Don't Cry Baby

Johnny Depp Johnny Depp kann machen, was er will: Sein Image als Sex-Symbol und weltcoolster Schauspieler wird er einfach nicht los. Begegnung mit einem Superhelden

Wenn der Name Johnny Depp fällt, schmilzt jeder dahin, Männer noch mehr als Frauen und je cooler sie sein wollen, desto mehr verdreht ihnen Johnny Depp den Kopf. Keith Richards, Brad Pitt, Marilyn Manson – alle schwärmen für den „coolsten Schauspieler der Welt“ (aktuelle Ausgabe der britischen GQ). Bruce Robinson, Regisseur von Depps neuem Film The Rum Diary, konnte nur zu einer Rückkehr ins Filmgeschäft überredet werden, weil es „für Johnny“ sei. Wie macht Depp das?

Der sagenumwobene Schauspieler macht sich rar. Einem Regisseur zufolge, der eigens nach London geflogen war, um ihn dort tagelang zu suchen, liegt das Geheimnis darin, „ihn zu finden“. Um dann einen Vertrag mit ihm abschließen zu können. Depp verabscheut die Medien, bei einem denkwürdigen Cannes-Filmfest sagte er alle Interviews ab und weigerte sich, das Bett zu verlassen. Auch für mich öffnete sich nur nach langem Hin und Her ein Türchen. Und da steht er dann, in einer diskreten Londoner Hotelsuite, lehnt sich aus dem Fenster und raucht.

Er sieht aus, als würde er im Londoner Szenestadtteil Camden Feuerzeuge auf der Straße verkaufen. Sein Hemd ist extravagant zerschlissen, er trägt schweren Goldschmuck, eine Brille mit getönten Gläsern, seine Tätowierungen ranken sich an ihm hoch wie Efeu. Die vernuschelte Sprechweise aus seinem Herkunftsstaat Kentucky ist durchsetzt mit feinstem Oxford-Englisch und seltenen englischen Ausdrücken, was sich anhört, als spräche Tom Waits für eine Rolle in My Fair Lady vor.

Rebellisch, europäisch, mit Kanten

Das Gesicht des mittlerweile 48-Jährigen ist zwar nicht mehr ganz so ätherisch wie früher, extrem gutaussehend ist er aber noch immer. Seine ganze Karriere lang hat Depp versucht, das Image des Hollywood-Sex-Symbols loszuwerden, gegen die Hartnäckigkeit seiner Schönheit kommt er aber offenbar nicht an. Dabei zeigen gleich seine ersten Worte – nachdem er die Kippe ausgedrückt hat – ziemlich gut, wie er lieber gesehen werden würde: „In Los Angeles sitzen die Schickimickis und Schönen in schnöseligen Restaurants am Sunset Boulevard, in denen man nicht rauchen darf – aber so viele Autoabgase einatmen kann, wie man möchte.“ Er schüttelt den Kopf. „Das sagt doch wohl alles.“

Das Rauchen ist eine nützliche Metapher für Johnny Depps Selbstbild – rebellisch, europäisch, mit Ecken und Kanten. Eigentlich hatte er es sogar zweieinhalb Jahre lang geschafft aufzuhören und das, obwohl er in The Rum Diary in beinahe jeder Szene rauchen musste. Allerdings „unechte Dinger, aus gepökelten Leder oder so. Ganz schrecklich, man steckt sie an und es riecht, als würde man Reifen verbrennen.“ Erst bei der Abreise vom Set kriegte das Nikotin ihn wieder. „Ein Zug an Robinsons schlimmer kleiner Café-Crème-Zigarre und es war vorbei.“ Robinson seinerseits fing während der Dreharbeiten wieder an zu trinken. „Das haben wir uns gegenseitig geschenkt“, sagt Depp und grinst.

