Dornmöschen

Clit-Lit Es begann mit einzelnen Blogs. Mittlerweile ist in Großbritannien eine eigene Szene von Frauen entstanden, die offen über Sex schreiben

Egal, was Sie schon immer über Sex wissen wollten: Sie werden es schnell herausfinden. Was damit zu tun hat, dass immer mehr Leute über Sex schreiben.

Anfang März kamen Blogger, Lyriker, Verleger, Memoiren- und Kurzgeschichtenautoren, weibliche wie männliche, nach Bristol, um über kreative Energie, Zensur, Google-Platzierungen und Pseudonyme zu reden. Und über andere, originellere Ausdrücke für Penetration. Über allem stand das Thema Sex. Die „Eroticon“ war die erste britische Konferenz für Sexautoren.

Besonders in der digitalen Welt erlebt „clit-lit“ – schlüpfrige Literatur für Frauen – gerade ein Hoch. Beim britischen Verlag Mills and Boon haben sich 2010 die Downloadzahlen dafür nach eigenen Angaben verdoppelt. Viele Mainstreamverlage haben bereits seit einigen Jahren eine Erotiksparte. Doch begonnen hat der Aufschwung mit Blogs, etwa das der Londonerin Belle de Jour oder das Blog Girl with a One-Track Mind. Dass dieses dann als Buch herauskam, schien eine verlegerische Lust auf Sexbeichten zu wecken – was wiederum eine Flut von meist von Frauen geschriebenen Sexblogs erzeugte. Inzwischen locken beinahe alle britischen Printmedien mit einer Art Singlefrauenkolumne, in der die Schreiberin ihr Liebesleben ausplaudert.

Woher kommt diese Lust am Offenbaren? Hat sich die Libido der Frauen auf mysteriöse Weise plötzlich gesteigert? Oder ist es gerade einfach nur cool? Es ist zwar einige Jahre her, dass Lady Chatterley mit Entrüstung begegnet wurde. Aber noch vor zehn Jahren ließen die ausführlichen Beschreibungen von Gruppensexszenen in Das sexuelle Leben der Catherine M. viele Leser peinlich berührt zurück.

Schreiben als Befreiung

Auf der Konferenz in Bristol sprach unter anderem Zoe Margolis, die Bloggerin hinter Girl with a One-Track Mind. Sie sagte: „Es geht nicht um Enthüllungen, sondern darum, sich auszudrücken. Das Schreiben hilft einem mitzuteilen, was man denkt.“ Und das Format des Blogs, das einem selbst gehöre, in das niemand eingreifen könne, sei dafür das richtige. „Die Leute haben erkannt, dass es befreiend seien kann, seine Ansichten und Erfahrungen zu äußern.“

Sexblogs sind aber nicht unbedingt auch Sexbeichten. Oft geht es um erotische Prosa oder auch um Aufarbeitung. Etwa bei Jill Boyd. Sie ist 21 und nach eigenen Angaben noch Jungfrau. Auf ihrem Blog hält sie ihre sexuelle Entwicklung fest. „Mit dem Blog anzufangen, war meine Art, die Welt des Sex zu verstehen“, sagt sie. „Irgendwann zum Beispiel stand ich auf Pornos und masturbierte gern. Ich schrieb über meine Gefühle, um sie zu verstehen.“ Ein fiktiver Text von ihr wurde nun in einer Erotik-Anthologie veröffentlicht.

Oder die Bloggerin The Exotic Lady: Sie veröffentlicht Kurzgeschichten. „Ich habe drei verschiedene Blogs. Aber das Blog mit erotischer Fiktion macht mir am meisten Spaß, weil es am interaktivsten ist. Die Leute haben eher eine Meinung dazu, ich kriege viel mehr Kommentare und Feedback.“

Es gehe auch darum, Tabus aus der Welt zu räumen, darin waren sich auf der Eroticon alle einig. Warum schreiben dann aber so wenige Sexautoren unter ihren wirklichen Namen? Ich selbst zum Beispiel wollte mein erstes Buch Sugar Daddy Diaries, in dem es um meine Vorliebe für ältere Männer geht, eigentlich zunächst auch unter einem Pseudonym veröffentlichen. Als es aber soweit war, fühlte ich mich selbstbewusst genug, um stolz meinen richtigen Namen zu nennen. Ich wollte aufgrund meiner Arbeit bewertet werden, nicht aufgrund meines Themas.

Schnell in der Schmuddelecke

Für andere ist das nicht so einfach. Für eine Gastautorin bei sacredpleasures.co.uk, die sich dort Vina Green nennt, etwa. „Ich arbeite im Verkauf, öffentlich muss mein Image blütenrein sein“, sagt sie. „Ich habe kein Problem damit, über die persönlichen Vorlieben meiner Klienten Bescheid zu wissen, sie bevorzugen aber vielleicht eher eine ‚konservative Beziehung‘ zu mir. Wüssten sie, dass ich über mein Sexleben schreibe, könnten sie das als bedrohlich empfinden. Auch für das Image meiner Firma könnte ich dann als schädlich gelten.“

Blogger Faerie bezeichnet sich selbst als Sexpionier unter den Männern. Unter seinem Pseudonym führt er ein BDSM-Blog. „Ich gehe offen mit allem um, was ich tue – es sei denn, es betrifft Familien- oder Bankangelegenheiten“, sagt er.

Monique Roffey erzählt auf With the Kisses of his Mouth, wie sie versucht hat, durch sexuelle Eroberungen ihr gebrochenes Herz zu heilen. Sie hatte sich bereits zuvor als Romanautorin etabliert. Es sei wichtig für sie gewesen, sich selbst zum Gegenstand ihres Schreibens zu machen, sagt sie: „Es ist an der Zeit, dass Frauen, die über Sex schreiben, Farbe bekennen und sagen: ‚Ich stehe mit meinem Namen dazu.‘ Es ist wichtig, der Öffentlichkeit zu sagen: ‚Ich schäme mich nicht. Es ist alles wahr. Das bin alles ich.‘ Das zerstört das Tabu.“

In Frankreich ist es nicht ungewöhnlich, dass preisgekrönte Autoren auch mal ein Buch über Sex schreiben, das dann ernst genommen und auch ernst besprochen wird. In Großbritannien hingegen gerät man immer noch schnell in die Schmuddel­ecke, wenn man in den Ruch gerät, an Erotika oder Sexbeichten zu arbeiten.

Öffentlich über Sex reden

Bloggerin Zoe Margolis hat das selbst erfahren, als ihre Identität von einer großen Sonntagszeitung enthüllt wurde. „Ich hatte mich für ein Pseudonym entschieden, weil ich fürchtete, verurteilt zu werden“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, anonym offener zu sein, fühlte mich ungehemmter. Das vermisse ich. Auf der anderen Seite kann ich nun auch öffentlich über unsere Einstellung zu Sex reden.“ Sie hoffe, dadurch etwas zu verändern. „Ich habe über die Jahre von tausenden Frauen gehört, dass sie sich in meinem Schreiben wiedererkannt haben, dass sie sich schon mal genauso gefühlt haben.“ Woraus sie folgert: „Ich bin überhaupt nicht außergewöhnlich.“ Es sei schön zu sehen, das nun so viele Frauen über Sex schreiben. „Noch vor acht Jahren hätte eine Veranstaltung wie die Eroticon so nicht stattfinden können.“

Helen Croydon schreibt für den Guardian und ist Autorin von zwei Büchern über Sex

Übersetzung: Zilla Hofmann

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11:28 17.04.2012
Geschrieben von

Helen Croydon | The Guardian

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