Ein Bild des Scheiterns

Afghanistan Wikileaks veröffentlicht das bisher größte Geheimdossier zu Afghanistan. Sie belegen: Die Lage ist wesentlich schlechter, als von der Politik bisher dargestellt

Es ist eine der größten Enthüllungsaktionen in der Geschichte des US-Militärs: Über 90.000 Protokolle von Vorfällen in Afghanistan und Geheimdienstberichte sind an die Whistleblower-Webseite Wikileaks gelangt. Die Dateien, die dem Guardian, der New York Times und dem Spiegel zur Verfügung gestellt wurden, geben einen detaillierten Einblick in die Kämpfe der vergangenen sechs Jahre, die bislang über 1.000 US-Soldaten, mehr als 320 Briten und 43 Deutsche das Leben kosteten. Die Berichte zeichnen ein vernichtendes Bild des scheiternden Einsatzes in Afghanistan. Sie legen offen, dass die Koalitionsstreitkräfte hunderte von Zivilisten bei Zwischenfällen getötet haben, die in keinem offiziellen Bericht erwähnt wurden, dass Anschläge der Taliban rapide zugenommen haben und die Befehlshaber der Nato zunehmend Angst davor haben, dass Pakistan und Iran den Aufstand schüren.

Die Veröffentlichung kommt zu einem Zeitpunkt, da Barack Obamas Surge (Truppenaufstockungs)-Strategie zu scheitern droht und die Koalitionsstreitkräfte nach zwei US-Marines fahnden, die am Freitag im Süden von Kabul von Taliban entführt wurden.

Die Kriegsprotokolle erläutern ausführlich, dass:

– eine geheime „schwarze“ Spezialeinheit Taliban-Führer „tot oder lebendig“ ohne Gerichtsverfahren zur Strecke bringt.
– die USA Beweise vertuscht haben, dass die Taliban in den Besitz tödlicher Boden-Luft-Raketen gelangt sind.
– die Koalition zunehmend Reaper-Drohnen einsetzt, um Taliban von einem Stützpunkt in Nevada aus per Fernsteuerung zu jagen und zu töten.
– die Taliban durch eine massive Ausweitung der Bombenanschläge am Straßenrand für immer mehr Blutbäder sorgen, durch die bislang über 2.000 Zivilisten umgekommen sind.

Das Weiße Haus gab eine Erklärung ab, in der es heißt, das chaotische Bild, das durch die Protokolle entstehe, sei das Resultat der mangelhaften Ausstattung der Truppen unter Obamas Vorgänger. Im Wortlaut heißt es in der Erklärung: „Es muss festgehalten werden, dass die Zeitspanne, die in diesen Dokumenten berücksichtigt wird, sich von Januar 2004 bis Dezember 2009 erstreckt.“

Das Weiße Haus kritisierte darüberhinaus die Veröffentlichung der Akten durch Wikileaks: „Wir verurteilen aufs schärfste die Bekanntgabe geheimer Informationen durch Individuen und Organisationen, die das Leben der US-Soldaten und ihrer Partner sowie die nationale Sicherheit gefährden. Wikileaks hat keinen Versuch unternommen, die US-Regierung bezüglich dieser Dokumente zu kontaktieren, die womöglich Informationen enthalten, die das Leben von Amerikanern, unserer Partner und Teilen der Bevölkerung vor Ort, die mit uns kooperieren, gefährden.“

Die Protokolle erläutern detailliert, welchen Preis die Koalitionsstreitkräfte den Zivilisten auferlegen: Solche Zwischenfälle werden im Militärjargon als „blau oder weiß“ bezeichnet. Die Protokolle enthüllen 144 solcher Vorfälle.

Einige dieser Todesfälle sind auf die umstrittenen Luftangriffe zurückzuführen, gegen die die afghanische Regierung bereits protestierte. Eine große Zahl bislang unbekannter Vorfälle scheint jedoch das Resultat von Schüssen auf unbewaffnete Motorradfahrer zu sein, die Soldaten aus Angst vor Selbstmordattentätern abfeuerten.

