Ein Freund, ein guter Freund

USA-Lateinamerika Spätestens beim Amerika-Gipfel im April sollte Barack Obama ein Zeichen setzen, dass er mit der traditionellen Haltung seines Landes gegenüber Lateinamerika brechen will

Vor ein paar Wochen machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Mannes, der gerade die Grundausbildung bei den US-Marines absolviert hatte und fragte ihn, wo er eingesetzt werde. Seine Antwort verblüffte mich: „Unser Kommandeur sagt uns, wir werden zunächst nach Afghanistan geschickt und dann wahrscheinlich nach Mexiko.“

Wunder Punkt Mexiko

Wenn es schon soweit ist, dass Offiziere der US-Armee ihren Soldaten erzählen, sie sollten sich auf einen Einsatz in Mexiko vorbereiten, deutet das daraufhin, dass Präsident Obama gedenkt, Lateinamerika nicht so zu ignorieren, wie sein Vorgänger das tat. Offenbar wird mit einer Staatskrise in Mexiko gerechnet, deren Folgen dazu führen könnten, dass einige Amerikaner eine Intervention fordern. Zudem hat der Drogenkrieg in Mexiko im Vorjahr über 5.000 Menschenleben gekostet und greift inzwischen auf Arizona und andere Gebiete im Südwesten der USA über. Das Oberkommando der US-Streitkräfte warnte vor kurzem in einem Bericht, Mexiko könne „für die innere Sicherheit der USA ein Problem mit gewaltigen Ausmaßen“ werden. Der Report schloss damit, Pakistan und Mexiko seien weltweit diejenigen Länder, in denen ein „schneller und unvermittelter Zusammenbruch“ am wahrscheinlichsten sei.

Während in der Ära Bush die Aufmerksamkeit anderen Weltregionen galt, kamen in Südamerika in mehreren Ländern linke Führer an die Macht. Dabei bedeutet links zunächst einmal nicht viel mehr, als dass den USA das Recht abgesprochen wird, über die Zukunft Venezuelas, Boliviens oder auch Ecuadors zu entscheiden. Die Präsidenten Chávez und Morales haben die US-Botschafter des Landes verwiesen. Ecuador schließt den US-Militärstützpunkt auf seinem Territorium, den größten in ganz Südamerika.

Zugleich wird in Mittelamerika die Lage immer instabiler. Teile Guatemalas werden von Drogenkartellen beherrscht. Die Regierungen von Honduras und El Salvador sehen sich gewaltigen Herausforderungen durch Terrorbanden gegenüber, die ihre Wurzeln in Kalifornien haben. Dann wäre da auch noch Kuba, mit dem die USA seit einem halben Jahrhundert ein in seiner Feindseligkeit einzigartiges Verhältnis pflegen. Geschicktes Handeln in Washington könnte die Karibikinsel nicht nur zu einem wertvollen Partner der USA machen, sondern auch eine friedliche Demokratisierung einleiten.

Präsident Obamas Debüt auf der lateinamerikanischen Bühne findet im April bei einem Treffen der Americas in Trinidad und Tobago statt, an dem voraussichtlich alle führenden Politiker des amerikanischen Kontinents teilnehmen. Kaum vorstellbar, dass Obama dort neue Initiativen vorstellt, bestimmt aber wird er seine Zuhörer an bereits getroffene Entscheidungen wie die Schließung des Gefangenencamps in Guantánamo Bay erinnern und von Schritten reden, die er irgendwann zu unternehmen gedenkt wie die Aufhebung der Reisebeschränkungen für aus Kuba stammende US-Bürger.

Allein ein veränderter Ton könnte die auf dem Gipfel versammelten Staatschefs wie Millionen Menschen beeindrucken. Es würde schon genügen, wenn Barack Obama nur indirekt durchblicken ließe: Er lehnt die traditionelle Haltung der USA gegenüber Lateinamerika ab, die blutige Interventionen mit imperialistischen Proklamationen wie dem Platt Amendment legitimierte (sie räumte den USA „das Recht“ ein, „für die Bewahrung der kubanischen Unabhängigkeit zu intervenieren“) oder sich auf den Roosevelt Corollary berief, der Washington berechtigte, in jedes lateinamerikanische Land einzumarschieren, sollte sich dieses eines „chronischen Fehlverhaltens“ schuldig gemacht haben.

Lula als inoffizieller Tutor

Das Problem der USA in Lateinamerika bestand schon immer darin, dass sie den Staatsoberhäuptern der südlichen Hemisphäre nicht ernsthaft zuhörten. Selbstverständlich sollte sich Obama allen gegenüber offen zeigen, die mit ihm ins Gespräch kommen wollen, aber er kann nun einmal nicht mit allen enge Beziehungen eingehen. Stattdessen sollte er sich für einen Präsidenten entscheiden, dem er vertraut und quasi als inoffiziellen Tutor bei allen den Subkontinent betreffenden Belange zu Rate ziehen.

Wer könnte dies sein? Es wäre naheliegend, sich für Brasiliens Lula da Silva zu entscheiden, der in seinem Wesen europäischen Führern wohl am nächsten kommt. Brasilien ist einer der bedeutendsten aufstrebenden Mächte und ist von daher mit seinen eigenen strategischen Interessen vielleicht nicht Obamas beste Wahl. Chiles Michelle Bachelet oder Costa Ricas Oscar Arias wären in dieser Hinsicht schon besser geeignet. Bei beiden handelt es sich um erfahrene Politiker mit großer moralischer Autorität. Sie werden überall ob ihres eigenständigen Denkens geschätzt und respektiert, glauben aber gleichzeitig, dass die USA mit einer veränderten Haltung gegenüber den Nachbarländern eine äußerst konstruktive Rolle in der Region spielen könnten.

In Washington fühlt sich derzeit niemand für Lateinamerika zuständig. Im Außenministerium wurde der für die Region verantwortliche Beamte noch nicht ernannt und wahrscheinlich wird dies bis April auch nicht geschehen. Bis dahin bleibt Unterstaatssekretär Thomas Shannon kommissarisch im Amt. Das Vakuum gibt Anlass zur Sorge. Findet Obama jedoch den richtigen Mann, besteht die Möglichkeit, dass den USA ein Neuanfang in der Region gelingen könnte, der nicht nur eine drohende Krise abwendet, sondern Washington darüber hinaus in der ganzen Region zum willkommenen Partner macht.

Übersetzung: Holger Hutt

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07:00 07.03.2009
Geschrieben von

Stephen Kinzer, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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