Die Zweikämpferin

Portät Nicola Sturgeon fordert als Regierungschefin Schottlands die britische Premierministerin Theresa May heraus
Die Zweikämpferin
In der „Forbes“-Liste der einflussreichsten Frauen Großbritanniens wird Sturgeon weit vorne geführt
Foto: Michal Wachucik/AFP/Getty Images

Als Theresa May im Juli 2016 zur Premierministerin ernannt wurde, ließ sie keine 48 Stunden verstreichen, um nach Edinburgh zu fliegen und Nicola Sturgeon zu treffen. Obwohl die beiden unterschiedlicher Auffassung waren, was den Brexit und ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum anging, schienen sie sich zu verstehen und genossen sichtlich das Phänomen: Zwei Frauen an der Spitze ihrer jeweiligen Regierungen, eine willkommene Abwechslung von der üblichen männlichen Dominanz. Später verschickte die eingefleischte Twitter-Nutzerin Sturgeon ein Bild, auf dem sie mit May lächelnd vor ihrem Amtssitz Bute House stand, und schrieb dazu: „Von unseren Differenzen abgesehen hoffe ich, dass Mädchen dieses Bild sehen und daran glauben, dass für sie nichts unmöglich sein sollte.“

Acht Monate später kann das Verhältnis schlechter kaum sein. Sturgeon empfindet Treffen mit May als harte Arbeit und formuliert das fast schon vernichtende Urteil: Es wäre ihr lieber, sie hätte weiterhin mit Mays Vorgänger David Cameron zu tun.

Sowohl May als auch Sturgeon pokern mit hohem persönlichem Einsatz um ein zweites schottisches Referendum. Alex Salmond trat 2014 als Erster Minister zurück, nachdem er das damalige Votum verloren hatte. Zwei Jahre später nahm David Cameron seinen Hut, als sich die Briten am 23. Juni 2016 mehrheitlich für den Brexit entschieden. Auf der Konferenz der Schottischen Nationalpartei (SNP) Mitte März in Aberdeen glaubt indes kaum jemand, dass Sturgeon Gleiches widerfährt, weil sie ein weiteres Referendum in Schottland verliert. „Ich glaube an Nicolas taktische und intellektuelle Fähigkeiten. Sie kann Menschen überzeugen“, so Mike Russell, der im schottischen Kabinett für den Brexit zuständig ist. Sollte Sturgeon erfolgreich sein, würde vom Vereinigten Königreich nur ein Rumpf aus England, Wales und Nordirland bleiben.

Die 46-jährige Sturgeon würde mit einem solchen Coup ihre Karriere krönen. Geboren in Irvine an der Küste von Ayrshire, wuchs sie in einer Siedlung aus Sozialwohnungen auf – die Mutter war Zahnarzthelferin, der Vater Elektriker. Die Tochter besuchte die öffentliche Schule und studierte Jura an der Universität Glasgow. Danach arbeitete sie als Rechtsberaterin für einen Randbezirk in Glasgow, wo sie Menschen half, die von Zwangsräumung bedroht waren. Ihr Interesse an Politik, erzählt Sturgeon, habe sich zum ersten Mal geregt, als sie miterlebte, wie ihre Eltern 1979 die gescheiterte Volksbefragung über eine Dezentralisierung Großbritanniens bedauerten. Mit 16 Jahren trat sie selbst der SNP bei, die Mitte der 80er Jahre in Schottland noch kaum eine Rolle spielte. Einer ihrer Lehrer schlug ihr vor, besser bei Labour einzutreten. „Aber ich ging zu den Nationalisten – schon um mich diesem Rat zu widersetzen.“

Bald schon wurde sie in SNP-Kreisen als künftige Führungsfigur gehandelt. 1999 kandidierte sie in Glasgow Govan und gehört seither dem schottischen Parlament an. Fünf Jahre später übernahm Alex Salmond nach einer zwischenzeitlichen Demission wieder den Parteivorsitz und machte Sturgeon zu seiner Stellvertreterin. 2007 wurde sie Vizepremier in Edinburgh, bis sie 2014 die letzte Stufe zur Regierungschefin nahm. Als Sturgeon jünger war, galt sie als „Nippy Sweetie“, das schottische Wort für eine scharfzüngige Person. Wer sie länger kennt, der befindet, sie sei mit wachsendem Selbstvertrauen verträglicher geworden. David Torrance, der eine Biografie über Sturgeon geschrieben hat (Nicola Sturgeon: A Political Life), spricht von bewusster Imagepflege und dem „Projekt Nicola“.

Ihr Nippy-Sweetie-Label spiegelte wider, dass sie auf Small Talk mit Journalisten so wenig Wert legte wie auf männliche Vorstellungen, wie eine Frau in der Politik zu sein habe. Nach ihrer Ernennung zur Parteivize wurde ihr empfohlen, den Umgang mit den Medien zu überprüfen. „Einmal erzählte sie einer Journalistin, sie sei nicht in der Politik, um über Schuhe zu reden. Nur ein Jahr später führte sie einer Interviewerin ihre Schuhkollektion vor. Sie schien eingesehen zu haben: Medien und Öffentlichkeit interessieren sich für diese Art von Dingen – man hat keine andere Wahl, als das zu respektieren“, so Torrance’ Urteil. Es kam dadurch zu keinem Nicola-Hype, aber einer bleibenden Beliebtheit.

2015 malte der schottische Künstler Gerard Burns, dessen Arbeiten in der National Portrait Gallery von Edinburgh hängen, ein Porträt Sturgeons und erklärte danach auf einer SNP-Konferenz, weshalb sein Gemälde das Wesentliche ihrer Persönlichkeit einfange. „Sie wirkt nicht aufgeblasen, sondern selbstsicher und – ein riskantes Wort – sehr feminin.“ Sturgeon selbst stellt sich als links dar, worauf die Labour-Party entrüstet reagiert und darauf verweist, dass es für Menschen aus der Arbeiterklasse wie Nicola Sturgeon heute immer schwieriger wird, eine Universität zu besuchen. „Sie sieht sich gern als Linke, aber wenn man sie nach ihren Taten beurteilt und nicht nach ihren Worten, dann gleicht ihre Politik stark der von Tony Blair“, meint Torrance. „Sie hat immer noch etwas von der politisch engagierten Studentin, die sie Anfang der 1990er in Glasgow war, und tut so, als sei sie weiterhin so idealistisch und unbefleckt von Kompromissen wie damals. Aber sie hat sich natürlich verändert, seit sie zum ersten Mal eine Wahl gewann.“ In der Forbes-Liste der einflussreichsten Frauen Großbritanniens wurde Sturgeon 2016 an zweiter Stelle hinter der Königin geführt, allerdings bevor Theresa May Premierministerin wurde.

Ewen MacAskill ist einer der Schottland-Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 03.04.2017
Geschrieben von

Ewen MacAskill | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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