Ein Aufstand wird aufgerollt

Bahrain Saudi-Arabien interveniert in Bahrain unter dem Vorwand, religiöses Sektierertum der Schiiten und iranische Einflüsse zu bekämpfen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer

Ein Mann in Jeans und Pullover steht auf der Straße und hebt heldenhaft die Arme, während auf ihn geschossen wird. Sekunden später sackt er zusammen, wird blutend in ein Auto geladen und ins Hospital gebracht. Es handelt sich um eine minutenlange Aufnahme aus den Straßen von Bahrain, wie man sie von den arabischen Aufständen der vergangenen Monate schon kennt. Aber kennen wir sie wirklich? Sind wir uns bewusst, auf wie viele verschiedene Arten sich außergewöhnlicher Mut ikonografisch deuten lässt? Das kann von Internetpublikum zu Internetpublikum verschieden sein. Westler sehen einen politischen Aktivisten, sunnitische Muslime einen schiitischen Unruhestifter, Schiiten einen Märtyrer. Im schiitischen Islam gibt es kein stärker mobilisierendes Symbol als das des Märtyrers. Seit beinahe anderthalbtausend Jahren verehren die Schiiten Ali, den ermordeten Schwiegersohn des Propheten, und dessen in der Schlacht bei Kerbela gefallenen Enkel Hussein. Verrat ist seitdem zu einem leidenschaftlich besetzten, identitätsstiftenden Narrativ geworden.

Westliche Beobachter erfüllte zunächst die Hoffnung, dass die arabischen Demonstranten so eindeutig nicht- oder überkonfessionell daherkamen. In Ägypten gingen Muslime und Christen gemeinsam auf die Straße, in Bahrain beharrten Schiiten und Sunniten darauf, zunächst einmal Bahrainis zu sein, die nach Reformen verlangen. Mit der Zeit jedoch gerieten nationale Identitäten in den Hintergrund, während Religiöses wieder stärker zum Tragen kam. Ein Gespenst sitzt allen im Nacken: Feierten die Iraker nach dem Sturz Saddams noch gemeinsam „als Iraker und Muslime“, brach bald darauf der tödlichste konfessionell motivierte Konflikt aus, den die Region je erdulden musste.

Schlimmer als Ungläubige

Die Frage, warum friedlicher Nationalismus einem religiösen Sektierertum oft so wenig entgegenzusetzen hat, stellt sich derzeit besonders in Bahrain. Dort treibt es die ursprünglich vom ganzen Volk getragene Reformbewegung zusehends in konfessionelle Bahnen – mit Folgen für die gesamte Region. Als kleine Insel liegt Bahrain im Zentrum der westlichen Öl-Abhängigkeit sowie der amerikanischen Militärmacht im Nahen Osten und genau auf der Bruchlinie zwischen sunnitischem und schiitischem Islam. Diese Kluft hat der Westen allzu oft nicht verstanden und schon gar nicht begriffen, wie sie instrumentalisiert werden kann. Und das, obwohl der besetzte Irak dies überdeutlich vor Augen geführt hat.

Bahrainis sind mehrheitlich Schiiten, die seit Langem von einer sunnitischen Monarchie diskriminiert werden. Nur wenige von ihnen dienen in Armee und Polizei. Schiiten sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot betroffen. Kindern wird in der Schule erzählt, Schiiten seien Abtrünnige. Für manchen wahhabitischen Kleriker sind sie schlimmer als Ungläubige. Seit Jahren gibt es deshalb sporadisch wiederkehrende Proteste. Wenn sie – wie zuletzt geschehen – gewaltsam niedergehalten werden, radikalisiert das die Schiiten, die nicht mehr allein reformerischen Wandel, sondern einen Wechsel des Regimes fordern. Gewiss eine brisante Situation – doch erst die Militärintervention des Golf-Kooperationsrates unter Führung Saudi-Arabiens hat sie explosiv werden lassen.

Riad benutzt die Gefahr einer konfessionellen Konfrontation als Vorwand und ­reklamiert Handlungsbedarf, um das zu verhindern, was die Saudis in Wahrheit mit ihrem Eingreifen provozieren – die sektier­e­rische Aufwallung. Sie schüren Angst, um Protest zu ersticken. Parallel dazu versucht die Regierung in Manama, die Menschen mit subventionierten Lebensmitteln und höheren Löhnen zu ködern. Zugleich wird der Slogan kolportiert, mit einer Demokratie riskiere man „60 Jahre Blutvergießen“. Es ist zwar ein von Diktaturen häufig gebrauchter Trick, Furcht der Bevölkerung in der Hoffnung zu schüren, Kräfte der Veränderungen eindämmen zu können, doch für eine Region, die gerade erst brutale sektiererische Gewalt erfahren hat, klingen die Warnungen vor religiösem Zwist nach mehr als den üblichen Drohungen. Schließlich passt den Saudis das Beschwören der sektiererischen Gefahr auch außenpolitisch hervorragend ins Konzept. Um die Amerikaner bei der Stange zu halten, schwadronieren sie in dürftig verschleierten Anspielungen von einer Fühlungnahme der bahrainischen Opposition mit dem Iran.

Gewaltige Kopfschmerzen

Religiöse Identitäten verliefen in der arabischen Welt schon immer quer zu willkürlich von Kolonialmächten gezogenen territorialen Grenzen. Toby Mathiesen von der Londoner School of Oriental and African Studies nennt die Golfregion einen „transnationalen Raum“. Durch das Internet wird dieser Eindruck noch verstärkt – wie die Kommunikation im Netz dabei half, den Ausbruch eines arabischen Frühlings zu verkünden, kann sie religiöse Identifikationen verstärken. Seit Tagen demonstrieren Schiiten im Irak, Libanon, Iran sowie im saudischen Qatif gegen den Einmarsch fremder Truppen in Bahrain. In jener Provinz lebt nicht nur das Gros der Schiiten Saudi-Arabiens, hier konzentrieren sich auch dessen Ölvorräte. Für die USA baut sich all dies zum gewaltigen Kopfschmerz auf. Selbst der Fall Libyen erscheint da lösbarer. Mit der Invasion im Irak 2003 sorgte man unfreiwillig dafür, dem schiitischen Iran eine neue Einflusssphäre zu verschaffen. Erstmals seit Jahrhunderten haben die Schiiten wieder an Macht hinzugewonnen, sodass schon viel vom schiitischen Revival die Rede war.

Führt das zu noch mehr Instabilität, drohen höhere Ölpreise und eine weltweite Rezession. Repression kann dabei nur vorübergehend eine Antwort sein, konterkariert sie doch das amerikanische Narrativ von Menschenrechten und Demokratie. Die USA finden sich auf der falschen Seite und als Verbündete von Autokraten wieder, die nicht mehr viel für westliche Interessen tun können, während zugleich ihre Brutalität den Glauben des Westens an sein moralisches Übergewicht in der Luft zerreißt.

Madeleine Bunting ist außenpolitische Redakteurin des GuardianÜbersetzung: Holger Hutt

Übersetzung: Holger Hutt

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15:00 27.03.2011
Geschrieben von

Madeleine Bunting | The Guardian

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