Die Überlebenden und die Toten

Bloody Sunday Nach der Entschuldigung des britischen Premiers Cameron für das Massaker im nordirischen Derry Anfang 1972 brennt in den Angehörigen der Wunsch nach Gerechtigkeit

Der 61-jährige John Kelly hat fast vier Jahrzehnte lang dafür gekämpft, seinen Bruder Michael zu rehabilitieren. Er hofft darauf, den Fallschirmjäger, der seinen Bruder erschoss, endlich vor Gericht zu bringen. Das Tribunal unter Lord Saville, das die Ereignisse im nordirischen Derry vor mehr als 38 Jahren untersuchte und 434 öffentliche Untersuchungstage lang die Aussagen der Augenzeugen des Massakers hörte, fällte ein klares Urteil. Es fiel so eindeutig aus, dass sich Premier David Cameron inzwischen für die tödlichen Schüsse britischer Soldaten auf Katholiken beim Bloody Sunday 1972 in Nordirland entschuldigt hat.

Am 30. Januar 1972 gingen John Kellys damals 17-jähriger Bruder und dessen Freunde zur Bürgerrechtsdemonstration gegen den Nordirland-Kurs der Regierung in London. Der Marsch endete mit dem größten von eigenem Militär verschuldeten Massaker auf britischem Territorium seit dem Blutbad von Peterloo bei Manchester im Jahr 1819. „Ich erinnere mich“, erzählt John Kelly, „dass ich mit Michael vorher sprach und ihm sagte 'Hör mal, du warst noch nie bei einer Demonstration. Wenn etwas passiert – geh’ heim!' Ich ließ ihn mit seinen Freunden ziehen und sollte ihn erst wiedersehen, als er im Sterben lag. Er wurde aus einem Haus in Abbey Park getragen, ich half ihm und legte ihn in den Krankenwagen.“ Am fruchtbarsten sei es gewesen, als sein Vater begriff, dass Michael gestorben war: „Ich sehe noch vor mir, als sei es gestern gewesen, wie mein Vater an der Wand des Warteraums im Krankenhaus zusammenbrach.“

Jetzt ist die Zeit

Kelly ist ein redegewandter, besonnener Mann, er wird lebhaft, wenn es um die Frage geht, was mit dem Fallschirmjäger, der die tödlichen Schüsse abgab und von der Saville-Kommission als Soldat F identifiziert wurde, geschehen soll. „Wichtig ist, dass Michael völlig rehabilitiert wird. Ich hoffe, dass ich den Soldaten F nur noch einmal wiedersehen werde – vor seinen Richtern und auf der Anklagebank. Ich möchte, dass er für Michaels Tod und für die Tode der anderen verurteilt wird, die er an jenem Tag umbrachte.“

Ein Derry-Aktionsbündnis, das seit 1992 dafür kämpft, die Opfer zu rehabilitieren, schließt aus dem Report der Saville-Kommission, dass Soldat F für vier bis sechs Tote verantwortlich sein könnte und deshalb – wie auch andere Fallschirmjäger – strafrechtlich verfolgt werden sollte. Das 1998 geschlossene Karfreitagsabkommen verfügt zwar eine Amnestie für die Verantwortlichen von Verbrechen, zu denen es während des De-Facto-Bürgerkrieges in Nordirland seit den sechziger Jahren kam. Trotzdem ist John Kelly überzeugt, „die Chancen, dass Soldat F ins Gefängnis kommt, stehen gut, denn nach dem Karfreitagsabkommen mussten die damaligen Häftlinge aus der IRA oder aus den Reihen britischer Loyalisten mindestens noch zwei Jahre absitzen, bevor sie vorzeitig entlassen wurden. Es wäre mir wichtig zu sehen, dass Soldat F durch ein Gefängnistor geht.“

John Kellys Freund Damien Donaghey überlebte die Schüsse, die am Bloody Sunday auf ihn abgefeuert wurden. Er war 15 und wurde am Oberschenkelknochen verletzt, als zwei Fallschirmjäger, die bei der Saville-Anhörung als die Soldaten A und B identifiziert wurden, das Feuer auf eine Personengruppe in der Nähe der Nook Bar eröffnet hatten. Donaghey leidet noch heute unter seinen Verletzungen und wartet auf einen chirurgischen Eingriff, bei dem er für das lädierte Bein ein neues Kniegelenk erhält.

