Die Wahrheit in Zeiten des Internets

Medien Noch nie war es so einfach, an Informationen zu kommen. Auch an viele falsche. Wie verändert das unsere Öffentlichkeit?
Katharine Viner | Ausgabe 35/2016 15
Die Wahrheit in Zeiten des Internets
Warum wir Gerüchten aus sozialen Medien so leicht glauben
Foto: Art Media/Print Collector/Getty Images, Montage: der Freitag

Vergangenen September wachten die Briten eines Morgens mit einer unerhörten Geschichte auf. Der Daily Mail zufolge hatte David Cameron eine „obszöne Handlung mit dem Kopf eines Schweins“ vollzogen. „Ein angesehener Oxforder Kommilitone behauptet, Cameron habe einmal an einer Initiationszeremonie der berüchtigten Piers-Gaveston-Society teilgenommen, bei dem ein totes Schwein eine Rolle spielte“, berichtete die Boulevardzeitung. Die Autoren des Artikels gaben an, bei der Quelle handle es sich um einen Abgeordneten des britischen Unterhauses, der behaupte, er habe Bilder von dem Vorfall gesehen: „Er versichert, der spätere Premierminister habe einen intimen Körperteil in das Tier eingeführt.“

Die Geschichte, die aus einer unautorisierten Biografie Camerons stammt, sorgte sofort für Furore. Sie bot eine großartige Gelegenheit, einen elitären Premierminister zu verspotten. Und viele hatten kein Problem damit, die Geschichte zu glauben. Innerhalb von Minuten waren die Hashtags #Piggate und #Hameron auf Twitter in Umlauf. Zunächst weigerte sich die BBC, über die Vorwürfe zu berichten und aus 10 Downing Street hieß es, man werde die Geschichte nicht mit einem Kommentar „adeln“ – sah sich aber schon bald gezwungen, sie offiziell zu dementieren.

Dann, nachdem die Sache einen Tag lang im Netz für Erheiterung gesorgt hatte, räumte Isabel Oakeshott, die Reporterin der Daily Mail, die die Biografie zusammen mit dem milliardenschweren Geschäftsmann Lord Ashcroft geschrieben hatte, im Fernsehen ein, sie wisse nicht, ob an dem skandalträchtigen Scoop auch nur ein Wort wahr sei. Als sie dazu gedrängt wurde, Beweise für die Behauptung zu nennen, gab Oakeshott zu, dass sie keine habe.

Neue Unverfrorenheit

„Wir konnten den Anschuldigungen dieser Quelle nicht auf den Grund gehen“, erklärte sie. „Also beschränkten wir uns darauf, das wiederzugeben, was die Quelle uns berichtet hatte. Wir sagen nicht, ob wir glauben, dass die Geschichte der Wahrheit entspricht.“ Oakeshott ging sogar noch weiter, um sich jeder journalistischen Verantwortung zu entledigen. „Die Leute müssen selbst entscheiden, ob sie der Sache Glauben schenken oder nicht.“

Piggate war natürlich nicht das erste Mal, dass haarsträubende Behauptungen auf der Basis von fadenscheinigen Beweisen veröffentlicht wurden, aber die Unverfrorenheit, mit der die Journalistin sich verteidigte, war neu. Man konnte den Eindruck gewinnen, als sei es gar nicht mehr länger notwendig, dass Journalisten ihre eigenen Geschichten glauben und sie beweisen können. Stattdessen sollten die Leserinnen, die nicht einmal die Identität der Quelle kennen, sich selbst eine Meinung bilden. Auf welcher Basis? Bauchgefühl, Eingebung, Laune?

Spielt die Wahrheit überhaupt noch eine Rolle? Und was bedeutet der Wandel der Öffentlichkeit für unsere Vorstellungen von wahr und falsch? 25 Jahre nachdem die erste Internetseite online ging, steht außer Frage, dass wir in einer Zeit des scharfen Umbruchs leben. Seit Gutenberg war das gedruckte Wort 500 Jahre lang die bestimmende Form der Informationsübermittlung: Wissen wurde in erster Linie in fixierter Form weitergegeben, die die Leser in dem Glauben an feste, unverrückbare Wahrheiten bestärkte.

