Dreh durch, junger Mann

Andere Anstalt Sind Schizophrene krank? Nein, sagte vor fast 50 Jahren Ronald D. Laing, der Begründer der Anti-Psychiatrie und eröffnete eine WG. Ehemalige Mitbewohner erinnern sich

Wir wollen die Art und Weise verändern, auf die man geistige Gesundheit und geistige Erkrankungen betrachtet. Es ist die Idee, das ganze Modell zu ändern.“

Zwischen 1965 und 1970, als weltweit radikale Ideen und Hippie-Ideale auflebten, wurde ein ehemaliges Gemeindezentrum im Londoner East End zur Kulisse für das radikalste Experiment des britischen Psychiaters und Mitbegründers der Antipsychiatrie, Ronald D. Laing. Ein Asyl im Sinne des griechischen Wortes: eine Zuflucht für Psychotiker und Schizophrene, deren Türen nicht verriegelt waren und in der keine Medikamente verabreicht wurden. In Kingsley Hall konnten die Leute kommen und gehen, wie es ihnen gefiel. Es gab nächtelange Therapie-Sitzungen, Rollentausch, endlose Abendessen, auf die Mystiker, Akademiker und Prominente eingeladen wurden wie Sean Connery, ein Freund Laings. Man wurde zum Spiel angehalten und zur Regression ins Kindesalter. Laing glaubte, dass aller sogenannte Wahnsinn in der traditionellen Familienstruktur wurzelt.

Die erste und berühmteste Bewohnerin war Mary Barnes. Sie regredierte zum Säugling, beschmierte die Wände mit Kot, schrie und ließ sich mit dem Fläschchen füttern. Später wurde sie zu einer angesehenen Künstlerin, Dichterin und 1979 zum Gegenstand eines Stücks von David Edgar. Mehrere Patienten und Mitarbeiter bekamen hochdosiertes LSD verabreicht, das zur Eröffnung noch legal war. Mindestens einmal wurde Kingsley Hall von der Drogenfahndung durchsucht. Mindestens zwei Bewohner sprangen vom Dach des Hauses.

„Der Ort war ein Ausdruck seiner Zeit“, sagt der Fotograf Dominic Harris, der ehemalige Kollegen und Patienten aus den Experimenten Laings getroffen hat. „Das Haus zog unorthodoxe Ärzte, Hippies und Leute, die vor dem Militärdienst davonliefen genauso an wie ernsthaft psychisch Kranke. Die Leute durften sich ausleben. Kingsley Hall wird von der Schulmedizin bis heute als ein gefährliches Experiment betrachtet, aber damals war es Teil eines gesellschaftlichen Aufbruchs. Begriffe wie Autorität, Familie, Sexualität und Krankheit wurden allesamt infrage gestellt.“

Harris hat einige der angeblich 130 Leute getroffen, die zwischen 1965 und 1970 in Kingsley Hall wohnten. Ihre Erinnerungen sind widersprüchlich, lebendig und bewegend. Sie sind Überlebende eines radikalen – manche würden sagen: unverantwortlichen – Augenblicks, in dem alles bereit für eine neue Art der Betrachtung schien.

James Greene

Der Neffe des Schriftstellers Graham Greene war ursprünglich nur ein Patient Laings. Er begann eine Ausbildung zum Psychoanalytiker und leitete Kingsley Hall inoffiziell. Später wurde er Übersetzer für russische Lyrik und Schauspieler. Er war von 1966 bis 1969 in der WG

"Ronnie hat mir dabei geholfen, Therapeut zu werden. Es war völlig unorthodox, aber er hielt nichts von einer formalen Ausbildung für Therapeuten. Wenn er dich für geeignet hielt, dann warst du auch geeignet – sch*** auf die Ausbildung. Er hielt nichts von den Bezeichnungen Patient – Betreuer, es gab da für ihn keine Grenze.

Das Beste, was man über Laing sagen kann, ist, dass er eine Art von Schamane war. Wenn er dabei geblieben wäre, ok. Aber er arbeitete auch noch als Analytiker. Diese beiden Rollen kann man nicht miteinander verbinden. Er war voller Widersprüche, und die Leute, die mit ihm zu tun hatten, hatten darunter zu leiden.

Ein Patient war in einer Nervenheilanstalt gewesen: Ich glaube, es war John Woods. Die orthodoxe Psychiatrie hatte ihm eine paranoide Schizophrenie attestiert.

Er schwärmte für eine junge Frau, und weil er sich selbst nicht in der Lage sah, ihr Briefe zu schreiben, diktierte er sie mir. Als klar wurde, dass sie kein Interesse an ihm hatte, unterstellte er mir, ich würde sie daran hindern, ihn zu besuchen. Er hielt mich für einen Schwarzen Magier und dachte, ich würde diese Frau kontrollieren.

Mit der Zeit wurde das Leben in Kingsley Hall dann ziemlich beängstigend für mich. Es gab dort eine Kapelle mit einem riesigen Kreuz, und eines frühen Morgens kam Woods damit in mein Zimmer gestürmt. Ich dachte zuerst, er wolle mich mit dem Kreuz angreifen, aber tatsächlich wollte er mich exorzieren.
Schließlich tat ich etwas, das der gesamten Weltanschauung dieses Ortes zuwiderlief: Ich ver-suchte, den Mann in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen."

