Tina Rosenberg
Ausgabe 0416 | 10.02.2016 | 06:00 2

Dieser Sieg schmeckt zuckersüß

Steuer Mexiko war Weltmeister im Konsum ungesunder Softdrinks. Doch dann forderten die Bürger Coca-Colas Macht heraus

Mexikaner lieben sie, ihre Limonaden. Bauarbeiter gehen morgens mit Dreiliterflaschen zur Arbeit. Babys im Kinderwagen nuckeln an Orangenlimo. Und in den Hochebenen von Chiapas wird Coca-Cola oft bei religiösen Riten verwendet.

Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache: Mexiko ist eines der Länder mit dem höchsten Limonadenkonsum weltweit. 2012 waren die drei wichtigsten Kalorienquellen der Mexikaner allesamt hochkalorienhaltige Getränke. Hier sterben mit Abstand die meisten Menschen an chronischen Erkrankungen, deren Ursache der Konsum gezuckerter Getränke ist.

Mexiko liebt auch die Industrie hinter seinen Limonaden. Vicente Fox, der im Jahr 2000 erstmals demokratisch gewählte Präsident des Landes, war zuvor Vorstandschef von Coca-Cola Mexiko und dann für ganz Lateinamerika zuständig gewesen. Coca-Coca kontrolliert 43 Prozent des Marktes in den USA. In Mexiko sind es 73 Prozent. Die gesamte Branche hat enormen Einfluss auf die Gesundheitspolitik des Landes. Und die hat ein gehöriges Problem: Diabetes, die Haupttodesursache in Mexiko.

Elf Zentimeter mehr Hüfte

2006 ergab die nationale Gesundheits- und Ernährungsstudie, dass sich die Zahl der an Diabetes Leidenden seit 2000 verdoppelt hatte. Zwischen 1999 und 2006 hatte zudem der durchschnittliche Hüftumfang von Frauen in gebärfähigem Alter um fast elf Zentimeter zugenommen. Im selben Zeitraum stieg die Fettleibigkeit unter Kindern zwischen fünf und elf Jahren um 40 Prozent. Kein anderes Land auf der Welt hatte bei Adipositas solch einen Anstieg erlebt. Mexiko war auf dem besten Weg, unter den großen Ländern dieser Erde zum fettesten zu werden. Doch die Zahlen von 2006 ließen das Land aufschrecken. Der damalige Gesundheitsminister bat den wohl bekanntesten Ernährungswissenschaftler Mexikos, Juan Rivera, um Rat.

Der am Nationalinstitut für öffentliche Gesundheit tätige Rivera sagte: „Sorgen Sie dafür, dass die Leute weniger gezuckerte Softdrinks zu sich nehmen.“ Deren Verzehr hatte sich bei Heranwachsenden zwischen 1999 und 2006 mehr als verdoppelt, bei Frauen fast verdreifacht. Doch bald schon scheiterte der erste Vorschlag einer Arbeitsgruppe um Rivera: Poster mit einem krugförmigen Diagramm, das die empfohlenen Tageshöchstmengen diverser Getränke zeigte, in jedem Gesundheitszentrum des Landes aufzuhängen. „Der Widerstand der Industrie war gewaltig“, sagt Rivera.

Selbige konterte mit dem Argument, das sie überall anbringt, wo Zuckerwasser in die Kritik gerät. „Fettleibig wird, wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht“, sagt etwa Jaime Zabludovsky vom Dachverband der mexikanischen Nahrungsmittel- und Getränkehersteller. „Wenn Michael Phelps 5.000 Kalorien am Tag zu sich nimmt und zehn Kilometer schwimmt, dann gibt es es kein Problem. Wenn jemand aber 2.000 Kalorien am Tag aufnimmt, sich aber nicht bewegt, dann hat er ein Problem. Es ist egal, ob man die Kalorien in Form von Limonade, Tortillas, Schokolade oder Bagels zu sich nimmt. Keines dieser Produkte an sich macht dick.“ Es ist das Mantra der Limonaden-Lobby weltweit geworden: Ein aktiver Lebensstil ist die Lösung; nicht etwa eine andere Ernährung.

