Die Stadt, die Google loswerden will

Oakland Die Ursachen mögen anderswo liegen. Die gut bezahlten Googleianer, die mit Bussen zur Arbeit ins Silicon-Valley gekarrt werden, ziehen trotzdem Hass auf sich
Die Stadt, die Google loswerden will

Foto: Justin Sullivan / Getty

Wenn es ein Zeichen von Erfolg ist, seine Gegner ins Meer zu treiben, dann könnte man Googles Entscheidung, probeweise einen Fährverkehr für seine Mitarbeiter einzurichten, als Zeichen deuten, dass die Revolte gegen große Technologieunternehmen in Oakland gut vorankommt. Am Hafen von Oakland, am östlichen Ufer der San Francisco Bay, konnte man die Googleianer vor zwei Wochen dabei beobachten, wie sie die Fähre besteigen und über das kalte, graue Wasser des Hafens zum ungefähr 50 Kilometer entfernten Google-Hauptquartier Mountain View gefahren werden.

Das einwöchige Pilotprojekt war nicht das erste dieser Art. Auch in San Fransisco startete im vergangenen Monat ein ähnlicher Katamaran-Service for Google-Mitarbeiter. Der Suchmaschinen-Gigant beabsichtigt damit nicht, seinen Angestellten eine Extra-Brise frische Luft zukommen zu lassen, sondern reagiert vielmehr auf Blockaden und Angriffe auf Shuttle-Busse, die die Googleianer für gewöhnlich zur Arbeit bringen.

Viele fürchten erneute Angriffe. Ein junger Software-Designer, der an der Seventh, Ecke Adeline Street in West-Oakland auf einen Google-Bus wartet, zuckt zusammen, als ich auf ihn zugehe. Vor ein paar Wochen haben Aktivisten hier Reifen aufgeschlitzt und Scheiben eingeschmissen. Seitdem fährt ein Polizeiwagen Streife. Die Googleianer bleiben dennoch misstrauisch. „Sie sind Reporter? Können Sie sich ausweisen?“ Er untersucht meinen Presseausweis und atmet auf. „Wir wissen nicht, was passieren wird. Anarchisten forcieren das Ganze.“

Hinter der zunehmenden Ablehnung, die den Technologie-Unternehmen sowohl zuhause in der Bay Area als auch international entgegenschlägt, steckt eine ganze Reihe unterschiedlichster Motive. Fair-Tax-Aktivisten werfen ihnen vor, sie missbrauchten ihre Macht, um Gesetze zu beeinflussen und weniger Steuern zahlen zu müssen. Bürgerrechtler kritisieren die Art und den Umfang der Speicherung von Kundendaten, die, gewollt oder ungewollt, die massenhafte Überwachung durch den Staat begünstige.

Im vergangenen Jahr haben Bay-Area-Aktivisten zum ersten Mal die klimatisierten und mit drahtlosem Internet ausgestatteten Busse angegriffen. Sie sehen in ihnen ein Symbol für die von den Technologie-Riesen bewirkten Gentrifizierung, steigende Mieten und Zwangsräumungen. Die Proteste haben auf der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt, in manchen Kreisen für Hoffnung, in anderen aber auch für Panik und Angst gesorgt.

Oakland scheint als Zentrum der Proteste gut geeignet. Die 400.000 Einwohner fassende Hafenstadt ist seit über 100 Jahren der Schmelztiegel des amerikanischen Linksradikalismus. Von hier stammen Sozialisten, Gewerkschaftsführer, Dichter, Jazz-Musiker, Aufrührer, Bürgerrechtler, Black Panther und Anarchisten. Hier gerieten 2012 Occupy-Aktivisten mit der Polizei aneinander und stürmten das Rathaus. Eine Bronze-Skulptur von Oaklands berühmtestem Schriftsteller und Aktivisten, Jack London blickt über die Bucht, als würde er Wache halten. „Ihr habt die Welt falsch geführt“, sagte er einst vor einer Menge aus New Yorker Frackträgern. „Sie soll aus euren Händen genommen werden.“

Worte, die für die von der Wirtschaftskrise gezeichneten Menschen auch heute nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben. Die Ankündigung, es werde in Oakland zu einer Abrechnung kommen und die Habenichtse könnten den Reichen Macht und Wohlstand entreißen, bleibt vorerst wohl reines Wunschdenken. Von einem wirklichen Aufstand kann keine Rede sein. Die Bus-Proteste sind sporadisch und flüchtig. Die Menschen machen sich Sorgen, lehnen die Ansiedlung von Technologie-Unternehmen aber nicht rundweg ab. Dass Google Fähren einsetzt, ist ein taktischer Kniff, aber kein Rückzug. Reiche Leute von außerhalb kommen in die Stadt, verändern sie und gentrifizieren sie.

