Digitale Dealer auf Entzug

Soziale Medien Twitter & Co. machen süchtig und gefährden die Demokratie. Die IT-Entwickler merken das jetzt selber – und steigen aus
Digitale Dealer auf Entzug

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Justin Rosenstein hat sein Betriebssystem manipuliert, damit es die Web-Plattform Reddit blockiert. Er hat seinen Zugang zu Snapchat gesperrt, dessen Suchtfaktor er mit Heroin vergleicht, und seine Facebook-Nutzung beschränkt. Schließlich installierte der 34-jährige Programmierer eine Art Kindersicherung auf seinem iPhone, die ihn hindert, neue Apps herunterzuladen. Das alles, um seine Nutzung der sozialen Medien und des Internets zu begrenzen. Rosenstein war vor allem der Reiz des Like-Buttons bei Facebook voll bewusst – er war der Ingenieur, der ihn entwickelt hat.

Heute gehört Justin Rosenstein zu einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von Silicon-Valley-Häretikern, die die sogenannte Aufmerksamkeitsökonomie beklagen und sich an einem Internet stören, das allein auf die Bedürfnisse der Werbewirtschaft ausgerichtet ist. Die Verweigerer sind selten Unternehmensgründer oder leitende Manager, die wenig Anreiz haben, vom Mantra, ihre Firmen würden die Welt zu einem besseren Ort machen, abzuweichen. Meist haben die Kritiker der sozialen Medien auf der Unternehmensleiter eine oder zwei Sprossen darunter gearbeitet: als Webdesigner, Programmierer oder Produktmanager, die einst den Grundstein für die digitale Welt gelegt haben, aus der sie sich jetzt wieder zu lösen versuchen. „Es ist normal“, sagt Rosenstein, „dass Menschen mit bester Absicht etwas entwickeln, das dann ungewollte negative Folgen hat.“

Er war eine Zeit lang bei Google und an der Entwicklung von dessen Messenger Gchat beteiligt. Heute hat er in San Francisco eine Firma, die die Produktivität in Büros zu steigern verspricht. Seine größte Sorge sind die psychologischen Folgen der Smartphone-Nutzung in einer Welt, in der laut Forschung manche Menschen ihr Smartphone 2.617-mal am Tag berühren.

Viele fürchten, die Internet-Technologie mache nicht nur abhängig, sondern trage zu „permanent geteilter Aufmerksamkeit“ bei, welche die Konzentrationsfähigkeit einschränkt und möglicherweise sogar den IQ verringert. Jüngst zeigte eine Studie, dass ein Smartphone das Denkvermögen beeinträchtigt – selbst wenn das Gerät ausgeschaltet ist. „Alle sind permanent abgelenkt“, sagt Rosenstein.

2007 gehörte Rosenstein zu einer kleinen Gruppe von Facebook-Mitarbeitern, die es den Usern besonders einfach machen wollten, mit einem einzigen Klick „kleine positive Zeichen“ auf der Plattform zu verbreiten. Die Facebook-Likes waren sofort „extrem“ erfolgreich, erzählt Justin Rosenstein: Die User-Bindung schnellte nach oben, weil die Menschen den kurzfristigen Auftrieb genossen, den sie durch das Geben und Erhalten sozialer Bestätigung bekamen. Unterdessen sammelte Facebook wertvolle Daten über die Vorlieben der User, die es an Werbekunden verkaufen konnte. Schon bald wurde die Idee von Twitter mit seinen herzförmigen Likes kopiert, ebenso von Instagram und vielen anderen Apps.