Nur leider entbehrt die Behauptung, dass Bewegung vor Fettleibigkeit und Diabetes schütze, jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Forschungsergebnisse haben vielmehr ein ums andere Mal gezeigt, dass die Ernährung dabei viel entscheidender ist. Und in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Ernährungsweise der Mexikaner signifikant verändert. Der Verbrauch von Bohnen ist um die Hälfte, der von Obst und Gemüse um 30 Prozent zurückgegangen. Ersetzt haben ihn vor allem der Genuss verarbeiteter Nahrungsmittel und von mit Zucker gesüßten Getränken.

Dazu beigetragen hat das 1994 in Kraft getretene Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Noch in den abgelegensten Dörfern bieten Tante-Emma-Läden abgepackte Kekse, Gebäck, Donuts, Kuchen und Zuckergetränke an. Wer Hunger hat, kann sich für einen Dollar einen Gansito, einen Kuchen-Snack und eine Limonade kaufen. Das ist schnell, billig und lecker.

Die Belege dafür, dass exzessiver Zuckerkonsum der wichtigste Faktor für die weltweite Adipositas-Epidemie ist, sind überwältigend. Gleichzeitig ist er die Hauptursache für Diabetes, unter dicken wie schlanken Menschen. Limonade ist die schlimmste Zuckerquelle. Denn seine hohe Konzentration verursacht einen Anstieg des Blutzuckerspiegels, auf den der Körper mit der Ausschüttung von Insulin reagiert, was dann zu Fettleber und Diabetes führen kann. Darüber hinaus bewirken flüssige Kalorien kein Sättigungsgefühl.

Diabetes- und Adipositas-Zahlen steigen weltweit. Gesundheitsexpertinnen haben dagegen viele Empfehlungen, eine steht auf der Liste immer ganz oben: eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Zusammen mit Ermäßigungen für Obst und Gemüse nennt sie die Weltgesundheitsorganisation die wirksamste Strategie zur Verbesserung der Ernährungssituation. In mehreren europäischen Ländern – Finnland, Ungarn und Frankreich etwa – gibt es eine solche Steuer zwar in der ein oder anderen Form. Doch im Rest der Welt ist es der Industrie bislang gelungen, sie sich vom Leibe zu halten. US-Präsident Barack Obama scheiterte 2009 mit seinem Plan zur Einführung an der Lobbymacht der Industrie.

Deren Manager befürchten nicht etwa direkte Gewinneinbußen, sondern vielmehr die Dämonisierung ihrer Produkte. Limonade könnte eine Art von Zigarette in flüssiger Form werden. Also kultivieren die Unternehmen ein gesundheitsbewusstes Image, kombiniert mit dem Verkauf von Getränken. Schon seit 18 Jahren sponsort Coca-Cola Jugendsportveranstaltungen in Mexiko. Nach 2006 hat der Konzern dies intensiviert. 2007 startete er mit der Regierung „Ponte al 100“, ein Programm, das dafür wirbt, sich sportlich zu betätigen.

Coca-Cola sitzt in praktisch jedem Regierungsausschuss zur Bekämpfung von Fettleibigkeit. Und das Unternehmen erkauft sich Einfluss. Es ist geübt darin, Gesundheitsorganisationen wie den Verbänden von Ernährungswissenschaftlern und Kinderärzten Geld zu überweisen und unterstützt etwa den mexikanischen Verband der internationalen Organisation Exercise Is Medicine (EIM). Dieser übte Kritik, als in Mexiko Pläne für eine Limonadensteuer aufkamen. Bevor diese im Parlament zur Debatte standen, hielt der EIM-Vorsitzende einen Vortrag, veranstaltet vom mexikanische Diabetes-Verband mit Unterstützung von Coca-Cola, Titel: „Körperliche Aktivität für Menschen mit Diabetes“. Ablehnend zur Steuer äußerte sich auch Gesundheitsministerin Mercedes Juan López, die vor ihrer Ernennung Präsidentin von Mexikos einflussreichster Gesundheitsstiftung war. Die Stiftung kritisiert schon seit Langem jegliche Versuche, den Limonadenkonsum der Bevölkerung einzuschränken.

Und dennoch war es im September 2013 so weit: Die Regierung von Staatspräsident Enrique Peña Nieto schlug eine Steuer auf zuckerhaltige Softdrinks vor. Das traf die Getränkebranche einigermaßen unvorbereitet. Ihre ganze Aufmerksamkeit hatte sie auf den Gesundheitssektor verwendet. Doch der Vorschlag für die Steuer kam als Teil eines größeren Pakets von Fiskalreformen aus dem Finanzministerium.

