Die Technokraten sollen's richten

Athen/ Rom Italien und Griechenland setzen auf die Herrschaft der Experten. Das mag die Nerven der Märkte beruhigen - wirft aber allerhand Fragen auf

Dass dem Fall von Athen der Fall von Rom auf den Fuß folgte, hätte den alten, klassisch gebildeten Eliten Europas vielleicht zu denken gegeben. Diejenigen europäischen Regierungen, die sich heute noch im Amt befinden, sind allerdings weniger geschichtsbewusst und mehr an den gegenwärtigen Bilanzen interessiert als an der klassischen Antike. Dass die zwar demokratisch gewählten, aber gescheiterten Premierminister in Griechenland und Italien durch mutmaßliche Wirtschaftsexperten ersetzt werden, betrachten sie nicht als Problem, sondern vielmehr als Zeichen dafür, dass die beiden Länder es ernst meinen. Insbesondere im Falle Italiens hat der Abgang Silvio Berlusconis die Nerven wieder ein wenig beruhigt, die durch die Schlappe an den Anleihemärkten in der vergangenen Woche bloß lagen. Doch die Einsetzung dieser neuen Art von Regierungschefs wie Lucas Papademos in Athen und Mario Monti in Rom – Männer, die von jedermann als Technokraten bezeichnet werden – wird bald mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten kann.

Senator auf Lebenszeit

Wir sind Zeugen des Aufstiegs der Technokratie. Dieser hässliche Begriff konnotiert zweierlei: Zum einen den Gegensatz zu jener vertrauteren Form der „Kratie“, die von „Demos“ abgeleitet ist, dem griechischen Wort, das die gewöhnlichen Leute in Erinnerung ruft. Die Herren Papademos und Monti mussten sich um diese keine Sorgen machen, da sie beide nicht von ihnen gewählt wurden.

In Großbritannien ist es über ein Jahrhundert her, dass ein Premier regierte, der den vordemokratischen Glanz der Lords verströmte. Dagegen wurde der ehemalige EU-Kommissar Monti in der vergangenen Woche als Senator auf Lebenszeit eingeführt und kurz darauf gebeten eine Regierung zu bilden. Unterdessen holte man in Athen einen Bürokraten der Zentralbank, um eine Leerstelle zu schließen, die entstanden war, weil der vorige Premier mit der gefährlichen Idee geliebäugelt hatte, den Menschen mithilfe eines Referendums ein Mitspracherecht bei der der Sparpolitik einzuräumen. Die Demokraten taten sich zweifellos schwer damit, den Menschen Südeuropas die Löhne zu kürzen und ihnen andere Sparmaßnahmen aufzuzwingen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird bei den kommenden Parlamentswahlen in Spanien eine weitere Regierung der Rezession zum Opfer fällt. Doch es ist schon ein beachtlicher logischer Sprung von dieser Beobachtung hin zu Churchills Bonmot von der Demokratie als schlechtester aller Regierungsformen, ohne den Nebensatz "ausgenommen alle anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind" zu berücksichtigen.

Distanz und Expertise

Wenn die Distanz zur öffentlichen Meinung das erste ist, was das Wort „Technokrat“ evoziert, dann ist das zweite „Expertise“. In Brüssel hätte man gern, dass die europäischen Staatschef die im Niedergang befindliche Wirtschaft mit der professionellen Einstellung wieder in Ordnung bringen, mit der ein Mechaniker ein Flugzeug repariert. Doch diese Analogie zeigt, wie aussichtslos solche Hoffnungen sind. In Anbetracht des gestrauchelten Flugzeugs würde unser Mechaniker mit Berechnungen über dessen Gewicht beginnen, und überlegen, welche Kräfte nötig wären, um es wieder in die Luft zu bekommen. Dann würde er darüber nachdenken, wie er letztere in Relation zu ersterem erhöhen könnte.

Im Gegensatz hierzu arbeiteten die Reparateure der europäischen Wirtschaft nach der strikten Regel, dass die Last der öffentlichen Schulden zunächst mit allen möglichen Mitteln reduziert werden muss – selbst wenn dies das Wachstum schwächt, das dieses Gewicht letztlich tragen muss. Dies führt dazu, dass die Wirtschaft noch viel weniger Aussicht darauf hat, wieder abzuheben. Gleichzeitig wäre unser Mechaniker äußerst beunruhigt darüber, wie ungleich die Kraft auf die beiden Flügel verteilt ist. Europas Elite hingegen glaubt, sie könnte die ganze Last der Angleichung auf die verschuldete Peripherie abwälzen, ohne Deutschland und Konsorten weiter zu belangen.

Eine asymmetrische Anpassung wird nicht zu einem Gleichgewicht führen, nicht zuletzt deshalb, weil die Deutschen auf die Verschwendung der Peripherie angewiesen sind, um ihre Exporte verkaufen zu können. Aber die Wirtschaftswissenschaften lassen sich auch nicht wirklich mit der Ingenieurswissenschaft vergleichen. Ihre Urteile haben so weitreichende Auswirkungen darauf, wer am Ende was bekommt, dass sie politisch immer umstritten bleiben werden. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Technokraten sich davon lange frei machen können.

Übersetzung: Holger Hutt

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15:00 14.11.2011
Geschrieben von

Editorial | The Guardian

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