Die Zeitbombe ist gestellt

Iran/USA Das europäische Ölembargo verstärkt die Spannungen mit dem Iran. Selbst wenn beide Seiten keine Krieg wollen, könnten kleinste Versehen nun eine Eskalation herbeiführen

Die Entscheidung der EU, ein Ölembargo gegen den Iran zu verhängen, bedeutet, dass nun eine Zeitbombe tickt, die am ersten Juli detonieren könnte. An diesem Tag wird die EU, dem in Brüssel beschlossenen Maßnahmenpaket zufolge, die Einfuhr von Öl aus dem Iran stoppen, was ungefähr ein Fünftel der Gesamtexporte des Iran ausmacht. Zur gleichen Zeit werden US-Sanktionen gegen die mit dem iranischen Ölhandel in Verbindung stehenden Banken in Kraft treten. Der Iran könnte immer noch eine gewisse Menge seines Öls nach Asien exportieren, dies allerdings mit großen Preisverlusten.

Anders als vorangegangene Sanktionen würde das Ölembargo fast alle Iraner treffen und das Regime in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Teheran hat schon vor langem geäußert, derlei Aktionen kämen einer Kriegserklärung gleich und es gibt westliche Rechtsexperten, die diese Einschätzung teilen.

Der Knick in der Ölleitung

Am Wochenende schien sich die Situation zu entspannen. Der amerikanische Flugzeugträger USS Lincoln konnte von Kriegsschiffen flankiert die Straße von Hormus ohne Zwischenfälle passieren, obwohl die Islamische Revolutionsgarde anfang des Monats gedroht hatte, man werde seine Rückkehr in die Region nicht zulassen.

Doch die Spannungen werden in Anbetracht des nahenden Beginns der Sanktionen mit ziemlicher Sicherheit wieder zunehmen. Die USA haben bereits damit begonnen, ihre Militärpräsenz in der Region zu verstärken und die Revolutionsgarde wird im kommenden Monat mit neuen Flottenmanövern provozieren. Konteradmiral Ali Fadavi äußerte Anfang Januar gegenüber der Nachrichtenagentur Fars, die bevorstehenden Manöver würden sich von den vorhergehenden unterscheiden, ohne dabei ins Detail zu gehen.

Die Straße von Hormus ist der Knick in der Leitung, über die der Golf die Welt mit Öl versorgt. Ein klein wenig Druck kann eine große Wirkung entfalten, die Weltmarktpreise für Rohöl in die Höhe treiben und die ölabhängigen Volkswirtschaften des Globus trocken legen. An seiner engsten Stelle zwischen der Halbinsel Oman und den iranischen Inseln vor Bandar Abbas, ist der Seeweg 20 Meilen breit. Einige Kanäle sind sogar noch schmaler; obwohl über sie 17 Millionen Barrel (mehr als ein Drittel des auf dem Seeweg transportierten globalen Ölbedarfs) pro Tag transportiert werden. Die Fahrrinnen für die Tanker sind in den tiefen Gewässern vor Oman und dann weiter westlich, in iranischen Hoheitsgewässern, in jede Richtung teilweise nur 2 Meilen breit.

Hier wären die Tanker einem iranischen Versuch, die globale Ölpumpe abzustellen, am empfindlichsten ausgeliefert. Es genügte schon, dass ein iranischer Funktionär die Schließung der Meerenge als Vergeltung für verschärfteSanktionen in Aussicht stellte, um den Weltmarktpreis für Rohöl auf 115 US-Dollar pro Barrel ansteigen zu lassen. Auf Dauer würde dieses Preisniveau ausreichen, um die Erholung der Weltwirtschaft abzuwürgen.
 

Dies macht ein iranisches Vorgehen im Golf zu einer solch schlagkräftigen Waffe. Es handelt sich aber um ein zweischneidiges Schwert, das für den Iran möglicherweise größeren Schaden birgt als für seine Gegner. Denn Saudi Arabien kann die Straße mittels einer Pipeline umgehen und alle iranischen Öl-Terminals liegen westlich des Engpasses. Der Iran würde sich selbst das Lebenselixier abdrehen, mit dessen Verkauf das Land über 60 Prozent seines BIP erwirtschaftet.