Seit er in den Achtzigern mit der TV-Serie 21 Jump Street zum Teenie-Idol wurde, hadert er mit seinem Ruhm. Schauspieler wurde er eher durch Zufall. Als Teenager ging er in der Hoffnung auf einen Plattenvertrag nach Los Angeles, landete aber zunächst in einem Callcenter, kam dann zur Schauspielerei und war, eh er sich versah, ein internationales Pinup. Den Großteil der Achtziger und Neunziger verbracht er damit, sich schwer zu betrinken, mit Kate Moss und Winona Ryder auszugehen, sich mit Fotografen zu zanken und immer mehr von eben jener Publicity zu erzeugen, die er so erdrückend fand.

Egal wie viele düstere oder schrullige Rollen er auch annahm, aus den Klatschspalten halfen Edward mit den Scherenhänden, Ed Wood oder Don Juan de Marco ihm nicht heraus. „Keiner dieser Filme war an den Kassen erfolgreich, trotzdem jagten mir ständig die Paparazzi hinterher. Wo immer ich hinging, saß ich auf dem Präsentierteller. Meine Selbstmedikation“ – er meint Drinks und Drogen – „diente nur dem Zweck, damit umgehen zu können.“

Diese Strategie behielt er bei, bis er 1999 mit Vanessa Paradis eine Tochter bekam. Der französischen Schauspielerin und Sängerin schreibt Depp zu, sein Leben verändert – gar gerettet – zu haben. Das Paar zog sich in seine Häuser in Paris, Südfrankreich und auf den Bahamas zurück, bekam noch einen Sohn, der heute neun Jahre alt ist, und widmete sich dem privaten Familienleben, inklusive Gemüse- und Weinanbau. Depp tauchte nur ab und an einmal auf, um einen von der Kritik gelobten, in kommerzieller Hinsicht aber unspektakulären Film zu machen. Klingt nach einer Idylle heilsamer Einfachheit und künstlerischer Integrität. Nur einen Haken hat die Sache: „Ich verlasse mein Haus nicht mehr“, sagt Depp. Ist es nicht seltsam, für den Erfolg mit Hausarrest zu zahlen? Er lächelt: „Ich habe ein großes Privileg erhalten, aber wie bei allem muss man Kompromisse machen. Irgendeine Rechnung kommt immer.“ Er bezahlt mit seiner Freiheit.

Käpt’n Jack, der Kassenerfolg

Von der könnte er inzwischen wieder ein wenig mehr haben, hätte er nicht vor zehn Jahren eine Entscheidung getroffen, die ihm nicht nur seine erste Oscar-Nominierung eintrug, sondern ihn auch zum bestbezahlten Schauspieler aller Zeiten machte. Alleine zwischen 2009 und 2010 verdiente er 75 Millionen Dollar. Preisgekrönte Auftritte in Charlie und die Schokoladenfabrik, Wenn Träume fliegen lernen und Sweeney Todd haben ihn schließlich endgültig zum Kassengold werden lassen. Und das alles wegen der Rolle des Käpt’n Jack Sparrow im ersten Teil der Fluch der Karibik-Reihe. „Sobald ich den zweiten Teil gemacht hatte, wurde mir Auserkauf vorgeworfen. Was soll das heißen? Was, wenn ich einen zweiten Teil von Ed Wood machen würde, wäre das auch Ausverkauf? Ich habe nie versucht, zur Werbefigur zu werden. Ich habe einfach an einem Charakter festgehalten, den ich liebe.“

Nicht, dass es seiner Glaubwürdigkeit geschadet hätte, dass er nun auch Geld in die Kassen bringt. Aber macht es überhaupt einen Unterschied, in was für Filmen er mitspielt? Oder wie erklärt sich sein Status als „coolster aller Schauspieler“ sonst? Sein Aussehen allein kann es nicht sein, sonst wären nicht auch Männer dermaßen von ihm hingerissen. Einer Erklärung nähert man sich eher, wenn Depp über The Rum Diary und seine Freundschaft mit Hunter S. Thompson spricht.

