Eben noch Terrorist

Äthiopien Der Aufstieg von Jawar Mohammed aus dem Oromo-Volk ist die Kehrseite der Politikwende des neuen Regierungschefs Abiy Ahmed
Eben noch Terrorist
Den Oromo-Aktivisten hat der Heimkehrer einen aufblühenden Nationalismus beschert

Foto: Tiksa Negeri/Reuters

Vor zwei Jahren noch brandmarkte ihn der äthiopische Staat als Terrorist. Heute wird Jawar Mohammed bei seiner Rückkehr aus dem US-Exil wie das Mitglied eines Königshauses empfangen. Jeeps mit Sicherheitsagenten patrouillieren vor seinem Hotel in Addis Abeba, Unterstützer aus der Provinz kommen in Scharen, um ihm zu huldigen und Claqueure bei seinen Meetings zu sein. Es zeugt vom atemberaubenden Wandel in Äthiopien, dass der triumphale Empfang einem Mann zuteilwird, den die regierende Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) noch vor einem halben Jahr geächtet hat. In einem Studio in Minneapolis, in dem er das umstrittene Oromia Media Network gründete, hat Jawar Mohammed das vergangene Jahrzehnt damit verbracht, über soziale Medien für eine Wende in seiner Heimat zu agitieren, die er 2003 als Stipendiat verlassen hat und 2008 das letzte Mal sah. Seine Botschaften waren so wirkungsvoll, dass Ende 2016 überall im Land Menschen aus Protest gegen die Regierung auf die Straße gingen und sie zwangen, den Ausnahmezustand zu verhängen. Das Oromia Media Network wurde für terroristisch und Jawar zum Verfassungsfeind erklärt.

Doch dann musste Anfang 2018 Hailemariam Desalegn vom Amt des Premiers zurücktreten und den Weg für einen populären Nachfolger frei machen: Abiy Ahmed, ein junger Reformer aus Oromia, Jawars Heimat, der bevölkerungsreichsten Region Äthiopiens. „Wir haben das Oromia Media Network mit enormer Effektivität genutzt, um Boykotte und Demonstrationen zu koordinieren, sodass der Staat und sein Sicherheitsapparat völlig überwältigt waren“, sagt Jawar. „Sie hatten keine andere Wahl: entweder mit Reformen beginnen oder eine ausgewachsene Revolution riskieren.“

Barfuß durch Ambo

Gleich nach seiner Ankunft in Addis Abeba trat der ehemalige Terrorist (die Anklage wurde inzwischen fallengelassen) in der größten Konzerthalle der Hauptstadt auf, um reißerische und demagogische Töne anzuschlagen. Später reiste er nach Ambo, dem Epizentrum der Protestbewegung des Oromo-Volkes, das für eine stärkere ethnische Präsenz in den föderalen Strukturen kämpft. Zehntausende kamen, um Jawar zu begrüßen – es waren mehr als beim Besuch der Stadt durch den neuen Premier kurz nach der Amtseinführung im April.

Wie es Jawar seinen Sympathisanten – zumeist junge, politisch aktive Oromo-Männer, Qeerroo genannt – versprochen hatte, zog er seine Schuhe aus und ging wie ein Prophet durch die Straßen der Stadt. Dann pflanzte er dort einen Baum, wo Sicherheitskräfte vor 15 Jahren einen jungen Mann getötet hatten, lange bevor der Aufstieg seiner Bewegung Jawar ins nationale Rampenlicht rückte. „Sie haben mich mit dem, was sie taten, so glücklich und stolz gemacht“, sagt er über die Qeerroo von Ambo. „Deshalb habe ich ihnen versprochen: ‚Eines Tages werde ich in eure Stadt kommen und meinen Respekt bezeugen, indem ich barfuß gehe.‘ Dieser Augenblick ist da ...“

Jawar Mohammed

Foto: Martial Trezzini/Keystone/dpa

Kaum jemand bezweifelt Jawars Bedeutung in der politischen Gegenwart Äthiopiens, hat er doch den einst randständigen Oromo-Nationalismus mehrheitsfähig gemacht. Heute besetzen die Oromo – die größte ethnische Gruppe des Landes – höchste Ämter im Staat. Und Jawar kann seinen persönlichen Einfluss auf die neuen Führer des Landes, inklusive des Regierungschefs, auskosten. In einem jüngst veröffentlichten Interview behauptete er – zum Missfallen vieler Äthiopier anderer Ethnien –, das Land habe de facto zwei Regierungen: eine geführt von Abiy, die andere von den Qeerroo. Das beschert Jawar eine gehörige Verantwortung, da er „einer der Qeerroo“ ist und „ein erheblicher Teil des Landes“ auf ihn hört. Der andere Teil stört sich umso mehr an Jawars demagogischem Gebaren. So verweist ein Journalist in Addis Abeba auf Jawars „Trump’schen Sinn für die Wahrheit, wenn unangenehme Fakten auftauchen“. Auch wirft man ihm vor, die Zahl der Demonstranten, die in den letzten Jahren von der Armee getötet wurden, aufzublasen und seinen Anhängern (1,4 Millionen auf Facebook) in infamer Weise zu erzählen, aus Armeehubschraubern sei während der Massenpanik, zu der es im Oktober 2016 bei einem Kulturfestival der Oromo gekommen war, mit scharfer Munition auf Zivilisten geschossen worden. Unabhängige Journalisten, die vor Ort waren, widersprachen – dies sei nicht der Fall gewesen. Prompt wurden sie von Jawar als „Agenten der Regierung“ geschmäht.

Derzeit wird ihm vorgeworfen, ethnischen und religiösen Hass zu schüren, wenn er beispielsweise in einem aktuellen Video raunt: „Mein Dorf besteht zu 99 Prozent aus Muslimen. Wenn jemand gegen uns das Wort erhebt, schneiden wir ihm mit einer Machete die Kehle durch.“ Jawar behauptet, der Clip sei manipuliert. So etwas würde er nie sagen, da sein Vater Muslim und seine Mutter Christin sei.

Wenn sich Jawar moderat und konziliant gibt, spricht er über Pläne, Büros des Oromia Media Network in ganz Äthiopien einzurichten, aber selbst nicht in offizielle Politik einzusteigen, sondern lieber Aktivist zu bleiben. „Ich möchte beim Übergang zur Demokratie helfen und meinen Einfluss auf die Bevölkerung nutzen, damit die sich beruhigt und beherrscht. Ich will für Frieden sorgen, während die Regierung über Modalitäten der Transformation entscheidet“, so Jawar. Letzteres ist deshalb von Bedeutung, weil besonders die Lage in Jawars Heimatregion eskaliert. In der Stadt Shashamene erhängte eine Gruppe seiner Anhänger öffentlich einen Mann, der verdächtigt wurde, ein Bombenleger zu sein. Zwei Menschen kamen bei dem auf die Lynchjustiz folgenden Blutbad ums Leben.

Jawar bleibt optimistisch und glaubt an eine Zukunft seines Landes, frei von gewalttätigen Manifestationen ethnischer Identität. „Ich bin überzeugt, wenn wir den äthiopischen Staat demokratisieren, alle Ethnien daran beteiligen, Macht und Wohlstand gerecht verteilen, dann bringt die nächste Generation der stolzen Oromo ebenso stolze Äthiopier hervor.“

Tom Gardner ist Guardian-Korrespondent

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 02.09.2018
Geschrieben von

Tom Gardner | The Guardian

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