„Sie haben tausende rausgeschmissen“, sagt der 67-jährige Kokavulu Lumukanda, während er von seiner Veranda aus eine Straße mit Häusern im viktorianischen Stil beobachtet. Früher hatte er einen Buchladen. Nachbarn mussten ihre Wohnungen aufgeben und wurden von den steigenden Mieten vertrieben. Er selbst ist ebenfalls vom Rauswurf bedroht. Mit „sie“ meint er die Unternehmen, denen die Wohnungen gehören. Die jungen „Techies“, wie die Google-, Facebook- und Twitter-Mitarbeiter hier heißen, die anschließend einzogen, macht er aber gleichermaßen verantwortlich. „Die kommen hierher und spielen sich auf. Es ist wie wenn Dominos fallen. Weiße ziehen ein, Schwarze ziehen aus.“ (Oakland hat im Laufe der vergangenen zehn Jahre ein Viertel seiner schwarzen Bevölkerung verloren. Alles in allem wurden sie aber eher von Latinos und nicht von Weißen ersetzt.)

Google, das sich nicht zu einem Interview für diesen Artikel bereiterklärte, weist die Vorwürfe zurück. „Google versucht, ein guter Nachbar zu sein. Im vergangenen Jahr haben wir tausende von Stunden ehrenamtlich mit örtlichen Organisationen zusammengearbeitet und über 19 Millionen Dollar an örtliche Non-Profit-Organisationen gespendet.“

Zu Zeiten der Dotcom-Blase schreckten die Armut, der Zerfall und die Mordraten Oaklands selbst die hartgesottensten Gentrifizierungsaspiranten ab. Doch dann platze 2007 die Blase auf dem Wohnungsmarkt und tausende vornehmlich schwarze Eigenheimbesitzer konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen. Zwischen 2007 und 2012 wurden im Zuge der Hypotheken-Krise 10.508 Wohnungen zwangsgeräumt. Arme, schwarze Familien hatten dabei die Hauptlast zu tragen. So entstand „eine kolossale Gelegenheit“ für reiche Einzelpersonen und Unternehmer, günstig Immobilien zu erstehen.

Ungefähr zur gleichen Zeit überschwemmte ein neuer Technologie-Boom das Silicon Valley mit Geld und jungen Talenten. Seine Protagonisten: Facebook, Apple, Twitter and Google. Die meisten der Zuzügler wollten lieber in San Fransisco leben, als in den sterilen Städten des Tales, trieben dort die Mieten und die Zahl der Zwangsräumungen in die Höhe. In Anbetracht von Mieten, die es mittlerweile mit denen in Manhattan aufnehmen können, betrachten selbst gut bezahlte Techies das nur ein paar Zug-Stationen weiter östlich gelegene Oakland heute als die günstigere Alternative. Eigentumswohnungen schießen mittlerweile wie Pilze aus dem Boden.

Der Geist Jack Londons ist aber eben noch nicht völlig ausgetrieben. Rio Scharf vom East Bay Solidarity Network unterstützt von Zwangsräumung bedrohte Mieter. „Wir stellen Rechtsbeistand zur Verfügung und organisieren Widerstand, um den Eigentümern Zugeständnisse abzutrotzen. Es sei bezeichnend, dass einige Neuankömmlinge den Begriff „Broakland“ geprägt haben – eine Anspielung auf Brooklyn, dem Paradebeispiel für einen zugrunde gentrifizierten Stadtteil.

Das Hauptquartier einer anderen Gruppe – Causa Justa – ist voller Energie. Eine der Kampagnen der Gruppe verfolgt das Ziel, im November über eine Initiative gegen Wohnungsräumungen abstimmen zu lassen. „Gentrifizierung schafft die Armut nicht aus der Welt, sie treibt lediglich die Armen aus der Stadt“, sagt Geschäftsführerin Maria Poblet. Sie beklagt, dass die Organisation des Widerstandes in Anbetracht der Nähe zum Silicon Valley – das die Aktivisten nur halb zum Spaß „den Todesstern“ nennen – seit langem einen Kampf auf verlorenem Posten darstellt. „In der gegenwärtigen Situation sind normale Leute nicht in der Lage, Unternehmen in die Schranken zu weisen.“

Während der Occupy-Bewegung 2011/2012 versuchten Demonstranten, die Auktion zwangsversteigerter Wohnungen zu stören, die täglich auf den Stufen des Gerichtsgebäudes stattfinden. Vor zwei Wochen ging die Veranstaltung ohne die geringste Störung über die Bühne. Eine Frau, die Angst hatte, aus ihrer Mietwohnung geschmissen zu werden, die nun zum Verkauf stand, schaute weinend am Rand zu.

Viele bezweifeln, ob Straßenproteste etwas gegen amorphe ökonomische Mechanismen ausrichten können. Doch der kämpferische Widerstand in Oakland ist nicht tot. Seine Wurzeln reichen weit zurück und er wird wieder an Zulauf gewinnen. Aber so sicher, wie die Welle auf die Küste trifft, werden auch die Geeks bleiben.

Übersetzung: Holger Hutt
14:21 20.02.2014
Geschrieben von

Rory Carroll | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9552
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1