Heute gilt immer öfter bereits das als Wahrheit, was Einzelne für wahr halten – und die Technik hat es sehr einfach gemacht, diese „Fakten“ mit einer Geschwindigkeit und Reichweite in Umlauf zu bringen, die in der Gutenberg-Ära oder selbst vor zehn Jahren noch unvorstellbar waren. Eine dubiose Geschichte über Cameron und ein Schwein erscheint eines Morgens in einer Boulevardzeitung und bis zum Mittag ist sie in den sozialen Netzwerken bereits einmal um die Welt gegangen und überall auch in seriösen Nachrichtenquellen aufgetaucht. Die Angelegenheit mag einem unwichtig erscheinen, aber ihre Folgen sind sehr gravierend.

Falsche Amokbilder

Wenn über ein wichtiges Ereignis in Echtzeit berichtet wird, steigt in den sozialen Netzwerken schlagartig die Zahl der Fehlinformationen. Zuletzt beobachten konnte man das, als der 18-jährige David S. in München im Juli neun Menschen tötete. Kurz nach den ersten Meldungen fand sich auf Twitter ein Bild, dass Tote am Fuße einer Rolltreppe in einem Einkaufszentrum zeigte – und zu dem behauptet wurde, es zeige Münchner Opfer. Das Foto stammte aber von einer älteren Bluttat in Johannesburg, wie eine einfache Bildrecherche schnell zeigte. Weitergeleitet wurde es trotzdem massenweise.

Für gewöhnlich gibt es zu einem Thema mehrere Wahrheiten, die miteinander in Widerspruch stehen, aber in der Ära der Druckerpresse haben die Wörter auf einer Zeitungsseite die Dinge fixiert – ob sie sich letztlich als wahr herausstellten oder nicht. Der Information kam eine gewisse Autorität zu, zumindest bis der nächste Tag ein Update oder eine Korrektur brachte, und wir alle gingen bis zu einem bestimmten Punkt von denselben Fakten aus.

Diese „Wahrheit“ kam für gewöhnlich von oben – und sie war die Wahrheit des Establishments. Ein Großteil der Presse neigt dazu, den Status quo und die herrschenden Verhältnisse zu verteidigen. Für Nicht-Journalisten war es aber lange nahezu unmöglich, der Macht der Medien etwas entgegenzusetzen. Heute misstrauen die Menschen vielem, was ihnen als Fakten präsentiert wird – vor allem, wenn die fraglichen Informationen unbequem sind oder nicht ihrer eigenen Meinung entsprechen. Und während einiges von diesem Misstrauen unangebracht ist, ist manches davon durchaus auch berechtigt.

Im digitalen Zeitalter ist es nun aber leichter denn je, falsche Informationen zu veröffentlichen, die sich oft ungeprüft in Windeseile verbreiten. Das lässt sich bei Anschlägen oder anderen Notfällen beobachten, wenn es ganz besonders schnell gehen muss. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während der Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris machte in den sozialen Medien schnell das Gerücht die Runde, der Louvre und das Centre Pompidou seien ebenfalls betroffen und François Hollande habe einen Schlaganfall erlitten. Es braucht seriöse Medienmarken und Journalisten, die die Fakten recherchieren, um diese Falschmeldungen zu entlarven.

Manchmal machen solche Gerüchte aus Panik die Runde, manchmal ist Manipulation im Spiel, weil ein Unternehmen oder ein Regime Leute dafür bezahlt, ein bestimmtes Gerücht zu streuen. Unabhängig von den Motiven verbreiten sich Fakten und Falsches heute gleichermaßen durch sogenannte Informationskaskaden. Man teilt das Posting eines Freundes auf Facebook, vielleicht um Verbundenheit oder Zustimmung zu demonstrieren, oder auch nur um zu zeigen, dass man Bescheid weiß – und erhöht damit die Sichtbarkeit des Posts für andere. Dieser Kreislauf wiederholt sich und bevor man sich versieht, hat die Kaskade ein Stadium erreicht, in dem sie sich nicht mehr aufhalten lässt.

