Du bist so heiß wie ein Vulkan

Hitzewelle Die nördliche Hemisphäre verzeichnet einen Backofen-Sommer – und das liegt nicht allein am Klimawandel. Aber woran dann?
Du bist so heiß wie ein Vulkan
Good Boy, H.O.O.T City

Foto: Chris Jackson/Getty Images

In diesem Sommer haben die schwedischen Behörden jede erdenkliche Maßnahme ergriffen, um die Waldbrände einzudämmen, die sich im ganzen Land ausgebreiteten. Nach Monaten ohne Regen – gefolgt von wochenlanger großer Hitze – haben sich die Wälder des Landes in regelrechte Pulverfässer verwandelt.

Die Konsequenzen sind unausweichlich. In nur einer Woche wurden in ganz Schweden über 50 Großbrände verzeichnet – ein Dutzend von ihnen innerhalb des nördlichen Polarkreises. Das Land, das eher für Kälte und Schnee bekannt ist, kommt nicht mit den Großbränden zurande und musste gar um internationale Hilfe ersuchen – eine Bitte, der bereits von Norwegen und Italien entsprochen wurde, die beide Luftflotten zur Brandbekämpfung schickten.

Doch Schweden steht mit seinen Problemen alles andere als alleine da. In weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre haben extreme Hitzewellen für Verwüstungen gesorgt. Nordamerika, die Arktis und Nordeuropa schmoren in rekordverdächtigen Temperaturen. Eine Wetterstation im algerischen Ouargla in der Sahara verzeichnete mit 51,3 Grad Celsius die höchste je verlässlich gemessene Temperatur in Afrika. In Japan, wo die Temperaturen auf über 40 Grad Celsius anstiegen, mussten die Menschen im Juli Vorsichtsmaßnahmen treffen, da bereits 30 Personen an den Folgen der Hitze gestorben waren und Tausende im Krankenhaus behandelt werden mussten. In Kalifornien hat der erhöhte Betrieb von Klimaanlagen bereits zu Engpässen in der Energieversorgung geführt.

So etwas hat es noch nie gegeben

Am außergewöhnlichsten wirkt sich dieser extreme Hitze aber vielleicht in Kanada aus. In Toronto stiegen die Temperaturen in diesem Jahr bereits an 18 Tagen über 30 Grad – im vergangenen Sommer waren es gerade einmal neun. Auch hier sind Dutzende an den Folgen der Hitze ums Leben gekommen. Das Leichenschauhaus von Montreal ist aufgrund der vielen Hitzetoten überfüllt, sodass viele Leichen andernorts in der Stadt aufbewahrt werden müssen. Montreals Leichenbeschauer, Jean Brochu, erklärte, so etwas habe es in dieser Art noch nie gegeben.

Auch in Großbritannien hat die Hitze – die das Dach von Glasgows Science Centre zum Schmelzen brachte und den Rasen der historischen Häuser des Landes verdorren ließ – viele Schlagzeilen produziert. Verglichen mit anderen Regionen der Welt sind die Briten bislang aber noch relativ glimpflich davongekommen.

Warum aber sind weite Regionen der Erde von so großer Hitze betroffen? Was ist die Ursache für Waldbrände, extreme Temperaturen und schmelzende Dächer? Diese Fragen sind aufgrund der Komplexität des Wettersystems schwer zu beantworten. Die meisten Wissenschaftler verweisen auf eine Reihe von Faktoren – von denen die Erderwärmung der offensichtlichste Kandidat ist. Andere warnen jedoch davor, deren Rolle in der gegenwärtigen Hitzewelle zu überschätzen.

Schuld ist nicht nur der Klimawandel

„Ja, es ist schwer, das, was gegenwärtig rund um den Globus vor sich geht, nicht mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen“, sagt Dann Mitchell von der Universität Bristol: „In den vergangenen Wochen wurden ein paar bemerkenswerte Extreme gemessen, wir sollten indes vorsichtig sein, den Einfluss des Klimawandels zu überschätzen, denn hier sind eindeutig auch andere Einflüsse am Werk.“

Einer dieser Faktoren ist der Jetstream – ein Bündel starker Winde, ungefähr fünf bis sieben Meilen über der Erdoberfläche, die von Westen nach Osten wehen und das Wetter rund um die Erde steuern. Manchmal, wenn sie besonders intensiv sind, bringen sie Stürme. Bei anderer Gelegenheit, wenn sie schwach sind, bringen sie sehr ruhige und ausgeglichene Tage. Das ist gegenwärtig der Fall. „Der Jetstream, mit dem wir es gegenwärtig zu tun haben, ist extrem schwach, und infolge dessen bleiben Hochdruckgebiete lange am selben Ort“, so Mitchell.

Andere Faktoren, die in die meteorologischen Bedingungen involviert sind, die der nördlichen Hemisphäre eine solche Hitze bescherten, schließen auch grundlegende Veränderungen der Temperaturen der Wasseroberfläche im Nordatlantik mit ein. „Diese sind Teil eines Phänomens, das als Atlantische Multidekaden-Oszillation bekannt ist”, sagt Professor Adam Scaife vom Met Office.

„Die Situation gleicht in der Tat stark der im Sommer 1976, in dem wir ähnliche Meerestemperaturen im Atlantik verzeichnet haben und der Jetstream große Hochdruckgebiete für lange Zeit unverändert ließ“, so Scaife. „Natürlich hatten wir in Großbritannien in jenem Jahr einen der trockensten, sonnenreichsten und wärmsten Sommer im 20. Jahrhundert.“

„Das sollte uns große Sorgen bereiten“

Es gebe jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen 1976 und heute, fügt Professor Tim Osborn, Leiter der Forschungsabteilung am Climatic Research Unit der Universität von East Anglia hinzu. „Heute wirken diese Effekte von ganz anderen Ausgangswerten aus. Seit 1976 hatten wir mehrere Jahrzehnte der Erderwärmung – verursacht durch steigende CO2-Emissionen – die die Ausgangstemperaturen entscheidend erhöht haben.“ Das hat zur Folge, dass jedes Phänomen, wie etwa der schwächere Jetstream, einen ausgeprägteren Effekt hat als vor 40 Jahren.

Da die CO2-Emissionen weiter steigen und die Vorhersagen nahelegen, dass die Menschheit nicht in der Lage sein wird, den Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten, werden die Hitzewellen in Zukunft wahrscheinlich noch extremer werden und häufiger auftreten, so die eindrückliche Warnung der Wissenschaftler.

Das Problem mit den Hitzewellen ist auch nicht allein aufs Land beschränkt. „Wir haben auch eine Hitzewelle im Meer – auf dem ganzen Globus“, sagt Michael Burrows vom Scottish Marine Institute, Oban. „Es gab zum Beispiel im vergangenen Jahr eine große Meereshitzewelle vor der Küste von Australien, die weite Teile des Great Barrier Reef vernichtet hat. Hitzewellen im Meer werden genauso häufiger und intensiver wie diejenigen an Land – noch etwas, das uns große Sorgen bereiten sollte.“

Übersetzung: Holger Hutt
14:48 26.07.2018
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 6972
The Guardian

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 24