Du wirst nie alleine sein?

Coming-Out Anton Hysén ist derzeit der einzige offen schwule Profi-Fußballer ­weltweit. Eine Begegnung mit dem Schweden – und gegnerischen Fans

Anton Hysén sieht aus wie ein moderner Fußballspieler. Der 20-jährige Schwede hat sich seine Initialen und die seiner Eltern hinter die Ohren tätowieren lassen. Auf einem Arm prangt: UNWA, die Abkürzung für die Vereins­hymn­e des FC aus seiner Geburtsstadt Liverpool: You’ll never walk alone – „Ihr werdet nie alleine sein“. Hysén steht momentan allerdings ziemlich allein da. Im März outete sich der Mittelfeldspieler als Schwedens erster schwuler Fußballer. Damit war er weltweit erst der zweite bekannte Fußballer, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Justin Fashanu, der es 1990 als erster tat, musste erleben, wie die Fußballwelt und selbst sein Bruder sich abwandten. Jahre später erhängte er sich.

Es mutet bizarr an, dass es im Weltfußball, abgesehen von Hysén, keine bekennenden Schwulen gibt. Auch wenn der, wie er betont, zurzeit in der vierten schwedischen Liga spielt und zur Aufstockung seines Einkommens im nahe gelegenen Volvo-Werk arbeitet, ist sein offener Umgang mit seiner Sexualität ein großes Thema: Immerhin spielte er bis zu einer Verletzung in der ersten schwedischen Liga und will dort auch wieder hin. Zudem ist seine Familie eine schwedische Fußballdynastie: Der ältere Bruder Tobias ist schwedischer Nationalspieler, genau wie Vater Glenn, einst Liverpool-Verteidiger, einer war.

Alles begann im März 2007 auf dem Stockholmer Gay Pride: Dort trat überraschend Hyséns Vater auf. Das erregte Aufsehen, weil er verdächtigt wurde, homophob zu sein, nachdem er sechs Jahre zuvor gegen einen Mann handgreiflich geworden war, der ihn auf einer Toilette des Frankfurter Flughafens begrapscht hatte. Nun aber berichtete dieser legendäre Macho mit Empathie von einem „16-Jährigen, der sich nicht outet, weil er die Reaktionen seiner Mitspieler fürchtet.“ Was damals niemand wusste: Er sprach von seinem Sohn.

In einem Interview erwähnte sein Vater später die Sexualität seines Sohnes. Der Journalist erkundigte sich dann bei Anton, ob er sich auch äußern wolle. Der wollte – und sagte: „Schon komisch, oder? Da läuft doch gewaltig was schief! Wo zum Teufel sind die anderen? Keiner outet sich.“

Vielleicht liegt das ja am Weltfußball. Der britische PR-Berater Max Clifford sagt, er habe 2009 zwei schwulen Spielern geraten, sich bedeckt zu halten, weil der Fußball noch „im tiefsten Mittelalter und in der Homophobie“ stecke. Tatsächlich findet man schwulenfeindliche und höchst unbedachte Äußerungen von Vertretern vieler Verbände, auch des deutschen. In einem Tatort sagte eine Figur kürzlich: „Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschließlich Trainerstab.“ Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Nationalmannschaft, reagierte laut Bild, indem er diese Anspielung als „einen Angriff auf meine Familie, die Familie der Nationalmannschaft“ bezeichnete.

Schmerzsalbe und Hardrock

Und was die Fans betrifft: Noch heute rufen Anhänger von Ipswich bei Spielen gegen Norwich, wo Justin Fashanu seine Karriere begonnen hatte: „He’s gay, he’s dead, he’s hanging in a shed, Fashanu.“ Anton Hyséns Mutter Helena erinnert sich noch, wie Fashanus Outing die britische Fußballszene in Aufruhr versetzte. „Ich habe noch das Bild vor Augen, wie er nur in Jeans unter einer Eiche im Gras lag und der Welt mitteilte, dass er schwul war. Jeder dachte: ‚Verdammt, was macht der da?’“ Sie hoffe, es sei heute anders, sagt sie. Auch wenn, wie sie es ausdrückt, „die englischen Männer konservativer sind als schwedische“.

