Die unbesungenen Helden

Übersetzer Sie leisten viel, doch nur wenige erkennen ihre Leistung an. Warum Übersetzer mehr Anerkennung verdienen

Von wem stammt der Milan Kundera, den Sie so sehr lieben? Und was ist mit Orhan Pamuk, Pat Barker, Toni Morrison oder Aleksandar Tisma? Der Übersetzer sollte seine Arbeit tun und wieder verschwinden. Der großartige, charismatische und kreative Schriftsteller strebt nach weltweiter Anerkennung, aber das letzte, was er zu akzeptieren bereit wäre, ist, dass der Großteil seiner Leser gar nicht wirklich unmittelbar ihn liest.

Seinen Lesern ergeht es ebenso. Sie wollen den unmittelbaren Kontakt mit wahrer Größe und nichts davon wissen, dass das, was sie da lesen, für einen Hungerlohn in einer Maisonette-Wohnung in Bremen oder einer Hochhaus-Siedlung in einem Vorort von Osaka entstanden ist. Welches Kind möchte damit behelligt werden, dass seine JK Rowling in Wahrheit ein kettenrauchender Rentner ist? Wenn ich Leser meiner eigenen Romane treffe und ihnen erzähle, dass ich auch übersetze, sind sie oft enttäuscht, als würde dies einen Autor herabsetzen, von dem sie gedacht hatten, ihm komme eine gewisse „Bedeutung“ zu.

Es besteht eine Komplizenschaft zwischen Globalisierung und Individualismus. Jeder kann so ziemlich jeden Film sehen und jedes Buch lesen, egal, wo sie gedreht oder geschrieben wurden und dadurch die gleiche Erfahrung teilen. Dies wird allerdings durch das Wissen getrübt, dass wir fast immer der Vermittlung eines Experten bedürfen. Was die Chinesen zu lesen bekommen, ist lediglich eine mittelbare Version meiner Texte und auch der Dostojewski, den ich lese, ist nur ein vermittelter.

Kundera fürchtete sein Stil verflachte

Vor einigen Jahren warf Kazuo Ishiguro seinen englischsprachigen Schriftsteller-Kollegen vor, sie schrieben zu kompliziert, um ohne weiteres übersetzt werden zu können. Ein Grund dafür, weshalb er selbst einen solch schlanken Stil entwickelt habe, liege in der Absicht zu gewährleisten, dass seine Bücher einfach auf der ganzen Welt Verbreitung finden könnten. Aber wie wäre es, wenn Shakespeare seine Wortspiele um seiner französischen Leser willen weniger raffiniert, komplex und anspielungsreich gemacht und Dickens bei der Sprache seines Wilkins Micawber berücksichtigt hätte, ob und wie man diese ins Japanische überträgt?

Für Milan Kundera war die Übersetzungsfrage sogar ein noch größeres Thema, da er befürchtete, die Übersetzung könnte seinen Stil verflachen. Die „höchste Gewalt“ der sich ein Übersetzer zu beugen habe, donnerte Kundera in Verratene Vermächtnisse, „sollte der persönliche Stil des Autors sein … Die meisten Übersetzer fühlen sich allerdings mehr der Konvention des „guten Französisch, Deutsch oder Italienisch“ verpflichtet“. Dabei ergibt die Abweichung von der linguistischen Norm aber natürlich nur im Rahmen des normativen Bezugssystems der jeweiligen Ausgangssprache Sinn. Man wird nie genau wissen, was ein Übersetzer getan hat. Er liest mit großer Aufmerksamkeit für Nuancen und kulturelle Implikationen, denkt an alle Bücher, die hinter diesem einen stehen und macht sich dann daran, dieses unendlich komplexe Gebilde in seiner eigenen Sprache neu zu verfassen, erarbeitet alles neu, ändert alles, damit die Übersetzung dem Ausgangstext bzw. der Erfahrung, die er mit diesem gemacht hat, so nahe wie möglich kommt. Bei jedem Satz muss er das Verhältnis zwischen Loyalität mit und Respekt vor dem Ausgangstext neu mit der größtmöglichen Bandbreite an Erfindungsreichtum ausloten. Stellen Sie sich vor, Sie müssten den Schiefen Turm von Pisa so nach Downtown-Manhattan versetzen, dass für jeden der glaubhafte Eindruck entsteht, er habe schon immer dort gestanden – das sind die Dimensionen, von denen hier die Rede ist.

