Die Waisen des Dschihad

Syrien/Irak Kinder von IS-Kämpfern sind Außenseiter und werden von den Staaten ihrer Väter wie unerwünschte Ausländer behandelt
Die Waisen des Dschihad
Der Wahnsinn des Lebens hört nie auf: Heimatloses Mädchen in Raqqa

Foto: Delil Souleiman/AFP/Getty Images

Am Rand eines großen Flüchtlingscamps 40 Kilometer nördlich von Rakka in Syrien ist eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern getrennt von allen anderen untergebracht. Sie leben zusammen im hinteren Teil eines blauen Gebäudes; blonde und braunhaarige Kinder kommen durch die Decken gerannt, die ihre Mütter zur Abtrennung durch kleine, feuchte Räume gehängt haben. Von den anderen im Lager werden sie „Daeshis“ – die IS-Familien – genannt. Keiner will etwas mit ihnen zu tun haben. Die Frauen sind zumeist Witwen, oft Ausländerinnen, und blicken einer Zukunft entgegen, die düsterer aussieht als die der gut 12.000 Vertriebenen aus Syrien und dem Irak, die im Lager Ain Issa Zuflucht gefunden haben.

Die Frauen kamen mit dem Strom der Flüchtlinge, die im Frühsommer Rakka verließen, als dort der IS immer mehr in Bedrängnis geriet. Sie wurden gleichermaßen separiert untergebracht wie die Angehörigen von besiegten Dschihadisten, von denen sich die Lagerleitung noch Informationen erhofft. Inzwischen aber scheinen die hier ausharrenden vaterlosen Familien für niemanden mehr von Interesse zu sein. Sie wirken verletzlich, verloren, schutzbedürftig, niemand nimmt sich ihrer an.

Im Norden Syriens haben kurdische Einheiten neben Rakka auch die letzten Bastionen des IS erobert. Parallel dazu hat im benachbarten Irak das Militär zusammen mit Shia-Milizen den IS aus nahezu sämtlichen Städten vertrieben. Damit können die Frauen und Kinder der Terrormilizen nirgendwohin mehr ausweichen.

Kein Staat, kein Recht

Internationale Hilfsorganisationen und Regierungen geben sich große Mühe, zunächst einmal die genaue Zahl dieser Witwen und Waisen zu ermitteln. Man hält sie für stark gefährdet, durch Ressentiments und Ablehnung in ihrer unmittelbaren Umgebung ebenso wie durch marodierende Banden. „Keiner will etwas für sie tun, geschweige denn sie auch nur anfassen“, erzählt der 25-jährige Milizionär Ahmed al-Rakkawi im Zentrum von Rakka. „Als die IS-Leute hier waren, haben sie gedacht, sie seien die Könige. Sogar die Frauen dieser Könige wollten das glauben.“

Nach bisherigen Schätzungen haben in den vergangenen vier Jahren bis zu 5.000 arabische und nichtarabische Frauen Kinder von Ausländern – unter anderem Tschetschenen, Kaukasiern, Russen, Afghanen und Briten – zur Welt gebracht, die sich dem IS angeschlossen hatten. Und das in Ländern wie dem Irak und Syrien, die selbst in normalen Zeiten nur beschränkten zivilen Schutz bieten. Stigmatisiert und traumatisiert bitten einige der Frauen jetzt die Staaten ihrer toten Ehemänner, sie aufzunehmen. Bisher mit wenig Erfolg. Australien, Großbritannien, Frankreich und andere europäische Länder räumen immerhin ein, dass sie noch entscheiden müssten, was mit den IS-Kindern geschehen soll. „Die Britinnen, die ihr Land unbedingt verlassen wollten, um in IS-Gebiete zu gehen, sind selbst für ihr Handeln verantwortlich. Sie werden nicht nach Hause kommen können“, gibt die britische Regierung zu verstehen. „Die Kinder aber verdienen Mitgefühl.“

