Die Trouble-Frau

Porträt Ngozi Okonjo-Iweala aus Nigeria führt die WTO in einem Alles-oder-nichts-Moment des globalen Handels
Die Trouble-Frau
„Ich bin fokussiert auf das, was ich tue, und kompromisslos in dem, was ich will“

Foto: Fabrice Coffrini/Getty Images

Selbst für eine Ökonomin wie Ngozi Okonjo-Iweala ist es ungewöhnlich, wie sehr ihr Leben von vielen, teils großen Zahlen flankiert wird. Als Vorsitzende der Impfallianz Gavi war sie für die Immunisierung von Millionen Kindern verantwortlich. Als Weltbank-Chefin managte sie ein Geschäftsvolumen von fast 100 Milliarden Dollar. Während ihrer Zeit als Finanzministerin Nigerias (2003 – 2006) war es ihr Job, die 30 Milliarden Dollar Schulden des Landes zu schultern. Auf Twitter hat sie 1,5 Millionen Follower.

Auch an kleineren Zahlen fehlt es nicht: 20 Non-Profit-Organisationen haben Okonjo-Iweala in ihrem Beirat. Zusätzlich zum eigenen Doktortitel wurde ihr noch zehnmal die Ehrendoktorwürde verliehen, ganz abgesehen von mehr als 20 internationalen Auszeichnungen. Und dann sind da noch zahlreiche Rankings, bei denen die 66-Jährige regelmäßig auftaucht. Sie ist unter den 100 mächtigsten Frauen der Welt, unter den 100 einflussreichsten Managern und den zehn einflussreichsten Frauen Afrikas. Dies alles wird quasi komplettiert, seit sie vor Tagen als neue Generaldirektorin der Welthandelsorganisation antrat. Noch nie hat eine Afrikanerin diese Position übernommen. Woran besonders aufmerken lässt, dass die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin die WTO mit einem Budget von 220 Millionen Dollar und 650 Mitarbeitern zu einem eher kritischen Zeitpunkt übernimmt. Experten attestieren dem globalen Handelssystem einen Alles-oder-nichts-Moment. Wie wird die neue Generaldirektorin damit umgehen?

Okonjo-Iweala war sechs, als Nigeria 1960 die Unabhängigkeit von Großbritannien erhielt. Mit sechs Geschwistern wuchs sie in einer Dorfgemeinschaft des Staates Delta im Süden auf. Ihre Eltern studierten als Stipendiaten in Europa und wurden hochdotierte Akademiker. Von der Großmutter erzogen, musste Okonjo-Iweala kochen lernen, Holz sammeln, Wasser holen und andere Arbeiten im Haushalt übernehmen. Als zwischen 1967 und 1970 das separatistische Biafra gegen Nigerias Zentralregierung kämpfte, unterbrach das ihre Schulausbildung und führte zu mancher Entbehrung. „Es gab nur eine Mahlzeit am Tag, sodass ich gezwungen war, sehr genügsam zu leben. Heute sage ich oft, dass ich ebenso gut auf einem Lehmfußboden wie in einem Federbett schlafen könnte. Was wir seinerzeit durchmachten, ließ mich zu jemandem werden, der im Leben nicht viel braucht“, äußerte sich Okonjo-Iweala vergangenes Jahr im Forbes-Magazin.

Als die dreijährige Schwester chronisch an Malaria erkrankte, war es Okonjo-Iweala, die sie kilometerweit zu einer Arztpraxis trug, sich durch Hunderte von Menschen drängte und durch ein Fenster kletterte, um die Behandlung zu bekommen, die lebensrettend war. In jungen Jahren ging sie in die USA, um an der Harvard-Universität und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Wirtschaft zu studieren. Sie heiratete ihren Jugendfreund und begann mit 25 Jahren für die Weltbank zu arbeiten. Nach und nach nahm sie in deren Hierarchie Stufe um Stufe, reiste viel und verabschiedete sich erst, als 2003 das Angebot kam, Nigerias Finanzministerin zu werden. In dieser Funktion forcierte sie Wirtschaftsreformen, und das ohne übermäßige Rücksichten. „Als ich Finanzministerin wurde, nannte man mich Okonjo-Wahala, auf Nigerianisch: die Trouble-Frau“, sagte Okonjo-Iweala 2005 in einem Interview. „Es bedeutet: ‚Ich mache einigen Leuten die Hölle heiß‘, doch mir war egal, wie man mich nannte. Ich bin eine Kämpferin und fokussiert auf das, was ich tue, und kompromisslos in dem, was ich will. Wer mir in die Quere kommt, kriegt leicht einen Tritt ab.“ Jedenfalls konnte sie den riesigen Schuldenberg Nigerias abbauen, indem sie zunächst skeptische westliche Mächte davon überzeugte, Schulden zu erlassen. Der frühere britische Premier Gordon Brown nannte sie „eine brillante Reformerin“, auch wenn andere weniger begeistert waren von dem, was sie mit Kreditgebern aushandelte. Auch weisen einige Kommentatoren darauf hin, dass viele von Okonjo-Iweala gegebene Versprechen zu Wachstum und Arbeitsplätzen in Nigeria nicht eingelöst wurden. „Sie kann wirklich forsch sein, vielleicht beängstigend für manche Leute, aber sie bleibt doch immer sie selbst: eine Frau, die uns zum Lachen bringen kann mit ihren Scherzen“, meint die nigerianische Wirtschaftsexpertin Ada Osakwe, die mit Okonjo-Iweala zusammenarbeitete, während die in der Regierung saß.

Als die US-Wahl das Veto der Regierung Trump gegen ihre Ernennung kassierte, war für Okonjo-Iweala der Weg an die WTO-Spitze frei. Sie wird nun deutlich exponierter und einflussreicher agieren können als jemals zuvor. Und das in einer Situation, in der die WTO von verschiedenen Seiten scharf kritisiert wird wie seit Jahrzehnten nicht. Dafür maßgeblich ist eine Bewegung, die gegen schädliche Folgen des von der WTO geförderten Handelskapitalismus aufbegehrt. Unmut kommt auch von den USA, die der Welthandelsorganisation Versagen gegenüber dem chinesischen Staatskapitalismus vorwerfen. Nicht zu vergessen die armen Nationen aus dem globalen Süden, die sich über eine Bevorzugung der Industrienationen beklagen, wie den geringen Einfluss, der ihnen bei WTO-Entscheidungen eingeräumt wird – besonders bei Agrarsubventionen. Auch die Hoffnungen, dass die Überfischung vor den Küsten Afrikas eingedämmt oder Hilfe zuteilwird gegen den Wilden Westen des E-Commerce, haben sich zerschlagen.

Emmanuel Akinwotu ist Korrespondent des Guardian für das westliche Afrika, Jason Burke arbeitet für diesen von Johannesburg aus

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 02.03.2021
Geschrieben von

Emmanuel Akinwotu, Jason Burke | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 15/2021

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