Dunkle Wolken

Cloud-Computing Zeitgemäßes Cloud-Computing entpuppt sich als anfällig für kommerzielle Interessen der Cloud-Betreiber. Abhilfe könnte ein alter Bekannter schaffen: privates Filesharing

Bis vor einer guten Woche hätte jeder Computer-Futurologe wohl gesagt, dass Cloud Computing das große Ding ist. Man müsse ja nicht wissen, wo die Daten gelagert werden; sie liegen einfach auf einem Computer – oder eher auf mehreren Computern, irgendwo da draußen im Internet. Folglich bei z.B. Amazon, mit seinem EC2-(„Elastic Cloud Compute“)-Dienst, bei Microsofts Azure oder – damit werden wohl die meisten vertraut sein – bei Google Mail oder Google Docs, die von tausenden von Firmen auf der ganzen Welt verwendet werden. Der Guardian zum Beispiel verwendet Google Docs und Mail und Amazons EC2 für seine Programmierschnittstelle.

In der Tat erklärte das renommierte Pew Reasearch Centre im Juni, die „solide Mehrheit der Experten und Akteure auf dem Gebiet der Technologie, die an der vierten Umfrage zur Zukunft des Internets teilgenommen haben, erwarten, dass die meisten Menschen bis 2020 Zugang zu Online-Softwareapplikationen haben und über Remote-Server-Netzwerke auf Informationen zugreifen und diese teilen werden, anstatt primär auf Tools und Informationen angewiesen zu sein, die auf ihrem persönlichen Computer untergebracht sind.“ Außerdem, so die Studie weiter, gehe man davon aus, dass „die meisten Nutzer die meisten Computerarbeiten und Kommunikation durch die Verbindung zu Servern abwickeln werden, die von Firmen von außerhalb betrieben werden“.

Genau das tun wir bereits in großem Umfang: Googles Suchindex ist in der Cloud zuhause – lastminute.com und TripAdvisor, sie alle sind „Cloud“-Dienste. Was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist, dass es Einzelpersonen und Firmen möglich wurde, ihren eigenen Content auf diese Computer hochzuladen – daher auch die explosionsartige Ausdehnung von Facebook, Flickr, YouTube und Twitter, die alle keinen eigenen Content produzieren. Er lagert in der Cloud, und dort bietet eine Organisation die Server und eine andere die Software an, welche die Verbindung zum Content herstellt.

Vergangene Woche jedoch standen die Prämissen des Cloud Computing plötzlich in einem sehr schwachen Licht da. Am Mittwoch ließ Amazon die Inhalte von WikiLeaks, die auf seinem EC2-Dienst lagerten, fallen. In einer äußerst grisgrämigen Stellungnahme erklärte Amazon, nicht die DDOS-Angriffe der Hacker hätten sie zu dem Schritt bewegt („die haben wir erfolgreich abgewehrt“), sondern der Umstand, dass Wikileaks seinen Geschäftsbedingungen „nicht folge“.

Geschäftsbedingungen? Seit wann hat Amazon Zeit, zu entscheiden, ob jedes einzelne Unternehmen, dessen Inhalte es anbietet, seinen Geschäftsbedingungen folgt? Und weshalb war es in Ordnung, dass Amazon EC2 als Zentralcomputer für die Irak- und Afghanistantagebücher von Wikileaks diente, nicht aber im Fall der Depeschen?

Seither hat jedes Domain Name System (DNS), das einen Computer direkt auf die Seite von Wikileaks weiterleitete, wenn man „wikileaks.org“ in den Browser eingab, die Enthüllungsplattform mit Verweis auf die DDOS-Angriffe ebenfalls fallenlassen. Und das, obwohl sie damit keine Probleme hatten, solange Wikileaks noch bei Amazon war. Weitere amerikanische Firmen und eine Schweizer Bank plapperten dies nach.

Ist das Cloud Computing damit am Ende? Hat WikiLeaks gezeigt, dass Cloud Computing am Ende jedem, der die Autoritäten herausfordert, in die Suppe spucken wird?

Tatsache ist: Jeder, dem es gelingt, Regierungen so erfolgreich zu reizen, wie es Julian Assange und das Team von Wikileaks getan haben, lotet die Grenzen der Regierung aus – und damit auch die der kommerziellen Toleranz. Wie das? Versuchen wir es mit einem Gedankenexperiment. Stellen Sie sich zunächst vor, Wikileaks hätte chinesische Depeschen veröffentlicht, die enthüllen, was die Chinesen über den Rest der Welt denken – über Kriege, den Aufkauf von Erzen in anderen Ländern, die Hacker-Angriffe gegen die Suchmaschinen der USA.

Wären sie damit glücklich? Vermutlich. Und nun stellen Sie sich vor, diese Leaks lägen auf Servern, die von Baidu.com kontrolliert werden, der Suchmaschine, die in China einen größeren Marktanteil als Google hat. Immer noch einverstanden? Für Baidu könnte das unbequem sein, denn die chinesische Regierung muss jedem Web-Unternehmen eine Lizenz erteilen. Aber wir würden das Unbehagen der Chinesen genießen, nicht wahr?

Und jetzt stellen Sie sich als nächstes vor, Baidu würde die Leaks entfernen, mit der Begründung, dass sie gegen die Geschäftsbedingungen verstoßen, in denen steht, dass Content, der von der Regierung als gefährlich für den Staat eingestuft wird, verboten ist. Kein Rückgrat, dieses Baidu! Böse Chinesen!

Eines Tages könnte sich das so begeben. Doch unterdessen ist genau das – eben nur mit amerikanischen statt chinesischen Informationen – geschehen. Die Liste der Firmen in amerikanischen Besitz, die Wikileaks diese Woche mieden, ist erstaunlich. Gestern haben sich auch Visa und Mastercard angeschlossen.

Das bedeutet nicht, dass Cloud Computing eine totale Pleite ist; mehr und mehr Firmen werden ihre Daten in die Cloud verlegen – angetrieben von Google und Microsoft (letzteres bereitet sich darauf vor, im nächsten Jahr seine Kunden mit aller Macht in Richtung Cloud zu drängen). Doch es bedeutet, dass es sich von der Politik nicht befreit hat – und dass dies dem Internet wohl nie gelingen wird. Interessant wäre es, wenn die chinesische Regierung sich als nächstes den WikiLeaks-Depeschen als Host anbieten würde – dieser Schritt könnte Assange und seinem Team allerdings zu weit gehen.

Unterdessen werden die Depeschen über Filesharing-Systeme, insbesondere über Bittorrent, weiter zirkulieren. Diese sind das Nonplusultra in Sachen Cloud Computing. Sie bestehen aus einem Ad-hoc-Netzwerk aus PCs einzelner Nutzer, die eine Kopie der Stammdatei haben und jedem, der es möchte, ein kleines Stück weiterreichen, so dass sie nicht abgeschaltet werden können. Das kommerzielle Cloud Computing ist eben das, was sein Name sagt: kommerziell, und deshalb anfällig für politischen und eben kommerziellen Druck. Doch das Filesharing stellt sich als die einzig resistente Form heraus, welche man – wie Guardian-Autor John Naughton betonte – nur aufhalten könne, indem man das Internet abstellt. Und dies scheint momentan weder die amerikanische noch die chinesische Regierung unterstützen zu wollen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:45 08.12.2010
Geschrieben von

Charles Arthur | The Guardian

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