Der Sog ist gewollt

Bezeichnenderweise entwöhnen sich viele der kritischen Mittdeißiger-Tech-Experten von ihren eigenen Produkten und schicken ihre Kinder in Silicon Valley auf Eliteschulen, in denen iPhones, Tablets, ja sogar Laptops tabu sind. Sie scheinen den Rat aus einer Biggie-Smalls-Liedzeile zu befolgen, dass ein Crack-Dealer die Finger von seiner eigenen Ware lassen sollte: „Never get high on your own supply.“

Vergangenes Jahr kamen Webdesigner, Programmierer und Tech-Unternehmer aus der ganzen Welt in einem Konferenzzentrum in der Bucht von San Francisco zusammen. Sie hatten jeder bis zu 1.700 US-Dollar bezahlt, um in einem Kurs von Nir Eyal zu lernen, wie sie User zur gewohnheitsmäßigen Nutzung ihrer Produkte bewegen. Eyal ist der Autor von Hooked: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen, 2014 auf Deutsch erschienen, und arbeitet seit einigen Jahren als Berater in der Technologiebranche.

Illustration: Susann Massute für der Freitag

„Die Technologien, die wir nutzen, sind wie ein Zwang oder haben sogar starke Abhängigkeit ausgelöst“, schreibt Eyal. „Zum Beispiel der Impuls, eine Push-Nachricht zu checken. Oder der Sog, nur kurz auf Youtube, Facebook oder Twitter zu gehen, um dann eine Stunde später zu merken, dass man immer noch tippt und scrollt.“ Nichts davon sei Zufall, sondern alles „ganz genau so, wie die Entwickler es beabsichtigt haben“.

Die Teilnehmer des „Habit Summit 2017“ waren womöglich überrascht, als Eyal auf die Bühne trat und verkündete, in seiner diesjährigen Begrüßungsrede „einmal etwas ganz anderes“ zum Thema zu machen. „Ich möchte die wachsende Besorgnis ansprechen, dass technologische Manipulation irgendwie schädlich oder unmoralisch ist“, sagte Eyal. Er forderte sein Publikum auf, darauf zu achten, „Persuasive Design“ nicht zu missbrauchen und sich davor zu hüten, die Grenze zum Zwang nicht zu überschreiten. Dennoch verteidigte er die Techniken, die er lehrt, und tat Stimmen ab, die Technologieabhängigkeit mit Drogensucht vergleichen. „Wir inhalieren hier ja nicht Facebook oder spritzen Instagram.“ Dann warf er ein Foto voller süßer Backwaren an die Wand. „Genauso wenig wie wir den Bäcker dafür kritisieren, dass er so leckere Sachen herstellt, können wir auch den Tech-Entwicklern nicht vorwerfen, dass sie ihre Produkte so gut machen, dass wir sie benutzen wollen“, sagte er.

Ohne Ironie beendete Eyal seinen Vortrag mit einigen persönlichen Tipps, wie man sich gegen die Versuchung der Technologie schützen kann. Er selbst etwa nutzt die Chrome-Extension DF Youtube, „die einen Großteil der externen Trigger streicht“, die er in seinem Buch beschreibt. Außerdem empfahl er die App Pocket Points, die „einen dafür belohnt, nicht ans Telefon zu gehen, wenn man sich konzentrieren muss“. Zuletzt vertraute er dem Publikum noch an, was er alles tut, um seine eigene Familie zu schützen. Durch eine Schaltuhr am Router wird der Zugang zum Internet jeden Tag zu einer festen Uhrzeit ausgeschaltet. „Das soll uns daran erinnern, dass wir nicht machtlos sind“, erklärte Eyal.

Der Ex-Google-Mitarbeiter Tristan Harris ist anderer Meinung. „Wir alle sind in das System eingespannt“, erklärt der 33-Jährige. „Unser aller Denken kann gelenkt werden. Unsere Entscheidungen sind nicht so frei, wie wir glauben.“ Harris gilt als so etwas wie „das Gewissen von Silicon Valley, wenn es denn so etwas gibt“. Seiner Meinung nach sind sich Milliarden Menschen kaum bewusst, wie eine kleine Gruppe von Leuten in Silicon Valley ihr Leben beeinflusst. Harris hat an der US-Elite-Uni Stanford bei Brian J. Fogg studiert. Der Verhaltenspsychologe wird in Tech-Kreisen als Meister verehrt, wenn es um den Einsatz von technologischem Design zur Überzeugung von Menschen geht. Viele seiner Studierenden, auch Nir Eyal, haben nach dem Abschluss Karriere in Silicon Valley gemacht.

