Die Siedler von Palästina

Westbank Bei Ramallah entsteht gerade eine Stadt für 40.000 Menschen. Das Projekt gilt als Symbol eines souveränen Palästina
Harriet Sherwood | Ausgabe 36/2013
Die Siedler von Palästina

Foto: Uriel Sinal / Getty

Man rechnet nicht damit. Mitten in der alttestamentarischen Landschaft des Westjordanlandes, zwischen steinigen Hügeln und Tälern, in denen Schafe und Ziegen unter uralten Olivenbäumen blöken, nimmt der Traum eines Stadtplaners Gestalt an. Auf einem Bergrücken, von dem aus bei klarem Wetter die Skyline von Tel Aviv zu sehen ist, entsteht eine strahlende, hochmoderne Stadt mit Wohnungen für 40.000 Menschen, mit Lichtspieltheatern, Einkaufszentren, Schulen, der Landschaft angepassten Gehwegen, Büroblocks, einem Konferenzzentrum, Restaurants und Kaffeehäusern. Es handelt sich dabei ausnahmsweise einmal nicht um eine weitere israelische Siedlung. Rawabi ist die erste, eigens für Palästinenser errichtete urbane Gemeinde. Phase eins und zwei des Milliardenprojekts sind bald vollendet, beinahe 600 Apartments wurden verkauft. Weitere 8.000 Interessenten haben sich angemeldet.

Am Grad des Interesses lässt sich ein sozialer, auch mentaler Wandel ablesen, den die Palästinenser-Gesellschaft der Westbank durchläuft. Die Kommune Rawabi verkörpert symbolisch das Wirtschaftspotenzial eines künftigen eigenen Staates. Über die Hälfte derer, die den Kaufvertrag für eine Immobilie unterschrieben haben, musste dafür einen langfristigen Kredit aufnehmen. Es handelt sich zumeist um Familien, bei denen auch die Frauen arbeiten gehen. Aber auch alleinstehende Palästinenserinnen sind unter den Käufern, ein bislang noch seltenes Phänomen in der Westbank.

Etwa 350 Millionen Dollar, gut ein Drittel aller bisher für Rawabi geflossenen Investitionen, kommen vom privaten palästinensischen Konglomerat Massar International, der Rest stammt aus dem Emirat Katar. „Die Risiken dieses Projekts sind ausgesprochen hoch“, sagt Baschar Masri, Massar-Geschäftsführer und treibende Kraft in Rawabi. „Aber ich wollte ein Projekt ins Leben rufen, von dem eine gewisse Strahlkraft ausgeht. Ich wollte zeigen, dass wir in der Lage sind, einen funktionierenden Wirtschaftskomplex aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen.“

„Gebühren“ statt Zinsen

Etwa 8.000 Menschen haben durch Rawabi bislang Arbeit gefunden, ein Drittel davon Frauen. Selbst die niedrigsten Löhne liegen hier noch ein Drittel über dem Mindestlohn, der in Ramallah oder Hebron üblich ist. Auch nach der Fertigstellung der Bauarbeiten will Baschar Masri mindestens 5.000 krisenfeste Arbeitsplätze in der Hightech- und Servicebranche zur Verfügung stellen.

Die Planung für Rawabi – was so viel wie Hügel bedeutet – begann vor fünf Jahren. 2011 gab es den symbolischen ersten Spatenstich. Man wollte junge palästinensische Familien aus der Mittelschicht ansprechen, die in den chaotischen und überfüllten Kommunen des Westjordanlandes leben. Sie sollten von modernen, futuristisch anmutenden Hi-Tech-Apartments mit offenen Räumen, herrlicher Aussicht und allen möglichen Konsum- und Freizeitmöglichkeiten angelockt werden. Der Quadratmeterpreis sollte um 15 bis 20 Prozent unter dem liegen, was im ein paar Kilometer südlich gelegenen Ramallah üblich ist.