Mindestens 195 Zivilisten sollen getötet worden sein, 174 verletzt, doch diese Zahl ist vermutlich zu gering, da viele umstrittene Vorfälle in den täglichen Kurzprotokollen der Truppen ausgelassen werden, die von den Analysten des militärischen Geheimdienstes, teilweise unstet, auf ihre Richtigkeit geprüft werden.

Zu den tödlichen Irrtümern auf Kosten der Zivilbevölkerung, wie sie in diesen Protokollen aufgezeichnet sind, zählt unter anderem jener Tag im Jahr 2008, an dem französische Truppen einen Bus mit Kindern unter Beschuss nahmen und acht von ihnen verletzten. Bei einem ähnlichen Vorfall wurden unter dem Beschuss von US-Truppen 15 Passagiere getötet oder schwer verletzt. 2007 griffen polnische Truppen ein Dorf mit Granaten an und töteten, offensichtlich im Rahmen eines Vergeltungsschlags, eine Hochzeitsgesellschaft, darunter auch eine Schwangere.

Auch fragwürdige Erschießungen von Zivilisten durch britische Truppen tauchen in dem Bericht auf. Im Oktober und November 2007 fällt eine ungewöhnliche Häufung von vier britischen Feuergefechten in Kabul innerhalb von weniger als einem Monat auf, die in dem Tod des Sohns eines afghanischen Generals kulminierten. Über eines der Feuergefechte schrieben die Amerikaner: „Untersuchung wird von den Briten kontrolliert. Wir sind nicht in der Lage, die ganze Geschichte zu bekommen.“

Zwei ähnliche Feuergefechte, an denen jeweils Kommandotruppen der Royal Marines beteiligt waren, ereignete sich innerhalb von sechs Monaten Ende 2008 in der Provinz Helmand, wie aus Protokolleinträgen hervorgeht. Auf Anfrage des Guardian erklärte das britische Verteidigungsministerium zu diesen Vorwürfen: „Wir waren nicht dazu in der Lage, diese Vorwürfe in der Kürze der Zeit zu bestätigen, und es wäre unangemessen über einzelne Fälle ohne eine weitere Verifizierung der mutmaßlichen Handlungen weiter zu spekulieren.“

Rachel Reid, die für die Organisation Human Rights Watch Fälle, in denen es zu zivilen Opfern kommt, untersucht, erklärte: „Diese Akten bringen Licht in die Vertuschung ziviler Opfer, wie sie die Streitkräfte der USA und der NATO zunehmend praktizieren. Trotz einer ganzen Reihe von strategischen Anordnungen, die transparente Untersuchungen vorschreiben, wenn Zivilisten getötet werden, gab es Vorfälle, die ich in den vergangenen Monaten untersuchte, wo dies bis heute nicht geschieht. Rechenschaftspflicht bedeutet nicht, dass man etwas zugibt, wenn man erwischt wird. Sie sollte ein fester Bestandteil der Handlungen der USA und der NATO in Afghanistan sein, wenn Zivilisten getötet oder verletzt werden.“ Die Berichte, von denen der Guardian viele Online in voller Länge veröffentlicht, zeigen ein ungeschminktes Bild der Realität des modernen Krieges.

Das Material ist größtenteils nicht mehr militärisch vertraulich, auch wenn es seinerseits als „geheim“ eingestuft wurde. Ein kleiner Teil wurde von uns nicht veröffentlicht, da er Informanten vor Ort gefährden oder echte Militärgeheimnisse preisgeben könnte. Julian Assange, der Kopf der Organisation, war nicht bereit über die Umstände zu sprechen, unter denen Wikileaks an das Material gelangt ist. Wikileaks erklärte, man werde schädliches Material editieren, bevor der Großteil der Unterlagen auf seinen „unzensierbaren“ Servern veröfffentlicht werde.

Assange erteilte dem Guardian auf dessen Anfrage die Erlaubnis, die Protokolle zu untersuchen. Weder floss Geld, noch war Wikileaks in irgendeiner Weise an der Erstellung der Guardian-Artikel beteiligt.


Übersetzung: Christine Käppeler

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14:35 26.07.2010
Geschrieben von

Nick Davies und David Leigh | The Guardian

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