Harris ist der Abtrünnige; eine Art Whistleblower, der die Machtanhäufung der Tech-Unternehmen zum Vorschein bringt und beschreibt, wie sie ihren Einfluss nutzen. „Ich kenne kein Problem, das drängender ist“, sagt er. „Es verändert unsere Demokratie, unsere Fähigkeit, Gespräche und Beziehungen miteinander zu führen.“ Harris ist mit seiner Überzeugung an die Öffentlichkeit gegangen – hält Vorträge, schreibt Aufsätze, trifft Gesetzgeber und setzt sich für Reformen ein. Zuvor hatte er drei Jahre lang vergeblich versucht, innerhalb des Google-Hauptsitzes in Mountain View Veränderungen anzustoßen.

Begonnen hat das Ganze, während er 2013 als Produktmanager für Google arbeitete und ein provokantes Memorandum an zehn enge Kollegen verschickte, Titel: „Ein Appell, Ablenkung zu minimieren und die Aufmerksamkeit der User zu respektieren“. Seine Schrift traf einen Nerv und verbreitete sich unter rund 5.000 Google-Mitarbeitern, auch in der Leitungsetage, die Harris prompt mit einem eindrucksvoll klingenden neuen Job belohnte: Er wurde Googles In-House-Mitarbeiter für Webdesign-Ethik sowie zum Produktphilosophen ernannt. Im Nachhinein hat er das Gefühl, auf einen bedeutungslosen Randposten wegbefördert worden zu sein. Immerhin: „Ich hatte die Zeit, mich in einer Ecke hinzusetzen und nachzudenken, zu lesen und zu verstehen.“

Ethik, welche Ethik?

Er untersuchte, wie LinkedIn das Bedürfnis nach sozialem Geben und Nehmen ausnutzt, um sein Netzwerk auszuweiten; wie YouTube und Netflix automatisch Videos und die nächsten Serien-Folgen abspielen und damit faktisch Usern die Wahl nehmen, weitergucken zu wollen oder nicht; wie Snapchats süchtig machendes Snapstreaks-Feature funktioniert, das eine unablässige Kommunikation zwischen Usern ermutigt, die zumeist Teenager sind.

Nicht immer spricht die Technologie alle gleichmäßig an. Sie kann auch durch Algorithmen auf eine ganz bestimmte Person zugeschnitten werden. Ein 2017 geleakter, interner Facebook-Bericht zeigt, dass das Unternehmen identifizieren kann, wenn Teenager sich „unsicher“ und „wertlos“ fühlen und für „die Steigerung ihres Selbstbewusstseins“ empfänglich sind. Solche detaillierten Informationen bieten laut Harris eine „perfekte Grundlage dafür, welche Knöpfe man bei einer bestimmten Person drücken muss“. Tech-Unternehmen können solche Schwachstellen ausnutzen, um User an sich zu binden. Etwa indem sie manipulieren, wann jemand die Likes für seinen Post bekommt, oder sicherstellen, dass sie ankommen, wenn eine Person sich wahrscheinlich gerade verletzlich fühlt, Bestätigung braucht oder einfach nur Langeweile hat. Genau diese Technologien können die Unternehmen meistbietend verkaufen. „Ethik spielt keine Rolle“, sagt er.

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Von einem befreundeten Facebook-Mitarbeiter weiß Harris, dass der Benachrichtigungs-Icon, der User auf neue Aktivitäten wie Freundschaftsanfragen oder Likes aufmerksam macht, ursprünglich blau sein sollte. Das hätte zu Facebooks Stil gepasst und – so wurde argumentiert – „subtil und harmlos“ gewirkt. „Aber niemand hat ihn benutzt“, erzählt Harris. „Dann haben sie die Farbe auf Rot geändert und natürlich haben ihn plötzlich alle benutzt.“