Während der Anhörung vor der Saville-Kommission gab Donaghey zu, bei den Tumulten drei Steine geworfen zu haben, doch beharrte er darauf, dass es sich beim Vorwurf der britischen Armee, er und andere hätten Nagelbomben geschleudert, um Vertuschung und Lüge handele.
„Als ich angeschossen im Hospital lag lag, kam die Polizei und nahm meine Hose mit, um sie zu untersuchen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es keine Spuren von Sprengstoff oder irgendwelche Anhaltspunkte für Nagelbomben gab. Dennoch wurde ich von jenem Tag an durch die Fallschirmjäger als Nagelbomber gebrandmarkt, und das hängt mir bis heute nach. Deshalb müssen alle rehabilitiert werden, die Toten und die Lebenden.“

Wie Kelly findet auch Donaghey, dass die Soldaten, die während der Untersuchung als Todesschützen identifiziert wurden, strafrechtlich verfolgt werden sollten: „Die Leute, die am Bloody Sunday Unschuldige erschossen haben, und diejenigen, die sie mit diesem Auftrag losschickten, haben uns 38 Jahre lang fertiggemacht und angelogen. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden.“

Wegen der Kosten für die Saville-Kommission haben viele außerhalb von Derry in Frage gestellt, ob es das wirklich wert war. Donaghey entrüstet allein schon der Gedanke, die Untersuchung könne Zeit- und Geldverschwendung gewesen sein. „Wenn die Leute über die Kosten klagen, verstehen sie nicht, dass wir – Opfer und Überlebende zugleich – von diesen 191 Millionen Pfund keinen Cent sahen. Was ist schon Geld gegen die Wahrheit? Was ist ein Menschenleben wert? Will jemand wirklich sagen, all die Menschen, die auf dem Friedhof liegen, seien keine 191 Millionen Pfund wert?“

16 Minuten später

Als Mickey McKinney seinen Bruder am 30. Januar 1972 zum letzten Mal lebend sah, stand der auf einem Baum. Willie McKinney war Amateur-Filmer und wollte mit einer Super-8-Kamera den Marsch aufnehmen. Sein Filmmaterial vom Anfang der Demonstration wurde 38 Jahre lang immer wieder in Nachrichtensendungen und Dokumentarfilmen gezeigt. Mickey McKinney beschreibt seinen getöteten Bruder als „unaufdringlich und großen Anhänger von John Hume“, des Gründers der moderaten sozialdemokratischen und katholischen SDLP. „Ich sah Willie gegen vier Uhr nachmittags mit seiner Kamera auf dem Baum stehen, just in dem Moment, als das Tränengas versprüht wurde. 16 Minuten später war er tot, erschossen in Glenfada Park. Alles war in diesen wenigen Minuten vorbei. Ich kann es bis heute nur schwer ertragen.“

Raymond McClean, Arzt und später erster katholischer Bürgermeister von Derry, sprach als Letzter mit Willie McKinney und versuchte, dem im Sterben Liegenden mit beruhigenden Worten beizustehen. „Doktor McClean erzählte später, Willie habe ihn gefragt, 'Doktor, wird alles mit mir in Ordnung sein?' und er habe geantwortet, wenn man ihn rechtzeitig ins Krankenhaus bringen könne, dann ja. Kurz nachdem McClean dies gesagt hatte, fiel Willie ins Koma. Eine halbe Stunde später war er tot.“

Kelly, Donaghey und McKinney – sie glauben alle, dass die Ergebnisse der Recherchen von Lord Saville und die beispiellos detaillierte Analyse dieser Militäroperation Folgen für viele Regierungen haben werde, besonders in demokratischen Staaten. „Sie werden endlich erkennen, nicht über dem Gesetz zu stehen, sondern sich dessen Kontrolle beugen zu müssen. Das betrifft nicht nur die britische Regierung, auch die der USA – überhaupt jede Regierung, die hingeht und Unschuldige töten lässt“, meint McKinney. „Ich hoffe, der Bloody Sunday wird zur Lektion und trägt dazu bei, dass es sich jede Regierung zweimal überlegt, ob sie für Polizei und Militär ihre eigenen Regeln außer Kraft setzt.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:59 22.06.2010
Geschrieben von

Henry McDonald | The Guardian

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The Guardian

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