Doktor Boots

Schuhe Die Doc Martens stammen ursprünglich aus Deutschland. Doch erst, seit sie vor 50 Jahren nach Großbritannien kamen, wurden sie vom Arbeiterschuh zum Symbol der Popkultur

Dr. Martens Boots erreichten vor 50 Jahren Großbritannien. In dem halben Jahrhundert, das seither vergangen ist, kamen und gingen musikalische Bewegungen und Moden und veränderten das Land. Die Doc Martens jedoch blieben: Vom Punk bis zum Polizisten, vom Skinhead bis zum Sozialisten, sie alle trugen sie.

Mag sein, dass es nur Stiefel sind, doch irgendwie ist es Dr. Martens gelungen, einen kräftigen Fußabdruck in Mode, Musik und Politik zu hinterlassen. Klaus Märtens, den jungen deutschen Militärarzt, der den Original-Entwurf erfand, hätte das vermutlich überrascht. Der Legende nach soll Dr. Märtens den Stiefel mit der luftgepolsterten Sohle entwickelt haben, nachdem er sich beim Skilaufen seinen Knöchel verletzt hatte. Die Sohle war bequem und federte die Stöße beim Gehen und Laufen ab.

Zeit für Funktion

In den ersten Jahren nach ihrer Einführung in Großbritannien waren Dr. Martens im Prinzip Arbeiterstiefel, die in Fabriken und von Postboten getragen wurden. Laut Martin Roach, der mit Doc Martens: The Story of an Icon die ultimative Geschichte der Stiefel geschrieben hat, wurden sie erst 1966 modern, als Pete Townshend, Gitarrist und Sänger von The Who, sie trug. Townshend erinnert sich, dass er Doc Martens kaufte, weil er die geckenhaften Klamotten satt hatte, die in den Sechzigern so beliebt waren. „Ich hatte es über, mich wie ein Weihnachtsbaum in wallende Gewänder zu kleiden, die sich beim Spielen in meiner Gitarre verfingen“, so Townshend. „Also dachte ich, es sei Zeit für Funktionskleidung.“ Mit den luftgepolsterten Sohlen konnte er besser auf der Bühne herumspringen. Außerdem, so erklärte er, erinnerten ihn die Stiefel an seine Arbeiterklasse-Jugend.

In den Sechzigern katapultierte er die Doc Martens in die Welt der Mode, in den Siebzigern war Townshend dann maßgeblich an einem der prägenden Bilder der damaligen Popkultur beteiligt. 1975 stand Elton John in der Rock-Oper Tommy in übergroßen Doc Martens auf der Bühne. Die Stiefel waren beinahe 1.40 Meter hoch und John musste Schienen an seine Beine schnallen, damit er in ihnen wie auf Stelzen gehen konnte. Die Stiefel stehen heute im Museum von Northampton, das die größte Schuhsammlung der Welt besitzt.

Einweihen durch Treten

Damals wurden die Schuhe bereits längst von allen möglichen Subkulturen adoptiert, die damit jeweils ihre Individualität beweisen wollten – und letzten Endes die Doc Martens dann doch nur zu einem Teil ihrer Uniform machten. Mods und Glamrocker, Psychobillies und Goths – sie alle trugen die Boots. Zu den gefürchtetsten Trägern sollte jedoch die aufstrebende Skinhead-Bewegung werden. Gavin Watson war ein junger Skinhead, der 50 Kilometer westlich von London aufwuchs. Er war außerdem ein leidenschaftlicher Fotograf und seine Bilder aus dieser Zeit, auf denen oft glatzköpfige junge Männer in glänzenden Dr. Martens zu sehen sind, wirken fesselnd und verstörend. „Ich war zwölf, als ich meine ersten 8-Loch Dr. Martens kaufte“, erzählte Watson mir. „Die Regel lautete, dass man sie einweihen musste, indem man jemanden damit trat. Egal wen, und wenn danach Blut daran klebte, war das umso besser.“

Durch die Skinheads wurden die Doc Martens bald mit Gewalt in Verbindung gebracht. Watson erinnert sich: „Wir schnitten vorne das Leder ab, damit man die Stahlkappen sehen konnte – diese Stiefel waren eine Waffe und man fühlte sich sicher, wenn man sie trug.“

Ich selbst war zu jener Zeit als junger Asiate von den Stiefeln gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Ich begehrte sie heiß und innig und beneidete meinen großen Bruder, der ein Paar besaß, das er neben sein Bett stellte, damit er es vor dem Einschlafen ansehen konnte. Dennoch war die Assoziation mit Skinheads und Rassisten so stark, dass ich jedes Mal, wenn ich jemanden sah, der die 8-Loch-, oder schlimmer noch, die 14-Loch-Variante trug, vorsichtig an ihm vorbeilief und hoffte, er werde mir nichts Böses wollen.

Einzug ins Unterhaus

Ironischer Weise eigneten sich jedoch nicht nur die Skinheads die Doc Martens an – von denen in Großbritannien nur eine Minderheit rassistisch und gewaltbereit war – sondern sie wurden auch von den Polizisten getragen, mit denen sie zusammenstießen. „Als ich 1978 zur Polizei ging, waren Dr. Martens das Schuhwerk der Wahl“, erinnert sich Mick Clyne. „Ich hatte ein schwarzes Paar mit gelber Naht – wenn wir nachts auf Patrouille gingen, musste ich die mit schwarzer Schuhcreme abdecken.“

Den Schuhen gelang sogar der Sprung ins britische Unterhaus – der Abgeordnete Tony Benn wurde in ihnen im Parlament fotografiert. Als ich den heute 85-Jährigen in seinem Haus im Londoner Westen treffe, trägt er wieder schwarze Doc Martens. „Mein Sohn erzählte mir in den Siebzigern von den Schuhen und ich fand sie sehr bequem“, erzählt er. „Seither habe ich nicht mehr aufgehört sie zu tragen.“ Benn zählt zu den ältesten Liebhabern der Schuhe, doch längst entdeckt sie eine neue Generation von Fans. Heutzutage kann man sie ebenso an Models wie Agyness Deyn und Sternchen wie Pixie Geldof bewundern, wie an den Füßen der Rockstars. Auch nach fünfzig Jahren besteht die anhaltende Anziehungskraft der Schuhe darin, dass sie – trotz ihres Erfolgs – unerschütterlich cool geblieben sind.

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:00 02.11.2010
Geschrieben von

Sarfraz Manzoor | The Guardian

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The Guardian

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