Der rote Icon ist jetzt überall. Wenn Smartphone-User auf ihr Telefon blicken, werden sie ein Dutzend oder hundert Mal am Tag mit kleinen roten Punkten neben ihren Apps konfrontiert, die sie auffordern, angetippt zu werden. „Rot ist eine Trigger-Farbe“, erklärt Harris. „Darum wird sie als Alarmsignal benutzt.“ Verführerisches Webdesign nutzt dieselbe psychologische Anfälligkeit für variable Belohnungen, die auch Glücksspiel zum Zwang machen kann: Wenn wir die roten Icons anklicken, wissen wir nicht, ob wir eine interessante E-Mail entdecken oder nur Werbung, eine Lawine von Likes oder gar nichts. Es ist die Möglichkeit, enttäuscht zu werden, die das Ganze so zwanghaft macht.

Das erklärt auch, wie der Pull-to-Refresh-Mechanismus – nach unten wischen, anhalten, warten, welcher Inhalt erscheint – zu einem der am stärksten süchtig machenden und omnipräsenten Features der modernen Technologie geworden ist. „Jedes Mal, wenn man nach unten wischt, ist das wie ein Münzspielautomat“, sagt Harris. „Man weiß nicht, was als Nächstes kommt. Manchmal ein schönes Foto. Manchmal nur eine Anzeige.“

Der Erfinder bereut

Erfunden hat den Mechanismus der Programmierer Loren Brichter. Der heute 32-Jährige sagt: „Ich habe jetzt zwei Kinder und bereue jede Minute, in der ich ihnen keine Aufmerksamkeit schenke, weil mein Smartphone mich total absorbiert.“ Brichter entwickelte Pull-to-Refresh 2009 für sein Start-up Tweetie, weil er auf der App keinen Platz für einen Aktualisierungsbutton finden konnte. Halten und nach unten ziehen, erschien ihm damals wie eine „nette, clevere“ Notlösung. Ein Jahr später kaufte Twitter Tweetie und integrierte die Pull-to-Refresh-Funktion. Seitdem ist sie zu einer der am weitest verbreiteten Features in Apps geworden; Hunderte Millionen Menschen ziehen genauso intuitiv mit dem Finger nach unten, wie sie sich kratzen, wenn es juckt.

Erstaunt ist Brichter über die Langlebigkeit des Features, das er erfunden hat. Im Zeitalter von Push-Nachrichten können Apps Inhalte automatisch aktualisieren – ohne vom User angestoßen zu werden. „Das Feature könnte in Pension gehen“, sagt er. Stattdessen scheint es eine psychologische Funktion zu erfüllen: Auch Spielautomaten hätten weniger Suchtpotenzial, würde der Spieler den Hebel nicht selbst bedienen. Oder der überflüssig gewordene „Tür zu“-Schalter in Aufzügen mit automatischen Türen: „Die Leute drücken den Knopf einfach gern.“

Auch Loren Brichter schirmt sich heute bewusst vom Sog der sozialen Medien ab, hat bestimmte Internetseiten gesperrt, Push-Benachrichtigungen ausgeschaltet, kann eine Telegram-App nur noch nutzen, um mit seiner Frau und zwei engen Freunden zu kommunizieren und versucht sich von Twitter zu entwöhnen. „Ich verschwende immer noch Zeit damit“, gibt er zu, „nur um Zeug zu lesen, das ich bereits weiß.“

„Smartphones sind nützliche Geräte“, sagt Brichter. „Aber sie machen süchtig. Pull-to-Refresh macht süchtig. Twitter macht süchtig. Diese Dinge sind alle nicht gut. Als ich damals daran arbeitete, war ich nicht reif genug, um über die Folgen nachzudenken. Ich sage nicht, dass ich jetzt reif bin, aber ein bisschen reifer vielleicht, und ich bereue definitiv die Schattenseiten.“

Nicht alle in seinem Bereich sind von Schuldgefühlen geplagt. Als Urheber für Apples Patent für das „Management von Benachrichtigungsabfolgen und Badges“ nennt das Unternehmen Justin Santamaria und Chris Marcellino. Beide bekamen mit Anfang 20 einen Job bei Apple, um am iPhone mitzuarbeiten. Als Software-Ingenieure arbeiteten sie im Hintergrund an Basistechnologie für Push-Meldungen, wie sie 2009 eingeführt wurde und Entwicklern ermöglicht hat, Real-Time-Nachrichten-Updates in deren Apps einzubauen. Diese Revolution ermöglichte vieles, was heute für viele Menschen alltäglich ist, von der Bestellung einer Uber-Fahrt über einen Skype-Telefonanruf bis zur Zusendung der neuesten Schlagzeilen.