Von drei Dingen war die Branche dabei überwältigt worden: von eine Regierung, die mehr Steuereinnahmen brauchte. Vom Aufstieg etlicher Bürgerrechtsgruppen, die sich kreativ dem Druck der Industrie entgegenzustellen begonnen hatten. Und von einer gigantischen Finanzspritze.

Alejandro Calvillo war 2006, im Jahr der aufschreckenden Gesundheitsstudie, dabei, eine Organisation zu gründen, die El Poder del Consumidor heißen sollte, zu Deutsch: Verbrauchermacht. Er hatte fünf Jahre bei Greenpeace Mexiko gearbeitet und wollte nun Widerstand gegen den großen Druck der Industrie organisieren und Gesetze zum Vorteil der Verbraucher durchsetzen.

„Bis zum Jahr 2000 hatten wir über 70 Jahre lang immer nur die eine Partei an der Regierung“, sagt Calvillo. „Bevor Fox 2000 Präsident wurde, hatte die Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) seit 1929 jede Wahl gewonnen.“ Die PRI übte enorme Kontrolle aus. Wir waren nicht sehr geübt in demokratischer Partizipation.“

Bewegung mit Philosoph

Calvillo ist ein ungewöhnlicher Sprecher für eine Bewegung: Ende 50, ausgebildet als Philosoph, nüchtern, nachdenklich, ein Mann der leisen Töne. Ihm war klar, dass El Poder sich auf wenige Themen konzentrieren musste, um eine Chance zu haben. Und Ernährung würde eines dieser Themen sein; denn die Studie und insbesondere der Anstieg der Übergewichtigkeit bei Kindern hatten Calvillo wütend gemacht.

El Poder vernetzte sich mit Gruppen, die zu Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft und Indigenenrechten arbeiten. Daraus entstand die Allianz für Ernährungsgesundheit. Ihre ersten Erfolge: eine offizielle Empfehlung für die Verbannung von ungesundem Essen aus Schulen und ein Versprechen der Regierung, die Werbung im TV-Kinderprogramm zu limitieren.

Was El Poder aber fehlte, das war Geld. Als einmal die Spenden ausblieben, musste Calvillo sogar sein Auto verkaufen, um die Organisation am Laufen zu halten. Calvillo und El Poder bekamen kleine Förderbeträge von Organisationen wie Oxfam, Ashoka oder der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung. Doch die Beträge zusammenzubringen, die nötig sind, um die Getränkeindustrie im Kampf um eine Steuer zu besiegen, schien unmöglich. Bis sich Michael Bloomberg, der milliardenschwere Ex-Bürgermeister von New York einschaltete.

Ein US-Milliardär kämpft

Nichts hat den Gegnern der Steuer mehr Schadenfreude bereitet als Bloombergs Scheitern im Kampf gegen den ausufernden Konsum von Softdrinks in New York. Er wollte ein Verbot von Trinkbechern mit Fassungsvermögen von mehr als 473 Millilitern. Doch die Gerichte kassierten dieses nach erbitterter Kampagne der Industrie, die dabei von ungewöhnlicher Seite unterstützt wurde: Die Hispanic Federation und die National Association for the Advancement of Colored People hatten Geld von Coca-Cola erhalten.

Bloombergs Stiftung, bereits ein großer Sponsor von Programmen zur Eindämmung des Tabakkonsums in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, entschloss sich 2011, der Limonade den Kampf anzusagen. Mexiko schien dafür prädestiniert, außerdem war dort mit Peña Nieto gerade ein neuer Präsident angetreten. Die Stiftung suchte starke Partner vor Ort – und fand El Poder. 2012 startete sie ein Zehn-Millionen-Dollar-Programm zur Verringerung des Limonadenkonsums in Mexiko.

Erstmals sah sich die finanzstarke Getränkeindustrie ernsthaft herausgefordert. Und Alejandro Calvillo hatte ganz neue Möglichkeiten. Straßentheater ist eines seiner Mittel für die Verbreitung der Kritik von El Poder: Da hinkte etwa ein Schauspieler im Kostüm des Eisbären aus der Coca-Cola-Werbung mit einer Prothese an der Tatze, Dialyse-Beutel und Schläuchen vor dem Gesundheitsministerium herum und goss den Inhalt seiner Limoflasche in einen Mülleimer. Oder Aktivisten verkleideten sich als Polizisten und erklärten auf offener Straße, sie wollten die Capos des „Junk-Kartells“ verhaften, weil diese Kinder manipulierten. Zu den in Handschellen Abgeführten gehörten ein Eisbär alias „La Coca“ oder Ronald McDonald.