Der Film basiert auf einem unveröffentlichten Roman, den Depp in den Neunzigern in Thompsons Keller fand. Das Buch ist in weiten Teilen autobiographisch und erzählt die Geschichte eines heftig trinkenden jungen Reporters namens Paul Kemp, der 1960 im Auftrag einer Zeitung nach Puerto Rico geht, wo ihn die Korruption und die Verheerung entsetzen, die der amerikanische Kapitalismus auf der Insel mit sich gebracht hat. Die Geschichte entwickelt sich zu einer Erzählung von heroischer journalistischer Integrität – aber, um die Wahrheit zu sagen, nicht zu einem besonders guten Film. Für Depp ist Kemp der ultimative romantische Held, frei von Ironie. Er idolisiert ihn atemlos: „Wussten Sie, dass Hunter den Großen Gatsby abgetippt hat? Er hat sich jede von Fitzgerald verfasste Seite vorgenommen und abgeschrieben. Das ganze Buch und das mehr als einmal. Weil er wissen wollte, wie es sich anfühlt, ein Meisterwerk zu schreiben. Er war so hungrig, so unschuldig und voller Sehnsucht.“

Nachdem Thompson Fear and Lothing in Las Vegas gesehen hatte, rief Depp den Autor hochnervös an, um ihn zu fragen, ob er den Film furchtbar fände. „Gott, nein“, habe Thompson geantwortet. „Er war wie ein gespenstischer Trompetenruf über einem verlorenem Schlachtfeld.“ Ehrfürchtig wiederholt Depp diesen Satz, der „einfach so aus Thompson heraus kam.“ „Verdammt, was für ein schöner Satz“, habe er damals gedacht.

Es ist vielleicht Depps eigene Unbedarftheit, die sich in vorbehaltloser Bewunderung für seine Angebeteten äußert. Und das wirkt bei Männern. Ein Star mit einer Schwäche für Helden ruft bei Fans gleichsam Anbetung hervor. Depp ist berühmt für seine Begeisterungsfähigkeit und er hat einen guten Geschmack – er liebt den Film Withnail I, Jack Kerouac, den Gonzo-Journalismus, harten Likör, guten Wein und Rockgitarren. Darin unterscheidet er sich aber nicht großartig von anderen Männern. Doch im heutigen Hollywood, wo ein Großteil der Herzensbrecher entweder zu unsicher oder zu desinteressiert ist, Vorlieben mit Begeisterung mitzuteilen, bringt ihm das den Status einer Kreuzung aus Jean Paul-Sartre und James Dean ein.

Einzigartige Verrücktheit

Depp ist ein nachdenklicher, freundlicher und lustiger Gesprächspartner, ihn nicht zu mögen fiele schwer. Als Schauspieler – mir ist wohl bewusst, dass es der Ketzerei gleichkommt, so etwas zu sagen – ist er allerdings nicht der weltbeste. An seine kauzige Verrücktheit kommt zwar niemand heran, eine geradlinige und zurückgenommene Rolle wie die des Kemp offenbart jedoch seine Grenzen. Dennoch verkörpert er ein kollektives Coolnessideal.

The Rum Diary ist Depps Hommage an den 2005 gestorbenen Thompson und außerdem die erste Veröffentlichung Depps eigener Produktionsfirma – daher vielleicht sein für ihn untypisch engagiertes Werben in den Medien. Obwohl die ersten Einspielergebnisse vermuten lassen, dass The Rum Diary möglicherweise nicht einmal die Produktionskosten einnehmen wird, ist Depp von dem Film überzeugt: „Ich glaube daran, dass dieser Film überdauern wird.“ Ob er in Europa wohl besser ankommen wird als in den USA? „Auf jeden Fall. Hier wird so etwas, denke ich, eher geschätzt, weil es ein, nun ja, ein intelligenter Film ist.“ Bedeutungsschwangere Pause. „Außerhalb der großen Städte ist so etwas in den USA oft nicht gern gesehen.“