Aber die Benachrichtigungstechnologie hat auch Hunderte von unaufgeforderten Unterbrechungen in Millionen von Leben ermöglicht und so das Wettrüsten um die Aufmerksamkeit der Menschen beschleunigt. Heute hat Santamaria sein eigenes Start-up, nachdem er eine Zeit lang bei Airbnb war. Die Technologie, die er bei Apple entwickelt hat, sei nicht „an sich gut oder schlecht“. „Über den Umgang damit muss ein Diskurs stattfinden.“ Ist es in Ordnung, wenn ich mein Handy nach der Arbeit ausschalte, wenn ich nicht sofort antworte, wenn ich nicht alles „like“, was über Instagram auf meinem Screen landet?

Sein Kollege Marcellino sieht das ähnlich. „Ganz ehrlich, ich habe nie dagesessen und gedacht: Lass uns die Leute abhängig machen. Es ging immer um die positiven Aspekte. Diese Apps verbinden Leute. Sie ermöglichen all diese tollen Sachen, zum Beispiel dass ein Sportsender meldet, wenn das Spiel vorbei ist; oder Whatsapp gratis eine Nachricht von einem Familienmitglied im Iran übermittelt.“

Vor ein paar Jahren hat Marcellino die San-Francisco-Bay-Region verlassen, um noch mal zu studieren. Der 33-Jährige wird bald Neurochirurg. Im Medizinstudium hat er genug mitbekommen, um zu wissen, dass Technologien die gleichen neurologischen Pfade ansprechen wie Glücksspiel oder Drogenkonsum: „Es sind die gleichen Kreisläufe wie die, die Leute dazu bringen, Essen, Trost, Wärme, Sex zu suchen.“

All das, erklärt er, ist auf Belohnung basierendes Verhalten, das die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin im Gehirn aktiviert. Manchmal merkt er, dass er selbst die roten Icons neben seinen Apps anklickt, „damit sie verschwinden“. Aber die ethische Frage, ob es in Ordnung ist, die psychologische Verletzbarkeit von Menschen auszunutzen, beschäftigt ihn. „Es ist nicht an sich böse, wenn man Leute dazu bringt, ein Produkt immer wieder zu nutzen. So funktioniert Kapitalismus.“

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Genau das ist wohl das Problem. Risikokapitalgeber Roger McNamee hat mit sehr profitablen Investitionen in Google und Facebook viel Geld gemacht, sieht die Konzerne aber heute kritisch. Ihre anfänglich positive Mission wurde seiner Ansicht nach dadurch korrumpiert, dass sie so viel Geld durch Werbung verdienen konnten. Die Einführung des Smartphones sei der Wendepunkt, an dem der Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer richtig losging. „Facebook und Google versichern voller Überzeugung, dass sie den Usern geben, was sie haben wollen“, sagt McNamee. „Aber das Gleiche lässt sich über Tabakfirmen und Drogendealer sagen.“

Der 61-Jährige ist mehr als ein Geldgeber. Früher Berater von Mark Zuckerberg, machte er den Facebook-CEO mit Sheryl Sandberg bekannt, die damals für Googles Werbestrategie verantwortlich war. Sandberg wurde Geschäftsführerin von Facebook und verwandelte es in ein weiteres Werbe-Schwergewicht.

