Dies ist die Rechnung

Widerstand Eine Protestwelle rollt über den Globus, denn eine Generation fürchtet um ihre blanke Existenz
Dies ist die Rechnung
Nicht genehm, nicht genehmigt: Demonstrant in Hongkong

Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

„Ich bin 22 Jahre alt und das ist mein Abschiedsbrief“, sind die ersten Worte des jungen Mannes. Der Großteil seines Gesichts ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt; nur die Augen sind zu sehen mit ihrem müden und harten Blick unter dem ungeordneten Pony. „Ich habe Angst, dass ich sterben und euch nie wiedersehen werde“, fährt er mit zitternden Händen fort. „Aber ich habe keine Wahl, als auf die Straße zu gehen.“ Der namenlose Demonstrant, einer von vielen in Hongkong, die ihren Familien und Freunden schreiben, bevor sie sich wachsender Polizeigewalt in der Stadt entgegenstellen, ist von der New York Times in einem anonymen Treppenhaus mit der Kamera aufgenommen worden. Aber er hätte überall sein können, und das nicht nur, weil die Wände hinter dem 22-Jährigen weiß und nichtssagend sind, um seine Identität zu schützen. Von Ostasien bis Lateinamerika, von Nordeuropa bis Nahost versammeln sich gerade junge Leute in Hauseingängen und Hinterhöfen, Gassen und Kellern, deren Gesichter eine ähnliche Mischung aus Hochgefühl und Erschöpfung zeigen.

„Das ‚Chaos von Hongkong‘ ist inzwischen in der westlichen Welt angekommen“, schreibt der einstige chinesische Diplomat Wang Zhen in einem offiziellen Papier der Regierung in Peking. Die Demonstranten in Barcelona würden von denen in Hongkong inspiriert. „Es ist zu erwarten, dass diese Flutwelle andere Staaten und Städte trifft.“ Womit Wang richtigliegt. In der Woche, da Demonstranten für Kataloniens Unabhängigkeit den Flughafen von Barcelona besetzten und die Autobahnen zum Stillstand brachten, besetzten „Extinction Rebellion“-Umweltaktivisten Brücken und Kreuzungen in London, was zu fast 2.000 Festnahmen führte. Beide Mobilisierungskampagnen übernahmen Taktiken aus Hongkong, darunter die der beweglichen Ziele – inspiriert von Bruce Lees berühmtem Mantra „Sei wie das Wasser“ und einer Sammlung von Handzeichen, um die Sicherheitskräfte auszutricksen.

Verlust von Gewissheiten

Unterdessen wird der Libanon von den größten Demonstrationen seit Jahrzehnten erschüttert, und im Irak sind bei regierungskritischen Protestaktionen mehr als 250 Menschen getötet worden. In Ägypten hat ein allgemeines Dissensverbot durch die brutale Diktatur von Präsident Abdel Fatah al-Sisi nicht verhindern können, dass Ende Oktober im ganzen Land sporadisch Anti-Regime-Proteste aufflammten. In Algerien schwelt die Legitimationskrise einer politischen Ordnung weiter. Auf dem südamerikanischen Kontinent, wohin Wang früher als Botschafter Chinas entsandt war, erleben Länder wie Ecuador, Chile, Argentinien und Haiti Bürgeraufstände, die für die jüngere Vergangenheit beispiellos sind. Es gehen große Menschenmengen auf die Straße und treffen auf Sicherheitskräfte, die sie in Schach halten sollen.

Jeder dieser Aufstände hat einen eigenen Auslöser – erhöhte Transportkosten in Santiago oder eine Steuer für Nutzer von Nachrichtenkanälen wie Whatsapp in Beirut. Und jeder kennt unterschiedliche Muster von Governance und Widerstand. Von der sozialen Zusammensetzung her können die indigenen Demonstranten in Ecuador nicht mit denen verglichen werden, die gegen die Inhaftierung der Separatistenführer in Katalonien aufstehen; ebenso wenig steht das staatliche Verbot von Protesten in London auf der gleichen Stufe wie die Repression in Hongkong, wo ein Polizist einem Teenager mit scharfer Munition in die Brust schoss.

Unbestreitbar ist, dass wir den größten globalen Anstieg an Protestaktivität seit Anfang der 2010er Jahre beobachten. Vieles erinnert mit der Übernahme des öffentlichen Raumes an den Arabischen Frühling Anfang 2011, damals gefolgt von Occupy-Demonstrationen auf der Nordhalbkugel. Historisch gesehen gab es im vergangenen Jahrzehnt mehr Proteste als zu irgendeiner Zeit seit den 1960er Jahren. Trotz unterschiedlicher konkreter Ursachen gibt es einige Momente, die bei den jetzigen Rebellionen stets von Neuem auftauchen. Sich dies klarzumachen, kann helfen, unsere augenblickliche Anfälligkeit für politische Schwankungen und das sich ausbreitende Bewusstsein für den Verlust von Gewissheiten zu verstehen.

Eine offensichtliche Erklärung für das Phänomen des Aufruhrs ist auch die oberflächlichste: die Rolle der sozialen Medien. Sicher haben die digitalen Technologien flexiblere und horizontalere Organisationsmöglichkeiten geschaffen. Aber die Allgegenwärtigkeit dieser Werkzeuge im Jahr 2019 sagt nichts über die Motive, die die Menschen auf die Straßen treiben. Tatsächlich sind die sozialen Medien in vielen Staaten heute sowohl Instrument der staatlichen Repression wie der Revolte. Die wichtigste Gemeinsamkeit des Aufruhrs resultiert aus der Generation, die sich zeigt. Die Mehrheit derjenigen, die heute demonstrieren, sind Kinder der Finanzkrise von 2008/09. Eine Generation, die in den seltsamen und fiebrigen Jahren nach dem Kollaps einer kaputten ökonomischen und politischen Orthodoxie groß wurde, für die bisher kein Ersatz in Sicht ist.