Mehr vom Immergleichen

Algorithmen wie derjenige, mit dem Facebooks Newsfeed betrieben wird, sind darauf ausgelegt, uns mehr von dem zu geben, was wir nach der Berechnung des Algorithmus wollen – was bedeutet, dass die Version der Welt, auf die wir jeden Tag in unserem persönlichen Stream treffen, auf unsichtbare Weise kuratiert wird, um uns in unseren bestehenden Ansichten zu bestärken. Als Eli Pariser im Jahr 2011 den Begriff „Filterblase“ prägte, meinte er damit, dass das personalisierte Web – insbesondere Googles personalisierte Suchfunktion – die Wahrscheinlichkeit verringert, dass wir mit Informationen konfrontiert werden, die unsere Weltanschauungen in Frage stellen.

Pariser rief damals die Betreiber der sozialen Netzwerke auf, sie sollten sicherstellen, dass „ihre Algorithmen ausgleichende Meinungen und wichtige Nachrichten priorisieren, nicht nur das Zeug, das am beliebtesten ist und am leichtesten Zustimmung findet“. Doch dank des unglaublichen Aufstiegs einiger sozialer Plattformen ist die Filterblase, die Pariser 2011 beschrieb, in den vergangenen fünf Jahren noch viel selektiver geworden.

Wenn man Social-Media-Unternehmen auffordert, etwas gegen die Filterblase zu unternehmen, unterstellt man, dies sei ein Problem, das sich einfach technisch lösen lasse. Es ist aber der Idee sozialer Netzwerke selbst inhärent, die darauf ausgerichtet sind, dir und deinen Freunden genau das zu geben, was ihr sehen wollt.

Facebook existiert erst seit 2004 und hat heute bereits 1,6 Milliarden User weltweit. Es ist für viele zum wichtigsten Mittel geworden, im Netz Nachrichten zu finden. Und es ist auf eine Art und Weise dominant, die man sich im Zeitungszeitalter niemals hätte vorstellen können. „Die sozialen Medien haben den Journalismus nicht einfach nur geschluckt, sie haben alles geschluckt: politische Kampagnen, Bankgeschäfte, persönliche Geschichten, die Freizeitindustrie, den Einzelhandel und sogar Regierung und Sicherheit“, fasst Emily Bell die Macht von Social Media zusammen. Die Direktorin des Center for Digital Journalism an der Columbia University in New York beschreibt die Auswirkungen der sozialen Medien für den Journalismus so: „Das Ökosystem unserer Informationsbeschaffung hat sich in den vergangenen fünf Jahren so stark verändert wie vielleicht die vergangenen 500 Jahre nicht.“ Die Zukunft des Publizierens werde „in die Hände der wenigen gelegt, die nun das Schicksal der vielen kontrollieren“.

Zeitungsverlage haben die Kontrolle über den Vertrieb ihrer journalistischen Arbeit verloren, die für viele Leser heute „durch Algorithmen und Plattformen gefiltert wird, die undurchschaubar und unberechenbar sind“. Das bedeutet, dass Social-Media-Unternehmen eine ungeheure Macht darüber gewonnen haben, was wir lesen – und unglaublich gut an der Arbeit anderer Leute verdienen. Wie Bell bemerkt: „Es gibt eine weitaus größere Machtkonzentration als je zuvor.“

Antimuslimische Hetze

Einen großen Teil gezielt erfundener Geschichten machen in den sozialen Netzwerken Einträge aus, die auf Stimmungsmache gegen Flüchtlinge und antimuslimische Hetze abzielen. Die Fake-Entlarvungswebseite mimikama.at hat das Vorgehen dabei anhand eines Posts nachverfolgt, in dem behauptet wurde, in Schweden sei ein zwölfähriger wegen seiner blauen Augen von arabischen Migranten verprügelt worden. Das dazugehörige Bild war aus einem Artikel der BBC und zeigte statt einem zwölfjährigen Schweden eine vierjährige Britin, die ein geschwollenes Gesicht von einem Hundebiss hatte.

