Die Waffen sind geladen

Medien Die Enthauptungen der Journalisten James Foley und Steven Sotloff zeigen, wie die Organisation Islamischer Staat ihren Terror in soziale Netzwerke trägt
| Ausgabe 35/2014 2

Zunächst liest es sich nur wie ein weiterer Tweet über die Macht sozialer Medien. Am 19. August gegen neun Uhr morgens, als gerade wieder Luftschläge der USA im Irak gemeldet werden, vergleicht der Autor des Tweets die Wirkung der sozialen Netzwerke mit der von "Gewehren oder Schwertern". Doch in dem Fall ist das nicht nur Rhetorik. Schätzungen zufolge haben Hunderte Dschihadisten die Tweets von Nasser Balochi abonniert. Der Sunnit gehört zu einer wachsenden Armee von Twitterern, die Nachwuchs für die Kriege in Syrien und dem Irak rekrutieren.

Die Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Islamischen Staat (IS) wird – wie alle Kriege – auch davon beeinflusst werden, wer den Propagandakrieg um die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnt. Und die Onlinearmee des IS spielt eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der brutalen Operationen vor Ort.

Als der IS am 19. August auf Youtube ein Video von der Enthauptung des US-amerikanischen Journalisten James Foley veröffentlichte, war dies der bis dahin verheerendste Schlag, der in diesem an Bildern von Folter, Mord und Kampfszenen keineswegs armen Krieg bislang geführt wurde. Mittlerweile haben die Extremisten mit einem Video der Tötung von Steven Sotloff ihre Drohung aus dem ersten Video wahrgemacht, einen zweiten US-Journalisten zu enthaupten, wenn die USA ihre Angriffe nicht einstellen.

Noch nie zuvor konnte weltweit ein Publikum in Echtzeit so die Gräueltaten eines Kriegs verfolgen. Die professionelle Bearbeitung und die hohe Produktionsqualität der Enthauptungsvideos haben den Ruf des IS als medienaffine und auf Öffentlichkeit zielende Gruppe bekräftigt, die barbarische Inhalte mit einer zeitgemäßen Ästhetik kombiniert.

Jamie Bartlett ist Direktor des Zentrums für die Analyse sozialer Medien beim britischen Thinktank Demos. Er hat bereits vor fünf Jahren eine gegen das Establishment gerichtete, gegenkulturelle Geisteshaltung junger Muslime ausgemacht, die sich in einer solchen "dschihadistisch coolen" Inszenierung zeige. Gegenwärtig gehe die Entwicklung seiner Meinung nach dahin, dass IS-Sympathisanten die Unmittelbarkeit und Reichweite sozialer Medien nutzten, um der Gruppe weltweit ein wiedererkennbares Image zu verschaffen.

Multiplikator und Follower

"Das sind junge Männer, die mit all diesen technischen Möglichkeiten aufgewachsen sind", sagt Bartlett. "Sie wissen, dass es nicht schwer ist, eine App zu entwickeln. Sie wissen, wie wichtig Twitter ist und wie man ein widerwärtiges Video erfolgreich bei Youtube hochlädt, das sich von dort aus viral verbreitet." Hinzu komme, dass es heute viel billiger und einfacher sei als noch vor zehn Jahren, professionelle agitatorische Clips herzustellen und sie um die ganze Welt zu schicken.

Einer dieser technisch versierten Männer ist Nasser Balochi. Auf seinem Twitter-Profil sind Bilder von Granaten und AK-47-Maschinengewehren zu sehen, den Waffen der Mudschaheddin. Als der IS im April 2014 anfing, im Norden Syriens auf sich aufmerksam zu machen, nannte eine Studie zum Onlinedschihad Balochi als eine der einflussreichsten Figuren für die Netzwerke der ausländischen Syrien-Kämpfer.

Experten des Londoner Instituts International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) untersuchen, wie der Konflikt in Syrien ausländische Kämpfer anzieht und erforschen den Rekrutierungsprozess. Sie fanden heraus, dass dieser oft erstaunlich simpel abläuft. Oft beginnt es harmlos mit dem Austausch von ein paar Tweets. Die Wissenschaftler analysierten ein Jahr lang die Social-Media-Profile von 190 Dschihadisten aus westlichen Ländern, von denen viele für den IS kämpften. Zudem wurde analysiert, wer sie anfütterte und anleitete.

Twitterer wie Nasser Balochi sind hier als Multiplikatoren eingestuft worden – Personen, denen bei der Unterstützung und Rekrutierung ausländischer Kämpfer eine besondere Rolle zukommt. Nach Schätzungen sind bis zu 2.800 Extremisten aus Europa nach Nordsyrien und in den Irak gereist. Die größte Gruppe – etwa 500 von ihnen – kam aus Großbritannien.

Balochi erfreute im August seine Twitter-Follower mit Gedanken über das, was er den „US-amerikanischen Genozid an den Muslimen“ nennt. Er bezog sich dabei auch auf die Botschaften von Osama bin Laden. Gesendet wurde der Tweet aus Pakistan, geschrieben war er auf Englisch. Die Gotteskrieger nutzen die Tweets der Multiplikatoren, um sich einen Überblick über den Dschihad zu verschaffen – was anderswo vor sich geht, wie die Stimmung zu Hause ist. In Echtzeit werden Fotos von Gefechten verbreitet und „Märtyrer“ gewürdigt. Radikalisierungsforscher und ICSR-Direktor Peter Neumann sagt: „Die Multiplikatoren müssen sich nicht selbst im Irak oder in Syrien aufhalten. Die selbsternannten IS-Sprecher können genauso gut in Nordengland sitzen.“ Propaganda 2.0 ist nicht mehr an Orte gebunden.