Auch Depps Liebe zu allem Europäischem hat etwas von Heldenverehrung. Gefragt, ob ihm etwas an Europa nicht gefalle, muss er erst einmal überlegen, um dann zu verneinen: „Nein, es ist eine so alte und schöne Kultur, die Leute wissen zu leben.“ Vor einigen Jahren geriet er in die Kritik, weil er die USA als „dumm“ bezeichnete. Schon lange hadert er mit Amerikas Trashkultur und der Gewalt dort, Frankreich hatte er jedoch auch schnell wieder den Rücken gekehrt. „Ich sollte meinen ständigen Wohnsitz dort anmelden – das hätte alles verändert. Sie wollten einfach Geld“, sagt er und macht eine Geste, als zähle er Banknoten in der Hand.

Sobald er mehr als 183 Tage in Frankreich verbringe, erläutert er empört, würde er Einkommensteuer zahlen müssen. „Ich bin ganz gewiss nicht bereit, meine amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Das muss man auch nicht“, fügt er sarkastisch hinzu. Aber dann müsste er in beiden Ländern Steuern zahlen „und im Grunde für nichts arbeiten“. Und auf einmal klingt er wie ein Multimillionär aus den USA – gegen den Staat, gegen Steuern.

Vielleicht kann niemand – noch nicht einmal Johnny Depp selbst – der Heldenlegende Johnny Depp gerecht werden. Und doch hängen wir so sehr daran, dass nichts, das er sagt oder tut, etwas daran ändern könnte. Zum Abschluss frage ich Depp noch, was an der berühmten Geschichte dran sei, dass er und Kate Moss einst in einem hippen Londoner Hotel ein Champagnerbad bestellt hätten. „Ich glaube nicht, dass wir überhaupt je in diesem Hotel waren“, meint er und lächelt entschuldigend. „Es ist nicht wahr. Ich wünsche, wir hätten es getan. Aber wissen Sie, ich bin nicht sehr extrovertiert ...“, vergeblich sucht er nach dem richtigen Wort. „Im Grunde bin ich ziemlich schüchtern – ich habe nur zufällig einen verrückten Job.“

Johnny Depp hat seinen Platz als bestbezahlter Star Hollywoods in diesem Jahr abgeben müssen: an Leonardo DiCaprio, der 77 Millionen Dollar verdiente. Mit einem Jahresgehalt von 50 Millionen Dollar gehört Depp aber weiter zu den Spitzenverdienern.

Geboren wurde er am 9. Juni 1963 als Sohn einer Krankenschwester und eines Ingenieurs in Owensboro, Kentucky. Nach der Scheidung seiner Eltern brach er mit 15 die High School ab, um Musiker zu werden. Er ging nach Los Angeles und jobbte unter anderem als Komparse bei Horror-Filmen, in denen er oft das Opfer spielte. Mit der TV-Serie 21 Jump Street kam sein Durchbruch als Schauspieler. In Interviews kritisierte er später, nur als Teenie-Idol vermarktet worden zu sein. Er sei zur Ware degradiert worden. 1990 spielte Depp seine erste Filmrolle in dem Musical Cry Baby. Im selben Jahr drehte er mit Edward mit den Scherenhänden seinen ersten Film mit Tim Burton, mit dem er seitdem immer wieder zusammenarbeitet.

In der Hunter-S.-Thompson-Verfilmung Fear and Loathing in Las Vegas spielte Depp 1998 Thompson. Mit dem selbsternannten Gonzo-Journalisten freundete er sich danach auch an. Nach Thompsons Selbstmord 2005 finanzierte Depp mit anderen Freunden des Autors das Projekt Gonzo-Fist, eine Kanone in Form der von Thompson entworfenen Gonzo-Faust, mit der die Asche des Toten in den Wüstenhimmel geschossen wurde. Depp durfte auf den Auslöser drücken. jap

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

15:53 18.11.2011
Geschrieben von

Decca Aitkenhead | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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