Durch die rosa Brille

Gender Heute geben sich viele junge Mädchen sehr früh sehr weiblich. Bei ihren Müttern war das noch ganz anders. Wo sind denn all die kleinen Tomboys geblieben?

Als ich neun Jahre alt war, kam mir zum ersten Mal der Verdacht, dass ich ein wenig aus der Reihe schlug. Ich erinnere mich noch gut an das Entsetzen, das in den Augen meiner Mutter aufflackerte, als ich sie bei einem Einkauf fragte, ob ich nicht ein paar Jungsunterhosen haben könne.

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Bildergalerie: Wo sind die Tomboys hin?

Was ich falsch gemacht hatte, konnte ich mir nicht wirklich erklären. Meine Lieblingssachen waren schon damals Jeans und T-Shirt, und dank des Kurzhaarschnittes, den mir mein Friseur verpasst hatte, wurde ich oft für einen Jungen gehalten. Ich hatte Cowboy-Outfits, Spielzeugzüge, trug eine Jungenbadehose, und im Alter von sieben Jahren schrieb ich eine Autobiografie, die mit den Worten begann: „Ich werde niemals heiraten.“ Sollte es aber doch so weit kommen, fügte ich hinzu, wollte ich in Hosen vor dem Altar stehen, damit ich in der Lage wäre, mögliche Angreifer, die die Zeremonie stören könnten, „in die Flucht zu schlagen“.

Ich habe keine eigenen Kinder, aber in letzter Zeit fällt mir auf, dass alle kleinen Mädchen, die ich kenne, irgendwie, nun ja, sehr mädchenhaft sind. Wo, frage ich mich, sind all die kleinen Tomboys geblieben? Für Frauen meiner Generation – die jetzt in ihren Dreißigern oder frühen Vierzigern sind – kommt es fast einer Ehrenmedaille gleich, sagen zu können, dass wir als Kinder Tomboys waren.

„Femininer“ - soll heißen: „profitabler“

In den beliebtesten Büchern dieser Zeit – Die fünf Freunde, Betty und ihre Schwestern oder Wer die Nachtigall stört – gab es weibliche Tomboy-Heldinnen. Mädchen wie George von den Fünf Freunden, die rudern konnte „wie ein erwachsener Mann“, Jo, die lieber Soldatin als Schneiderin sein wollte, und Scout, die jedes Mal, wenn sie gezwungen wurde, ein Kleid zu tragen, die „gestärkten Wände einer Baumwoll-Besserungsanstalt“ auf sich zukommen sah.

Auf den Kinoleinwänden scheint es heute das Gebot der Stunde zu sein, die Weiblichkeit von Mädchen zu betonen. Man braucht sich bloß einmal die an die Blyton’sche Vorlage angelehnte Disneyserie Fünf Freunde für alle Fälle anzuschauen, die seit vergangenem Juli auf dem Disney-Kanal gezeigt wird. Jo, die Tochter von George, scheint in figurbetonte Mädchenmodelle von Jungenkleidern gesteckt worden zu sein. Und was ist erst aus Dora, der schlauen Abenteurerin in Shorts geworden, die auf dem Kindersender Nick knifflige Probleme löst? Gerade hat das Unternehmen die Dora-Puppe überarbeitet, um sie „femininer“ (was heißen soll: „profitabler“) zu machen. Statt mit Werkzeugen, einer Karte und einem Rucksack ist sie nun mit Trägertop, Stirnreifen und glitzernden Haar­bürsten ausgerüstet.

Die Psychologin Linda Blair meint, dass sich mit speziellen Produkten für Mädchen zusätzlich Umsatz machen lässt: „Wenn man etwas für einen Jungen und etwas für ein Mädchen kaufen muss, gibt man einfach mehr aus.“ In ihrer Kindheit, sagt Blair, hätten „die Mädchen noch die abgelegten Kleidungsstücke ihrer großen Brüder aufgetragen“.

Trecker und Puppen

Meine Freundin Anne-Marie, die in Cannes lebt, erzählt mir, Mädchen wie ich eines war, würden in Frankreich garçons manqués – verkappte Jungen – genannt. So nennen ihre Nachbarn auch ihre vierjährige Tochter, die genauso gern mit Treckern wie mit Puppen spielt. Anne-Marie stimmt mir zu, dass es heute schwierig sei, noch einen echten Tomboy zu finden. Sie vermutet, das liege daran, dass man „früher möglicherweise nur als Junge Macht ausüben konnte – und die Mädchen spürten das“. „Vielleicht“, spekuliert sie, „haben Frauen heute insgesamt größere Chancen.“

Obwohl mir plausibel erscheint, dass es den „Jungsdrang“ vieler Mädchen stillt, wenn sie in der Schule Fußball spielen dürfen, hatte ich dennoch angenommen, dass es da draußen Hunderte leibhaftiger Tomboys des 21. Jahrhunderts geben müsste.