Mit dem Handy ins Bett

McNamees Vorschlag ist, die Tech-Konzerne stärker zu kontrollieren, etwa durch neue Antimonopolgesetze. Aber er befürchtet, dass die Giganten, die er mitaufgebaut hat, schon zu groß sind, um sie im Zaum zu halten. „Die EU hat Google mit einer Zwei-Milliarden-Euro-Strafe wegen Monopolrechtsverletzung belegt, aber die Google-Aktionäre haben nur mit den Schultern gezuckt.“ Der Staat könnte bei „psychologisch manipulativer Werbung“ eingreifen, meint Facebook-Like-Mitentwickler Rosenstein. Der moralische Ansatz sei vergleichbar mit der Regulierung fossiler Brennstoffe oder von Tabakunternehmen. „Wenn wir uns nur für Profitmaximierung interessieren, bewegen wir uns rapide auf eine Dystopie zu.“ James Williams hält diese Angst nicht für weit hergeholt. Als Ex-Google-Stratege, der das System hinter dem globalen Suchanzeigengeschäft des Konzerns konzipierte, kennt der 35-Jährige die Industrie bestens und beschreibt sie als „größte, standardisierteste und zentralisierteste Form von Aufmerksamkeitskontrolle in der Menschheitsgeschichte“. Williams hat bei Google gekündigt und bald seinen Doktor zum Thema „Ethik und Persuasive Design“ an der Uni Oxford in der Tasche. Sein Studium brachte ihn dazu, zu fragen, ob die Demokratie das neue technologische Zeitalter überleben kann.

Dieses Unwohlsein wurde durch einen Blick auf ein Google-Dashboard ausgelöst. Mehrfarbig wurde da dargestellt, welchen Anteil der Aufmerksamkeit von Leuten das Unternehmen für Werbekunden in Beschlag genommen hatte: „Mir wurde klar: Das sind wirklich eine Million Leute, die wir irgendwie dazu gebracht haben, etwas zu tun, was sie sonst nicht getan hätten.“

Daraufhin widmete sich Williams lange Zeit unabhängiger Forschung, zum Großteil während er Teilzeit bei Google arbeitete. Nach etwa eineinhalb Jahren sah er das Google-Memo, das Harris herumschickte; die beiden wurden Verbündete im Versuch, von innen heraus etwas zu verändern. Sie verließen dann Google und gründeten die Lobbygruppe „Time Well Spent“. Unter dem Motto „Zeit sinnvoll nutzen“ versuchten sie, in der Öffentlichkeit Druck auf Unternehmen auszuüben, ihre Einstellung zu Webdesign zu verändern.

Für Williams ist schwer verständlich, warum dieses Thema nicht „jeden Tag auf der Titelseite jeder Zeitung steht“. „87 Prozent der Menschen wachen mit ihrem Handy auf und gehen damit schlafen“, sagt er. Damit sieht die ganze Welt Politik durch ein neues Prisma. Williams’ Sorge ist, dass das tief greifende Konsequenzen habe. Die gleichen Kräfte, die Tech-Firmen dazu gebracht haben, Nutzer mit Webdesign-Tricks zu ködern, ermutigen diese Unternehmen, die Welt so zu präsentieren, dass die User praktisch nicht anders können, als hinzuschauen. „Die Aufmerksamkeitsökonomie ist der Anreiz für die Entwicklung von Technologien, die unsere Aufmerksamkeit gefangen nehmen“, erklärt er. „Auf diese Wiese privilegiert sie unsere Impulse über unsere Intentionen.“ Indem Gefühle wie Wut und Empörung angesprochen werden, wird die Sensation über Nuancen privilegiert. Die Nachrichtenmedien arbeiten zunehmend im Dienst von Tech-Unternehmen, sagt Williams, und müssen sich den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie unterordnen, also „sensationalisieren, ködern und unterhalten, um zu überleben“.

Angesichts von Donald Trumps Wahlsieg waren viele Leute schnell dabei, die Erklärung dafür bei den sozialen Medien, Fake News und russischen Bots zu suchen. Doch für Williams sind dubiose Akteure mit böser Absicht, die das Internet ausnutzen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, nur Symptome eines tiefer liegenden Problems: Die Aufmerksamkeitsökonomie leistet einem Phänomen wie Trump Vorschub, der es versteht, die Aufmerksamkeit seiner Unterstützer ebenso wie seiner Kritiker an sich zu reißen, indem er Empörung nutzt oder provoziert.