Zu den ersten, die einziehen werden, gehört die Familie Khabi, die gerade erst eine Anzahlung über 15.000 Dollar für ein Dreizimmer-Apartment geleistet hat. Die restlichen 100.000 Dollar stammen aus einer Hypothek, die von den Khabis auf ein Grundstück in der Nähe von Rawabi aufgenommen wurde, ein Finanzierungsmodell, für das sich auch andere Klienten erwärmen können. „Ich habe ein wenig Angst“, sagt die 42-jährige Amal. Die Mutter von vier Kindern und ihr Mann Adel (47) werden nach dem Umzug zwischen Rawabi und Ramallah pendeln, wo sie bei einem Versicherungsunternehmen arbeiten. „Wir ermutigen unsere Freunde, ebenfalls hierher zu ziehen.“

Familie Khabi gehört zu einer neuen palästinensischen Mittelschicht und entspricht dem Bild der typischen Wohnungskäufer in Rawabi: Sie sind Doppelverdiener, beide in der Privatwirtschaft tätig und verfügen über ein Haushaltseinkommen, das weit über dem palästinensischen Durchschnitt liegt. Die Generation ihrer Eltern und Großeltern lebte noch direkt in der Großfamilie oder zumindest in deren Nähe. Der Umzug der Khabis nach Rawabi ist damit auch eine Entscheidung gegen die Tradition und für ein Leben, das sich einem westlichen, individualisierten Lebensstil annähert.

Auch andere, eher randständige palästinensische Milieus sind unter den Käufern überproportional vertreten, zum Beispiel christliche Familien, die nur zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bei jedem 20. Käufer handelt es sich um in der westeuropäischen oder arabischen Diaspora lebende Palästinenser. „Junge, gebildete Leute, die Englisch sprechen und Immobilien erwerben, um sie irgendwann weiterzuverkaufen“, beschreibt Ramzi Jaber, kaufmännischer Geschäftsführer von Rawabi, seine Kundschaft.

Das Verkaufszentrum der Immobilienmakler auf der Spitze des Hügels zeigt im Stundentakt einen 3D-Film, der vorwegnimmt, wie das Leben in Rawabi einmal aussehen soll. An dieser Schaustelle können die Käufer von Wohnungen letzte praktische Entscheidungen treffen: Wie sollen Badezimmer und Küche genau aussehen, wie der Salon? Welche Lampen und Fliesen werden bevorzugt? Unter dem gleichen Dach haben sich Filialen arabischer Banken etabliert, die langfristige, islamisch finanzierte Kredite anbieten. „Islamisch“ heißt in diesem Fall, dass Zinsen durch Gebühren ersetzt werden, da es Muslimen verboten ist, Zinsen zu nehmen. Masri hofft, dass künftig mehr Leute, die gern eine Wohnung kaufen würden, Kredite aufnehmen. Er will mit speziellen Informationsmeetings Befürchtungen zerstreuen, die Familien mit geringeren Einkommen bei einem Darlehen zögern lassen.

Trotz mancher Vorbehalte war es kein Problem, genügend Käufer für die geplanten 6.000 Einheiten zu interessieren. Internationale Unternehmen zu animieren, Büros zu mieten, erwies sich da schon als schwieriger. Interessenten zogen sich zurück, als es vergangenen November im Gaza-Streifen wieder zu Kämpfen kam, so Geschäftsführer Baschar Masri. „Wir werden keinen Erfolg haben, solange uns die Israelis nicht respektieren.“

Abgeschreckt werden Investoren von der Tatsache, dass Rawabi auf von der israelischen Armee kontrolliertem Terrain liegt. Trotz der Wiederaufnahme formaler Friedensgespräche besteht keine wirkliche Aussicht darauf, dass sich daran etwas ändert. Baschar Masri hat versucht, die israelischen Behörden für dieses Projekt zu gewinnen. Doch dauerte es Jahre, bis er eine erste Baugenehmigung für eine Zugangsstraße erhielt. Der Grund des Verzugs – die Trasse führt einen halben Kilometer durch Area C, jenes 60 Prozent der Westbank umfassende Areal, das sich vollständig unter Aufsicht israelischen Militärs befindet.

