Die zweite Form von Liebe

Japan Im Tokioter Stadtviertel Akihabara leben Anime-Fans ihre Leidenschaft aus: Außenseitertum wird hier staatlich subventioniert – aber nun auch kontrolliert

Ein alter Mann singt mitten auf der Straße einen Enka. Er tanzt dabei – bemüht, im Verkehrsstrom, der durch das Tokioter Viertel Akihabara fließt, nicht unter die Räder zu kommen. Einige Passanten beginnen zur Unterstützung im Takt des Volksmusik-Schlagers zu klatschen. Der Alte wirft ihnen die Blumen zu, die er eigentlich verkaufen wollte. Als er sich verneigt, kann man zwischen den vorbeirasenden Autos kurz erkennen, was auf seiner Stirn geschrieben steht: „Beyoncé“, in japanischer Silbenschrift.

In vielerlei Hinsicht verkörpert der alte Herr die schräg-skurrile Mischung aus Popkultur und leichter Anrüchigkeit, die Akihabara, das auch unter dem Namen Akiba bekannt ist, für Besucher so spannend macht. Wir befinden uns da, wo man in Tokio hingeht, wenn man sich als Comic-Figur verkleiden will, ohne von Fremden deswegen schief angesehen zu werden. Früher kam man auch her, um seine Stars zu sehen – junge Sänger, die in Akihabara für lau auftraten und darauf hofften, entdeckt zu werden. Aber damit ist jetzt Schluss, seit Asuka, eine besonders nach Aufmerksamkeit dürstende Kandidatin, im vergangenen Jahr an einem Laternenpfahl hochkletterte, ihr Kleid hochzog und ihren Fans tiefe Einblicke gewährte. Kurz darauf wurden solche Auftritte auf der Straße verboten.

„Ja, die Bullen haben sie wegen Störung des öffentlichen Friedens und ungebührlichen Verhaltens drangekriegt“, sagt mein Stadtführer Patrick Galbraith und schüttelt den Kopf. Galbraith ist Doktorand der Informationswissenschaften an der Tokioter Sophia-Universität und hat sich auf die Otaku-Kultur spezialisiert – wobei otaku in etwa dasselbe bezeichnet wie das englische geek: einen leidenschaftlichen Fan.

Eine Runde Roboterboxen

In einem orangefarbenen Bodysuit und kratziger gelber Perücke – Outfit von Goku, dem Protagonisten der Animationsserie Dragon Ball – macht er Führungen durch Akiba. Nach Asukas Eskapade und einem wesentlich besorgniserregenderen Amoklauf, bei dem vor gut einem Jahr sieben Menschen niedergestochen wurden, möchte Galbraith dazu beitragen, den Bezirk von seinem schlechten Ruf als Ort der Perversion und Sündhaftigkeit zu befreien.

Wir machen uns auf nach Electric Town, wo die modernen Elektronik-Megastores zu finden sind und Verkäuferinnen in Miniröcken die Passanten unter Zuhilfenahme von Megafonen zum Kauf zu überreden versuchen. Hier hält Galbraith an, um den emotionalen Wesenskern von Otaku zu demonstrieren. Passanten kichern, als er sich in die Hocke begibt, die Hände flach ausstreckt und den Ausdruck eines stillen Schreis annimmt. Das sei Goku, wie er seinen gigantischen Feuerball schleudert, erklärt er. Eben diese Art übersteigerter Intensität liegt der Otaku-Kultur in Akiba zugrunde. Es gibt sogar einen Namen dafür: „Moe“. „Moe ist eine Art, Gefühle einzufangen, die man sprachlich nicht ausdrücken kann. Du weißt nicht, was du sonst sagen sollst? Moe! Das ist wie eine zweite Form von Liebe.“

Der wahrscheinlich beste Ort, Moe aus nächster Nähe zu erleben, ist das @Home Café, eines der „Dienstmädchen“-Cafés. Die Kellnerinnen spielen ein Live-Rollenspiel, bei dem der Kunde der „Meister“ ist. Wir setzen uns, und Dienstmädchen Minami kommt mit klimpernden Herzchen, Perlen und Strasssteinen geschmückt zu uns an den Tisch. Sie kritzelt meinen Namen mit Ketchup auf mein Reisomelett, dann spielen wir eine stürmische Runde Roboterboxen, bei der sie mich ganz offensichtlich absichtlich gewinnen lässt. Später gehen alle Dienstmädchen auf die Bühne und schmettern zusammen alberne japanische Popsongs. Ein Mann vollführt merkwürdige Bewegungen, es sieht aus, als würde er einen Volleyball aufschlagen. „Moe“, flüstert Galbraith. „Er schickt ihnen Liebe, um zu zeigen, dass er ihr Können schätzt.“

Die unbestrittenen Abräumer unter den japanischen Pop-Idolen findet man freilich im Obergeschoss des Don-Quijote-Kaufhauses, wo die Band AKB48 dem Begriff „Girl Group“ eine ganz neue Bedeutung verleiht. Das Durchschnittsalter der 48 Bandmitglieder ist 16, die jüngste ist 12. Es ist keine Beleidigung, wenn man sagt, dass die Mädchen kaum Talent haben – denn genau darum geht es im Prinzip. Die Fans lieben sie dafür, dass sie weder singen noch tanzen können. Und jedes Mal, wenn eines der Mädchen einen Schritt nach links macht, obwohl die anderen 47 nach rechts gehen, wächst diese Liebe etwas mehr.

Quietschsaubere Comic-Kultur

Wieder auf der Chuo Straße, der Hauptverkehrsader von Akiba, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass hier einst die Samurai entlang marschierten. Jetzt patrouilliert die Polizei in den Seitenstraßen, sie hält die Kostümierten an und durchsucht sie. Die Behörden sähen es lieber, wenn Akiba dem quietschsauberen Bild von Japans Comic-Kultur, für das der ehemalige Premierminister Taro Aso geworben hatte, entspräche. Taro Aso war ein Manga-Fan. Er trug dazu bei, dass Milliarden von Dollar in dieses Viertel gepumpt wurden, in der Hoffnung, die Popkultur könne Japans strauchelnde Wirtschaft retten. Der Inbegriff dieser Hoffnung ist das strahlende neue UDX-Gebäude. Darin befindet sich die Digital Hollywood University, Japans erste Hochschule, die sich auf digitale Inhalte spezialisiert hat.

„Ein schizophrener Interessenkonflikt“, erklärt Galbraith. „Man will zwar mit Akihabara für die Anime-Kultur werben, aber ohne sich mit den Otaku, die hier leben, beschäftigen zu müssen.“

Wer so denkt, findet den Beyoncé-Freak vermutlich doppelt peinlich: Er agiert außerhalb der Industrie und ist darüber hinaus ein Obdachloser in einem Land, in dem es offiziell keine geben darf. Er erinnert uns daran, dass Otaku, die verrufene, albere Seite Akibas, erhaltenswert ist.

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09:30 09.01.2010
Geschrieben von

Chris Michael, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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