Digitales Ghetto

Netzfreiheit Weil Facebook die Daten seiner Nutzer kontrolliert und zentralisiert, sieht der Gründer des World Wide Web die Prinzipien der Gleichheit im Netz bedroht

Facebook, LinkedIn und andere soziale Netzwerke stellten „eine von mehreren Bedrohungen“ für die Zukunft des World Wide Web dar, warnt der Vater des Internets, Sir Tim Berners-Lee. Einige der „erfolgreichsten Bewohner“ des Internets wie Facebook und die großen Telekommunikationsunternehmen hätten begonnen, an seinen Gründungsprinzipien „zu nagen“, schreibt er in einem Essay, das gestern im Scientific American erschien.

Soziale Netzwerke, die es ihren Nutzern nicht ermöglichen, Informationen, die sie einspeisen, wieder herauszuholen, seien ein „Problem“, und könnten dazu führen, dass das Web „in fragmentierte Inseln aufgespalten wird“, so Berners-Lee.
Google warf Facebook Anfang des Monats vor, es führe seine 600 Millionen Nutzer in eine „Datensackgasse“, in der ihre Kontakte und persönlichen Informationen „im Prinzip eingesperrt“ seien.

Obwohl Facebook seit Kurzem zulässt, dass seine Nutzer Profilinformationen – darunter auch Status-Updates und Fotos – herunterladen, wird es heftigst dafür kritisiert, dass es die Netzwerke und Kontakte seiner Nutzer auf seiner Seite „einmauert“. „Das Web hat sich zu einem mächtigen, allgegenwärtigen Werkzeug entwickelt, denn es wurde nach den Prinzipien des Gleichheitsgedankens aufgebaut“, heißt es in Berners-Lees Text. „Das Internet, wie wir es kennen, ist jedoch mehreren Bedrohungen ausgesetzt. Einige seiner erfolgreichsten Bewohner haben begonnen, an seinen Prinzipien zu nagen.“ Und weiter: „Je mehr man einspeist, desto mehr wird man eingesperrt.

Geschlossenes Content-Silo

Die soziale Netzwerkseite wird zur zentralen Plattform – ein geschlossenes Silo voller Content; und zwar zu einem, das einem nicht die volle Kontrolle über die eigenen Informationen darin gibt. Je mehr diese Architektur zur Anwendung kommt, desto fragmentierter wird das Netz und umso weniger kommen wir in den Genuss eines einzigen, universalen Ortes der Information.“ Berners-Lee äußerte auch Bedenken, dass eine soziale Netzwerkseite „so groß werden könnte, dass sie zu einem Monopol wird, das dazu neigt, Innovationen einzuschränken.“

Im Juli gab Facebook seinen 500-millionsten Nutzer bekannt – in den 12 Monaten davor hatten sich bis zu 250 Millionen neue Nutzer registriert. Den Zahlen der Marktforschungsagentur comScore für Oktober zufolge, hat Facebook inzwischen weltweit 620 Millionen Nutzer.

Berners-Lee kritisiert in seinem Essay auch Firmen, die mobile oder Desktop-Applications herstellen, wie Apple es mit iTunes oder Apps für das iPhone tut, anstatt Apps zu entwickeln, die neben anderen Webseiten im Internet angesiedelt sind. „Offene Standards regen zu Innovationen an“, sagt er. Er hält es für „Besorgnis erregend“, dass Zeitungsverleger Apps für Smartphones wie das iPhone entwickeln.


„Die Welt von iTunes ist zentralisiert und abgeschottet“, erläutert er. „Man ist in einem einzigen Store gefangen, anstatt dass man sich auf dem virtuellen freien Marktplatz bewegt. Trotz all seiner großartigen Features ist die Entwicklung des Stores darauf beschränkt, was eine Firma sich ausdenkt. Auch andere Firmen erzeugen geschlossene Welten. Zeitungen und Zeitschriften zum Beispiel entwickeln Smartphone-Apps, anstelle von Internet-Apps. Ich halte das für Besorgnis erregend, denn damit entziehen sie das Material dem Netz.“

Zugang nur mit W-Lan

Der Erfinder des World Wide Web bekräftigte außerdem noch einmal seine Unterstützung für die Netzneutralität. Er reagierte damit auf eine Rede des konservativen Abgeordneten Ed Vaizey, der im britischen Kabinett unter anderem für Kultur und Kommunikation zuständig ist. Vaizey schien Internet-Service-Providern wie BT, TalkTalk und Virgin Media grünes Licht zu geben, um Firmen wie der BBC gegen einen Aufpreis eine Sonderbehandlung zu gewähren. Vaizey hat mittlerweile jedoch erklärt, seine Rede sei falsch interpretiert worden und er sei ebenfalls für Netzneutralität. Das Prinzip der Netzneutralität bedeutet, dass die Verbindung zu bestimmten Seiten nicht begünstigt werden darf.

Berners-Lee kritisierte außerdem Google und die US-amerikanische Telefongesellschaft Verizon, die im August eine konzeptionelle Einigung geschmiedet hatten, die den mobilen Zugang zum Internet von den Prinzipien der Netzneutralität ausnehmen sollte. „In ländlichen Gegenden, von Utah bis Uganda, haben viele Menschen nur per Mobiltelefon Zugang zum Internet; wenn diese von der Netzneutralität ausgenommen werden, können ihre Nutzer leicht diskriminiert werden, was den Service betrifft“, so Berners-Lee. „Ich halte die Vorstellung für bizarr, dass mein grundlegendes Recht auf Zugang zu den Informationsquellen meiner Wahl nur dann gelten soll, wenn ich zuhause an meinem Computer mit WLAN-Verbindung sitze, nicht aber wenn ich mein Mobiltelefon verwende.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:25 23.11.2010
Geschrieben von

Josh Halliday | The Guardian

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