Ein goldener Nick Cave

Sammelleidenschaft In wirtschaftlich unsicheren Zeiten gibt es eine verlässliche Wertanlage: Rock-Poster. Der Markt boomt. Für manche Plakate zahlen Sammler 10.000 Euro oder mehr

"Wenn man sich eine Uhr für 10.000 Euro kauft, ist die im Moment, in dem man den Laden verlassen hat, schon oft nur noch 6.000 wert", sagt Jeff Gold. "Ein Rock-Poster für 10.000 Euro hingegen bleibe ein 10.000-Euro-Poster. Und wenn man guten Geschmack besitzt und eine gute Wahl getroffen hat, wird sein Wert sogar noch steigen." Der Kalifornier Gold war früher mal Musik-Manager und betreibt heute die Memorabilia-Internetseite recordmecca.com, die eine der führenden Seiten auf dem boomenden Markt für Rockkonzert-Poster ist.

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie diesen wenden sich immer mehr Menschen auf der Suche nach alternativen Investitionsmöglichkeiten Rock-Memorabilia zu – vor allem seltenen Postern. Es verschlägt einem die Sprache, was für ein Stück bedrucktes Papier manchmal gezahlt wird: Am meisten Geld lässt sich mit alten Plakaten machen, solchen, die Jeff Gold als "Schnappschüsse einer Ära" bezeichnet. Am begehrtesten waren lange Elvis-Poster, besonders aus dem Jahr 1956. Die gingen für bis zu 34.000 Euro weg. 2004 dann kam bei einer Auktion das Plakat eines Konzertes, das die Beatles 1965 im New Yorker Shea Stadium gespielt haben, für knapp 80.000 Euro unter den Hammer. Ein Jahr später verkaufte sich eines von einem ihrer Konzerte dort für fast 152.000 Euro.

Inzwischen erzielen aber auch zeitgenössische Poster abenteuerliche Summen. Ein im Citizen Kane-Stil gehaltenes Poster der White Stripes, dass der Chicagoer Künstler Rob Jones, der fast das gesamte Artwork der Band verantwortlich ist, für eines ihrer Konzerte im Jahr 2003 entwarf, war am Konzertabend für 17 Euro zu haben – fünf Jahre später wurde es für 1.800 versteigert. Es gehörte zu einer Reihe, von denen jedes "in begrenzter Auflage von 333 Exemplaren pro Konzert" hergestellt wurde und aus der es keine weiteren geben wird, erklärt Jody Goodall, der im britischen Manchester die Galerie Richard Goodall leitet. Dort wurde kürzlich ein Plakat für einen Nick Cave-Gig in Manchesters Bridgewater Hall für 574 Euro und damit das Zehnfache des Originalpreises verkauft. "Es wurde von dem Portländer Künstler Emek handgezeichnet. Er brauchte drei Monate um es fertigzustellen", so Goodall. "Jedes Detail darauf nimmt Bezug auf einen Nick-Cave-Song. Es gehört zu einer auf dreihundert Exemplare limitierten Serie, von der nur eine Handvoll im Umlauf sind."

Das Internet als Motor

Das Geschäft mit der Plakatkunst ist zwar nicht neu, doch das Internet hat den Trend rasant verstärkt. "Man kann in wenigen Minuten Dinge finden, die man sonst nur einmal im Leben gesehen hätte", sagt Gold.

Für Sammler ergibt sich der Wert eines Konzertposters daraus, von welcher Band es ist, wo das Konzert stattgefunden hat, sowie aus seinem Zustand und seiner Seltenheit. Die Grateful-Dead-Poster des Sixties-Künstlers Rick Griffin erzielen enorme Summen, vorausgesetzt sie stammen aus der ersten Druckauflage. Um solch seltene Stücke zu erkennen, kann es zum Beispiel notwendig sein, die genauen Farbschattierungen zu untersuchen oder die Dicke des Papiers mit Hilfe eines Mikrometers zu messen. "Der Unterschied kann tausende Dollar ausmachen."

Die Plakatkunst erlebte in den 1980ern einen Niedergang, gegen Ende des Jahrzehnts gab es dann aber wieder so etwas wie ein Wiedererwachen, als der Texaner Künstler Frank Kozik begann, Poster für Underground-Bands wie die Backyard Babies oder die frühen Nirvana zu machen. Diese Poster wurden, kaum dass sie aufgehängt waren, von den Wänden gerissen. Die Werke einiger amerikanische Künstler – Emek, Rob Jones oder der Chicagoer Jay Ryan etwa – sind bei Sammlern ebenso begehrt wie die Bands, für die sie gearbeitet haben.

Bären beim Teekränzchen

Auch viele aktuelle Designs sind unbestreitbar schön. Gina Kelly, die Poster für Stornoway und Bonnie 'Prince' Billy entworfen hat, erzählt, sie konzentriere sich auf "Qualitäten wie Unschuld, Freude und Psychodelie um ein Bild zu machen, von dem ich glaube, dass es das Publikum der Band anspricht." Zu Jody Goodalls Favoriten zählt ein King-of-Convenience-Poster von Jay King, auf dem Bären zu sehen sind, die in den Zweigen eines Baumes ein Teekränzchen abhalten. "Es hat gar nichts mit der Band zu tun, sondern ist einfach ein exzentrisches Bild." Für 230 Euro kann man es bei ihm erwerben.

Letztlich ist ein Poster natürlich nur so viel wert, wie irgendjemand dafür zu zahlen bereit ist. Eine sichere Geldanlage wäre wohl am ehesten ein Poster von Nirvana, meint Gold. Die wären für die Generation der Neunziger, das, was für frühere Jimi Hendrix gewesen sei. Goodall glaubt, in dreißig oder vierzig Jahren wären Poster aus der Punk-Ära oder vom legendären Club Hacienda-Club in Manchester am gefragtesten – allerdings nicht jedes davon. „Wir sagen den Leuten immer, wenn sie ein Poster kaufen wollen, sollen sie sich für eins entscheiden, dass sie gerne mögen.“ So sei man auch glücklich damit, wenn es nicht an Wert gewinne.

Übersetzung: Zilla Hofman

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17:29 25.05.2011
Geschrieben von

Dave Simpson | The Guardian

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The Guardian

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