einen doppelten Espresso. Bonham Carter entzieht sich auf allen Ebenen den typischen Hollywood-Konventionen – nicht zuletzt mit ihren gelben Zähnen. „Ich hatte noch nie weiße Zähne. Aber um ehrlich zu sein, hat mir noch nie jemand gesagt, ich solle so etwas Fürchterliches machen, wie etwa meine Zähne bleichen oder meine Nase richten lassen.“

Oft gehen die Leute davon aus, dass der Alltag des Paars ebenso realitätsfremd ist wie Burtons Filme. Ein Freund hat mich gebeten Bonham Carter zu fragen, ob sie die schrägsten Eltern auf dem Spielplatz sind. Sie gackert, findet diese Idee nicht schlecht, sagt dann aber, dass sie mich leider enttäuschen muss. „Tim ist sehr kreativ und mag nach Außen hin verrückt wirken, aber innerlich ist er sehr vernünftig und praktisch veranlagt.“

Auch für ihre ungewöhnliche Wohnsituation gibt es praktische Gründe. Burton hat die beiden Häuser neben dem ihren gekauft, weil ihres zu klein für beide war. Die Aufteilung ist ihrer Meinung nach nun perfekt. Ein Haus gehört ihr, eines ihm und in dem dritten können die Kinder mit dem Kindermädchen spielen. Ich frage, ob sie und Burton sich oft zuhause sehen. „Er kommt immer zu Besuch, das ist wirklich rührend.“ Hat er einen Schlüssel zu ihrem Haus? „Nein, die Häuser sind miteinander verbunden. Es gibt einen Durchgang.“ Teilen sie sich ein Schlafzimmer? „Manchmal. Es gibt da dieses Schnarch-Problem ... ich rede im Schlaf, er schnarcht. Dazu kommt, dass er an Schlaflosigkeit leidet und fernsehen muss, damit er einschlafen kann. Ich brauche Ruhe.“

Laut Richard D. Zanuck, dem Produzenten des Films, ist Alice im Wunderland etwas „für kleine Menschen und für alle, die die Geschichte gelesen haben, als sie vor 50 Jahren selbst klein waren.“ Das lässt sich über fast alle Filme sagen, die Burton und Bonham Carter zusammen gedreht haben. Und doch, sagt sie, fühle sie sich erst jetzt mit 43 zum ersten Mal erwachsen und in der Lage, so gut wie jede Rolle zu spielen. Sie ist bereit für die Mütter und für die Großmütter und das ist längst nicht alles. „Ich fühle mich so sexy wie nie zuvor. Nicht, weil ich jetzt besonders attraktiv wäre, sondern weil ich das Gefühl habe, in meinen Körper hineingewachsen zu sein.“ War das anders, als sie ein wunderschönes junges Ding war? „Ich habe mich vollkommen unwohl gefühlt. Es dauerte Jahre, bis ich in meinen Körper hineingepasst habe. Als ich jünger war, wäre ich gerne androgyn gewesen, ich konnte nichts mit mir anfangen. Das Frausein war für mich etwas, wofür man sich schämen sollte. Jetzt genieße ich es! Ich mag meine Formen. Es ist schön, Kurven zu haben, eine Frau zu sein.“ Sie kippt ihren letzten doppelten Espresso hinunter. „Ich glaube, ich bin einfach eine Spätzünderin.“

Alice im Wunderland, USA 2010. 108 Minuten. Regie: Tim Burton, Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Mia Wasikowska, Anne Hathaway, Michael Sheen, Stephen Fry, Alan Rickman u.a. Filmstart in Deutschland: 04.03.2010

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler

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13:00 25.02.2010
Geschrieben von

Simon Hattenstone | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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