Die weibliche Seite

Finanzwelt Warum arbeiten so wenig Frauen in der Finanzwelt? Und was würde sich ändern, wenn das Verhältnis ein anderes wäre? Guardian-Autor Joris Luyendijk hat Bankerinnen befragt

Wäre uns das ganze Ausmaß der Krise erspart geblieben, wenn Frauen in der Finanzwelt mehr zu sagen hätten? Forschungsergebnisse legen nahe, dass Frauen eher dazu neigen, jene exzessiven Risiken zu vermeiden, die zur gegenwärtigen Finanzmisere geführt haben. Und IWF-Chefin Christine Lagarde meint: "Wenn Lehman Brothers Lehman Sisters gewesen wäre, sähe die aktuelle Wirtschaftskrise sicher anders aus."

Tatsächlich ist die Sache nicht ganz so einfach. Spricht man mit Frauen, die in der Finanzbranche arbeiten, dann scheint die größere Kluft nicht innerhalb der Branche zwischen den Geschlechtern zu bestehen, sondern zwischen denjenigen, die im Finanzgeschäft arbeiten, und den Außenstehenden. So berichtete eine IT-Business-Analystin einer großen Bank im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf: "Als ich meiner Familie von meinem neuen Job erzählte, breitete sich am Tisch Schweigen aus. Dann sagte meine Schwester: 'Du bist jetzt eine von den Bankern.'"

Eine andere Frau Anfang Dreißig, die als Fundraiserin bei einer Shariah-konformen Beteiligungskapitalfirma beschäftigt ist, drückte es so aus: "Einige Leute meinen, man habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie wollen mich als eine dieser einsamen Karrierefrauen sehen, in deren Kühlschrank nur eine Flasche Champagner und eine Packung abgelaufener Milch stehen. Hinzu kommt diese moralisierende Selbstdarstellung nach dem Motto: 'Du hast vielleicht einen gutbezahlten Job, den du gerne machst. Aber du bist böse! Ich bin vielleicht eine unterbezahlte Lehrerin, aber ich bin gut!'"

Eine Bastion des Sexismus?

Ich selbst habe den Finanzsektor immer als eine Bastion des Sexismus betrachtet – wie ließe sich sonst erklären, dass dort so wenig Frauen in Führungspositionen zu finden sind? Die Erzählungen der Finanzfrauen verraten allerdings, dass es in Wahrheit subtiler zugeht.

Zunächst soll aber erklärt werden, wie es überhaupt zu diesen Gesprächen kam. Vor sieben Wochen habe ich auf guardian.co.uk einen Blog gestartet. Hinter dem Experiment stand die Idee, Leute aus allen Bereichen der Finanzwelt zu porträtieren und die Branche so Außenstehenden verständlich zu machen. Meine ersten zehn Gesprächspartner waren allesamt Männer – aus dem einfachen Grund, dass ich keine Frauen gefunden hatte. Als der Blog dann aber online ging, meldeten sich bereits in den ersten Stunden Frauen, die ebenfalls Auskunft geben wollten. Ihre Berichte zeigen, wie breitgefächert und vielfältig der Finanzsektor ist. Von "Anleihebewertern" etwa hatte ich nie gehört, bevor ich bei den Recherchen einen traf.

Alle zwölf Frauen, mit denen ich sprach, machten dabei aus den selben Gründen mit: um etwas zum besseren Verständnis des Finanzsektors beizutragen. Alle waren sich einig, dass sich etwas ändern müsse, einige sprachen von "großen Veränderungen". Sie stellten aber auch klar, dass die meisten Beschäftigten im Finanzwesen weder in den Bereichen arbeiteten, die die die Krise zu verantworten haben, noch bei Institutionen, die mit Steuergeldern gerettet wurden. Und kaum jemand verdiene die Riesensummen, von denen die Schlagzeilen reden.