Zwei Stunden vor dem regionalen Cupfinale fahre ich mit Hysén junior und senior zum Stadion. Anton Hysén ist Mittelfeldspieler bei Utsiktens, und er hat zwei Trainer. Einer ist sein Vater, der ohnehin hinter ihm stehe, und der andere habe ihm gesagt: „Ich unterstütze dich zu hundert Prozent. Wenn jemand was sagt, schmeißen wir ihn raus. Mach’ einfach dein Ding.“ Er verstehe zwar, sagt Hysén, wenn schwule Fußballer fürchteten, diskriminiert zu werden – der Fall Fashanu zeigte, dass das berechtigt sein kann: Seine Mitspieler und sein Trainer wandten sich von ihm ab. Aber unter seinen Mitspielern seien ihm gegenüber „alle positiv“ eingestellt, sagt er. Es ist ein junges Team, und „was ist schon dran an einem Schwulenwitz?“, sagt Hysén. „Ich mache auch welche.“

Aus der Umkleide dringt Musik von Guns N’ Roses. „Wir sind ein internationales Team,“ sagt der serbisch-schwedische Stürmer Sonny Karlsson und verweist auf Spieler aus Bosnien, Deutschland und Albanien. „Und wir haben eine Schwuchtel, wie ist es damit?“, fügt Hysén hinzu. Rechtsaußen Niklas Tidstrand steht öffentlich zu ihm. „Wir sind ein gutes Team mit festem Zusammenhalt – vielleicht liegt es auch daran, dass Anton sich geoutet hat“, sagt er.

Hysén hofft, die Unterstützung, die sein berühmter Bruder Tobias ihm entgegenbringt, könne vielleicht auch andere zu einem Outing bewegen. Auch die „sollten wissen, dass sie sich an ihn wenden können“. Er würde es ohnehin begrüßen, sagt Anton Hysén, wenn Profispieler für schwule Kollegen einträten. „Als echter Mann würde ein Erstligaspieler anderen sagen: ‚Wenn du ein Problem hast, ruf mich an.‘ Das muss doch möglich sein.“

Fühlt er sich als einziger offiziell schwuler Fußballer unter Druck, ein Vorbild sein zu müssen? „Überhaupt nicht“, antwortet er. „Da gibt’s nichts, wofür man Vorbild sein müsste – schwul sein ist keine große Sache. Aber wenn ich anderen helfen kann, tue ich was ich kann. Wenn jemand Angst hat, sich zu outen, soll er mich anrufen.“

Er gibt allerdings zu, dass die Tatsache, dass die Zahl der Utsiktens-Anhänger eher in drei- als vierstelliger Höhe liegt, das Outing für ihn einfacher gemacht habe. In der Halbzeitpause wird Hysén von Fans umringt. Und ja, ein paar Witze gibt es, sagt einer der jüngeren: Die anderen Spieler sollten in der Dusche nicht die Seife fallen lassen, das Übliche halt. Ein älterer Fan dagegen sagt begeistert: „Er hat unserer Mannschaft wirklich Aufmerksamkeit verschafft. Jetzt weiß jeder, was Utsiktens ist – Anton Hysén nämlich“. Und eine junge Frau sagt: „Die Medien machen sich mehr draus als wir. Viele Leute halten es für seine Privatsache. Sie denken jetzt nicht anders über ihn. Ihnen gefällt, wie er spielt“, sagt sie und lächelt. „Es interessiert sie einfach nicht, von welchem Ufer er ist.“

Begegnung mit den Fans

Hysén selbst sagt: Im relativ liberalen Schweden sei es vielleicht einfacher als anderswo, sich zu outen: „Hier sind die Leute ein bisschen toleranter, aber ich verstehe es, wenn Menschen anderer Religion oder Kultur das nicht respektieren. Man kann nicht jeden lieben.“ Doch auch in Schweden ist nicht alles rosig. Hyséns Mutter sorgt sich, was geschieht, sollte ihr Sohn einmal in einer höheren Liga spielen: „Drei oder vier Vereine haben wirklich schlimme Fans. Ich glaube nicht, dass Anton sich davon einschüchtern lassen würde. Er wird immer willensstärker. Aber als Mutter habe ich natürlich Angst um ihn“, sagt sie. „Und inzwischen erkennt ihn jeder, wenn er abends in einen Club geht. Ich habe Angst, dass er mal zusammengeschlagen wird.“

Einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, erlebt Hysén an diesem Tag auf dem Platz: Das Endspiel ist das größte Match, das er seit seinem Coming-out gespielt hat. Kurz vor Schluss wird ein Mannschaftskollege vom Platz gestellt. Und der steht hinterher fluchend an der Seitenlinie und erzählt, die gegnerischen Fans hätten geschrien: „Sicher, dass du mit Anton einfach nur befreundet bist?“ Zum ersten Mal wird auch Hysén selbst beschimpft: „Scheiß-Schwuchtel und so was“, hätten die gegnerischen Fans gerufen, sagt er. Zunächst habe ihn das wütend gemacht, dann aber habe er auch gehört, wie andere Fans die Rüpel zurechtgewiesen hätten. Und er habe schließlich darüber gelacht: „Ich sehe das so“, sagt er: „Ich habe den Ball – du nicht. Ich bin auf dem Platz – du nicht. Und mir ist vollkommen egal, ob dir das passt.“

Patrick Barkham ist Reporter des Guardian

Übersetzung des gekürzten Texts: Zilla Hofman
11:00 09.04.2011
Geschrieben von

Patrick Barkham | The Guardian

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