Des Weiteren haben die USA klargemacht, dass mit der Unterbrechung des Seeverkehrs im Golf eine rote Linieüberschritten wäre, was eine gewaltige militärische Reaktion zur Folge hätte. In diesem Fallstünden auch die iranischen Atomanlagen auf der Abschussliste. Bislang hat das amerikanische Militär Schläge gegen das iranische Atomprogramm ausgeschlossen. Die Kosten eines Krieges würden den Nutzen übersteigen, den man sich davon verspricht. Nach Einschätzung von Verteidigungsminister Leon Parnetta würde ein solcher Einsatz es höchstens ein bis zwei Jahre zurückzuwerfen Sollten die USA zur Sicherung des Ölnachschubs aber ohnehin einen Krieg begnnen, würde dies die Kosten-Nutzen-Rechnung natürlich ändern.


Der Schatten der Iran Air 655

Die Meerenge offen zu blockieren wäre folglich wenn nicht direkt selbstmörderisch, so doch extrem selbstschädigend für den Iran. Doch Teheran steht nicht nur diese eine Möglichkeit offen. Es gibt eine Reihe weniger drastischer Optionen, die den Ölhandel ausreichend stören könnten, um den Weltmarktpreis in die Höhe zu treiben und ihn dort auch zu halten. Das würde dem Iran zugute kommen, dürfte aber als Kriegsgrund nicht ausreichen. Zu solchen Mitteln zu greifen, erfordert allerdings großes Fingerspitzengefühl auf allen Seiten, das nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden kann.

In einer Phase anhaltend hoher Spannungen könnte ein übereifriger Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden die Gelegenheit für einen Krieg nutzen: Oder ein amerikanischer Kapitän, dessen Schiffe nur Sekunden von iranischen Seezielflugkörpern trennen, könnte die Nerven verlieren. Als die beiden Länderes 1988 in der Straße von Hormus zum letzen Mal auf eine Mutprobe anlegten, schoss der Lenkwaffenkreuzer USS Vincennes einen iranischen Airbus ab und tötete 290 Zivilisten, darunter 66 Kinder.

Der Schatten der Iran Air 655 hängt über dem gegenwärtigen Kräftemessen und erinnert daran, dass selbst die mächtigsten und modernsten Armeen eine Situation nicht zwingend unter Kontrolle halten können, wenn eine Eskalation der Spannungen erst einmal zugelassen wurde.


Die militärischen Optionen der USA

Die Amerikaner verfügen ohne Zweifel über die größere militärische Schlagkraft. Die am Golf patrouillierende Fünfte US-Flotte wird voraussichtlich auf zwei Flugzeugträger verstärkt. Im Zuge des Abzugs aus dem Irak hat das Pentagon ohne großes Aufsehen seine Militärpräsenz in Kuwait erhöht. Nach einem Bericht der Los Angeles Times sind dort mittlerweile 15.000 Soldaten stationiert, einschließlich zweier Brigaden und einer Hubschraubereinheit. Unterstützt werden sie von einer beträchtlichen Seepräsenz Großbritanniens und regionaler Verbündeter.

Verglichen damit wirkt die iranische Armee kümmerlich. Sie ist aber auf jeden Fall stark genug, um dem Seehandel ernsthaften Schaden zuzufügen. Sie verfügt über drei russische Jagd-U-Boote, die angeblich Minen auslegen können. Des weiteren verfügt sie über eine große Flotte kleinerer U-Boote, die mit Seezielflugkörpern ausgestattet sind. Sie können sich bis auf eine sehr geringe Distanz Schiffen nähern, ohne vom Radar erfasst zu werden.

Die größte Sorge der Fifth Fleet besteht darin, dass solche Taktiken asymmetrischer Kriegsführung angewendet werden könnten, um die technisch anspruchsvollen Verteidigungsmechanismen ihrer Schiffe zu umgehen. Die gilt insbesondere in den engen Regionen der Straße von Hormus, die mit felsigen Inseln und Buchten übersät sind und sich für heimliche Angriffe ideal eignen.


Swarming

Im Jahr 2002 führte die US-Armee ein 250 Millionen Dollar teures Manöver namens Millennium Challenge gegen einen nicht namentlich genannten Schurkenstaat durch, der mittels vieler kleiner Boote und Märtyrerbrigaden agierte. Der Schurkenstaat gewann, oder hatte zumindest die Oberhand gewonnen, als das Pentagon beschloss, die Übung abzublasen. Damals ging man davon aus, es handele sich um den Irak, da der Krieg gegen Saddam Hussein in der Luft lag. Aber die militärische Taktik entsprichteher den iranischen Revolutionsgarden.

Seitdem beschäftigt sich die amerikanische Marine intensiv mit der Frage, wie man mit einer solchen „Schwarmtaktik“ umgeht, bei der Schiffe gleichzeitig von einer großen Anzahl von Booten, hunderten von Raketen, Selbstmordattentätern und Minen angegriffen wird.