Die Treffen erinnerten oft an klandestine journalistische Blindates, nach denen ich den Inhalt der Gespräche in Monologform zusammenfasste, diese dann an die privaten Mail-Accounts der Frauen schickte, um sie autorisieren zu lassen und schließlich online postete – in den meisten Fällen jedenfalls. Eine der Frauen zog ihrem Beitrag mit der Begründung zurück: "Wenn das jemals jemand herausfindet, könnte ich gefeuert werden. Ich befinde mich ziemlich weit unten in der Hierarchie und kann es mir momentan nicht leisten, dieses Risiko einzugehen."

"Man muss auch Golf spielen"

Auch eine weitere meiner Gesprächspartnerinnen bat mich nach der Sichtung ihres Transkripts, wieder aussteigen zu können, obwohl alle Hinweise auf ihre Person beseitigt waren. Letztlich konnte ich nur herausgerissene Einzelaussagen über ihre Arbeit im Bereich "Risk and Compliance" zitieren. Ein Beispiel: "In der Branche gibt es eine gläserne Decke, wenn auch nicht im formalen Sinn. Wenn man eine richtige Führungsposition will, muss man sich die durchweg männlichen Direktoren zu Kumpeln machen. Diese Männer sitzen ständig zusammen in Meetings, reisen zusammen, essen gemeinsam … Da muss man sich anpassen. Man muss Golf spielen, an den beiläufigen Witzeleien teilnehmen. Wenn eine Frau dazukommt, ändert sich aber die sofort Dynamik in so einem Team. Diese Hürde ist nicht zu unterschätzen."

Die Tatsache, dass zwölf Frauen ihren Arbeitsplatz riskiert haben, um mit einem Journalisten des Guardian zu reden, läuft der Annahme zuwider, Frauen seien risikoscheuer als Männer. Sie gingen das Risiko ein – schienen sich dessen aber bewusster zu sein. Außerdem schienen sie eher bereit zu sein, die damit einhergehenden Emotionen einzugestehen. Bevor ich die Interviews online stellte, benachrichtigte ich die Beteiligten kurz. Viele der Frauen, aber keiner der Männer, schrieben zurück, um mir mitzuteilen, wie nervös sie seien. Entweder sind die Männer weniger nervös (immerhin sind sie als Männer schwieriger zu identifizieren) oder sie geben es nicht zu.

Aus den Interviews, die in voller Länge auf der Internetseite des Guardian zu lesen sind, sprechen kaum Verbitterung oder Klagen. Hier die Worte der Leiterin der Marketingabteilung einer großen europäischen Bank: "Diesen Job kann jeder machen. Man muss nur an sich selbst glauben. Ich habe keinen Abschluss, der irgendwas mit Wirtschaft, Finanzen oder Marketing zu tun hätte. Es gibt ziemlich viele Pfeifen in der Branche. Was man braucht, ist die Entschlossenheit, andere Leute in den Schatten zu stellen. Wie ich selbst in der Finanzbranche gelandet bin? Ich musste meine Kinder allein großziehen, also einen Job finden, bei dem ich für zwei verdienen würde." Ihr Ratschlag an andere Frauen? "Lasst die Männer nicht zu blöd aussehen."


Von unverblümtem Sexismus à la Mad Men berichtete keine der Frauen. Eine Börsenmaklerin allerdings war alt genug, sich noch an solche Zeiten zu erinnern. Gerade mal zwanzig Jahre sei das her: "Auf dem Börsenparkett formten die Männer mit Spucke Papier zu kleinen Kugeln und versuchten mir diese unter den Rock zu werfen. Sie beugten sich tatsächlich bis in den Gang hinein, um besser zielen zu können. Wenn so etwas heutzutage passieren würde, könnte man deswegen klagen. Damals waren die Zeiten anders."

Manche der Frauen bedauern diese Veränderungen sogar. Eine kinderlose IT-Analystin sagte: "Bei den Banken ist man heutzutage unglaublich pc, wenn es um Mutterschaft geht. Das Bemühen geht wirklich zu weit. Ständig gibt es irgendein Programm oder irgendeinen Workshop für künftige Mütter. Eine Woche lang ist 'Woche der Vielfalt', die nächste dann Was-weiß-ich-für-eine-Woche ..."