Jetzt war Calvillo nicht mehr nur auf die Berichterstattung über Aktionen in unabhängigen Medien oder Einladungen in Universitätsseminare angewiesen. Mit Bloombergs Geld konnte er zum ersten Mal Werbeanzeigen kaufen. Die Allianz für Ernährungsgesundheit entwarf einen sehr nüchternen Werbespot, in dem Ärzte über an Diabetes erkrankte Kinder reden. Doch die beiden größten mexikanischen Sender räumten dafür ebenso wenig Platz frei wie eine große Kette für Fassadenwerbung. Doch die Kabelsender Fox Sports und CNN nahmen die Spots an – und sie fanden über Youtube ein großes Publikum: „Seht euch an, was die Sender zensieren!“

Zwölf Löffel Zucker

Der Spot, der zum Symbol der Kampagne werden sollte, hieß „12 Löffel voll“. Calvillo erzählt: „Wir hatten Ernährungsworkshops mit Eltern gemacht und alle waren immer entsetzt, wenn sie erfuhren, wie viel Zucker in Limonade enthalten ist – selbst bei der mit der geringsten Menge waren es immer noch 12 Löffel voll.“ Daraus machten sie ein Poster, auf dem eine Hand zu sehen war, die zwei Kindern eine Limonade reicht. „Würden Sie ihnen 12 Löffel voll Zucker geben?“, fragte der Text. „Warum geben Sie ihnen dann Limonade?“

Die Branche wehrte sich gegen Calvillos Kampagne in der Hauptsache mit Spots, die für ihr Mantra warben: Wer sich genug bewegt, kann ohne Reue Kalorien zu sich nehmen. Andere konzentrierten sich auf die ökonomischen Folgen einer Limonadensteuer und den mutmaßlichen Verlust von Zehntausenden von Arbeitsplätzen.

Am interessantesten aber war die Schmähkampagne gegen Bloomberg. Auf Plakaten und in Zeitungsanzeigen war von der „Bloomberg-Steuer“ die Rede, für die „aus dem Ausland geworben wird“. „Alejandro Calvillo beklagt sich über multinationale Konzerne, erhält aber selbst Geld aus den Vereinigten Staaten“, warnte ein Spot. „Lassen Sie sich von einem Gringo vorschreiben, was Sie zu konsumieren haben? Welche Interessen verfolgt Michael Bloomberg wirklich? Ein Gringo will, dass Sie Steuern zahlen, die er bei sich nicht durchsetzen konnte. Welche Interessen stecken hinter El Poder del Consumidor?“

Die Marktforschung des Bündnisses, für die natürlich Bloomberg bezahlte, befand, dass dies kaum verfing: Eine von Coca-Cola betriebene Anti-Gringo-Kampagne ist nachvollziehbarerweise wenig überzeugend. Tatsächlich eignete sich die Strategie viel besser für Calvillos Seite. In Mexiko ist die kulturelle und wirtschaftliche Dominanz der USA fast so verpönt wie in Frankreich, und diese Abneigung hat seit NAFTA einen neuen Höhepunkt erreicht. Mexikos Kleinbauern sterben aus, Agrarkonzerne nehmen ihren Platz ein. Damit verschwindet die traditionelle mexikanische Küche. Calvillo will die Mexikaner deshalb dazu bringen, sich wieder auf ihre alte mesoamerikanische Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Getreide wie Amaranth zu besinnen. Ironischerweise war diese traditionelle mexikanische Küche noch nie angesagter als heute – allerdings nur in edlen Restaurants in Mexiko-Stadt, nicht in den Hochgebirgen von Chiapas, dem ärmsten Bundesstaat des Landes und der Hochburg von Coca-Cola.

In den indigenen Gebieten von Chiapas wird so viel Cola getrunken wie nirgendwo sonst in Mexiko, vielleicht sogar weltweit. Coke wird in religiösen Riten verwendet. Die Menschen glauben, Rülpsen reinige den Körper von bösen Geistern. In den Kirchen stehen Cola-Flaschen in den Gängen und dienen sogar als Altardekoration.