Von Redakteuren ausgesuchte Inhalte wurden in vielen Fällen durch einen Informationsstrom ersetzt, der von Freunden, Kontakten und Familienangehörigen mitbestimmt und von geheimen Algorithmen verarbeitet wird. Die alte Idee eines weit offenen Netzes, in dem Hyperlinks von Seite zu Seite ein nicht-hierarchisches und dezentralisiertes Netzwerk aus Informationen schaffen, wurde weitgehend durch Plattformen ersetzt, die darauf ausgerichtet sind, dass man seine Zeit innerhalb ihrer Mauern verbringt. Manche von ihnen wie etwa Instagram und Snapchat erlauben überhaupt keine Links nach draußen.

Und ja, natürlich, Facebook entscheidet nicht, was wir lesen – zumindest nicht direkt. Es diktiert den Verlagen auch nicht, was sie zu produzieren haben. Aber wenn eine Plattform die dominante Quelle für den Zugang zu Informationen wird, werden Zeitungsverlage ihre eigene Arbeit oft auf die Bedürfnisse dieses neuen Mediums zuschneiden. (Der sichtbarste Beleg für den Einfluss von Facebook auf den Journalismus besteht in der Panik, die jede Veränderung des Newsfeed-Algorithmus begleitet, weil die Gefahr besteht, mit ihr könnten sich für die Online-Medien die Zahlen der Page Views verringern.)

In den vergangenen Jahren haben viele Verlage sich aber auch von einem Journalismus im Interesse der Öffentlichkeit hin zu einem Junkfood-Journalismus entwickelt, der in der Hoffnung auf Clicks und Werbeeinnahmen Page Views nachjagt – aber wie beim eigentlichen Junkfood hasst man sich dafür, sobald man sich damit den Bauch vollgeschlagen hat. Die extremste Manifestation dieses Phänomens besteht in der Schaffung sogenannter Fake News Farms, die Klicks mit falschen Berichten anziehen und in den sozialen Netzwerken von vielen weitergeleitet werden. Aber dasselbe Prinzip wirkt auch bei Nachrichten, die irreführend oder auf sensationelle Weise unaufrichtig sind: Für zu viele Verlage ist Viralität heute einfach wichtiger als Wahrheit oder Qualität.

Aufregender als die Realität

Natürlich haben Journalisten auch in der Vergangenheit Dinge falsch dargestellt – aus Versehen, aufgrund von Vorurteilen, manchmal auch mit Absicht. Es wäre falsch zu glauben, es handle sich nur um ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Neu und entscheidend ist aber, dass Lügen heute von genauso vielen Menschen gelesen werden können wie fundierte Tatsachen – oft sogar von noch mehr Leuten, denn sie sind meist aufregender als die Realität.

Der Zynismus dahinter wurde einmal von Neetzan Zimmerman offen zum Ausdruck gebracht. Zimmerman arbeitete früher als Spezialist für virale Stories bei der Klatsch-Webseite Gawker. Er sagte 2014: „Heute ist es nicht mehr wichtig, ob eine Geschichte wahr ist. Das Einzige, was wirklich zählt, ist, ob die Leute sie anklicken oder nicht.“ Fakten seien passé, ein Relikt aus den Zeiten der Druckerpresse, in der die Leser keine Wahl hatten. „Wenn jemand einen Text online nicht teilt, dann handelt es sich im Grunde um einen Nicht-Text.“

Erfundener Toter

Nicht nur von Rassisten wird frei Erfundenes gepostet. Für viel Aufregung sorgte der Facebook-Post eines ehrenamtlichen Flüchtlingshelfers in Berlin, der im Januar behauptete, ein 24-jähriger Syrer sei verstorben, nachdem er tagelang beim Landesamt für Gesundheit und Soziales in Eiseskälte angestanden und versucht habe, Hilfe zu bekommen. Der Verein „Moabit hilft“ bezog sich auf den Post und verbreitete die Falschmeldung weiter. Die Medien griffen sie im Konjunktiv auf, die Polizei suchte nach dem Toten – bis der Urheber gestand, alles nur erfunden zu haben.