Einen Monat vor den US-Wahlen warnte Williams in einem Blogbeitrag vor einer „weitaus folgenreicheren Frage“ als der, ob Trump ins Weiße Haus einziehen wird. Die Wahlkampagne des Reality-TV-Stars läute eine Zeitenwende ein, in der „die neuen, digital aufgeladenen Dynamiken der Aufmerksamkeitsökonomie eine Grenze überschritten haben und im Reich der Politik angekommen sind“. Eine ähnliche Dynamik hatte Williams einige Monate zuvor während der Brexit-Kampagne beobachtet, als die Aufmerksamkeitsökonomie seiner Ansicht nach in die Hände der emotionalen, die Identität berührenden Befürwortung des EU-Austritts Großbritanniens spielte. Diese Dynamiken seien keineswegs auf die politische Rechte reduziert; sie spielen genauso bei der unerwarteten Popularität linker Politiker wie Bernie Sanders und Jeremy Corbyn eine Rolle oder bei Themen, die einen Aufschrei der Progressiven im Internet heraufbeschwören.

Ein Denkstil der Empörung

All das, so Williams’ These, wirkt sich nicht nur darauf aus, wie wir Politik sehen, sondern könnte mit der Zeit auch unsere Denkweise verändern, indem es uns weniger rational und impulsiver werden lässt: „Durch die Internalisierung der Dynamik des Mediums haben wir uns einen Denkstil angewöhnt, der ständig auf Sensation und Empörung ausgerichtet ist.“

Vor diesem politischen Hintergrund wurde die Bedrohung durch einen Überwachungsstaat, wie ihn George Orwells 1984 heraufbeschwört, möglicherweise überbewertet, meint Williams. Die Gefahr, auf die ein anderer britischer Autor hinwies, hält er für relevanter: Brave-New-World-Autor Aldous Huxley warnte davor, dass Orwell’scher Zwang weniger eine Bedrohung für die Demokratie darstellt als die subtilere Bedrohung durch psychologische Manipulation und „den fast unersättlichen Hunger des Menschen nach Ablenkung“.

Seit der US-Wahl hat sich Roger Williams mit einem weiteren Aspekt der schönen neuen Welt von heute befasst. Wenn die Aufmerksamkeitsökonomie unsere Fähigkeit zu erinnern, zu denken und Entscheidungen für uns selbst zu treffen, untergräbt, also Fähigkeiten, die für ein selbstbestimmtes Leben entscheidende Voraussetzung sind, führt ihn das letztlich zu einer Frage: Gibt es dann noch Hoffnung für die Demokratie?

„Die Dynamik der Aufmerksamkeitsökonomie ist strukturell darauf ausgerichtet, den freien Willen des Menschen zu untergraben“, ist Williams überzeugt. „Wenn Politik ein Ausdruck des menschlichen Willens ist, auf individueller und kollektiver Ebene, dann untergräbt die Aufmerksamkeitsökonomie direkt die Grundannahmen, auf denen die Demokratie basiert.“

Aber wenn Apple, Facebook, Google, Twitter, Instagram und Snapchat zunehmend an der Fähigkeit nagen, unser eigenes Bewusstsein zu kontrollieren, kann dann nicht der Punkt kommen, an dem die Demokratie nicht mehr funktioniert? Auf diese Frage antwortet James Williams mit zwei weiteren: „Werden wir überhaupt in der Lage sein, zu bemerken, wenn das passiert? Und wenn wir dazu nicht in der Lage sind – woher wissen wir, dass es nicht schon längst so weit ist?“

Paul Lewis ist Chef des Guardian-Büros für die Westküste der USA in San Francisco

Übersetzung: Carola Torti

06:00 10.04.2018
Geschrieben von

Paul Lewis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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