Eine direkte Auswirkung der Finanzkrise war, dass sich die Chancen für Millionen von jungen Leuten auch in den reichen Ländern rapide verringerten. Das hat dazu geführt, dass sie prekäre Arbeit und wachsende Ungleichheit für die Norm halten. Zugleich haben die Folgen des Crashs etablierte Strukturen aufgebrochen, die bis dahin Bürger von aktiver Beteiligung an der Politik fernhielten – vor allem durch den institutionalisierten Konsens über eine unvermeidliche Marktlogik und deren technokratisches Management. Angesichts ihres ökonomischen und sozialen Scheiterns ist es nun für die Eliten schwieriger geworden, ihren Machtanspruch zu rechtfertigen. Sie werden von einer Generation herausgefordert, die von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung zugleich befallen ist. Dies führt zu einer „Verzweiflungsmüdigkeit“, wie das der Anthropologe David Graeber nennt. Wenn es die gibt, setzen die Aufbegehrenden umso mehr ihre Körper aufs Spiel. Sie tun das, weil sie meinen, keine Wahl zu haben, und weil jene, die über sie herrschen, selten weniger angreifbar wirkten als jetzt. Die meisten der Demonstranten haben ihr Leben lang unter dem Druck der Maxime „Es gibt keine Alternative“ gelebt. Jetzt aber zwingen die Umstände dazu, die eigene politische Vorstellungskraft für die Suche nach etwas Neuem zu gebrauchen. Wie es ein Protestplakat in Chile formuliert: „Es geht nicht um 30 Pesos, es geht um 30 Jahre.“

Es ist kein Spiel

Ihnen entgegen stehen Staaten, die entschlossen sind, ihre Bürger zurück in ihre Grenzen zu verweisen und die Möglichkeiten politischer Teilhabe zu versiegeln. Das Problem für diese Regierungen in Madrid, Beirut, Santiago, Quito oder Hongkong besteht darin, dass es keine etablierte „Geschäftsordnung“ mehr gibt, zu der sich kurzerhand zurückkehren ließe. Die Aufbegehrenden, die sich nicht mehr mit kleinteiligen Konzessionen abspeisen lassen, wissen das. „Wir brauchen ein grundlegend neues System“, so die Demonstranten im Libanon. Die Niederschlagung der katalanischen Separatisten durch die spanische Regierung hat düstere Erinnerungen an den gnadenlosen Krieg im Baskenland in den 1980er Jahren und die Franco-Ära zuvor geweckt. In Chile marschieren zum ersten Mal seit der Zeit der Pinochet-Diktatur wieder Truppen durch die Städte.

In China kündigt Staatschef Xi Jinping an, jeder Versuch, die Nation zu spalten, werde mit „zerschmetterten Körpern“ enden. Überall auf der Welt erscheint vielen Menschen die Radikalität des politischen Wandels als einzige Lösung. Daher sind die Proteste von einem „Alles oder nichts“-Antagonismus geprägt, der in seiner Dringlichkeit schwer zurückzunehmen ist. Diese gewinnt vor dem Hintergrund einer drohenden ökologischen Katastrophe zusätzlich an Intensität. Selbst dann, wenn Proteste nicht explizit Umweltthemen betreffen, erhöht die Gefahr einer weltweiten Katastrophe noch zu unseren Lebzeiten das Risiko jedes politischen Handelns. „Wer in den Schulstreik tritt, hat ein stark radikales Verständnis davon, wie Politik funktioniert. Der weiß, dass unsere demokratischen Prozesse und Strukturen, wie sie heute existieren, dazu da sind, den Status quo aufrechtzuerhalten“, erklärt Jake Woodier, einer der Organisatoren der britischen Klimastreik-Bewegung. „Sie wissen, dass sie schlechter dran sein werden als ihre Eltern; sie wissen, dass sie nie ein Haus besitzen werden und dass sie, wenn es so weiterläuft, das Ende der Menschheit erleben könnten. Daher ist für sie Politik kein Spiel, sondern Realität. Und das spiegelt sich in der Art und Weise, wie wir uns organisieren – unnachgiebig, radikal, als würde unser Leben davon abhängen.“

Die in Cambridge forschende Politologin Helen Thompson hat es so formuliert: „Die Welt nach 2009 ist in ganz grundlegendem Sinne eine Welt, die darauf wartet, die Rechnung zu kriegen.“ Diese Rechnung scheint auf der ganzen Welt auf den Tisch zu kommen. Sie mögen verschiedene Hintergründe haben, aber die jungen Leute, die 2019 in Handschellen gelegt werden, Barrikaden bauen und sich ihren Weg durch Tränengas kämpfen, sind alle nach dem mutmaßlichen Ende der Geschichte, das 1989/90 postuliert wurde, erwachsen geworden. Ihnen ist bewusst, dass wir an einem der Punkte stehen, die der US-Historiker Robert Darnton als „Momente des Unglaublichen“ bezeichnet hat: ein seltenes, fragiles Zusammentreffen von Umständen, bei dem alles denkbar erscheint und es an der Zeit ist, dass die keineswegs unveränderbaren alten Regeln neu geschrieben werden. Solange bei den Demonstranten das Gefühl herrscht, ihr Leben hänge davon ab, dass sie gewinnen, wird die Flut weiter steigen.

Jack Shenker ist Schriftsteller, gerade erschien: Now We Have Your Attention. The New Politics of the People. Shenker lebt in London und Kairo

Übersetzung: Carola Torti
06:00 11.11.2019
Geschrieben von

Jack Shenker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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