Und was hält Frauen zurück? Eine Investment-Managementberaterin Ende Zwanzig erinnert sich: "An der Uni war das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeglichen. Da war kein Unterschied zu spüren. In der Arbeitswelt angekommen habe ich aber erlebt, wie Kommilitonen, die ich von der Uni kannte, ihr Verhalten änderten. Sie wurden durch die älteren Männer und deren Sexismus beeinflusst."

Da sind die Verbindungen, die die Männer beim gemeinsamen Besuch von Stripclubs oder Firmensportveranstaltungen knüpfen. Und da sind die Kunden aus dem Nahen Osten, die sich weigern, mit Frauen Geschäfte zu machen. Ein echter Karrierekiller sei es aber, ein Kind zu kriegen. "In diesem Beruf ist es nicht wie bei Lehrern, die relativ einfach pausieren und dann wieder einsteigen können. Wenn man zurückkommt, muss man umgeschult werden, weil sich so viel geändert hat. Wenn man dann nach sechs Monaten eröffnet, dass man wieder schwanger ist ... was für eine Reaktion erwartet man dann vom Chef? Eine Kollegin von mir hat für einen freiwilligen Abschied eine Millionen Dollar angeboten bekommen, als sie zum zweiten Mal schwanger war. Dabei ging es nicht ums Geld, der Firma ging durch die Unterbrechungen einfach viel mehr verloren."

Für Quoten konnte sich keine der befragten Frauen begeistern. Es wäre furchtbar, aufgrund des eigenen Geschlechts und nicht wegen der eigenen Kompetenz eingestellt zu werden, lautete die einhellige Meinung. Eine leitende Geschäftsführerin, die in Carnary Wharf 400 Mitarbeitern vorsteht, erläuterte, jeder Verdacht, sie habe ihre Position nicht ausschließlich ihrer Leistung zu verdanken, würde ihre Autorität untergraben. Es könnte einen zurückwerfen, wenn man als Quotenfrau betrachtet würde, sagte eine weibliche Führungskraft aus Bereich Risk and Compliance.

Wollen Frauen das?

Die Idee der Quote setzt voraus, dass überhaupt mehr Frauen in der Finanzbranche arbeiten wollen. Die Börsenmaklerin hatte da ihre Zweifel: "Ich habe schon in Komitees für die Einstellung von Frauen gesessen, die Bewerberinnen aber immer gewarnt, dass der Arbeitsplatz nicht einfach ist. Fakt ist, dass weniger Frauen als Männer auf so einen Lebensstil aus sind. Frauen haben – berechtigterweise – oft andere Prioritäten. Wenn ein Mann sich dem Job stärker widmet, mehr Zeit und Anstrengung reinsteckt, wird er auch erfolgreicher sein. Wenn man in dieser Branche bestehen will, muss man sich verhalten wie ein Mann."

Ist das also der Knackpunkt? Dass man sich in der Finanzwelt mehr Frauen wünscht, weil sie in der Regel rationaler sind, viele Frauen aber keine Karriere in der Branche machen wollen, eben weil sie zu rational sind, ihre Leben der Arbeit zu opfern? Es wäre schön, wenn mehr Frauen und Männer sich dazu äußerten.

Die Krise sei durch Gier verursacht worden, sagte die Beraterin. Was aber treibt diese Gier an? "Ich würde sagen, die Macho-Konkurrenzkultur, das Testosteron. Ich muss besser sein als der Typ neben mir, also muss ich mehr Geld machen, weil das beweist, dass ich besser bin." Wie man das ändern könne? "Es wird über immer stärkere Regulierung versucht, aber damit greift man nur die Symptome an. Ich habe aber wirklich keine Ahnung, was man tun könnte."

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:50 08.11.2011
Geschrieben von

Joris Luyendijk | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14697
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3