Die Steine von Treblinka

Holocaust Das Werk des polnischen Künstlers Miroslav Balka ist von den schrecklichen Monumenten des Nazi-Todeslagers Treblinka bestimmt. Er erklärt warum

Der Abend dämmert, ich stolpere hinter dem Bildhauer Miroslaw Balka durch einen dunklen Wald. Schließlich treten wir zwischen den Pinien hervor auf ein Gelände, auf dem eine Reihe grober Hinkelsteine, jeder von ihnen ungefähr mannshoch, die Original-Umrisse des Todeslagers Treblinka, tief in der polnischen Provinz absteckt. Außer uns ist niemand hier.

Wir waren durch eine hübsche Landschaft gefahren. Weiden, ab und an ein Hof und Dörfer. Wir haben Schreine für die Jungfrau Maria gesehen und Störche, die auf an Telefonmasten angebrachten Plattformen nisten. Entlang der Hauptstraße warb gelegentlich eine Prostituierte um Kunden. Balka, der im kommenden Monat als zehnter Künstler die Turbinenhalle der Tate Modern in London im Rahmen der Unilever-Ausstellungsreihe übernehmen wird, kommt seit mehr als zehn Jahren nach Treblinka. Er findet immer etwa Neues, erzählt er. Der Ernst und die Zurückhaltung des Monuments hat auch Eingang in seine Arbeit gefunden.

Mindestens 700.000 Menschen – möglicherweise sogar über eine Million – wurden in einem einzigen Jahr in Treblinka ermordet. Als das Lager voll in Betrieb war, konnten 5.000 Menschen in zwei bis drei Stunden „abgefertigt“ werden. 1943 schlossen die Deutschen das Lager und rissen es nieder. Betonblöcke, die wie Eisenbahnschwellen ausgelegt sind, markieren die Route der Züge in den falschen Bahnhof. Holocaust-Museen in der ganzen Welt haben Teilstücke der Gleise erworben.

Eine aufgestellte Bohle kennzeichnet die Stelle, an der die Züge entladen wurden. Darum herum Kreise aus tausenden Steinen, grobe in Beton gesetzte Steinklötze. Jeder steht für eine Stadt, eine Gemeinde oder eine Einzelperson. Ein niedriges Rechteck aus Basalt und geschmolzener Asche liegt in einer seichten Mulde und kennzeichnet einen Leichenverbrennungshaufen.

Wie ein Staubsauger

Im letzten Licht beginnt Balka einen Apfelbaum zu filmen, der voller reifer Früchte hängt. Seine Handkamera sei für ihn wie ein Staubsauger, sagt er. Damit „sauge ich Orte auf, trage sie dann mit nach Hause und leere den Beutel aus.“ Dieser Baum, der so fehl am Platz scheint, erinnert ihn an Adam und Eva und den Garten Eden. Doch worüber wir auch reden, es scheint hohl. Dies ist ein Ort zum Schweigen.

In den zurückliegenden Jahren hat Balka eine Herde Wild gefilmt, die durch Dachau-Birkenau zog, einen Mond, der über den Himmel von Sevilla waberte, einen sonnigen Tag in Treblinka, bei dem die Kamera über die Landschaft und den Himmel streift (Der Film mit den Rehen heißt Bambi, nach dem Disney-Zeichentrickfilm, der 1942, dem Jahr der „Endlösung“, veröffentlicht wurde.) Er hat ungefähr 80 Kurzvideos gemacht, jedes höchstens ein paar Minuten lang, von denen er einige im Dezember im Modern Art Museum in Oxford zeigen wird.

Für eine seiner jüngeren Skulpturen baute er den lächerlichen Zoo, den der Lagerkommandant von Treblinka einrichten ließ, aus Skeletten nach. Es war ein Gefängnis für die lokale Tierwelt - gefangene Füchse, Tauben, eingesperrte Nachtigallen und Eichhörnchen. Balka hat außerdem eine Version der „Himmelsstraße“ gebaut, auf der die nackten Neuankömmlinge in Richtung der Gaskammern gepeitscht wurden, zwischen mit Pinienzweigen getarnten Zäunen, die verbargen, was dahinter lag.

Vergangenen Winter hat Balka seinen Gang aus schlichtem Sperrholz in der Londoner White Cube Gallery nachgebaut. Man taumelte ihn entlang, einem Ziel entgegen, das nicht zu erkennen war.

Nachdem die Deutschen fort waren, kamen Anwohner ins Lager Treblinka. Sie suchten nach Goldzähnen, verloren gegangenen Besitztümern, einfach allem, das von Wert war. Wenn man sich die Höfe und Häuser in der Umgebung ansieht, sagt Balka auf der Rückfahrt nach Warschau, fragt man sich, woher das Geld für die Instandsetzung einiger davon kam.

Piniennadeln und Gipsvögel

Am nächsten Tag besuche ich Balkas Studio in Otwock, dem Kurort in der Nähe von Warschau, in dem er aufwuchs. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Mehrheit der Einwohner jüdisch. Sie alle endeten in Treblinka. Balka erzählt von einem jüdischen Friedhof, einem verlassenen Ort, an dem Knochen aus dem sandigen Boden ragen. Eine amerikanische Kuratorin, die einmal auf Besuch hier war, wollte einen als Souvenir mit nach Hause nehmen. Balka hielt sie auf. Beim Gedanken daran klingt er noch immer entsetzt.