Dorothee (Dodo) von Grieff

Nachdem sie in Deutschland die Kunsthochschule abgeschlossen hatte, kam Dorothee von Grieff nach London, um „zu finden“. Sie zog für ein Jahr um „der Erfahrung willen“ in Kingsley Hall ein. Später beschäftigte sie sich mit Buddhismus. Sie lebt heute im Norden Londons

"In Deutschland war ich immer auf der Suche, aber ich konnte nichts finden. Die Kontrolle dort war so groß. Ich begehrte auf, ohne es zu wollen. Ich wollte einfach nur leben und ich selbst sein. Und es war eine unglaubliche Befreiung, dass es passierte, auf eine Art, so dramatisch, es kam überraschend.

Die Freiheit in England und dann in Kingsley Hall war unglaublich. Deutschland war so rückständig: Es gab da keine Psychologie oder Therapie für alle, das war etwas für Verrückte.
In Kingsley Hall standen die Türen offen, und es gab keine Medikamente. Die ganze Idee war durch und durch revolutionär und unglaublich. Das waren die Sechziger, die große Revolution, und für mich bestand die Fähigkeit Ronnie Laings darin, einem den Spiegel vorzuhalten. Er war ein Schamane. Er hatte ein unglaubliches Talent, einfach nur zu-zuhören, gegenwärtig zu sein, sich auf die Welt und Erfahrung des anderen einzustimmen – mir war so etwas noch nie begegnet.

Eine Erinnerung: Mary Barnes hatte oben ein Zimmer und ein Bad. Wenn sie im Bad war, hörte es sich an wie ein Wal. Sie hatte so viel Spaß und machte diese unglaublichen Geräusche, und das Badewasser kam die Treppe herunter.

Es wurde immer ein besonderer Tag, wenn sie ein Bad nahm.
Zunächst war ich Betreuerin: Ich kochte und half Jutta Laing. Aber nach einem Jahr begann ich, Stimmen zu hören. Und dann kam Schwarze Magie ins Haus, diese dunkle Energie. Es passierte einfach, ohne dass darüber geredet wurde. Es war, als würde ein Nilpferd durch das Haus trampeln. Es war so gespenstisch, ich kann es gar nicht beschreiben.

Als Ronnie und Jutta sich trennten – was für die ganze Gruppe eine sehr, sehr dramatische Zeit war – und Ronnie seinen Zusammenbruch hatte, fiel alles auseinander, auch wenn es noch weiter Treffen gab."

Francis Gillet

Bei Gillet war eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden, bevor er 1966 in Kingsley Hall einzog. Er bekam dort keine Medikamente mehr und blieb vier Jahre. Später lebte er in anderen Gemeinschaftseinrichtungen, heute in einem betreuten Wohnprojekt in Oxford

"Ich war ein notorischer Überdosierer. Wenn Sie mir eine Packung Tabletten hinhielten, dann schluckte ich sie alle auf einmal. Zum Teil lag es daran, dass ich zu jung war. Ich hatte noch zu viel Leben zu leben, und das war schwer. Man hielt es damals für besser, sich mit einem Schizophrenen überhaupt nicht zu unterhalten, weil eh nichts Ver-nünftiges aus solchen Leuten herauskam. Laing dagegen sagte „Dreh’ durch, junger Mann“, und ich nahm ihn beim Wort. Ich drehte durch, so sehr ich nur konnte.

Es gab wirklich verrückte Leute in Kingsley. Aber ich glaube keiner von denen wurde jemals auf dem Dach gesehen. Ja, einmal bin ich gesprungen. Ich landete in einem Hof mit Waschmaschinen und Staubsaugern und anderem Zeug, das die Leute über die Mauer geschmissen hatten. Ich hab mich dabei an der Wirbelsäule verletzt. Das bereitet mir bis heute Schwierigkeiten. Laing hatte immer Acid im Kühlschrank – reinen Stoff, aus irgendeinem Sandoz-Labor. Er ließ alle daran teilhaben. Er hielt es für eine Art geistiges Abführmittel. Er glaubte, es könne böse Geister vertreiben.

Es gab dann das Halluzinogen Dimethyltryptamin. Ich habe es einmal probiert, es hat mein Leben für immer verändert. Kaum hatten sie es uns injiziert, brachen wir zusammen, konnten nicht mehr aufstehen. Ich hatte eine Vision: Ich war ein toter Jude und wurde mit einer Planierraupe in Auschwitz in ein Massengrab geschoben. Es war das Ende des Lebens, das Ende der Existenz. Ich fühlte mich an diesem Punkt ziemlich tot.

Ich traf auch Sean Connery, auf dem Gipfel seiner Bond-Karriere. Er kam mit Laing zu einer Party. Sie fingen an, miteinander zu ringen, während wir herumstanden und tranken. Sie machten immer weiter. Sie wollten wissen, wer der Stärkere ist – James Bond oder Ronald D. Laing."

Sean O’Hagan ist Feature-Autor des Guardian

 

Porträt-Texte: Dominic Harris

Übersetzung: Holger Hutt
10:52 17.09.2012
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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