"Die Zukunft funktioniert NICHT"

Nachruf Der britische Historiker Tony Judt war ein Mann von Leidenschaft und Vorsicht zugleich: Erinnerung an einen wandelndenden Widerspruch

Für diejenigen, die Tony Judt nur oberflächlich kannten, war er zu allererst ein zwiepältiger Mensch: Ein Idealist, der gegenüber denen, die seine Ideale teilten, vernichtend kritisch sein konnte; ein Jude, der ungemein stolz auf sein Erbe war und doch zur Hassfigur vieler Zionisten wurde; ein ausgesprochen europäischer Sozialdemokrat, der es vorzog, in Amerika zu leben. Für seine Freunde lösten sich diese Widersprüche in Luft auf. Wie bei so vielen Diasporajuden des 20. Jahrhunderts, ist Bildung der Schlüssel zu seinem Charakter: In Judts Fall nicht jene Form von Bildung, die die Interessen einer bestimmten Gruppe oder einer Ideologie bedient, sondern Bildung, die ihm half, die Welt, die ihn umgab, zu verstehen und zu verbessern. Seine Leidenschaft galt der Beweisführung, der Präzision und Wahrheit. Wenn diese dazu führten, dass er eine frühere Ansicht verwerfen oder ehemalige Verbündete vor den Kopf stoßen musste, dann war dem eben so.

Daher rührte seine Ernüchterung über das Kibbuz-Leben und später auch über die moralische Grundlage des Staates Israel. Daher rührten auch seine Enttäuschung über die linke Mitte in Europa und seine Verzweiflung über so viele Facetten Amerikas, des Landes, das er liebte und schließlich zu seiner Wahlheimat machte.

Seine Aufenthalte in Israel, unmittelbar nach dem Sechstage-Krieg und zwischen dem ersten und zweiten Jahr in Cambridge, prägten sowohl seine Sicht auf den Zionismus als auch seine Einstellung gegenüber der Politik. Er dachte immer fortschrittlich, war jedoch niemals bereit, sein Urteil einem Gruppendenken zu unterwerfen. Es gab weniges, was er so sehr liebte, wie mit Freunden am King’s College in seinem Zimmer bis spät in die Nacht hinein Argumentationen auf die Probe zu stellen – egal ob sie von links oder von rechts kamen oder vollkommen unpolitisch waren.

Sein Liebesverhältnis zu Amerika begann in den Siebzigern, als er an der Universität Berkeley in Kalifornien lehrte. Doch seine Bewunderung der offenen, „alles-ist-möglich“-Mentalität des Landes war nie frei von Skepsis: „Ich habe die Zukunft gesehen und sie funktioniert NICHT“, schrieb er mir. Obgleich er die Möglichkeiten, die sich ihm als einem amerikanischen Akademiker boten, mit offenen Armen annahm, verurteilte er den Widerwillen des Landes, sich die wesentlichen Grundsätze der Sozialdemokratie nur vorzustellen, geschweige denn, sie in die Tat umzusetzen.

Enttäuscht von Cambridge

Dieser Ansatz führte dazu, dass er stets vor der Begeisterung, die andere blind machte, auf der Hut war. Wie jeder Demokrat brannte er darauf, George W. Bush endlich nur noch von hinten zu sehen, aber er ließ sich nie von der Obamania mitreißen. Als der neue Präsident vereidigt wurde, sagte Tony zu mir, er sei allenfalls „vorsichtig optimistisch“ und fürchte, Obama werde zu viele Kompromisse eingehen, vom Nahen Osten bis zur Gesundheitsreform.

Judts emotionale Heimat blieb Europa. Als ich ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung in New York besuchte, war ich überrascht, dort auf ein Poster der Wohnanlage zu stoßen, in der mein eigener Vater aufgewachsen war: des Karl-Marx-Hofs in Wien. Tony erklärte mir, dieses hervorragende Beispiel der Architektur der zwanziger Jahre erinnere ihn an eines der beiden wichtigsten Aushängeschilder der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert: das „Rote Wien“ nach dem Ersten Weltkrieg. Sein anderes Beispiel war der britische Sozialstaat nach 1945, dessen dankbare Nutznießer sowohl er als auch ich waren.

Sein wichtigstes Werk Postwar: Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart setzt seinem Wissen und seinem Verständnis des Kontinents, auf dem wir aufgewachsen sind, ein Denkmal. Er kehrte ein Jahr lang nach Cambridge zurück, um an dem Buch zu arbeiten und sprach von seiner Enttäuschung über die Institution: „Sie verwenden ihre ganze Zeit darauf, darüber zu klagen, dass sie zu wenig Geld von der Regierung bekommen“, sagte er. Für ihn als Leiter des Remarque Institute der New York University war es Teil seines Jobs, Gelder zu beschaffen. Weshalb konnten die Akademiker in Cambridge es ihm nicht gleich tun – und die Vorteile der Unabhängigkeit, die sich dadurch ergab, erkennen?

Für manche war dies ein weiterer Widerspruch: Einer, der Zeit seines Lebens Sozialdemokrat war, vertrat die Ansicht, dass die Universitäten nicht vollständig von staatlicher Finanzierung abhängig sein sollten. Doch für einen Mann, der stets daran glaubte, dass für eine gesunde Gesellschaft sowohl der öffentliche Zweck als auch die Privatinitiative erforderlich sind, bedeutete das keinen Widerspruch.

Einen ausführlichen Rückblick auf Tony Judts Leben hat Geoffrey Wheartcroft für den Guardian geschrieben.


Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Peter Kellner | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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