Als ich dann von einer Mutter hörte, die ihre Tomboy-Tochter zu einer Therapie geschickt hatte, fragte ich mich, ob das, was in den siebziger Jahren noch in Ordnung ging, heute pathologisiert wird. Vielleicht war es aber auch nie wirklich in Ordnung. Liest man Die Fünf Freunde sorgfältig, fällt auf, dass Georges Mutter, Aunt Fanny, offensichtlich eine schwierige Beziehung zu ihrer einzigen Tochter hat. Sie nennt sie ständig seltsames Kind und scheint sie nicht besonders zu mögen. Mir schwante, dass sich viele Mütter vielleicht heimlich für ihre Töchter schämen.

Doch dann lernte ich Merle kennen. Seit Merle zwei Jahre alt war, hatte sie darauf bestanden, wie ihr bester Freund Markus genannt zu werden. Sie wollte einen Kurzhaarschnitt und Jungenkleidung. Und sie ließ jeden wissen, dass sie ein Junge sei. In Merles Zimmer, umgeben von einem Piratenschiff, einer Action-Man-Figur und zwei Barbies („Die gehören meinen Schwestern“, sagt Merle, deren Geschwister Eve, 12, und Rita, 5, anscheinend nichts dagegen haben, Mädchen zu sein), erfahre ich mehr über dieses scheinbar exotische Kind. Sie klettert gern auf Bäume, repariert Fahrräder („Ich krieg platte Reifen hin und kann die Kette wechseln“) und kaut ihre Fingernägel ab – wie sie mir stolz zeigt. Ich atme auf. Irgendwie erscheint es mir für eine Sieben­jährige angemessener, ihre Nägel abzukauen, als sie Pink zu lackieren und nach Lidschatten zu verlangen.

Schwierige Lebensjahre

Merle vertraut mir an, dass sie sich Sorgen darüber mache, beim Krippenspiel ihrer Schule ein Kleid tragen zu müssen. Das hat sie erst einmal in ihrem Leben gemacht, aber auch „nur ganz kurz“. Am liebsten hat Merle Badehosen. Die darf sie im Schwimmunterricht in der Schule tragen. „Am besten sind die weiten Shorts, die sind aber nicht erlaubt.“ Manchmal ziehen Merles Schwestern sie damit auf, dass sie die Badehosen nicht mehr tragen können wird, wenn ihr Brüste wachsen. Wenn der Körper sich zu verändern beginnt, sind das schwierige Lebensjahre für einen Tomboy.

Manche Leute sagen, es sei einfacher, ein Tomboy zu sein, als ein kleiner Junge, der weibliche Züge zur Schau trägt. Meinen eigenen Erfahrungen nach würde ich dem zustimmen, habe aber den Eindruck, dass sich das im Erwachsenenalter umkehrt. Männern, so scheint mir, werden größere Freiräume gestattet, vermeintlich weibliche Seite auszuleben. Modedesigner oder Inneneinrichter stoßen auf mehr gesellschaftliche Akzeptanz als große, maskuline Frauen oder sogar Lesben. Tomboys sind meist süß – aber ein ausgewachsenes „Mannsweib“? Dabei werden bei Weitem nicht alle Tomboys lesbisch, und ohnehin, betont auch die Psychologin Linda Blair, habe es nicht zwangsläufig etwas mit ihrer Sexualität zu tun, wenn Frauen oder Mädchen sich maskulin kleiden. „Es ist absolut im Rahmen des Normalen, wenn kleine Mädchen maskuline Züge an den Tag legen. Es ist sehr wichtig, dass ihnen nicht erzählt wird, dies sei etwas Schlechtes. Bei Primaten beobachtet man ständig ein Spiel mit den Geschlechterrollen – sexueller, aber auch nicht sexueller Natur.“

Während meiner Recherchen schrieb mir eine Mutter, die behauptete, ihre Tochter sei ein echter Tomboy, aber einschränkte: „In gewisser Hinsicht ist meine Tochter auch sehr feminin – ist zum Beispiel ein Baby im Raum, nimmt sie es sofort auf den Arm und streichelt es sanft.“ Der Satz machte mir wieder einmal bewusst, dass einige Wesenszüge und Verhaltensweisen nicht als männlich oder weiblich, sondern menschlich betrachtet werden sollten.

Doch komplizierte Zuschreibungen wie diese sind glücklicherweise noch nicht Teil von Merles Welt. Merle selbst ist ein Wesen, das sich jeden Tag verändert. Sie und Markus, der Junge, nach dem sie genannt werden will, sind immer noch die besten Freunde. Es ist aber noch ein anderer kleiner Junge in ihr Leben getreten. Beim Harry-Potter-Spielen in der Schule spielt er gern die Hermine, was toll ist, weil Merle seine Rolle übernehmen kann. Auch bei anderen Spielen sind seine Vorlieben für sie nützlich: „Er ist immer das Mädchen, wenn wir Der Zauberer von Oz spielen.“

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Stephanie Theobald, The Guardian | The Guardian

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