Frankreich hat jüngst die Tür einen Spalt weit geöffnet. Verteidigungsministerin Florence Parly kündigte im Hörfunk an, Kinder von gefallenen oder verstorbenen französischen IS-Kämpfern könnten aufgenommen werden, allerdings nicht ihre Mütter. Weiter sagte sie: „Bei Kindern, die in den Bürgerkriegsländern in Haft sind, können die Eltern entscheiden, ob die Kinder bei ihnen bleiben, bis das Urteil über sie gesprochen ist, oder nach Frankreich geschickt und eingebürgert werden. Sie kämen dann in die Obhut der Jugendämter. Auch wenn sie noch ziemlich klein sind, könnten sie schon radikalisiert sein und müssen überwacht werden. Unsere Aufgabe ist es, aus ihnen Bürger zu machen.“

Seit drei Monaten drängen die Vereinten Nationen verstärkt die Länder, deren Staatsbürger Kinder in IS-Gebieten gezeugt haben, eine Lösung zu finden. „Der UN-Flüchtlingskommissar ist sehr besorgt, dass den Kindern das Schicksal der Staatenlosigkeit droht“, meint Rula Amin, UNHCR-Sprecherin für den Nahen Osten und Nordafrika. „Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat den Auftrag, Staatenlosigkeit vorzubeugen und staatenlose Menschen zu schützen.“ Die UNO setzt sich dafür ein, dass die betroffenen Länder die Geburten der Kinder registrieren und ihnen eine Nationalität geben: „Diese jungen, unschuldigen Opfer des Krieges haben sehr viel durchgemacht und waren Zeugen von großem Leid. Eine Staatszugehörigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass sie mit ihren Familien legal in einem Land leben. Es gibt ihnen die Chance, in einer Gesellschaft ein Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, zur Schule zu gehen, Fähigkeiten auszuschöpfen und die Hoffnung zu haben, ein friedliches Leben zu führen.“

Im Flüchtlingscamp Ain Issa sind Zelte für Familien reserviert, die aus den IS-Gebieten kommen, aber mit der Terrororganisation nicht unbedingt viel zu tun hatten. Einige freilich sind Verwandte führender IS-Chargen, andere haben sich den Extremisten angepasst, als der IS vor drei Jahren in Rakka und Nordsyrien Einzug hielt. Bei anderen, wie Abu Jassem aus Falludscha im Irak, liegt die Verbindung zu Dschihadisten zehn Jahre zurück. Umringt von zutiefst misstrauischen Männern erzählt er, vor drei Jahren zunächst von Falludscha nach Bukamal an der irakischen Grenze geflüchtet zu sein, danach in die syrische Stadt Deir al-Sor: „Wohin wir auch gingen, die Luftangriffe sind uns immer gefolgt.“

Die umstehenden Männer erklären, sie wüssten nichts von den IS-Witwen, die ein paar hundert Meter weiter untergebracht sind, und es scheint sie auch nicht zu interessieren. Einer der Männer zieht einen Vorhang beiseite und schiebt einen Rollstuhl mit einem schwer behinderten Mädchen hervor. Die Zwölfjährige, die sich weder bewegen noch sprechen kann, wurde nach der zweiten Schlacht um die irakische Stadt Falludscha Ende 2004 geboren. Seit den Kämpfen damals kamen dort deutlich mehr Kinder mit Behinderungen zur Welt als sonst im Land. Niemand hat bisher herausgefunden, warum. „Wir haben größere Sorgen als diese Frauen“, erklärt Abu Suhail. „Sie haben schließlich ihr Schicksal selbst gewählt.“