Die zwei beliebtesten Seiten, die von Militanten verwendet werden, sind laut Neumann Twitter und die in Lettland ansässige Seite Ask.fm. Dort bombardierten sich User geradezu mit Fragen. „In regelmäßigen Abständen tritt dann ein in Syrien sitzender Legionär auf“, sagt Neumann. „Wer gern seinem Beispiel folgen möchte, kann sich an ihn wenden: ‚Was sollte ich mitnehmen? Wie ist das Wetter da unten?‘“

Der einflussreichste Twitterer für ausländische Kämpfer nennt sich Shami Witness. Seine Beliebtheit steigt bisher analog zu den Gebietsgewinnen des IS – seit April von 4.700 auf 11.900 Follower. Experten führen den Popularitätszuwachs auf seine Wandlung vom Anti-Assad-Aktivisten zum IS-Unterstützer zurück. Das befeuert offenbar seine Glaubwürdigkeit. „Er ist ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Aspiranten und Legionären in Syrien“, sagt Neumann.

Dass es so einfach ist, Kämpfer zu mobilisieren, stellt die Behörden im Westen vor ein Dilemma: Wie können sie anders als durch die Schließung sozialer Netzwerke verhindern, dass diese als Verbindungskanal für Dschihadisten dienen? Die große Stärke der sozialen Medien – ihre Fähigkeit, Informationen rasend schnell zu verbreiten – führte dazu, dass schon wenige Momente nachdem Foleys Hinrichtung als Videoclip am späten Abend des 19. August auftauchte, die Bilder nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren. Jede Minute werden über 100 Stunden Material bei Youtube hochgeladen. Zu kontrollieren ist diese Masse nicht.

In Großbritannien reagierte Scotland Yard mit einer Warnung: Personen, die Links zu den Enthauptungsvideos posten, könnten sich wegen der Verbreitung extremistischen Materials strafbar machen. Es ist aber noch unklar, wie viele deswegen belangt werden. In einer durchschnittlichen Woche lässt die Interneteinheit der Londoner Polizei von den zuständigen Serverbetreibern rund 1.100 Inhalte entfernen oder sperren, die gegen Anti-Terror-Gesetze verstoßen. Von diesen Aktionen haben ungefähr 800 einen Bezug zu Syrien oder dem Irak.

Katz und Maus

Twitter selbst hat seit dem Erscheinen des Foley-Videos Dutzende IS-nahe Accounts geblockt. Sicherheitsexperten kritisieren allerdings, dies geschehe oft willkürlich und erinnere an ein Katz-und-Maus-Spiel. Gesperrte Personen eröffnen Accounts bei kleineren Netzwerken und posten von dort dann Material, das schnell auch wieder auf Twitter landet.

Von den zehn Multiplikatoren, die im Bericht des ICSR vorkommen, ist bisher offenbar nur einem das Konto geschlossen worden. Scotland Yard verweigert die Auskunft darüber, wie viele Social-Media-Accounts man seit dem Foley-Video ins Visier genommen hat. Polizeiquellen zufolge herrscht aber eine gewisse Frustration darüber, dass nicht genug Zugänge gesperrt werden – ein Hinweis darauf, dass zwischen den Geheimdiensten und der Polizei Uneinigkeit darüber herrscht, wie am besten mit potenziellen Dschihadisten umzugehen ist. Selbst ein flüchtiger Blick zeigt, dass auf Twitter ein vielschichtiges Netzwerk aus Kämpfern, Freunden und Aspiranten besteht. „Die Polizei will solche Strukturen zerschlagen und die beteiligten Personen verhaften. Die Geheimdienste wehren sich dagegen. Sie wollen sehen, wer wem folgt und die Verbindungen verstehen. Ein solches Netzwerk ermöglicht ihnen, viele Leute im Auge zu behalten“, sagt Neumann.

Wenn man Extremisten aus den sozialen Netzwerken vertreibt, wandern sie ins sogenannte Deep Web ab. Bereits nach dem Eingreifen von Twitter vergangene Woche zeigte sich, dass IS-Anhänger zum dezentralen Netzwerk Diaspora wechselten, bei dem Daten auf privaten Servern gespeichert werden, die nicht von einem einzelnen Administrator geprüft werden können. Nicht einmal diejenigen, die Diaspora eingerichtet haben, können Inhalte entfernen, weil sie keine Kontrolle über all die unabhängigen Server haben, aus denen dieses Netzwerk zusammengesetzt ist.

Jamie Bartlett rechnet damit, dass der IS auch in Zukunft soziale Medien für Propaganda nutzen, die Identität der beteiligten Personen aber stärker durch anonymisierende Server und Browser verschleiern wird. Zugleich wird es wohl noch mehr Zulauf für Diaspora geben. Fürs Erste ziehen jedoch Leute wie Nasser Balochi weiter Follower an. Während dieser Text entstand, meldete sich als neuestes Mitglied jemand an, dessen Profil ein Revolver schmückt und der den IS-Legionären versichert: "Wer für die Sache Allahs stirbt, wird ewig leben."

Mark Townsend und Toby Helm sind Politikredakteure des Observer.

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Mark Townsend, Toby Helm | The Guardian

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