Dass diese Haltung zunehmend um sich greift, zeigt, dass der Journalismus sich immer stärker an den Bedürfnissen der als Konsumenten begriffenen Leser orientiert. Anstatt eine informierte Öffentlichkeit zu schaffen und die Vorstellung zu verteidigen, bei Nachrichten handele es sich um ein öffentliches Gut und eine demokratische Notwendigkeit, wird so die Bildung von Kleingruppen gefördert, die nur zu ihren jeweiligen Ansichten passende Informationen weiterleiten und sich in ihren Facebook-Gruppen gegenseitig bestärken.

Das Problem ist, dass das Geschäftsmodell der meisten digitalen Verlage auf Klicks basiert. Zeitungsverlage auf der ganzen Welt veröffentlichen wie im Fieberwahn massenweise Artikel, um möglichst viel Geld für Online-Werbung einstreichen zu können. (Dabei gibt es da gar nicht mehr so viel zu holen: Im ersten Quartal 2016 gingen von jedem Dollar, der in den USA für Online-Werbung ausgegeben wurde, 85 Cent an Google und Facebook.)

Und im Newsfeed auf dem Handy sehen alle Geschichten erst einmal gleich aus – ob sie von einer seriösen Quelle stammen oder nicht. Und auf der Jagd nach Klicks veröffentlichen zunehmend auch ansonsten seriöse Quellen immer öfter falsche, irreführende und skandalträchtige Geschichten. „Es geht darum, Klicks zu generieren, also werden die Redaktionen unkritisch einiges von dem schlimmsten Zeug da draußen veröffentlichen und dem Schwachsinn damit auch Legitimität verleihen,” sagt Brooke Binkowski, Redakteur bei der Onlineplattform Snopes, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Lügen und falsche Gerüchte im Internet zu widerlegen. „Nicht alle Redaktionen sind so, aber viele“, sagt Binkowksi.

Man sollte allerdings nicht alles mit einer knalligen digitalen Schlagzeile als Klickfang abtun – ansprechende Headlines sind ja etwas sehr Gutes, wenn sie die Leserin zu qualitativ hochwertigem Journalismus führen. Was guten Journalismus von schlechtem unterscheidet, ist die Arbeit, die in ihn hineingesteckt wird: Die Leute schätzen Journalismus, wenn sie ihm anmerken, dass jemand viel Arbeit in ihn investiert hat – wo sie die Anstrengung spüren, die für sie unternommen wurde, egal ob es um große Themen geht oder kleine, ernste oder unterhaltsame. Es ist das Gegenteil dessen, was im Englischen churnalism genannt wird – das endlose Wiederverwerten der Geschichten anderer, das Recyceln von Presseerklärungen und Agenturmeldungen, um möglichst leicht Klicks zu generieren.

Too good to check

Das Werbegeschäftsmodell im Internet unterscheidet gegenwärtig aber nicht zwischen wahr und falsch, sondern lediglich zwischen groß und klein. Als 2013 eine Falschmeldung zum viralen Hit avancierte, schrieb der US-amerikanische Journalist Dave Weigel: „Too good to check lautete einmal eine Warnung für Redakteure, unsinnige Geschichten nicht übereilt und kritiklos zu übernehmen. Heute ist daraus ein Geschäftsmodell geworden.“

