Dnipro: Wolodymyr Selenskyjs Berater Oleksij Arestowytsch ist zurückgetreten

Ukraine-Krieg Beim Raketeneinschlag in ein Haus in Dnipro mit 45 Toten habe die ukrainische Luftabwehr eine Rolle gespielt, behauptete Wolodymyr Selenskyjs populärer Berater Oleksij Arestowytsch. In der Ukraine war die Empörung groß. Jetzt tritt er ab
Wolodmymyr Selenskyjs Berater Oleksij Arestowytsch glaubt, an diesem Einschlag könnte auch die ukrainische Verteidigung schuld sein
Wolodmymyr Selenskyjs Berater Oleksij Arestowytsch glaubt, an diesem Einschlag könnte auch die ukrainische Verteidigung schuld sein

Foto: Vitalii Matokha/AFP via Getty Images

Der ukrainischer Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch ist zurückgetreten. Er hatte mit der Behauptung, eine russische Rakete, die Dutzende von Menschen tötete, sei von der Ukraine abgeschossen worden, für große Empörung gesorgt. 45 Menschen waren in der südlich gelegenen Stadt Dnipro getötet worden, als am Samstag eine russische X-22 Anti-Schiffsrakete in einem Wohnblock einschlug. Die Rettungskräfte brachen die Suche am Dienstag ab. 20 Menschen wurden da noch vermisst.

In Kommentaren auf einem Youtube-Kanal erklärte Arestowytsch Stunden nach dem Angriff, die Rakete sei detoniert, nachdem sie von ukrainischen Luftabwehrkräften abgeschossen worden war. „Die Rakete wurde abgeschossen, sie fiel auf die Auffahrt und explodierte, als sie fiel“, sagte er auf dem Kanal Feigin Live.

Der Vorwurf: Hilfe für die russische Propaganda

Hunderte von Mitgliedern der ukrainischen Zivilgesellschaft und mehrere prominente Persönlichkeiten meldeten sich in den Tagen danach in den sozialen Medien zu Wort und forderten, dass die Präsidialverwaltung Arestowytsch wegen seiner ungeprüften Äußerungen entlässt. Sie sagten, seine Äußerungen helfe der russischen Propaganda, die Angriffe häufig als Schuld der ukrainischen Streitkräfte darstelle. In einer Erklärung, die nicht direkt auf Arestowytschs Äußerungen einging, erklärten die ukrainischen Luftverteidigungskräfte, sie verfügten derzeit nicht über die technischen Möglichkeiten, ballistische Raketen aufzuspüren oder abzuschießen.

Arestowytsch weigerte sich zwei Tage lang, sich zu entschuldigen. Er machte seine Müdigkeit verantwortlich und erklärte, es handele sich um „eine Theorie“ eines Freundes, der zufällig in der Nähe des Tatorts war. Am Dienstag veröffentlichte Arestowytsch dann ein Bild seines Rücktrittsschreibens auf Facebook und erklärte, dies sei ein Ausweis zivilisierten Verhaltens angesichts seines „fundamentalen Fehlers“.

Ein Sprecher des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyjs bestätigte, dass der Rücktritt angenommen worden sei. Der ehemalige Schauspieler und Politiker Arestowytsch war 2020 als freiberuflicher, nicht fest angestellter Berater der Präsidialverwaltung ernannt worden.

In den ersten Wochen nach Russlands Invasion war Arestowytsch eine der meistbeachteten Persönlichkeiten und Informationsquellen in der Ukraine. Er sprach offen davon, dass er bewusst optimistische Inhalte verbreite, um die ansonsten verzweifelte ukrainische Gesellschaft zu beruhigen, und bezeichnete sich selbst als „Beruhigungsmittel“ für die Ukraine.

Was Selenskyj-Bereater Mychajlo Podoljak sagt

Im Frühjahr jedoch litten seine Popularität und seine Glaubwürdigkeit. Immer weniger Menschen wollten seine Vorhersagen hören und glauben. Arestowytschs Aussage, dass der Krieg nur zwei bis drei Wochen dauern würde, wurde zur Steilvorlage für seine Kritiker. In einem Kommentar für den ukrainischen Internet-Fernsehsender hromadske.tv sagte die Medienexpertin Oksana Moroz, dass Arestowytsch „den Menschen etwas Gutes gibt ... Sie haben aufgehört oder hatten vielleicht nicht den Wunsch, das Gesagte zu analysieren“. Seine Kritiker warfen ihm zudem vor, dass er seine Einschätzungen zum Krieg so darstelle, als beruhten sie auf exklusiven Informationen, obwohl er nie zum Stab oder auch nur zum inneren Kreis um Präsident Wolodymyr Selenskyj gehört habe.

Das Präsidialamt spielte in Bezug auf Arestowytsch ein vorsichtiges – häufig distanzierte es sich von ihm, wusste aber zugleich genau um sein großes Publikum. Im August hatte der offizielle Selenskyj-Berater Mychajlo Podoljak erklärt, Arestowytsch gehöre nicht zum Stammpersonal, aber „er redet so viel, dass wir ihn zum Berater des gesamten Büros gemacht haben“. Vom Leiter des Präsidialamts der Ukraine, Andrij Jermak, sind die Worte überliefert, er „respektiere Arestowytsch“ für die Rolle, die er mit seiner „Armee von Fans“ spiele.

Isobel Koshiw berichtet als Korrespondentin des Guardian über die Ukraine.

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Isobel Koshiw | The Guardian

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