Ein besonders überfüllter Zoo

Guantánamo Was vor zehn Jahren mit Camp X-Ray als Improvisation begann, werden die Vereinigten Staaten jetzt nicht mehr los – allen Beteuerungen von Präsident Obama zum Trotz

Vor zehn Jahren erhielt ich einen Anruf aus dem Pentagon. Man fragte mich, ob ich nach Kuba wolle. Ich solle Reisetasche und Fernglas mitnehmen und mich an einem bestimmten, in Puerto Rico gelegenen Militärstützpunkt einfinden, um von dort auf das von den USA gepachtete Territorium geflogen zu werden. Das Internierungslager in der Guantánamo-Bucht war seinerzeit schon seit zwei Wochen in Betrieb. Donald Rumsfeld hatte gerade beschlossen, dass es an der Zeit sei, es dem Rest der Welt zu zeigen. Da Großbritannien engster Alliierter der Amerikaner in Afghanistan war, kamen britische Journalisten als erste an die Reihe, als es um eine solche Tour ging. Also fand ich mich nach einem Pan Am-Charterflug in die Bucht von Guantánamo wieder.

Am nächsten Tag wurde uns klar, wofür wir die Ferngläser mitbringen sollten. Man brachte uns mit dem Boot an der Windseite der Bucht auf einen kleinen Felsvorsprung, von dem aus man Camp X-Ray – die erste Version des Guantánamo-Gefängnisses – überblicken konnte. Wir durften nicht weiter als bis zu einer Beobachtungslinie auf der Spitze des kleinen Hügels, knapp 100 Meter vom äußerten Stacheldrahtzaun entfernt. Man hatte uns hierher gebracht, um zu demonstrieren, dass Guantánamo wirklich nicht der „schlechteste Ort für die Schlechtesten der Schlechten“ war, wie Rumsfeld es ausgedrückt hatte. Aber wie so oft im Kampf um die Deutungshoheit im „Krieg gegen den Terror“ ging der Plan nach hinten los. Die Aussicht wirkte wie eine Szene aus dem Film Die Brücke über den Quai. Ich schreib damals: „Aus knapp 100 Meter Entfernung – so nahe, wie Zivilisten dem Lager kommen dürfen – wirkt Camp X-Ray wie ein ganz besonders überfüllter Zoo, in dem die zweieinhalb Meter großen Käfige in dichten Blocks angeordnet sind. Von den Insassen ist fast nichts zu sehen, nur hin und wieder dringt etwas Orange durch das Gitter ..."

Mit bloßen Händen

Mithilfe der Ferngläser konnte man einige der Gefangenen erkennen, die bewegungslos in einer Ecke ihres Geheges zusammengesackt waren. Das einzig erkennbare Lebenszeichen ließ sich auf der Westseite des Zellenblocks erkennen. Dort versuchten die Gefangenen, ihre Bettdecken an den Gitterwänden ihrer Käfige anzubringen, um die Einstrahlung der Nachmittagssonne ein wenig abzuschwächen. Sie diskutierten mit den Wärtern, die sie ständig im Blick hielten, wie sie ihre selbstgebastelten Sonnenschirme aufhängen könnten.

In sechs aus Sperrholz gefertigten Wachtürmen, die um den aus zwei Stacheldrahtzäunen bestehenden äußeren Ring aufgestellt waren, trainierten Scharfschützen, als könnten die Gefangenen jeden Augenblick mit bloßen Händen durch den Zaun brechen und eine Meuterei anzetteln.“ Elspeth Van Veeren von der SussexUniversität – sie schreibt an einem Buch über das Lager – meint, das Pentagon habe die Veröffentlichung dieser Fotografien letztlich bereut: „Der orange gekleidete, mit einer Kapuze versehene Guantánamo-Insasse ist zu einem weltweit bekannten Symbol für Missbrauch und Folter geworden.“

Die Obama-Regierung musste feststellen, dass die frühe Guantánamo-Rhetorik auch ihr anhängt. Es wurde kein Unterschied gemacht zwischen al-Qaida und den Taliban. Die US-Öffentlichkeit war nicht darauf vorbereitet, Leute – die ihnen als „die Schlimmsten der Schlimmen“ verkauft wurden – in Strafanstalten im eigenen Land verlegt zu sehen.
Der Kongress ging sogar noch einen Schritt weiter und blockierte die Verlegung von Insassen in Gefängnisse anderer Staaten (Es war Bushs und vor allem Obamas Plan, das Lager schließlich abzuwickeln). Der jüngst zu Weihnachten verabschiedete National Defence Authorisation Act (NDAA) verlängerte dieses Verbot um ein weiteres Jahr und schreibt die unbefristete Inhaftierung von Terrorverdächtigen fest, ohne dass diesen der Prozess gemacht würde – das genaue Gegenteil dessen, was Obama eigentlich erreichen wollte.
Das NDAA bindet Obama auch die Hände, wenn es darum geht, die Taliban in Friedensgespräche zu integrieren. Die Aufständischen haben sich bereit erklärt, in Katar zu Verhandlungszwecken ein Büro zu eröffnen, werden aber wohl kaum zum nächsten Schritt bereit sein und in Gespräche eintreten, wenn nicht wenigstens eine Handvoll von Gefangenen verlegt wird.

Geringe Chancen

Es gibt hierfür nur einen Ausweg. Verteidigungsminister Panetta könnte nach dem NDAA eine Garantie ausstellen, dass keiner der überstellten Häftlinge wieder zu terroristischen Mitteln greifen wird. Katar könnte sie beaufsichtigen, während parallel verhandelt wird, bis so etwas wie ein allgemeiner Waffenstillstand erreicht wird. Es würde sich um einen mit hohem Risiko behafteten ersten Schritt handeln. Denn die Chancen sind eher gering, dass am Ende ein umfassendes Abkommen steht. Aber die Möglichkeit hat sich nun einmal durch die Einrichtung der Taliban-Mission in Katar ergeben, und Obama kann es sich nicht wirklich leisten, noch ein weiteres Jahr voller Kämpfe abzuwarten, wenn er sein Land vom Krieg in Afghanistan befreien will.

Übersetzung: Holger Hutt

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15:27 12.01.2012
Geschrieben von

Julian Borger | The Guardian

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