Das Studio des Künstlers befindet sich in dem kleinen Haus, in dem er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat. Bei einem Feuer in den frühen 1990ern ist es schwer beschädigt worden, hinterher stellte Balka die versengten und geschwärzten Zeichnungen aus, die das Feuer überstanden. Als Student in den 1980ern musste er mit jedem Material etwas anfangen, das ihm in die Hände kam. Das ist ihm zu einer Gewohnheit geworden, die er bis heute nicht abgelegt hat. Das Studio ist vollgestopft mit gestapelten Bodendielen und abmontierten Treppen, nicht beendeten Projekten, einer Eigenbau-Version eines modernistischen Rietveld-Stuhls und Säcken voller Piniennadeln, die von den Weihnachtsbäumen stammen, die der Künstler jedes Jahr schmückt. Bestandteil der ersten Balka-Skulptur, die ich je gesehen habe, bei einer Ausstellung über die neue europäische Bildhauerei im Jahr 1990, war eine grobe kleine Holzfalle auf dem Boden, in die Piniennadeln und Staub gekehrt worden waren.

In einem Ziegelhäuschen im Garten stehen noch mehr Arbeiten. Kleine Köpfe von der Größe einer Faust, etwas, das aussieht, wie ein kaputter Teddybär, Gipsvögel. Balka hat 1989 aufgehört, figurativ zu arbeiten. Er sagt, er hätte leicht von seinem Talent verführt werden können, er wolle aber bildliche Darstellungen vermeiden. Doch der Symbolismus in seiner Arbeit läst sich unmöglich ignorieren – da sind Seifen-Säulen, mit Asche bedeckte Wände, Wände, die mit kleinen Wasserhähnen durchlöchert und verrostet sind. In einigen seiner Skulpturen ist Urin und Blut verarbeitet, in anderen befinden sich Heizelemente, die sie auf menschliche Körpertemperatur erwärmen. 1998 schuf Balka ein Monument für die 852 Opfer der 1994 gesunkenen MS Estonia, das auf konstante 37 Grad erhitzt wurde.

Balkas Vater, der inzwischen über 80 ist und immer noch arbeitet, hat hier ebenfalls eine winzige Werkstatt. Er graviert Grabsteine. Der Großvater des Künstlers, gleichfalls ein Steinmetz, lebte auch bei der Familie. Wegen seiner Inkontinenz stank das Haus immer nach Urin (bis heute befindet sich die Toilette in einem Außenhäuschen.) Balkas Vater hält nicht viel von der Arbeit seines Sohnes, auch wenn dieser seit 1990 international ausstellt. Im Garten steht ein Käfig, der groß genug für einen Menschen ist. Auf seinem Boden steht ein verzinkter Eimer. Die Nachbarn stellen sich bei diesem Anblick sicher einige Fragen.

Auf der Veranda steht eine alte Plastikwanne, wie eine verdreckte Wiege. Sie ist voller Lehm, den Balka als Student in den Achtzigern Klumpen für Klumpen aus der Warschauer Akademie der schönen Künste geklaut hat. Er wartet noch immer darauf, Verwendung zu finden. Jahrelang hat Balka in diesen mit Erinnerungen gefüllten Räumen gearbeitet. In den Haus der Familie scheint sich seit dreißig Jahren nichts verändert zu haben.

Fallen und Schwerkraft

Wir fahren zu seinem neuen Haus ein paar Kilometer weiter. Die Innenräume sind weiß, mit polierten Betonböden wie in einer Kunstgalerie. Sein neues Studio – ein hoher, halliger weißer Raum ist praktisch leer. Es gibt keine Hinweise darauf, was er für die Turbinenhalle der Tate vorhat. Balka hat bis auf eines alle der bisherigen Unilever-Projekte gesehen – die einzige Ausnahme ist Anish Kapoors Marsyas. Er findet, es werde für die folgenden Künstler immer schwerer. Was er machen wird, will er nicht verraten.

Er wechselt das Thema und zeigt mir eine feingliedrige, aus Jute gewebte Hand. Sie fühlt sich warm an und wurde mit großer Zärtlichkeit angefertigt. Balkas Mutter verkaufte selbst angebautes Gemüse auf den Märkten in der Umgebung – da was Jute ein stets zu habendes Material. Er stöbert durch weitere alte Arbeiten und taucht mit einer weißen Pappmache-Kopfbedeckung mit steifen weißen Hasenohren wieder auf. Es ist groß und jungenhaft und sieht auf einmal albern, aber auch verletzlich aus.

Die Lektion der Gedenkstätte in Treblinka ist, dass die Steine den Besucher innehalten lassen. Sie vermeidet die expressionistischen Klischees der „Holocaust-Kunst“. Man ist sich bewusst, auf einem ganz bestimmten Punkt der Erdoberfläche zu sein, man kennt die Koordinaten der Gegenwart und der Geschichte. Ich frage Balka, ob er Verantwortung spüre, sich in seiner Arbeit auf den Holocaust zu beziehen. Er antwortet, er fühle sich stärker, seit er sich des Themas angenommen habe. In Polen begegne es einem überall, aber gesprochen werde darüber nicht. Bei seinen Eltern wurde nie darüber geredet. Aber es gehe bei seiner Arbeit auch gar nicht um den Holocaust, betont er: „Es geht um das Sein.“

Später sagt er: „Bei vielem von dem was ich mache geht es um das Fallen und um die Schwerkraft.“ Ein Sinn für das Absurde durchzieht seine Kunst und macht sie eher subtil als pompös. Dann erzählt er noch von einer seiner frühen Skulpturen, die ihm gerade von der polnischen Einrichtung zurückgegeben wurde, in deren Besitz sie gewesen war. Man hätte sie beinahe weggeworfen. „Es war auch ein kleiner Körper aus Tuchstoff dabei, der, so stand in dem beiliegenden Brief, voller Motten gewesen war. Sie schrieben, die hätten ihn drei Mal begasen müssen, um die Insekten loszuwerden.“ „Begasen“, lacht er.


Übersetzung: Zilla Hofman

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16:00 19.09.2009
Geschrieben von

Adrian Searle, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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