Israel kontrolliert das Wasser

Eine weitere Herausforderung stellt die Wasserversorgung dar – sowohl für den Bau wie auch für die spätere Stadt. Israel kontrolliert in der Westbank nahezu das gesamte Leitungssystem. Die 600.000 auf diesem Gebiet und in Ostjerusalem lebenden jüdischen Siedler verbrauchen fast sechsmal so viel Wasser wie die hier gleichfalls lebenden 2,7 Millionen Palästinenser. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn in Rawabi die Bauarbeiten jede Woche einen Tag oder länger ruhen, weil nicht genügend Wasser vorhanden ist. „Ich verbringe 70 Prozent meiner Zeit damit, Störungen zu beheben, die uns völlig aus dem Rhythmus bringen“, erzählt Masri, der auf die Palästinensische Autonomiebehörde nicht gut zu sprechen ist. Sie hatte zugesagt, 150 Millionen Dollar für den Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Passiert ist nichts. Rawabis Investoren sahen sich gezwungen, die Kosten für Strom, für die Kanalisation und Wasserentsorgung, für Schulen und Straßen selbst zu übernehmen, was den Preis für eine Wohnung um zehn bis zwölf Prozent erhöht hat. Masri dazu: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir auf diese Fördergelder verzichten müssen. Und das in Anbetracht all der Spenden, die seit Jahrzehnten nach Palästina fließen. Ich bin enttäuscht, dass unsere Regierung diesem Projekt keine Priorität eingeräumt hat.“

Doch auch Masri und sein Rawabi-Plan sind alles andere als unumstritten. Kampagnen, die sich für einen Boykott der aus Israel sowie aus den besetzten Gebieten stammenden Produkte einsetzen, haben dem Unternehmer vorgeworfen, er helfe mit, die israelische Besatzung „reinzuwaschen“. Er tue dies, indem er Kontakte zur israelischen Industrie unterhalte und Architekten sowie Ingenieure aus Israel konsultiere. Ressentiments und Missgunst schlagen dem Projekt nicht minder aus der nahegelegenen jüdischen Siedlung Ateret entgegen. Sie ist nach internationalem Recht illegal und dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit geräumt werden, sollte irgendwann tatsächlich ein Friedensvertrag ausgehandelt sein. Die in Ateret lebenden Siedler fühlen sich benachteiligt, weil Palästinenser in Rawabi Zehntausende von Wohnungen bauen und kaufen dürfen, während der Ausbau ihrer Domäne aus politischen Gründen beschränkt bleibt. „Das führt zu einer ungerechten Behandlung jüdischer Einwohner wie sonst nirgendwo in der Westbank“, sagt der 35-jährige Siedler Orit Flint.

Masri lässt sich weder von Boykottaufrufen noch von aufgebrachten Siedlern abschrecken. Rawabi ist für ihn mehr als ein Bauprojekt: Es ist ein Symbol für die Zukunft der palästinensischen Nation, die eines Tages ihren eigenen Staat haben wird. „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es in Nablus ausreichen konnte, mit einer palästinensischen Fahne auf der Straße zu gehen, um erschossen zu werden“, sagt Masri. „Ich bin zuversichtlich, weil die Palästinenser trotzdem nicht verschwunden sind. Letzten Endes werden die Israelis uns unseren eigenen Staat geben.“

Masri zeigt auf einen Rohbau, der einmal das Zuhause seiner eigener Familie werden soll. „Wir leben noch immer unter militärischer Besatzung, aber wir werden das hier zum Erfolg führen.“ Es wird noch einmal sieben Jahre dauern, bis Rawabi vollendet ist. Oder länger. „Wenn wir unsere nächste Stadt bauen und sie ‚Rawabi 2‘ heißt, wird alles leichter sein und schneller vorangehen“, sagt Baschar Masri.

Harriet Sherwood berichtet für den Guardian aus den Palästinenser-Gebieten

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 19.09.2013
Geschrieben von

Harriet Sherwood | The Guardian

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