Eine Nachrichtenbranche, die verzweifelt jedem billigen Klick hinterherrennt, klingt nicht nach einer Branche, die in einer Position der Stärke wäre und in der Tat befinden sich die Zeitungsverlage in der Krise. Der Wandel hin zum Internet-Journalismus hat zu einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Journalist und Leserschaft geführt. Durch das Netz wurden neue Wege erschlossen, an Geschichten zu gelangen und diese dann wieder unter die Leute zu bringen. Journalisten wurden neue Wege eröffnet, mit ihren Lesern in Kontakt zu treten und sich der Diskussion zu stellen. Doch auch wenn die Möglichkeiten für den Journalismus durch die digitalen Entwicklungen gestärkt wurden, haben diese das Geschäftsmodell der meisten Verlage massiv in Bedrängnis gebracht. Denn egal, wie viele Klicks man generiert, es werden nie genug sein. Und wenn man den Zugang zu seinen Artikeln kostenpflichtig macht, steht man vor der großen Herausforderung, den digitalen Konsumenten, der es gewohnt ist, Informationen für lau zu erhalten, davon zu überzeugen, nun auch für Qualität im Netz zu bezahlen.

Den Zeitungsverlagen brechen überall drastisch Gewinne und Einnahmen weg. Man muss sich nur die Zahlen ansehen, die die New York Times und Facebook für das erste Quartal dieses Jahres veröffentlicht haben. Die New York Times gab an, dass ihre operativen Gewinne um 13 Prozent auf 51,5 Millionen Dollar gefallen sind. Auch wenn sie damit noch immer besser dasteht als die meisten anderen Zeitungen, ist der Rückgang dennoch gewaltig. Facebook legte unterdessen offen, dass sein Gewinn sich im selben Zeitraum auf gigantische 1,51 Milliarden US-Dollar verdreifacht hat.

Ausgedachte Personen

Eine besondere Gruppe der Internet-Fakes sind sogenannte Real Fakes – Menschen, die online eine andere Identität annehmen und komplette Leben mit Familie, Freunden und Arbeitskollegen erfinden, um andere zu täuschen. Oft verwickeln Real Fakes ihre Opfer über Monate in lange Online-Gespräche. Viele Betroffene schildern, dass sie sich in die fiktiven Personen verliebt haben, die dann immer neue Gründe erfinden, warum ein Treffen nicht zustande kommt. Die Hamburgerin Victoria Schwartz, die das selbst erlebt hat, informiert auf ihrem Blog realfakes.net über das Phänomen.

Dass in den vergangenen zehn Jahren viele Journalisten ihre Jobs verloren haben, ist nicht nur für die Betroffenen selbst ein Problem, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die gesamte demokratische Kultur. Jürgen Habermas warnte bereits 2007: „Wenn Umorganisation und Einsparungen in diesem Kernbereich die gewohnten journalistischen Standards gefährden, wird die politische Öffentlichkeit im Mark getroffen. Denn die öffentliche Kommunikation büßt ohne den Zufluss von Informationen, die sich aufwändiger Recherche verdanken, und ohne die Belebung durch Argumente, die auf einer nicht gerade kostenlosen Expertise beruhen, ihre diskursive Vitalität ein. Die Medien könnten den populistischen Tendenzen dann keinen Widerstand mehr entgegensetzen und ihre zentrale Funktion nicht mehr erfüllen, die sie im Rahmen eines demokratischen Rechtsstaats haben.“

Die Krise des journalistischen Geschäftsmodells führt dazu, dass Redaktionen, indem sie auf Kosten von Gründlichkeit und Wahrhaftigkeit billigen Klicks hinterherjagen, genau das vernachlässigen, wozu man sie überhaupt braucht: Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen, Dinge in Erfahrung zu bringen und ihre Leserinnen zu informieren und aufzuklären.