Verzeihen verboten

Auf der anderen Seite der Grenze, südlich der Stadt Mossul, die im Juli durch die irakische Armee vom IS zurückerobert wurde, zeigt sich Abdul Wahab al-Saadi, Vize-Kommandeur einer Anti-Terror-Einheit, alarmiert. Er und seine Männer bewachen rund 1.800 Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, die in heruntergekommenen, halbzerstörten Häusern leben, darunter kaum Irakerinnen. „Es wird viel von Rehabilitierung gesprochen. Persönlich finde ich, das wäre ein menschlicher Weg, damit umzugehen“, meint er. „Nach irakischem Recht kann man nicht die Verwandten eines Kriminellen für seine Taten zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Aber genau das tun wir. Die Sache ist, dass es Traditionen und Werte der irakischen Gesellschaft nicht zulassen, diesen Familien einfach zu verzeihen. Daher sollte sich die internationale Gemeinschaft einschalten, und die irakische Zivilgesellschaft müsste Programme zur Wiedereingliederung anbieten, damit wir diese Leute in unsere Gesellschaft integrieren können.“

Bisher jedoch scheinen die Behörden vor Ort dazu nicht bereit zu sein. Auf einem Flugblatt, das an IS-Familien verteilt wird, ist zu lesen: „Die Kämpfer des IS haben die rechtschaffenen und friedlichen Menschen in Mossul misshandelt und verletzt. Verlasst die Stadt. Hier ist kein Platz für euch, unsere Geduld ist erschöpft. Kommt nicht unseren Kugeln in die Quere, die für eure in Ungnade gefallenen Söhne bestimmt sind. Ihr seid nichts als eine Schande. Ewigkeit und Ehre unseren Märtyrern.“

Sukainah Mohamad Younes leitet das Amt für Frauen und Kinder in der irakischen Provinz Niniveh. Im Auftrag der Stadtverwaltung von Mossul soll sie eine Lösung für die in dieser Gegend Gestrandeten finden: „Es gibt mehr als 1.500 Familien von IS-Kämpfern aus der Region, die auf die Lager Hamam al-Alil, Jadaa und Kajara aufgeteilt sind. Es handelt sich um Syrer, Russen, Tschetschenen, Briten und andere Nationalitäten.“ Vor kurzem habe sie 13 Kinder in einem Waisenhaus untergebracht und erreicht, dass einige Waisen zur Schule gehen können, obwohl sie staatenlos seien und keinen Identitätsnachweis hätten. „Aber was besagt das schon, wenn sie noch nicht einmal Schuhe an den Füßen haben. Wir sollten begreifen, diese IS-Kinder sind Opfer.“ Und ihre Zukunft sei ungewiss. Die Familien aus Niniveh würden von den ausländischen Familien getrennt. Sukainah: „Wir wissen weder, was mit den einen noch mit den anderen geschehen wird. Vor kurzem hat ein Gesandter aus Tschetschenien vier Kinder tschetschenischer Väter mitgenommen. Und eine russische Delegation hat sich eines kleinen Mädchens angenommen. Die Kinder von IS-Kämpfern aus der Region haben es noch viel schwerer. Wer wird sie aufnehmen? Niemand! Niemand ist dazu bereit. Sie können ebenso wenig in ihre Heimatorte zurückkehren, denn sie sind dort nicht willkommen. Aber was kann ein Kind dafür? Denken Sie an meine Worte: Egal, ob sie aus der Region sind oder ausländische Eltern haben – wenn wir uns nicht um diese Kinder kümmern, werden sie sich irgendwann revanchieren und womöglich die Verbrechen des IS noch übertreffen.“

Im Vertriebenencamp Ain Issa kommen jeden Tag Lastwagen mit syrischen Flüchtlingen an, oft Nachzügler aus den IS-Vierteln von Rakka, die unterwegs auf die kurdische Seite waren. „Wir behelligen sie nicht, wir übergeben sie den Sicherheitsbehörden“, erklärt Elyas, der eine Gruppe Frontkämpfer anführt. „Dort bleiben sie ungefähr einen Monat und dann sind viele von ihnen wieder frei.“ Doch gilt das nicht für die ausländischen Familien, die im Lager festgehalten werden. In einem der Räume hat eine Frau auf Arabisch an die Wand geschrieben: „Oh Gott, lass Regen auf mein Herz fallen, damit er mein ganzes Leid von mir abwäscht.“

Martin Chulov ist einer der Nahost-Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 29.11.2017
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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