„In Washington kann man alle paar Wochen eine andere Konferenz zum Thema „Swarming“ besuchen, sagt der pensionierte US-Airforce-General Sam Gardiner, der einst am National War College Strategie und Militärische Operationen lehrte. „Kriegssimulationen und Manöver haben gezeigt, dass Swarming zusammen mit dem Einsatz von Raketen und Minen der Verteidigungsfähigkeit eines Schiffes gewaltig zusetzen kann. Die Herausforderung besteht darin, wie man seine Minenräumboote beschützt.“

Eine der Reaktionen bestand in der Entwicklung eines neuartigen Kriegsschiffes, das maßgeschneidert ist, um der Seetaktik des Iran zu begegnen. Es ist schnittig, klein und beweglich, flachkielig und schnell und kann somit gut vor Küsten operieren, denen viele Inseln vorgelagert sind. Am Low-Tech-Ende der Skala hat die Fünfte Flotte Berichten zufolge eine beträchtliche Anzahl von Delphinen zur Minensuche ausgebildet.

Letztlich würden die USA einem Swarming aber mit ihrer Luftüberlegenheit und präzisionsgesteuerten Raketen begegnen. Sie würden sofort eine gewaltige Anzahl von Angriffen fliegen, um jede iranische Raketenbasis, jede Radaranlage, militärisch genutzte Häfen und Landungsstege an der Küste zu zerstören. Mit großer Sicherheit würden die Luftschläge auch Kommandoposten und Nuklearanlagen ins Visier nehmen. Es bestehen wenig Zweifel an der abschreckende Wirkung einer solchen Strategie. Sie riskiert allerdings, ein Seescharmützel in kürzester Zeit zu einem vollständigen Krieg eskalieren zu lassen.

Modell: Tanker-Krieg

Aus diesem Grund gehen die meisten Analysten davon aus, dass der Iran einen anderen Weg wählen, sollte er sich für das Embargo rächen wollen. Gardiner hält den „Tanker-Krieg“ zwischen Irak und Iran von 1984 bis 1987 für das wahrscheinlichste Modell. Das Ziel bestünde darin, die Versicherungssummen und somit auch den Ölpreis in die Höhe zu treiben, dadurch dem Westen zu schaden und die durch das Embargo entstandenen Verluste zu kompensieren.

„Sie würden nicht zwangsläufigsofort etwas unternehmen. Wenn sie so vorgingen wie im Tankerkrieg, würde ein Tanker auf eine Mine fahren, von der man nicht genau wüsste, wie lange sie sich schon an dieser Stelle befunden hat. So etwas treibt den Ölpreis in die Höhe“, so Gardiner. „Die Antwort liegt darin, eine Eskalation zu vermeiden. Man beschützt die Tankschiffe und sucht nach Minen.“

Selbst wenn der Iran sich zu Vergeltungsmaßnahmen entschließen sollte, gäbe es keinen Grund zu einer unmittelbaren Reaktion in der Straße von Hormus. Er könnte den Ölpreis mit Sabotageakten an den Ölförderanlagen arabischer Nachbarstaaten entlang der südlichen Golfküste ins Visier nehmen. Westliche Interessen könnten überall auf der Welt angegriffen werden, Monate oder Jahre nach Verhängung des Embargos.

Der ehemalige CIA-Funktionär Bruce Riedel sagte vor kurzem bei einem vom Atlantic Council organisierten Seminar in Washington: „Über eine der Möglichkeiten, wie der Iran uns schaden könnte, wird nicht oft gesprochen: Er könnte uns in Afghanistan treffen. Die Iraner sind bereits hervorragend aufgestellt, um den Krieg in Afghanistan – der bereits schwierig genug ist – unmöglich zu machen.

All diese Strategien sind jedoch hochriskant. In dem Tankerkrieg-Szenario bliebe es beispielsweise letztlich relativ jungen Offizieren überlasen, die Grenze vom Frieden zum Krieg nicht zu überschreiten. Sie wären gezwungen, in ein paar Sekunden Entscheidungen zu fällen, die gewaltige Folgen haben könnten. Dies sind exakt die Umstände, welche zu der Airbus-Katastrophe von 1988 geführt haben. Selbst wenn Washington und Teheran entschlossen bleiben, es nicht zu einem vollständigen Krieg kommen zu lassen, steigt mit jedem Monat die Wahrscheinlichkeit, dass er durch einen dummen Zufall ausbricht.

18:42 24.01.2012
Geschrieben von

Julian Borger | The Guardian

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