Viele Redaktionen laufen Gefahr, das zu verlieren, worauf es im Journalismus am meisten ankommt. Ernsthafter Journalismus im Interesse der Öffentlichkeit ist anspruchsvoll und notwendiger denn je. Er trägt dazu bei, dass die Mächtigen bei der Wahrheit bleiben und hilft den Menschen, die Welt und ihren Platz in ihr zu verstehen. Fakten und verlässliche Informationen sind grundlegend für das Funktionieren einer Demokratie – das digitale Zeitalter hat das sogar noch deutlicher gemacht.

Der stark gestiegene Output an Meldungen und die permanente Berichterstattung können einen überfordern. So schlittern wir von Empörung zu Empörung, vergessen aber jede einzelne ziemlich schnell wieder. Jeden Nachmittag droht der Weltuntergang. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.

Der Lauteste setzt sich durch

Gleichzeitig hat die Veränderung der Öffentlichkeit durch das Netz eine neue Flut von Rassismus und Sexismus sowie neue Formen der öffentlichen Bloßstellung und des Mobbings mit sich gebracht. In dieser Welt setzen sich die lautesten und krudesten Argumente durch. Besonders für Frauen und People of Color hat sich das Internet als besonders feindselig erwiesen. Ungleichheit und Vorurteile der physischen Welt reproduzieren sich im digitalen Raum nur allzu leicht.

Die Herausforderung für den Journalismus besteht heute daher nicht nur in der technologischen Innovation oder der Schaffung neuer Geschäftsmodelle. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, welche Rolle Zeitungen und andere Medien im öffentlichen Diskurs nach wie vor spielen, der eine unglaubliche Fragmentierung und Destabilisierung erlebt. Die politischen Entwicklungen dieses Jahres – einschließlich des Brexits und der Nominierung von Donald Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner – sind nicht einfach nur Nebenprodukte eines wiedererstarkten Populismus oder der Revolte der von der Globalisierung Abgehängten.

Der Techniksoziologin und New-York-Times-Kolumnistin Zeynep Tufekci zufolge ist der Aufstieg Trumps „tatsächlich ein Symptom der zunehmenden Schwäche der Massenmedien, insbesondere wenn es um die Kontrolle der Grenzen geht, was man akzeptablerweise sagen kann und was nicht“. Das Gleiche könnte man über die Brexit-Kampagne sagen: „Jahrzehntelang fungierten die Journalisten der großen Verlage als eine Art Gatekeeper, die beurteilten, welche Vorstellungen und Ideen öffentlich diskutiert werden konnten und was als zu radikal galt“, schreibt Tufekci. Und die Schwächung dieser Gatekeeper hat sowohl positive wie negative Seiten. Es geht nicht darum, sie zu verteufeln, sondern sich der Folgen bewusst zu werden.

Die alten Gatekeeper haben auch oft großen Schaden angerichtet und keine Argumente zugelassen, die außerhalb des politischen Mainstreams lagen. Ihr Niedergang hat Trump den Raum eröffnet, Themen aufzugreifen, die früher tabu waren, wie etwa die Kosten des internationalen Freihandelsregimes, das eher den Unternehmen zugutekommt als den Arbeitern − ein Thema, das die Eliten und Medien lange ausgeblendet hatten.

Wenn die vorherrschende Stimmung gegen die Autoritäten gerichtet ist, beginnt das Vertrauen in große Institutionen generell zu schwinden. Die Medien machen da keine Ausnahme. Ich glaube aber, dass es sich lohnt, für eine starke journalistische Kultur zu kämpfen. Und für ein Geschäftsmodell, das diejenigen Medien belohnt, für die die Suche nach der Wahrheit allem zugrunde liegt. Die Medien, die eine informierte, aktive Öffentlichkeit fördern, den Mächtigen auf die Finger schauen und nicht die Bildung schlecht- oder falschinformierter reaktionärer Kleingruppen fördern, die sich mit Vorliebe auf die Schwächeren stürzen.

Katharine Viner ist seit 2015 Chefredakteurin des Guardian. Zuvor hatte sie den australischen Guardian-Ableger aufgebaut und die USA-Redaktion des Guardian geleitet

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 28.09.2016
Geschrieben von

Katharine Viner | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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