Dass ausgerechnet in einem Land, in dem Coca-Cola über eine solche Stellung verfügt, eine Limonadensteuer möglich werden konnte, hat mit der politischen Gemengelage zu tun. Eigentlich haben Industrievertreter und Lobbyisten im Parlament ein Heimspiel, hier befinden sie sich unter Freunden. „Wenn wir bei einer Kampagne Hilfe brauchen, dann sind sie da, um uns zu unterstützen“, sagt Marcela Torres Peimbert, eine Senatorin von der unternehmerfreundlichen Partido Acción Nacional (PAN), die sich nahezu geschlossen gegen die Steuer aussprach. Obwohl Präsident Peña Nietos Partei, die PRI, für ihre Disziplin bekannt ist, gefiel vielen PRI-Abgeordneten der Gesetzesentwurf ihres Präsidenten ebenfalls nicht. Schließlich arbeiten viele der Bürger, die sie vertreten, in der Getränkeindustrie und die PRI erhielt Parteispenden von den Limo-Konzernen. Mexikos Linkspartei, die PRD, unterstützte die Steuer. Und die Branche hatte es noch nie zuvor mit einer Opposition zu tun gehabt, die von Bloomberg finanziell unterstützt wurde. „Das sorgte für gleiche Voraussetzungen“, sagt Ricky Arango. Ihn und sein hippes, dem Gemeinwohl verpflichtetes Lobbyunternehmen Polithink hatte Bloomberg damit beauftragt, die Gesetzgeber zu überzeugen.

Doch zur Überraschendsten Streiterin für die Steuer wurde Marcela Torres Peimbert. Ihre Partei, die PAN, lehnte die Abgabe ja eigentlich ab. Aber Torres ist keine Geschäftsfrau, sondern Psychotherapeutin, und ihr Onkel litt an Diabetes. „Solch einen Fall gibt es in jeder Familie hier“, sagt sie.

Mit Unterstützung der Allianz für Ernährungsgesundheit war Torres die Erste, die eine Steuer von zwei Pesos – elf Cent – pro Liter vorschlug. Sie wusste, dass dies noch heruntergehandelt werden würde. „Es war bequem für die Regierung, dass ich der Opposition angehöre“, erzählt Torres. „Es ist nicht leicht, eine Steuererhöhung zu fordern. Wenn die Zivilgesellschaft aber danach verlangt, ist das etwas anderes. Und ich war deren Sprecherin. Ich wurde in meiner Partei scharf dafür kritisiert. In meinem Bundesstaat reden die Besitzer der Abfüllanlagen nicht mehr mit mir.“ Sie rümpft die Nase. „Ich vermisse sie nicht.“

Die Getränkeindustrie hatte so große Angst vor der Dämonisierung, dass sie von sich aus vorschlug, die Steuer in eine Zuckergebühr umzuwandeln. Der Rest der Nahrungsmittelindustrie war davon wenig begeistert und der Vorschlag wurde wieder fallengelassen. Die Abgeordneten fanden allerdings durchaus Gefallen an der Idee, sodass einige vorschlugen, die Limonadensteuer auf Junkfood auszuweiten.

Am 31. Oktober 2013 gab Peña Nieto bei einem Festakt die neue Strategie zur Bekämpfung von Adipositas und Diabetes bekannt – inklusive der Limonadensteuer von einem Peso pro Liter. Das entspricht etwa zehn Prozent des Preises vor Steuern. Auf Junkfood entfällt nun eine achtprozentige Sonderabgabe. Teil des Programms ist außerdem Werbung für Fitnesstraining. Das hatte allgegenwärtige Poster junger schlanker lächelnder Mexikanerinnen zur Folge, die auf die Kamera zeigen und den Betrachter auffordern: „Geh zum Arzt und lass dich noch heute durchchecken!“ Mit dem Präsidenten durfte der Lateinamerikachef von Coca-Cola auf der Bühne stehen und von Sport- und Ernährungsbildungsprogrammen seines Unternehmens erzählen. Über die Steuer verlor er kein Wort.