Schlechte Übersetzer wirken unbeholfen

Selbst zu schreiben kostet mich immer viel organisatorische Kraft und kreative Energie, aber einen Roman Satz für Satz zu übersetzen, erfordert die größere intellektuelle Anstrengung. Ein positiver Effekt besteht hingegen darin, dass die Erfahrung, aktiv nachzuvollziehen, wie ein anderer Autor seine Geschichten komponiert, soviel wert ist, wie der einjährige Besuch einer Klasse für kreatives Schreiben. Es ist ein Verlust, dass sich heutzutage nur wenige Schriftsteller zum Übersetzen „herablassen“.

Sicher: Handelt es sich um einen schlechten Übersetzer, kommt es immer wieder zu Stellen, an denen der Zieltext unbeholfen klingt, weil er zu sehr am Ausgangstext klebt (man erhält den Inhalt, aber nicht den Stil). Oder die Übersetzung liest sich flüssig, weicht aber inhaltlich zu sehr vom Ausgangstext ab. Ein Übersetzer, der in Topform ist – also der mit dem tiefsten Verständnis des Originals und den größten sprachlichen Möglichkeiten in seiner Muttersprache – verbindet Inhalt und Form zu etwas völlig Neuem, das dem Modell, dem es nachgebildet ist, auf erstaunliche Weise treu bleibt.

Gelegentlich wird ein Übersetzer von einem großen Mann eingeladen, dessen Karriere er befördert und in manchen Fällen sogar mitbegründet hat, um ihn am Ruhm seines individuellen Genies teilhaben zu lassen. Er ist der Umberto Eco, den die Menschen in New York kennen. Er hat das Bild geprägt, das die Deutschen sich von Salman Rushdie machen. Nicht die Millionen von Entscheidungen, die er beim Übersetzen getroffen hat, sind es, die ihm Anerkennung bringen, sondern das Glück, einen erfolgreichen Autor wie Rushdie oder Eco übersetzt zu haben. Hätte er die gleiche großartige Arbeit bei der Übertragung eines weniger bekannten Autoren geleistet, hätte noch nie jemand von ihm gehört.

Aus diesem Grund kann man Harvill Secker nicht genug dafür loben, dass er einen der wenigen Preise für junge Übersetzer auslobt, die nicht verliehen werden, weil einer mit einem großen Namen in Verbindung gebracht wird, sondern weil er oder sie eine ausgewählte Geschichte überzeugender übersetzt hat als andere.

Jede Generation braucht ihre eigenen Übersetzer. Während große Literatur im Original nicht aktualisiert werden muss, setzt jede Übersetzung, wie großartig sie auch sein mag, Staub an. Wenn wir Popes Homer lesen, hören wir mehr Pope als Homer. Lesen wir Constance Garnetts Tolstoi, hören wir die Stimme des Englands des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wir müssen zu den großen Werken zurückgehen und sie in unserer eigenen Sprache erfassen. Hierfür brauchen wir frische Köpfe und Stimmen. Wenigstens ein paar Minuten im Jahr sollten wir uns daran erinnern, dass Übersetzer eine wichtige Arbeit leisten und sicherstellen, dass wir die besten bekommen, die es gibt.
 

Tim Parks ist Romancier, Sachbuchautor und Übersetzer aus dem Italienischen (u.a. Werke von Moravia, Tabucchi, Calvino und Calasso). Er lehrt in Mailand literarische Übersetzung und hat unter dem Titel Translating Style ein Buch herausgegeben, in dem italienische Übersetzungen der englischen Modernisten analysiert werden. Der neue PreisHarvill Secker und Waterstone's haben sich zusammengetan um gemeinsam den Harvill Secker Preis für junge Übersetzer auszuloben. In diesem Jahr ist Spanisch die gewählte Ausgangssprache und Bewerber sind angehalten, eine Kurzgeschichte des argentinischen Autors Matias Néspolo ins Englische zu übersetzen. Der Preis ist mit 1.000 Pfund Sterling dotiert.harvillseckeryoungtranslatorsprize.com

Übersetzung: Holger Hutt
16:30 28.04.2010
Geschrieben von

Tim Parks | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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