Sie ist am 1. Januar 2014 in Kraft getreten. Anderthalb Jahre später brach neuer Streit aus: Die Getränkeindustrie wollte zeigen, dass die Steuer gescheitert ist. „Nicht nur, dass 64 Prozent der Einnahmen von Menschen mit geringem Einkommen stammen“, sagte Jorge Terrazas, der neue Vorsitzende der Vereinigung der Getränkeindustrie. „Diese Menschen haben nicht aufgehört, Limonade zu trinken, sondern kaufen sich stattdessen keine Hygieneartikel mehr, sie verzichten auf Einrichtungsgegenstände für ihre Wohnungen.“

Terrazas griff Zahlen auf, die gerade erst im Rahmen der Nationalen Einkommens- und Ausgabenstatistik veröffentlicht worden waren. Getränke bildeten tatsächlich die einzige Kategorie, für die die Ausgaben der Mexikaner zwischen 2012 und 2014 angestiegen waren. Doch die Studie untersuchte nicht die Limonadenverkäufe an sich. Die Auswirkungen der Steuer ließen sich nicht von anderen Faktoren trennen. Außerdem zählen zu „Getränken“ alle Kaltgetränke, einschließlich Alkoholika. Es hätte also gut sein können, dass die Mexikaner einfach mehr Mineralwasser kaufen oder ihre Sorgen vermehrt in Bier ertränken.

Auch für die Aktivisten um Calvillo ist es wichtig, ob die Steuer Erfolg hatte oder nicht. Bloomberg finanzierte eine Studie, die der bekannte Ernährungswissenschaftler Juan Rivera mit einem Kollegen aus den USA durchführte. Sie untersuchten auch andere Faktoren, die den Limonadenkonsum beeinflussen, und kamen zu dem Ergebnis, dass – verglichen mit den Trends vor Einführung der Steuer – die Verkäufe der besteuerten Getränke 2014 um sechs Prozent zurückgegangen sind. Die Mineralwasserverkäufe waren hingegen um vier Prozent gestiegen.

Die Ärmsten reduzieren

Diese Entwicklung begann langsam und beschleunigte sich dann: Im Dezember 2014 lagen die Limo-Verkäufe 12 Prozent unter denen des Vorjahres und der Rückgang war unter den ärmsten Mexikanern am stärksten – im Dezember 2014 kauften sie 17 Prozent weniger gezuckerte Limonade als im Jahr davor. Der Lobbyist Terrazas hatte recht – die Steuer betrifft die Armen überproportional stark. Aber Diabetes tut dies auch. Im September 2015 dann veröffentlichte Mexikos nationales Statistikamt Daten über den Getränkekonsum. Sie zeigten, dass Riveras Ergebnisse den Erfolg der Steuer sogar leicht unterschätzt hatten.

Der Kampf geht weiter. Im vergangenen Oktober verabschiedete eine Kammer des mexikanischen Parlaments einen Zusatz, der die Steuer für Getränke mit weniger Zucker halbiert hätte. Doch das Klima hat sich gewandelt. Nach der Abstimmung mühten sich alle Parteien, die Verantwortung von sich zu weisen: „Es waren die Konzerne“, erklärte ein Abgeordneter der PRI. Schnell machte die andere Parlamentskammer den Zusatz wieder rückgängig.

Unterdessen arbeitet Calvillo am nächsten Schritt. Er spricht bereits davon, die Steuer zu verdoppeln und die Mehrwertsteuer auf Mineralwasser abzuschaffen.

Nach Mexiko führten die britische Überseeinsel Sankt Helena, das kalifornische Berkeley, das Reservat der Navajo-Nation in den USA, Chile und Barbados eine Limo-Steuer ein. Aktivisten aus aller Welt fragen in Mexiko nach, wie ihre Genossen dort das geschafft haben. Regierungen, darunter Ecuador, Südafrika und Indien, interessieren sich für das Modell und dessen Steuereffekte. Die Industrie schließlich fürchtet, dass, was in Mexiko möglich war, durchaus auch andernorts passieren könnte.

Tina Rosenberg schreibt für die New York Times und den Guardian. Für ihr Buch Die Rache der Geschichte erhielt sie den Pulitzer-Preis

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.

Kommentare (2)

denkzone8 10.02.2016 | 15:01

einhegung der zigaretten-industrie war gestern.

der flüssige schuß mit schnell-wirkendem zucker aus mais, zubereitungs-los. als limo gekoppelt an kühle und nässe mit geringen lager-problemen ist für leute, die weite wege zur arbeit haben: zweck-mäßig, bequem, billig: conveniente...und nachhaltig organ-frässig für leute die rumsitzen, auf arbeit/geld-bewährte anwendung warten wie schmauchende im schützen-graben.